Ausgabe 
26.5.1910
 
Einzelbild herunterladen

319

und wieder. Es ist, obgleich es ja. sehr mangelhaft aus^- geführt ist, im Augenblicke mein kostbarstes Kleinod außer Dir selbst. Da kommt ihm der Gedanke, daß man die Lauterkeit seiner Liebe verdächtigt habe, und aus seinen! schmerzlichen Ergüssen heraus predigt er: Ich habe aber auch alles überlegt, für und wieder, alles was mau Dir 'Schändliches sagte. Marie, glaube mir, wenn ich einsähe, daß ich, daß Tn, mein. Liech Unrecht Wiest, daß wir uns nicht lieben dürften, ich mürbe Dir sicher sagen:Mein Schatz, Tu schreitest den Weg zum Ver­derben, und ich führe Dich! Lassen wir ab von unserer

*) Frau Cvnrad-Ranilo.

**) Michael Georg Conrach der als Herausgeber der Gesell­schaft ihn sehr gefördert hatten

. Es sollten nicht nur , sie sollten auch schon sein, man . Auch das Moderne kommt jetzt in den

Anlagen etwas heraus. Ich will Dir den Brunnen: Faun

Watina, der Faun, weißer Marmor, setzt roten Rost an. Du solltest es einmal sehen. Ue'b'erhaupk muß ich fort­während denken, wenn Dir bei mir wärst, Ich würde Dich auf alles aufmerksam machen, vieles ginge mir schöner auf, weit ich es eindringender nähme. Aber hoffentlich war ich rricht zu in letzten Mal in München, und wenn ich wieder komme, bist Du mit.

Dann erzählt er, wie seine Eltern von dieser Liebe erfahren haben.

Meine Eltern haben wohl gemerkt, daß etwas los sein muß, und mein Ausbleiben an den Feiertagen deuteten sie dahin. Frz. half ihnen scherzweise, und zum Schlüsse meinte .er, erst zeige ich wohl das Bild der Braut, dann die Braut selbst. Da er Dein Bild gesehen hatte, so fragte er denn:Wilhelm, könntest Du nicht gleich einmal das Bild zeigen?" Ich sagte, ich hätte es nicht bei mir, und alles war abgemacht.

Der .Gedanke, daß die Verwandten seines Mädchens

Dann kaufte ich mir ein Theaterbillet. Dann gings über die Isar! Solltest die Isar sehen. Grün wie Patina, wie Wft fast, schäumend, weiß schäumend, und brausend, ram­schend, brausend wie ein Sturm. Ich stand auf der Maxi- nnliansbrücke, vor dem Maximilianeum und sah hinab. Schade, daß man nicht so weit sehen kann, wie beim Rhein. Aber der Eindruck auf mich war groß. Dann ging ich in die Mrbeits- und Kraftmaschinenausstellung. Diese Alusstel- lung ist auf einer Insel in der Isar. Großartig. Was die heutige Industrie leistet, tote man das Schwerste bewältigt, das Feinste geradezu. Knnstvollendetste, mit Maschinen fertig bringt es ist erstaunlich und ich bekam vor dem Menschen­geiste einen netten Respekt.

Bon hier zum Rathaus. Na, die deutschen Rathäuser! Dies riesige ist ja gut; aber weißt Du schöpferisch, tief brüt (!) schöpferisch, neunon. Die deutschenArchitekten ver­dienen wohl Geld, aber für die Kunst kommt bei ihnen nicht viel heraus. Die moderne Architektur ist für mich ein Schimpfkapitel. Es fehlt ihnen die Freiheit, die Verjüngung. Mter Mist.

Wittags Kirchen! Kirchen ist für mich kein Rahmen für Kunst. Der Rahmen erdrückt alles. Man kennt das. Intime Wirkungen gehen alle zum Teufel. Und warum, nur um die Sinne zu benebeln, aufzureizeu.

Abends Theater! Großartig! Frau Conrad*) hättest Du sehen sollen. Die spielt nicht, die lebt. So hab ich noch kein modernes Stück spielen sehen. O Darmstadt. Es warJohanna" vom jungen Björnson. Und das Schönste. Ich hatte noch nichts zu Abend gegessen. (Uebrigens das Wertrinken ekelt mir.) Ich ging in ein automatisches Cafö. Ich setze mich an ein Tischchen und guck ins Treiben imd denk an Dich und ans Theater und an Fran Conrad iund an lyoderne Dramatik und an Gott weiß was alles. Da seh ich! Zur Seite--Map Conrad. Sie be-

vbachtet mich. Ich seh wieder hin! Ja, Frau Conrad! lind jetzt neben ihr ein Kopf. Conrad!!!**) Ich aus! Hin! Vorgestellt! Sie lachen. >,Kommt der Kerl hierher und sagt nicht mal was."Wir hätten Sie nicht erkannt, Welten Sie für einen Schau spiele r. Und rasch M§-

sieht, er lWr gewöhnt, sich über alles, was ihn bewegte, gemacht heute abend zwischen pg? und 7 im Hofbräubons mit seiner Frau auseinanderzusetzem Der Ton, in dem I Conrad und ich - Hurrah ' Hofvrauyaus,

er das tut, beweist auch, daß die von gewisse Seite unter- * - " '

fchobeiien Behauptungen, als habe seine Gattin kein Ver­ständnis für ihn gehabt, bloße Vermutungen sind, wenn nrcht absichtliche Böswilligkeiten. Aber auch das sieht man, daß Holzamer für alles lebhaftes Interesse hatte und daß

n<v2nß!tc^en®*n9cn hlst mehr als naip war. Er schreibt: Nun von mir. Meine Reise ging ganz gut Don statten.

