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schaute in die Nacht hinaus. Die Schaffner liefen mit Laternen bin und her. „Was ist los?" fragte Fritz. „Es geht gleich weiter," antwortete eine Stimme. Lloer es ging keineswegs sogleich weiter. „Was ist los?" fragte Fritz nochmals. Die Zigarre, die er diesmal dein Schaffner reichte, stimmte den Beamten freundlich. „Ach Gott," antwortete er, „es hat sich jema.no auf die Schienen geworfen Und ist überfahren worden."
„Herrgott," rief Fritz, tot? . . „Mausetot. . i,Ein Mann oder ein Weib? . . „Ein Mann. Gin sehr anständig geNeideter Mann."
Nun pfiff es von neuem, und die Lokomotive begann wieder zu fauchen, und der Zug brauste weiter —- über die rote Stelle, da der Tote gelegen hatte —, als sei nichts geschehen.
Fritz streckte sich müde aus der Wagenbank aus. „Gut, daß ich nicht abergläubisch bin," sagte er sich; der Bries und dieser Unglückliche, der den Tod unter der Lokomotive gesucht hatte, waren keine Anzeichen für ein fröhliches Gelingen dessen, was er Vorhalte.
13.
Fritz traf am nächsten Abend in Epernay ein und stieg im Hotel de l'Europe ab, das er von früher her kannte. Bon Reims aus, wo er ein Jahr bei Sonnois Und Mignot in der Lehre gewesen war, hatte er zu öfterem Abstecher in die anderen Champagnerstadte gemacht, nach Sillery, Ay und vor allem nach Epernay, weil hier eitt Freund von ihm zu gleicher Zeit im Hause Moöt und Chan- Von eine ähnliche Tätigkeit wie er zu Reims entfalteten das heißt, sich nach Kräften zu amüsieren suchte Hundert Erinnerungen aus jener Zeit stiegen in ihm auf, als er am folgenden Vormittag durch die Straßen fctjtenberte. In der Nähe der Kirche mit ihrem schönen Renaissanceportal lag noch immer die kleine Frühstücksstube von Vernon, die man damals so oft besucht hatte, und hinter dem Justiz- Palast noch das Kaffeehaus, in dem die übermütigen Jungen beinahe einmal Prügel bekommen hätten, weil sie mit einigen chauvinistischen Spießbürgern zusammen geraten waren. In der alten Stadt schien sich wenig verändert zu haben; aber das Villenquartier hatte sich ausgedehnt, Und unter den schönsten dieser kleinen Paläste fand Fritz auch den des Grafen Hoche wieder; einen Sandsteinbau von ruhiger und stolzer Schönheit, hinter dem das Wipsel- meer eines ausgedehnten Parkes sichtbar wurde.
Fritz wußte durch Kesselholz: Graf Ernest Hoche war nicht mehr am Leben; ihn hatte beim Baden der Schlag getroffen. Aber der alte Gras Alfred lebte wohl noch, denn das blanke Metallschild am Portal der Villa trug in zierlicher Gravierung den Namen „A. Cte. Hoche". Fritz hatte feine Lust, sich im Geschästshause der Firma Miquelon durck einen Angestellten abfertigen zu lassen; er wollte direkt mit dem Chef verhandeln.
Er war bereits in Besuchstoilette: in Gehrock _ und Zylinder Hut. So drückte er denn ans den Klingelknopf und gab dein öffnenden Diener seine Karte. Der prüfte sie erst, machte dann eine tiefe Verbeugung und führte Fritz durch eine getäfelte Halle von etwas klösterlicher Feierlichkeit in einen großen lichten Salon, von dem aus eine Glastür auf eine breite Gartenterrasse führte.
Der Diener war in Eskarpins und Frack. Im Salon verbeugte er sich zum zweiten Male mit großer Grandezza Und verschwand Ijiercuif, ohne ein Wort zu sprechen. Fritz beschäftigte sich in der Erwartung des alten Champagnergrafen inzwischen mit der Betrachtung der Bilder an den Wänden, die durchweg Landschaften darstellten, und trat dann in die offene Glastür, um einen Blick in den Park zu werfen. Zwischen der Orangerie auf der Terrasse standen Stühle aus Bambus und Strohgeflecht, auch ein paar Tischchen mit Büchern und Zeitschriften. Mit Verwundern bemerkte Fritz unter diesen einen vor kurzem erschienenen deutschen Roman und eine deutsche Monatsschrift. Eine Freitreppe führte von der Terrasse in den Park. Die 9tn= läge mußte alt fein. Korkeichen, Buchen urib Platanen bildeten den Hauptbestand. Eine Silberweide ließ ihr schillerndes Blattwerk leuchten, ein paar Zypressen umgaben die Marmorherme eines häßlichen Alten, der ebensowohl Sokrates als Dom Perignon fein konnte, der Erfinder des schäumenden Weins. Durch das Zypressendunkel blitzte der Widerschein eines Springbrunnens.
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(Fortsetzung folgt.)
