Ausgabe 
26.3.1910
 
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Itrebi Geistesfreiheit doch nie entwächst, die ihn an biefent einfachsten Band sesthält, bis sie ihn selbst wiedernim'mt!

Etwas Schönes hab ich da gestern abend gesehen. Es Sng ein Mann durch den reifen Roggen und trug eine mse mif der Schulter. Das Korn war so hoch, daß ich ihn nur bis zur Brust sah. Der ernsthafte, harte, weiss­haarige B-auernkops und die breite, blinkende Sense gingen langsam das Feld entlang, über den Köpfen der reifen Mehren. Mir fiel das alte, naiv feierlicheEs ist ein Schnitter, der heißt Tod" dabei ein.

Mir kommt vor, die Menschen leben hier auch wie §hre Mehren. Wachsen und Blühen und Beifwerden und Weichen. Alles so gesund und so einfach.

(Fortsetzung folgt.)

Ostereier.

Humoreske von Rein hold OrtMa » «.

AW Dr. Peter Stertzinger mit seinem! großen Paket die Treppe Mr Banbergerschen Wohnung! emporstieg, War er vme Milte recht zwiespältiger Empfindungen. Lv seeleiwerguugt Und freudig erwiartungsvoll, wie er's an diesem Oster Morgen «eigentlich Wie sein sollen, fühlte er sich,nicht gestimmt. Uttti »v suchte die Ursache für den seltsam' unbehaglichen Truck, den irr in der Gegend des' Herzens verspürte, in der AnftegMg vor! «einer der bedeutungsvollsten Entscheidungen fernes Ledens.

Wenn er's recht überl-egte, Mußte er srch freilich sagen, daß Äl solcher Mfregurrgi kaum ein stichhaltiger Grund vorhanden Mr. Seit beim Beginn seiner Bekanntschaft mit den Baubergcrsl wären ihm sowohl der Sm Direktor und seine Gemahlin wie Fräulein Annie Baubergvr selbst mit so erMutiM-rrder Serzluhkert entgegengekommen. Und iir jiiirgsler Zeit tvaren Fräulern Anmes Urigenspiel', ihre Seufzer und ihre Händedrücke vollends von Kiner Beredsamkeit gewiesen, die an Deutlichkeit höchstens noch vori den gelegentlichen Anspielungen ihrer bezaubernd liebens- würdigen Manta übertroffen worden waren. Peter Sterzinger Wachste sich gelviß ke-iuü Illusionen, toenn er annahm, daß Jettis förmlich^ Bewerbung um Fräulein BauLergers' reizende Sand xbeuso wenig unerwartet als unwillkommen sein würde.

Woher also dies« Beklommenheit und dies unschlüssige Zau­dern? Was sollte es bedeuten, daß er, lEhrend er immer lang- sanier seinem Ibcteibett Ziele zustrebte, viel lebhafter an Frau- Mn Sertha Berling, Annies hübsche, stille Kusine, dachte, als «n Annie selbst? Machte er sich iiicht geradezu einer unverzeihp kichM Gedankensünde gegen sein künftiges Bräutchen sthuldig, wnm er sich imMer lviÄ>er' auf einem' .Gefühl leisen Bedauerns lertappte, daß Fräulein Sertha erst vor vierzehn Tagen und Nicht schon vor drei Monaten als neue Hausg-enofsin im trauten Bau- bergersch'en Familieriheim erschienen tvar? Es war doch gar iiicht zweifelhaft, daß sie sich nichts, aber auch rein gar nichts aus ihm machte, und daß er nicht die mindeste Aussicht gehabt hatte, ihre Gunst zu geivinuen, auch ivcnn zwischen ihm und Annm ^iichl schon ein offenkundiges' Einverständnis vorhanden gewesen tvkre, als die arme, elternlose junge Berivandte in feinem1 Ge­sichtskreis auftauchte. Er war überzeugt, daß sie bereits eine ändere, heimliche Liebe uni Herzen trage, und selbst ohne sein M'bes Gebundensein würde er schwerlich den Mut gehabt haben, sich bei einem so wenig entgegenkoMiMnden. Benehmen UM ihre feunft zu bewerben. Daß er jetzt iiNmersort an ihr eriiftes! Gericht und an ihre schonen, sanfte!» AUgen denken mugte, war Äfv weiter nichts, als ein« jener unbegreiflichen Torheiten, für Vie er in Ange'nbKchen von jeher eine uperkivürdige Neigung ge­hallt hatte. . . .... , ,,

