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Ich weiß es selbst nicht, wirklich/

Wenn die Zenz froh ist, geht sie in die Kirch und bringt ihrer Heiligen eine Kerzen. Die Heilige hat auch ein Fest, ha! ist die Zenz luftig. Sie sagt, es ist arg schön mit vielen Blumen und Lichtern itni> Musik. Hast du auch ein Fest, Aga?"

Ja, Seppl," sage ich unvorsichtig und bin scholl wieder so in Gedanken, daß ich gar nicht recht weiß, was ich sage. Und auf einmal hält der Junge meine Hand und glänzt über das ganze Gesicht.

Wirklich? Machst du's denn auch mit Lichtern ilnd Blumen? Wann denn? Gelt, ich darf doch mit und zu- fchaun? Die Zenz hat mich llie mitgenomnlen, aber hu bist gut, Aga, du tu st's, gelt?"

Ich bin ganA erschrocken über das, was meine Zerstreut­heit angerichtet hat. Ich sehe das trübselige Gesicht schon, wenn ich nun wieder .nein' sagen nmß.

Mer ans einmal kommt mir ein Geballte. Ein wünder- licher vielleicht, aber er hält mich fest. Und ich weiß, daß er in seine ui Sinn ist!

Ist deiln nicht heute ein Fest für lnich? Darf man llicht einen Tag, an dem man innerlich etwas Großes erlebt, Mich äußerlich über den Alltag hinausheben? >

So hole sch denn meine zwei alten Weibchen und er­kläre ihnen. Sie sind erst unwillig; aber als Marie hört, Um was es sich handelt, wird ihr Gesicht sehr gufriedenj Und sie nimmt dell nächsten besten Besen tatendurstig in die Hände. Diese wüste Gartenstube ist ihr scholl iniiner tut Dorn tut Auge gewesen, wie sie der Zenz eil« Gegenstand heftigster Neugier war. Zenz, lind Marie finb sonst in dauerndem Kleinkrieg über die Grenzen der gegenseitigen Befugnisse, Zenz darf keinen Stuhl int Haus anders rücken, Und Marie ward förmlich hinausgefaucht, lvenn sie den Kopf Mr Unzeit in Seppls Stube steckt. Die zwei schimpfen sich dann in reinstem Thüringisch ulld/Boarifch, und keine versteht die andere. Aber hellte sind sie einig. Die Zenz schlürft mit -eiligen Pantoffeln hinter der Marie dreill, und Seppl bleibt toneilt unter den Kirschbäumen, weil ich auch helfen will.

Die Fensterladen und Fenster, die ich nach des Pro­fessors unberufenem Eindringen wieder fest verschlossen hatte, lnache ich selbst auf, und zwar diesmal alle drei, so weit es geht, daß die lauwarme, starke, frische Luft in den toten Raum hereinquillt und das grünliche, leben­dige Licht, das durch die Hellen, jungen Blätter kommt, .lleber Tischen, Vorhängen, Türgriffen, überall schläft die Müde, graue Staubschicht. Die muß aufgestört werden.

Ich lasse den zwei Alten das Reich und hleibe selbst ton Schreibtisch, an den mir keine andere Hand- rühren darf. Und nach und nach, wie die dichten, grauen Wolken Ws den Fenstern in die Sonne stäuben, fängt der tote Raum an zu leben. Aus der Politur der Tischplatten stnd Stühle laufen spiegelnde Lichtstreifen oder spitze Lichtpunkte auf Ecken und Kanten. Das warme Grün Ker Stoffe hängt weich, liebkosend auf den Stuhllehnen. Me Bronzegrisfe und Verzierungen am Schreibtisch leuchten Mrmlich.

Es ist mir wunderlich zu Sinn, aber während meine Weibchen schwatzen, fegen und putzen, komme ich nicht zum Denken. Am Spätnachmittag sind sie fertig. Und auf ein­mal bin ich allein.

Ganz, beklommen sehe ich mich um1. Warum habe ich das nur alles getan? Was soll das? ' War es recht?

Es ist ganz still, nur von draußen Hingt hie Hells, flötende Frage eines Pirols herein. Und ein warmer Windstoß drängt sich ins Fenster und fegt über den Schreibtisch, daß ein paar Papiere sich knisternd wenden, Ms blättere einer darin.

Das ist wie Leben. Es ist mir, als müßte nun gleich die Tüt- gehen und einer hereinkommen, den ich kenne! Und als sähe ich ihn hier am Schreibtisch vor den weißen Blättern, wie ich ihn tausendmal gesehen habe!

Und in diesem Augenblick weiß ich, was ich hier heute will: daß ich das liebe, vergessene Andenken, das ich so lange hinter geschlossenen Läden int Dunkeln versteckt hatte; wieder in das Helle, lebendige Licht stelle, das ist der Sinn dieses selbstgeschaffenen Festtags! Daß ich ihm gebe, was ich ihm in blindem, trotzigem Mißverstehen so lange nicht tzägönnt habe, und was er doch so liebte: Schmuck und Schönheit und Freude!

