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„Soll," wiederholte Keslholz. »Was redet man nicht alles zusammen! Uebrigens, Herr Friedel: hat der Auto- Mobilunfall vorhin ernsthaftere Folgen gehabt?"
„Nein."
Er stand auf. Ein unbehagliches .Gefühl ergriff ihn. Er hörte wieder das Flüstern Mauds: „Wir müssen uns Wiedersehen. . .
Er verneigte sich leicht vor Dora.
„Liebes Fräulein Tora — nulle fois merci für Speis' und Trank... Feßler, wieweit ist das Plakat für den Excelsior?"
„Wird morgen fertig. Eine Flasche mit dem Etikett der Marke, von der der Pfropfen springt, und aus der alle flüchtigen Geister des Champagners jauchzend in die Lüfte steigen. Auch ein paar Entwürfe für die ersten Juseraten- bilider Hegen schon vor. Darunter ein Bild, das auf den Aufstieg der Abeelenschen Luftdrvschke Bezug nimmt. Aber ich kann es erst weiter ausführen, wenn ich die Oertlichkeit des Aufstiegs kenne: das Aerodrom von Utteuhooven. Ob Ihr Herzog uns nicht eins Photographie verschaffen kann?"
>,Fragen Sie ihn. Heute und morgen ist er bestimmt noch in Wiesbaden. Nötigenfalls reisen Sie selbst nach Uttenhooven. Das Beste wäre schon, Sie wohnten dem Aufstieg bei und brächten mit dem Reklamebild zugleich eine Illustration des Vorgangs. Und dann noch eins, Feßler —' etwas sehr Wichtiges: Sie müssen uns schleunigst eine Zeichnung für die Hülse zu unserm Taufsekt fertigen —"
„Bene,“ sagte Feßler und zog sein Notizbuch hervor. xMas soll das für ein Ding sein?"
„Ich denke mir eine silberne Flaschenhülle — durchbrochen .— Filigranarabesken, so etwas — mit der Aufschrift „Excesior". Natürlich darf die Hülfe die Flasche nur zur Hälfte umschließen oder muß wenigstens den Hals freilassen, der gekappt wird. —-
„Bin mir schon klar," erwiderte Feßler und machte sich ein paar kürze Notizen. „Und dazu einen Korb für die llebersendung der Flasche, der natürlich auch künstlerisch gehalten sein muß: außen vielleicht mit den Wappen des Deutschen Reichs Und der Niederlande — darunter das Familienwappen der Abeeleus. Wird gemacht. Aber wem: Goldarbeiter, Medailleur, Juwelier das alles noch rechtzeitig fertig kriegen sollen, müssen wir uns beeilen!"
„Ich habe nichts dagegen," sagte Fritz, und Fräulein Dora meinte: „Hängen Sie Ihr Trompetentaleut vorläufig an .beit Nagel, Herr von Feßler, und stürzen Sie sich in fruchtbringendere Arbeit. Das wird für uns alle wohltätiger sein." Worauf Feßler sich tief verneigte und respektsvoll entgegnete: „Ich danke submissest für gütige Belehrung, sehr geehrtes Fräulein."
, Fritz griff nach seinem Hut. Kesselholz wollte ihn begleiten. Seine freie Mittagsstunde war vorüber: er mußte wieder in das Bureau. Dora nahm ihm die Gartenschürze ab und zupfte an Weste und Rock und reichte ihm anstelle des Strohernen den Kalabreser.
Die Beiden schritten zurück nach der Allee. Fritz erzählte von der Champagnerprobe und dem Reinfall des Herzogs. Er hätte gewünscht, Kesselholz wäre dabei gewesen und hätte mitgeprobt. „Vielleicht wäre es Ihnen ähnlich ergangen wie Abeelen," meinte er.
„Nicht unmöglich, Herr Friedel. Auch, die gewiegteste Zunge kann sich einmal täuschen. Aber ich glaube es nicht. Ich hätte schon an hem viel kräftigeren Alkoholgeschmack das französische Produkt erkannt. Was mich natürlich kein Vorzug dünkt. Keineswegs. Aber unter uns, Herr Friedel:» ich habe mir den Spaß gemacht und neulich mal den Oeko- uomierat Dreher und den kleinen Ringer zu mir geladen — zwei Leutchen, die doch gewiß ihre Sache verstehen. Denen habe ich die besten deutschen Schaumweine, die besten, Herr Friedel, abgegossen vorgesetzt — und dazu unsern Excelsior. Einstimmiges Urteil: der Excelsior gehe hoch, hoch, hoch über die andern Marken. Da freut sich das alte Herz."
„Tag, Hannemann," sagte Fritz, „etwas für mich?" Das galt dem Briefträger, der den beiden begegnete. „Jawohl, Herr Leutnant," antwortete der alte Soldat und stand einen Augenblick stramm. Er hatte einen Militari abrief für Fritz, über den zu quittieren war. Fritz gab die Unterschrift und dem Manne ein Trinkgeld. Dann erbrach er den Brief, der das Siegel des Divisionskommandos trug, und durchflog ihn.
„Die Ladung zur Hauptverhandlung, Kesselholz. Am siebzehnten Juni. Da könnt Ihr alle den Daumen für mich Aalten. Hrf ein Jahr rechne ich."
