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Wen» ich die Liste der Vorzustellenden nicht rechtzeitig aus- tzeliefert erhalte. Gegen das Unmögliche kämpfe ich picht an."
„Tuen Sie eg’ immerhin," entgegnete der Herzog mit lärkästischenr Lächeln, „ich hab es' auch versucht. Allerdings handelte cs sich bei mir nur um die Lenkbarkeit der Luftballons." , i.
V 3.
Die aus dein Zuschauerraume durch die Couloirs sich ergießende Menschenwelle hatte Fritz Friedel von Herrn von Feßler getrennt. Feßler sah den Prokuristen der Firma Friedel, Herrn Kesselholz, mit seiner Tochter Dora Und dem quirligen kleinen Weinkommissar Ringer in der Cmtfernung und versuchte, sich zu den Dreien hindurchzu- drängen, während Fritz in der Nähe der rechten Parkett- lgarderobe stehen blieb, um seine Eltern zu erwarten. Sie streiften auch an ihm vorüber, doch ohne sich auszuhalten.
„Wo hast du deinen Herzog?" fragte Frau Margot im Vorbeigehen.
„Ist zum Kaiser befohlen worden, Mama," erwiderte Fritz. - ।
Die Mutter nickte und verzog dann ein wenig den' Mund. Gras Eldringeu begrüßte sie, ein Kurmacher von einst, der in stngnade gefallen war. Er wär ein eleganter Nichtstuer, der aber doch „der Beschäftigung halber" zeitweilig eine Champagnervertretung übernahm; sonst? lebte er viel im Auslände und kam nur dann und wann einmal nach Wiesbaden, um sich nach seiner unheilbar leidenden Frau umzutun, die am Neroberg eine Billa besaß,
Fritz, der den Grasen nicht leiden konnte, hielt sich zurück und lieh sich dann von der vorwärtsströmenden Menschenwoge mitführen. Zahlreiche Bekannte nickten ihm zu oder drückten ihm int Vorübergehen die Hand. Wit der Konkurrenz stand sich die Firma Friedel im allgemeinen gut. Von allen Seiten grüßte man ihn. Mit Dem „Bauer" Nidderkopp, dessen 1884er Goldberg eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, unterhielt Fritz sich einige Minuten. Natürlich klagte Nidderkopp wieder; das tat er gern.
„Sind Sie schon Großpapa, Herr Nidderkopp? . . ." „Nee — sehn Sie, das ärgert mich auch. Nun hab ich einen Baron gls Schwiegersohn, aber keine freiherrlichen Enkel, i Fritz neigte den Kopf ein wenig, um mit Nidderkopp etwas intimer plaudern zu können. Er tat dies absichtlich, denn nun sah er eine Gruppe, die er geflissentlich zu übersehen wünschte. Es war dies der Rittmeister Hetldorf: Rittmeister tituliert, weil er es in der Reserve eines Kürassierregiments bis zu dieser Charge gebracht hatte. Sonst war er einer der reichsten Weingutsbesitzer im Gau — oder war es gewesen. Sein Vater hatte ihm nicht nur die schönen Rebengelände mit den trefflichen Lagen „Mäuerchen Berg" und „Klostereck", sondern auch ein stattliches Barvermögen hinterlassen. Aber da hatte der Rittmeister ans der Höhe des Lebens, nachdem er es in allen Tiefen genossen und durchkostetchatte, einen argen Schwupper gemacht. Das Unbegreifliche war geschehen: er hatte seine letzte Geliebte geheiratet. Donnerwetter, schlug diese Nachricht ein. Der Schrecken war doppelt groß und um so maßloser das Erstaunen, da man diese Geliebte kannte. Wer in der Welt, in der man sich amüsiert, zu Hause war, wußte auch, daß dieser blonde Engel eine abscheuliche Dirne war, von Hand zu Hand gewandert und durch alle Gassen geschleift.
Es war kein Geheimnis, wie die Ehe verlief. Eines Morgens wurde Helldorf int Kurpark sinnlos betrunken ausgesunden. Aber er trank nicht mehr seine eigenen Weine: er hatte einen Schlummerpunsch erfunden — halb Kognak, halb Champagner —, den er den „Doppelt-Gemoppelten" staunte und der sein Lethe geworden war. So richtete er sich selbst zugrunde, während Diane durch ihre blöde Verschwendungssucht die Zerstörerin seines Vermögens wurde.
Fritz haßte die Frau. Er war einmal mit Hclldorf befreundet gewesen. Daß Helldors ein „festes" Verhältnis mit der schönen Diane Ambronn angeknüpft hatte, wurde ihm gelegentlich erzählt. Er lächelte darüber. Eine Liaison, Die länger als Pier Wochen dauerte, wär bei Helldors undenkbar.