Ich laufe in den Gärten und hole mir Blumen. Rosen gibt es noch nicht, aber große Zweige weißer, doppelter! Kirschblüten und rote und flammengelbe Tulpen. Alle Schalen und Vasen int Haus suche ich her und fülle sie. Und weil Seppl immer von Lichtern redet, hole ich wirklich die zwei großen Silberleuchter, stelle den einen mitten auf den Tisch und den andern vor KlingersAn die Schönheit" und zünde sie an. Es sieht eigentümlich aus, wie die kleinen Flammen still und gerade in das rötliche Spätlichk hineinbrennen zwischen den Blumen. Wirklich wie ein Kirchenfest.

Und dann hole ich Seppl. Ich war auf einen lauten Jubelausbruch gefaßt. Statt dessen werden seine Augen nur ganz weit und verklärt, er saßt krampfhaft meine Hand und atmet tief.

Nach und nach taut er auf und will wissen, was für ein Fest das ist Und ich erkläre es meinem Liebling'/ so gut ich kann. Ich weiß aber nicht, ob die katholische Kirche mit meiner Auslegung einverstanden wäre:Wenn die Zenz ein Fest feiert, daun ist das für einen Heiligen. Die Heiligen sind aber auch einmal Menschen gewesen wie wir, als sie auf der Erde waren, nur so gut und fromm, wie wir nicht sind. Und weil wir auch so werden möchten, darum haben wir einen Tag angesetzt, wo wir so recht an sie denken. Sieh, mein Seppl, und ich denke heute auch an einen, der sehr gut war, als er aus der Erde war. Das war mein Vater. Den hab ich so lieb wie du Heinen!"

Und dann setze ich mich ans Klavier, weil der Junge auch Musik zu seinem Fest.will, der kleine Sybarit. Und! ganz unversehens kommt mir die einfache, frische Melodie eines kleinen Studentenliedes unter die Finger, das Vater mich einmal gelehrt hat. Ich sehe mich noch im kürzen Kleid am Klavier lehnen und ihn mit dem behaglich heiteren Ausdruck vor den Tasten. Später, als ich meist Haar schon aufgesteckt trug und auf Bergfahrten sein Kamerad war, haben wir das Lied oft zweistimmig in den Thüringer Wald hineingesungen. Unsere Stimmen paßten so gut zusammen.

Es ist, als ob! eine Erinnerung die andere nach sich zieht. Ich greife nur noch mechanisch in die Tasten unoj sehe hundert Bilder vor den Augen, immer ihn und mich. Die Abende im Garten, wenn die schrägen, roten Lichter lang über dem Gras lagen und wir den geraden Mittelweg! auf- und abgingen und sprachen. Die Stunden bei der Lampe in der Gartenstube, wo seine warmen, klugen Augen mich über das Buch weg ansahen!

Immer neue Bilder! Es ist wie ein Nachhause--, kommen. Ich bin lange weit weg Und verirrt gewesen, und nun gehe ich auf einmal wieder die 'alten, lieben Wege.

Es steigt mir Plötzlich heiß in die Augen, daß ich die Lichter nur noch als schwimmende Helle Punkte sehe. Es ist zuviel, was da aus mich ein stürzt, stark und froh und schmerzhaft zugleich. Ich lasse mitten im Gatz die Hande von den Tasten.

Die alten, lieben Wege, ja: .Aber ich gehe sie allein! Allein!

Aga, wenn das Fest nun vorbei ist, wird die schöne Stube dann wieder zugeschlossen?" fragt Seppl schüchtern dazwischen.

Nein, mein Junge, die bleibt nun offen. Unb wir zwei wollen darin wohnen, alle Tage. "

Da antwortet er mir mit einem kleinen, unartikulierten Kinderjauchzer, den ich von ihm noch nie gehört habe.

Ich will auch die Zenz, nie wieder schlagen!" verspricht er freiwillig in seiner überströmenden Freude. Also hat denn die Zenz auch etwas von üuserm Fest!

(Fortsetzung folgt.)

Aus Briefen tzolzamers.

Von Karl Neurath.

(Schluß.)

Der jüngste Brief stammt aus dem Jähre 1898 vom 29. August und ist in M ü n ch e u geschrieben. Er war da­mals schon 6 Jahre verheiratet und doch ist sein Gefühl für seine Fräu, die ihm gerade wieder ein Kind ge­boren hatte, noch jung und stark. Der besorgte Gatte und Vater spricht aus- jeder Zeile und an diei geringsten Kleinig­keiten denkt er. Und über, alles gibt er Auskunft. Man