«s war nur furchtbar heiß. In Aschaffenburg ich bei .Geyer. Billig, aber viel zu rauh für Deinen Geschmack. N. selbst nicht schön gerade. Nest, Pompejanum hat mich .enttäuscht. Schloß ist schön, Blick am Main aber Nicht gerade groß. Wir sind; bett großen Blick über die toette Ebene gewöhnt. Unterwegs manche interessante Ge- gend." Es folgen die Preise in den Münchener Gasthöfen. nMau braucht im Hotel gar nichts zu essen, nicht mal Morgenkaffee. Ich ging denn auch gestern früh nüchtern Wer fort, in einem Kaffeehaus eine Tasse zu trinken. Aber Mott, dazu kams nicht. Wie ich in den Straßen von München war, ja, da gings immer so weiter. Von Platz Zu Denkmal, vott Denkmal zu Brunnen, über die Isar, durch Tore, durch Gärten. Ich werde Dir viel erzählen. München hat viel Schönes, lieber all Kunst, wenn auch teilweise Epigonenkunst, Nachäfferei, aber überall ist ein Kroßes Wollen, ein starker Zug. - - Straßen angelegt werden, sie so litt sollte genießen.

, Also denk heut abenb an mich. Frau Coitrad ist so kletn tote Du. Ungemein schlicht und einfach, siehst ihr die Schauspielerin nicht an. Conrad ein Riese. Bin ein. Knirps dagegen. Frau Conrad fuhr noch nach Starnberg, too sie mit ihrem Sohne wohnt.Guten Abend, lieber Holzamer, Wiedersehen."

Diese letzten Zeilen sind ungemein bezeichnend für Holzamer. Er ist das große Kind, das mit verwunderten Augen tu das ihm unbekannte Land der großen Welt sieht, von der er in seinem armseligen Hüttchen zu Meder-Olm, wo der Vater Tapezierer war, heimlich geträumt hat. Und diese Sehnsucht nach der großen Welt war es auch, die ihn vorzeitig erschöpft hat, die sein tragisches Geschick besiegelte und ihn einer Frau unterwarf, die ihn Weib und Kinder tlnd Pflicht vergessen ließ. Und barmt zerbrach er. Denn toemi er auch dieAllüren" der großen Welt gern mitmachte, sein inneres Leben war auf dieStube" zugeschnitten worden und im Grunde seines Herzens war er in dieser Welt stets einarmer Schlucker". Daran ändern auch alle Rechtfertigungsversuche seiner ehemaligen Geliebten ' und ihres Freundeskreises nichts.

Der letzte Bries endlich ist unvollständig und, da das Datum jedenfalls ;am Schluß gestanden hat, auch nicht genau festzulegen. Er ist aber sicherlich vom Herbst 1891 und wirft ein klares Licht auf die seltsantett Verhältnisse vor Holzamers Hochzeit.

4. «ä-u .?-. v-/ -----, Das Bild der Liebsten hat ihm die Sinne völlig qe-

p/stchuht etnett kleinen Buben, auf einer Karte schicken. Er I fangen genommen, und während der Fahrt von Heppene Ist köstlich, |o einfach in 1 einer Idee, wenn ich gleich Ein- I heim nach Rieder-Olm denkt er ständig nur an sie.' 'Ich Zeines anders wünschte. Der Buhe ist grün, in köstlicher saß lange vor Deinem lieben Bilde, ich küßte es wieder

unu vu) f v II lUil UU VVH Ul1|Cie

Liebe, unsere Herzen haben irre Pfade eingeschlagen!" Es schnterzk mit ungemein, daß mich eigentlich Dein Herr Vetter aller Ehre berauben will, indem er sagt, ich Hebe und heirate Dich aus Interesse. Schatz, das wertvollste, was ich von Dir verlangen kann, das bist Du selbst, und außerdem verlange ich nichts von Dir. O, wie I schändlich hat dieser Mensch zu Dir gesprochen! Ich will ihm nichts böseS wünschen, Gott behüte ihn, aber er behüt« auch die Menschheit vor solchem Arzte, der den Leib viel­leicht heilt, die Seele aber krank, unheilbar krank macht. Eine Bemerkung dieses Vetters treibt ihn in einen naiven Eifer: Was, er sagt die erste Liebe fei Don keiner Dauer? Sage ihm, er möge seine Psychologie zur Hand nehmen und soll lesen. Das Buch toirb ihm sagen, daß er schändlich gelogen. Ja, die erste Siebe, die in einer allzufrühen Jugend das Menschenherz belvegt, die kann keine Dauer (in den mei ten Fällen) hoben, aus dem einfachen Grunde, weil sie Feine Tiefe hat. Aber wer so lange sein Herz bewahrt hat, rein wie Du, mein Gold lind, wird nie ein tieferes, hei­ligeres Gefühl kennen lernen, als dieses Gefühl der ersten, schönen Liebe. Rach einer längeren Auseinandersetzung bricht plötzlich die Liebe wieder leuchtend durch. Bleibe treu, Kind, Du thust Recht und kein Unrecht, folge ihnen nicht, sie wollen Dich zur Sünde verleiten! So spreche ich eben zu Dir als kalter Verstandsmensch, der die Grund­sätze der Moral in Erwägung zieht. Dein Geliebter macht es kurzer, er drückt Dir liebend die Hand, küßt Seinen; teuren Mund und bittet:Marie, bleibe mir!"