Immerhin aber wär -cS eine Unter loschen Umstanden recht ürger'lich's Fügung, daß. es gerade Fräulein .Sertha sein mußte, hie ihm auf sein Klingeln die Wvhnungstür öffnete, um ihm Unter Erröten mitzuteildn, daß Onkel, Tante, Kusine und die beiden halbwüchsigen Kusins auf einem OstervvrMittags-sPazier- <rang begriffen feien und schwerlich vor Ablauf einer reichliches halben Stunde nach Saufe kommen würden. Sie würden sich aber SSv- sehr steUM, wenn der Herr Doktor, mit dessen Besuch sie wohl erst für eine spätere Stunde gerechnet hätten, ihre, Veii»- Lbr abwarten würde. Und es tvar- beinahe selbstverständlich, daß Peter Sterziuger ihrer Einladung', näher 311 treten, Folge leistete, da er doch mit seineMj riesigen Ostmeier-Paket nn-- üGglich eine halbe Stunde lang in den Straßen Herumlaufen! Bunte. . , .' .

Im' BaUbergersche» Salon saßen sie einander dann fünf Minuten lang in mühseliger, vielfach stockender Unterhaltung gegenüber. .Sertha hatte sich wogen ihrer großen Aermelschurze Entschuldigen müssen, da sie eben mit den Vorbereitungen zum! Mittagessen beschäftigt gewesen sei. Und wenn sich auch nicht fcugnen ließ, daß sie in dieser Schürze allerliebst aussah, viel Msch«r als Fräulein Annie in ihrem allerschönsten Ltaats- Ueide, so war doch nicht M verkennen, daß solches Kostüm nur schlecht in die luxuriöse E des Baubergeischen Salons

paßte. Ter Herr Direktor i sehr tvoWhabender Mann

jein, und diesen glückliche» lsunMnden entsprachen fv-

tvvht die Ausstattiing feiner Wohnung wie die Art feiner, Lebens- ührung. Auf Peter Sterzingers JreiersgeWshe hatten diese »er* stiltnifse allerdings kaum einen Einfluß geübt; denn er war ja selbst mit irdischen Glücksgütern hinlänglich gesegnet. Aber iver weiß, ob er sich ohne den behaglichen Komfort und die guten! Tiners des Banbergerschen Sauses hier so rasch und mit so be­deutsamen Folgen heimisch! gemacht hätte.

Ms die fünf Minuten um waren, bat Fräulein Hertlja! Unter abermaligem, reizendem Erröten nM Verzeihung', daß sie' ihrer häuslichen Pflichten wegen den Herrn. Doktor allem lassen Müsse, und der Doktor selbst war im selben Augenblick niit euieM gloriosen Plane zustande gekommen, den er schon seit einer guten Weile in seinem Klopfe gewälzt hatte.

Ich habe eine Bitte an Sie, Fräulein Sertha, sagte er. Sie sollen mir zum Gelingen einer kleinen Ueberraschung' Verl-, helfen. In dem Päckchen hier habe ich ein paar Ostereiech die für Fräulein Annies Brüder und für Fräulein Annie selbst bestimmt sind. Nun ist cs doch aber alter Brauch, solch« Mehr! scherzhaften Oster-Angebinde nicht gleich einem1 feierlichen Geschenk offen zu überreichen, sondern: sie suchen zu lassen. Und darum würde es auch mir Vergnügen machen, wenn ich sie irgeiww, vielleicht hier int Salon, verstecken dürfte."

Gegen die Ausführung eines' so bescheidenen! Wunsches ton nie SräUl'ein Sertha natürlich nichts einzuwenden haben; aber Pete« tminger hatte noch einen anderen, etwas bedenklicheren, itt Bereitschaft. Tenn nicht bloß die mitgdbrachteü Ostereier, sondern! auch sich selbst wollte er irgendwo verstecken, teils um sich un­gesehen an der fröhlichen Ueberraschung' der munteren Knaben beim! Auffinden ihrer Präsente zu Weiten, hauptsächlich aber. Weit er sich es' ausnehmend hübsch Vvrstellte, wie Fräulein Aum« unversehens den Vorhang lüften würde, hinter denk er »erborgen War, und wie er dann ungefähr sagen würde:Richtig gefunden! Darf ich hoffen, mein liebes, angebctetes Fräulein -- wer so ähnlichdaß Sie auch diese etioaS umfängliche Ostergabe in Gnaden annehmen .werden?"