„Das ist hübsch von Ihnen, Herr Friedel," ließ sich hinter Fritz eine helle Mädchenstimme vernehmen, „daß Sie mich nun doch einmal besuchen. Eigentlich habe ich Sie schon früher erwartet."
Fritz hatte sich umgewandt. Er sah sich einem jungen Mädchen gegenüber, in dessen freundlichem Gesicht einZiaar nußbraune Augen standen und über dessen helle Stirn Gelock fiel, das bie' Farbe frischer Kastanien hatte. Und bei diesem Anblick lachte sein Herz: er freute sich «Ulrich tig über das Wiedersehn.
„Gnädigste Gräfin," sagte er lebhaft und ergriff ihre Hand, „das hätte ich wahrhaftig nicht erwartet, Sie hier zu treffen! — Ist meine Anrede richtig oder muß ich chon Marquise sagen?" , ,
Ein rascher Schatten flog über die Stirn des Mädchens; aber er verdunkelte sie nicht —> her Glanz kam wieder. _ . ,
„Weder heute Marquise noch morgen, Herr Friedel, erwiderte sie. „Die Verlobung ist aufgehoben. Meußere Gründe sprachen dafür."
„O pardon, Komteß — ich konnte nicht ahnen —'
„Selbstverständlich nicht — daher brauchen Sie sich auch nicht zu entschuldigen. Meine liebe alte Protektorin, die Fürstin Steinlirch, habe ich freilich schwer beleidigt, denn sie hatte die ganze Verlobungsgeschichte, eingefädelt --aber es ging nicht anders. Sprechen wir von etwa anderem." .
„Ich freue mich immer wieder, wie tadellos Sie das Deutsche beherrschen." t .
„Erzählte ich Ihnen nicht schon damals, day ich in Bonn erzogen worden bin? — In dem Pensionat der Frau von Kerssembroik. Ein Institut, das hauptsächlich für junge Französinnen bestimmt ist. llebrigens ।— da wir Elsässer sind und die alte Heimat nicht vergessen wollen, so versteht sich das eigentlich von selbst. Ein Bruder meines Großvaters war bei den Wahlen für die französische Nationalversammlung im Februar einundsiebzig der einzige, der die kleine Partei Deutschgesinnter vertrat. Natürlich wurde ihm das von den französischen Verwandten arg verdacht, aber es zeigt sich doch, wie stark sich in unserer Familie die Vorliebe für deutsches Wesen erhalten hat — und, wie ich glaube, hauptsächlich durch die Pflege der Sprache. Deshalb besuche ich auch so gern den Rhein. Gewiß r- uusre Interessen wurzeln in Frankreich; wir lieben es auch, und es vergilt unsre Liebe. Aber ein Stückchen Herz gehört doch dem Lande, in dem die Wiege unsres Geschlechts
Aus der Seit des 7-jährigen Krieges:
Die Zranzosen in Gießen.') (1758—^762.)
Bis Herbst 1758 hatte der Herzog Ferdinand von Braunschweig, der Verbündete des Preußenkönigs Friedrichs II., den westfälischen Kriegsschauplatz gegen die Franzosen behauptet. Marschall C o n ! a d e s plante seinen Rückzug nach dem Rheim um dort Winterquartiere zu beziehen, nachdem er vorher zur Deckung seines Rückzuges den Marquis d'Armentisres aus Münster entsendet . hatte. Prinz S o u b i s e, der Führer des französischen Observationskorps im nördlichen Hessen, sah sich dadurch veranlaßt, gleichfalls aus sichere Winterquartiere Bedacht zu nehmen, verlieb seine Kantonierungsquartiere zwischen Kassel und Warburg und trat im November 1758 seinen Marsch in das südliche Hessen an. Seine Rückzugslinie von Kassel nach dem Main war bezeichnet durch Verwüstungen und Plünderungen schlimmster Art, die das flache Land und die Städte zu erdulden! hatten. Zur Sicherung seiner Winterquartiere in Hanau und Frankfurt legte er Besatzungen nach Marburg, Gießen und Friedberg. Marburg erhielt 1200 Mann unter dem Obersten Du Plessis, Gießen die Regimenter Courten und Löwendahl unter dem Marquis Des Salles, Friedberg das Regiment Dauphin unter dem Prinzen von Lothringen.
Der Landgraf Ludwig VIII. von H essen-Darnr- st a d t, der wie die Franzosen auf Seite Maria Theresias stand« lehnte die Einräumung der Festung Gießen zum Winterquartier! der Franzosen ab; doch Soubise wußte seinen Willen durch- zusetzen, und Gießen mußte den Franzosen übergeben werden.
Noch ehe die französischen Völker vor Gießen erschienen, trat der Senat der Universität unter dem Vorsitz des Rektors am 13, November 1758 zusammen, um zu be-
*) Benutzt; Die Universitäts-Archivakten, Militär- und K r i e g s a n g e l e g c n h e i t c n usw. 1758 bis 1762,