„Gottlob, daß Sie noch jung sind, Herr Friedel," erwiderte der Prokurist. Er empfahl sich mit abgezogenem! Kalabreser und seiner KUrvenverbeugung. Er mußte nach dem Bureau, während Fritz nach der Villa zurück wollte.
„Gottlob, daß ich no ch jung bin," wiederholte er sich in Gedanken und schob den Brief in die Tasche. Das klang wie ein Trost und eine Beruhigung. Beides hatte! er nie bedurft, aber er fühlte: heute tat ihm das Wort wohl.
9.
Die neue Marke der Firma K. A. Friedel lag nun! versandbereit, und das Quantum war genügend groß- um selbst einem unerwartet heftigen Ansturm au Bestellun-- geit standhalten zu können. Zudem war bereits eine zweite Füllung auf Lager genommen worden, und in den Kellern reifte eine Cuvee aus Wachstümern heran, die im Geschmack den Weinen ähnelten, die zur Herstellung des „Excelsior" verwendet worden waren. Ebenso war an guten Reserven kein Mangel, so daß. nicht zu befürchten stand, bte übernächste Füllung würde geringfügiger ausfallen. Es' kam derlei zuweilen vor. Kenner wußten, daß die Marken der Gebrüder Spannuth mit der Zeit au Güte nachgelassen und daß auch die „Reservierte Füllung" von Kupka Söhne nie wieder die Höhe des ersten Jahrgangs erreicht hatte. Niin wurden für kleinere Marken natürlich vielfach auch weniger gute Wachstümer verwandt, und die Schaumwein- industrie leistete dem deutschen Weinbau gerade dadurch treffliche Dienste, daß sie die Erzeugnisse selbst schlechterer Jahre aufnahm und durch geschickte Cuveezusammeustetlun- gen zu Perwerten verstand. Aber bei bereits populär gewordenen Marken, namentlich teuereren, war die Verwendung mißlungener Weine ein gefährliches Spiel, das den Ruf der betreffenden Firma für immer schädigen konnte.
Auch der Opa war zufrieden. Er probte nie mit den anderen; das vermied er, weil er ungern auf der Stelle sein Urteil abgab. Er hatte sich ein paar Flasch"' ' > cclsior in sein kleines Hänschen kommen lassen uuo uui.- sich da allein an die Arbeit der Probe. Dies geschah in seinem Keller, ober aber, wie der alte Herr zu sagen Pflegte, in seiner „Raritätenbude". Es war auch so etwas ähnliches. Graf Eldringen, der den Opa in früheren Tagen hier einmal besucht hatte, nannte den Keller das „Sanktuarium! eines Vinophilen". Ein Keller wie jeder andere, nur daß er behaglicher ausgestattet war Und eine in Holz gern feite, sehr gemütliche „Trinkecke" besaß. Sein« Merkwürdigkeit aber bestand in einer Sammlung von Seltenheiten, die alle auf die Firma oder die Familie undl deren Kreis Bezug hatten. Da waren zunächst noch zwei Flaschen der ersten Schaumweinmarke, die K. A. Friedel 1838, ein Jahr nach Begründung der Fabrik, in die Welt geschickt hatte. „Goldperle" war dieser Anfangsversuch genannt worden, aber wenn man die Flaschen gegen das Licht hielt, sah man nur noch eine trübe Masse: der Wein war selbstverständlich längst tot und untrinkbar geworden, wie die meisten übrigen „Seltenheiten" dieses merkwürdigen Archivs, lieber den beiden Flaschen, die abgesondert lagen, hing ein verblaßtes Daguerreotyp an der Wand, das einen behäbigen Herrn in breiter Halsbinde und mit über die Wangen reichenden Kragenspitzen darstellte: Herrn Gottfried Hoch, derzeit Küfer bei K. A. Friedel, späterhin Assvciö der Beuve Miquelon Und: noch später ihr Gatte. Als solcher französierte der ehrlich« Elsässer seinen Namen dadurch etwas mehr, daß er ihm ein e anhing; ein Jahr vor seinem Tode erhielt er dank der Bemühungen des Marquis o'Anvers, der damals beim Heiligen Stuhl akkreditiert war, das Patent als päpstlicher Comte, so daß Herr Godefroy Hoche der Stammvater dieses gräflichen Champagnerhauses wurde. Und noch einmal berührten sich in einem anderen Angestellten der rheinischen Industriellen die Firmen Miquelon und Friedel. Es waren da einige Flaschen mit weißen Lackköpfen und Etiketten- auf denen die Inschrift „Creme de Sillery Friedel" kaum! noch zu entziffern war. Aber darüber am Regal hing ein' Täfelchen, auf dem man lesen konnte: „Die ersten Flaschen, bei denen die Technik der Römuage zur Anwendung Pam. Erfinder: Nikodemus Kesselholz, geb. 3. 8. 1807, f 27. 10. 1868, 1842 Küfer bei Miquelon et fils in Epernay, 1843 erster Kellermeister bei K. A. Friedel in Schrattstein." Es war derselbe Nikodemus, dessen Porträtbüste im Probiersalou stand und den der Prokurist seinen glorreichsten Ahnen nannte.
"Fortsetzung folgt.)
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