Es fomrte allerliebst Werden und hatte als Form! der Be­werbung jedenfalls den Vorzug der Originalität. Aber um zu Wirken, durfte der Scherz natürlich .nicht vorher verraten sein, und Fräulein Hertha, sollte deshalb versprechen, daß sie eine kleine Nlvtlüge auf ihr Gewissen nehmen würde, ene sollte ihren heim!- lehrendcn Verwandten sagen, der Herr Tr. Lterzinger fei in­zwischen daaeweseii und habe sich, nachdem' er ein paar Klemigft keitsn im Salon zurückgelassen, wieder entfernt. Es war un­verkennbar, daß die jung« Dame sich nur recht ungern zu einem! solchen Versprechen.bequemte. Sie sah geradezu medergeMagen 6Uä' als sie nach einigem Zaudern ihre BereltMWkeit, erklärte. Und in der Stille seines' Herzens machte PMcr Sterzinger di« Bemerkung, daß dieses Widerstreben ihrem Charakter alle EhrÄ machte. An seinem schönen Waue aber hielt er nichtsdestoweniger M, und sobald sich die Tür hinter Fräulein Hertha geschlossen! hatte, ging er eilfertig an die Berwirklichuiig. Erst holte er die für die beiden Knaben bestimmten Schokoladen- und Marzipan- Eier aus dem Paket und hielt eifrige .Umschau nach geeigneter« Verstecken. Da sich' solche naturgemäß aM ehesten unter und hinter ben Möbeln darboten, hatte der Doktor Gelegenheit, die luxuriösen Einrichtungsstücke des Salons auch von denjenigen Seiten zu betrachten, die für gewöhnlich den Blicken des Be­suchers entzogen blieben, und mau kann sich ferne Ueberraschung! vvrstellen, als er so ziemlich jedes von ihnen Mit einem hlibfchen blauen Papiersiegel geschmückt fand-, auf dem etwas vonKgl. Amtsgericht" undGerichts-Vollzieher" zu lesen stand. Ganz so gut, wie ers angenommen, schien es also mit den Vermögens- Verhältnissen des Herrn Direktors doch nicht bestellt zu fein.

AW die eßbaren Eier sämtlich untergebracht waren, kam das für Fräulein Annie bestimmte an die Reihe. Es tvar eine! eiförmige Attrappe ans schön bemaltem Porzellan, die m ihrem! Innern außer verschiedenen Süßigkeiten auch ein goldenes Ketten- Armband barg, und die schon um ihrer Zerbrechlichkeit willen! besondere Sorgfalt in her Wahl eines Verstecks eryeischie. Zum Glück hatte Fräulein Annie ihr Arbeitskörbchen zur Bedeckung' eines ettoaS taktlos angebrachten Pfändungs-Siegels auf den reich geschnitzten Ecktisch gestellt, und Peter Sterziuger brauchte nur. ein paar schmutzige Handschuhe, ein Päckchen Schminkpapier, euie stark gebrauchte Puderquaste und einen zerbrochenen EttisteckkamM beiseite zu schieben, um die für die ÄufnaWuie des PdrzellaneiÄ erforderliche Höhlung in den reichhaltigen Inhalt des.worbchenÄ zu graben. Auch, der Zipfel eines engi beschriebenen Briefblattes War bei dieser Wühlarbeit zum Vorschein gekommen, und vhiie daß rs seine Absicht gewesen wäre, eine Indiskretion zu begehen^ hatte der Doktor zufälligeidie Unterschrift gelesen, di« da lautete: Tein tief unglücklicher, aber bis in den Tod getreuer Erich. Den fonterbaren Gedaii^n michmhängen, die dcMurch in ihiU getveckr worden waren, blieb ihm keine Zeit mehr. 'Denn draußen er tonte niit großer Vehemenz die Glocke, und gleich daran, verriet die. heute merkwürdig scharf und herrisch klingende Stimme der Freut Direktor, daß die Familie Bauberger von ihrem Ostervormltrags- Spaziergmrg glücklich heimgelehrt sei. Seinem Vornehmen ge­treu, schlüpste Peter Sterziuger hinter die seidene Pvriiere, die einem Fenstererker zu wirksamem MWUß diente, und er hatte gleich daraus das Vergnügen, sämtliche alte -und junge Biiubergeis heveinstürmUi zu sehen.