;■ Fritz lächelte abermals', als ihm die Mähr zugetragen wurde, der Goliath wolle die blonde Sappho heiraten. Teufel, wer brachte nur so Unsinnige Klatschereien aus.! Als aber das Gerücht sich verdichtete, nahm er für Wei Tage
Urlaub und reiste stracks nach dem Rhein. Da hatte sich Diane bereits wohnlich in der Villa Helldorf eingerichtet; durch das ganze reizende Schlößchen wehte das unerträgliche Moschusparfüm, das sie bevorzugte, und vor denk Pavillon ftanb ein alter Mann in Drillichjacke und Reithose, den Diane immer mit sich herumschleppte und der ihren Besuchern int Vorzimmer die Paletots abzunehmen pflegte: man behauptete, es sei ihr Vater. Fritz hielt sich nicht lange auf. Er hatte keine Lust, bei der neuen Gnä- digen zu antichambrieren, sondern ließ Helldors in den Garten bitten. _
Da kam es nun zu einer kurzen erregten Szene und zu einem scharfen Bruch der alten Freundschaft. ,
Fritz hörte nur noch dann und wann von den Helldorfs erzählen. Von den seßhaften Geschlechtern am Rhem verkehrte niemand mit ihnen. Das Letzte, was Frttz von ihnen gehört hatte, war das Unerfreulichste. Tue Villa war zu einem Spielernest gelvorden; Graf EldrtngeU hielt gewöhnlich die Bank. Dianes Favorit aber war zurzeit der junge Spannuth, der ruhmreiche Erfinder von „Spannuth Schwarz-Etikett".,
Herr Jacques Spannuth war auch jetzt zur Linken Dianes und plauderte eifrig mit ihr. Wo war seine Frau? Spannuth war mit einer reizenden Dentschamerikanertn verheiratet. Sicher, daß sie empört gewesen wäre, lvenN sie die intime Unterhaltung!-ihres Mannes mit der Diane gesehen hätte.
Im .Plaudern mit seiner Nachbarin suchte der junge Spannuth wieder und lvieder, einen Blick Fritzens abzufangen. Nun trafen sich beider Augen: es war eilt Zufall. Spannuth winkte vertraulich mit der Hand; Fritz verneigte sich kürz und förmlich. Das war der einzige Konkurrent der Firma Friedel, der zu fürchten — noch schlimmer: dem nicht zu trauen war. Jacques Spanimth war ein hübscher schlanker Mensch, immer sehr elegant gekleidet, mit einem Monokel im Ange und englisch ^geschnittenem Bärtchen, ganz modisch, mit dem Typus eines Attaches. Er lebte auf großem Fuße, hatte sich ein neues Schloß auf seinem Gelände bauen lassen, befaß eine Winter- Villa in Wiesbaden, hielt Pferde und Automobile und immer eine Geliebte, von der man sprach. Seine Frau sah man wenig; sie war kinderlos, und es hieß, sie habe sich das so zu Herzen genommen, daß sie an schweren Melancholien leide und völlig menscheiischeu geworden sei.
Spannuth gehörte zu den wenigen Menschen, für die Fritz gar keine Sympathien zu finden vermochte. Hinter der aalglatten Liebenswürdigkeit witterte er immer eine heimliche Tücke, hinter dem in Zuvorkommenheiten sich erschöpfenden Wesen den schäbigen Neid des rastlosen Konkurrenten. Ein Gerücht wollte wissen, Spannuth warte nur auf die Umwandlung der Firma K. A. Friedel in eine Aktiengesellschaft, nm sich durch sichere Hintermänner in den Besitz einer größeren Anzahl von Anteilscheinen zu setzen und einen lange erwogenen Felbzugsplan einleiten zu können, dessen Ergebnis die Verschmelzung von K. A. Friedel mit dem Hause Gebrüder Spannuth sein sollte.
Der junge Spannuth — er hieß so im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Otto — hatte fein Jahr gleichfalls bei den „Industrie-Husaren" abgedient. Doch er war nicht Reserveoffizier geworden. Das hatte seiner Eitelkeit eine schmerzende Wunde geschlagen. Tatsächlich war die Art und! Weise, wie er die Wachtmeister und Unteroffiziere zu traktieren pflegte, übel vermerkt worden; auch sonst gefiel sein Gehaben wenig. Er hielt aber Fritz für den Gegner, der bei seiner Wahl ausschlaggebend gewesen sei, und dies Ge- sühl nährte die heimliche Feindschaft noch mehr. Nur merkte man sie ihm nicht an, während Fritz durch seine kühle Reserviertheit zeigte, daß er auch äußerlich die Treu- nmigslinie zwischen sich und Spannuth betont wissen wollte. —
Ein Glockenzeichen meldete den Schluß der Pause an.
Helldorf schritt an Fritz vorüber. Sein müdes Auge zwinkerte; der graue Kopf über dem hohen steifen Halstragen bewegte sich seitwärts; es hatte den Anschein, als wolle Helldorf fortsehen. Aber dann nickte er freundlich^ und seine Hand streckte sich Fritz entgegen.
„Tag, Friedelchen — wie aeht's dir?" „Danke, mein Alter — und dir?" !
„Man lebt so." • - ' ' ' C
Damit war die Begrüßung beendet. Helldorf schritt weiter. . Hinter ihm gingen Spannuth und Frau Diantz
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