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Hat Ihr Herr Vater wieder etwas Neues unter der Feder? Wir haben voriges Jahr sein neues Stück in Wies­baden gesehen. Wirklich sehr ergreifend, nicht wahr?"

Da wissen Sie mehr davon als ich. Ich habe das Stück noch nicht auf der Bühne gesehen, mein Vater nimmt mich M den Premieren nicht mit."

4ten.es Staunen. Ich lasse das seelenruhig über mich ergehen.

Ich sehne mich übrigens gar nicht danach. Vater tieft -mir ja alles selbst vor, ehe es veröffentlicht wird!.!. Da habe ich doch die beste Premiere!"

,AH so! Ah!"

Der Assessor'mit den melancholischen Augen und den wundervollen Plättfalten in den Beinkleidern sieht mich

tief und lange an.

Also ein Dichterkind! Da sind Sie es wohl schon gewohnt, literarisch verwertet zu werden. Gewiß schreiben Sie auch selbst. Sie haben ja die beste Anleitung dazu!"

Ich lache ihm gerade ins Gesicht.

Nein, ich schreibe nicht selbst, dazu bin ich zu eitel" Zn eitel?" Der Assessor, von dem die Sage geht, daß erselbst schreibt", macht ein nicht gerade geistreiches Gesicht.

Kinder bedeutender Männer sind erfahrungsgemäß meist dumm. Ich habe keine Lust, mich zu blamieren und Vergleiche herauszufordern," erkläre ich ihm brutal. Der höfliche Mann weiß nicht, ob er mir widersprechen soll joder nicht.

Da gefallt mir die gesunde Geistlosigkeit meines kleinen spoMMerschen Leutnants viel besser. Der ist ehrlich ent­rüstet über mich:Gnädiges Fräulein, bei dem lockeren Handgelenk nicht Tennis zu spielen, ist einfach unverzeihlich! Direkt ein Charakterfehler, Pardon! Wenn ich es Ihnen beibringen darf r in vierzehn Tagen spielen Sie in jedem Match!"

Die gute Tilla hielt mir gestern eine Vorlesung, daß ich den schönen Assessor nicht besser behandle. Er ist eine gute Partie, ein alter Name, ein entzückender Mensch, wird poch Karriere machen. Worauf ich eigentlich noch warte?

Worauf ich warte? Ich warte überhaupt nicht. Ich Wilk weder den Assessor noch sonst einen von diesen Män­nern mit Miniaturseelen und Miniaturhorizout. Du hast wich zu sehr verwöhnt, Vater. Wozu soll ich überhaupt ?seiraten, da ich mich zu .Hause vollkommen zufrieden ühle?

Heute habe ich die ganze Tennisgesellschaft, den Assessor und Tilla heimlich im Stich gelassen und bin nach dem Leuchtturm zu gelaufen. Schlick, Watt, Wasser. Ein Unruhiger Himmel, der sich in fliegendem Spiel von kühlem Blau und weißen Wolkeiifetzen in der großen, blanken Wattfläche spiegelt. Ganz unten am Rand der metallisch blaugrünen, aufgeregten See die weiße Flutlinie, die sich höher und höher aus den Sand schiebt. Stelzbeinige Strand- läufer, die mit ihrem weißgranen Gefieder wie kleine Schatten über das Watt huschen, und Möwen mit großen, weißen Flügeln.

Hier um mich herum nur der schneeweiße, seine Sand Weiner Düne, grauer, stacheliger Strandhafer und silberige, zart violett getönte Distelbüsche. Und Wind, frischer, stoß- weiser Wind, den ich salzig auf der Zunge schmecke, und der mir wie mit lebendig zerrenden Händen ins Haar greift. Ich halte meine kleine Briefmappe auf den Knieen, und wenn ich bisweilen mit Schreiben aufhöre und die Augen schließe, kann ich mir einbilden, das Flutrauschen da unten wären Thüringer Tannen, denen der Wind durch die schwarzgrünen Nadeln streicht meine großen Tannen am Berg über unferm Haus!

Nun noch ein paar Wochen, dann bin ich wieder bei Mr!

Finde ich Nachricht von Dir in Weddigenhof? Ich weiß nicht, warum ich mich beunruhige, aber ich wollte, ich wäre erst zu Haus.

Blühen die weißen Klematis in der Hauswand schon Md die roten Kletterrosen?

Was machen Deine Manuskripte ohne Dein Fräulein Sekretär?

Tausend .Grüße, Vater!

Deine Agnes.

Weddigenhof, den 5. Juli 1900. Liebster Vater!

Ich habe hier doch noch keine Nachricht vorgefunden!. Hoffentlich nur ein gutes Zeichen. Vielleicht hast Du sehr

viel Arbeit. Oder Du findest es überflüssig, jetzt noch zu schreiben, da wir uns ja doch in ein paar Tagen sehens Mache Dich aber daraus gefaßt, daß Du mich dann so bald nicht wieder los wirst!

Meine flüchtigen Karten hast Du inzwischen wohl be­kommen. Bremen, Hannover, Hildesheim, Goslar diese letzten zehn Tage sind wie eine Läterua magica von Straßen, Kirchenfassaden, eleganten Läden und Kellnergesichtern an mir vorbeigeslogen, immer in der monotonen Begleitung des rotgebunoenen Reiseführers durch Nordwestdeutschland.

Wäre ich allein gewesen, ich hätte es wohl anders angefangen, Deine Heimat kennen zu lernen, was mir ja doch eigentlich der Zweck dieser Reise war. Ich wäre ohne Führer" in der Dämmerung durch diese lustigen alten Gassen mit ihren geschuitzteir Giebelhäusern gestrichen, die alle voll Geschichte und Geschichtcheu stecken. Ich hätte mich still in das dunkelbraune Gestühl dieser Kirchen ge­setzt und hätte den hölzernen Heiligen in die treuherzig derben Gesichter geschaut. Oder ich wäre einmal ein paar Stunden über Land gegangen, zwischen Dörfern, Feld und Heide, und hätte hie und da einem weißköpfigen Bauern-, find zugenickt oder mit einem von den Alten, die noch ebenso hölzern und treuherzig ernst aussehen wie die Kirchenheiligen, ein Wort geredet.

Nun, es half eben nichts, da ich mit Tilla samt Baby und Wärterin fuhr; sie hat einen andern Geschmack als ich und setzt ihn durch wie ein verzogenes Kind. Eigent­lich sind wir ja überhaupt nur Wußfreunbinnen, der Väter wegen. Wenn sie nur etwas von ihrem Vater hätte!

Gestern haben wir uns getrennt. Und jetzt Weddigenhof.

Hier fühle ich mich zum erstenmal seit Wochen von! innen heraus wohl und warn«, fast als ob ich zu Hanse wäre. Das bin ich ja auch eigentlich. Dip hast mir so viel von Weddigenhof erzählt, daß, ich es auf Schritt und Tritt kenne. Es ist, als ob ich eigene halbvergessene Kindererinnerungen wiedererlebte.

Da ist das Haus, dieser altmodische Kasten mit dem hohen, steilen Dach. So ganz ohne Präteiisionen und ohne Stil, aber so wundervoll gut und heimelig mit den tausend purpurroten Büschelröschen, die um Haustür und Veranda hängen, und den vielen blanken gutmütigen Fensteraugen. Und köstlich unpraktische Stuben darin, hier ein Eckchen, da ein Treppchen, wie man sie nur noch in alten Häusern findet, wo jede neue Generarion an dem lieben Nest herumflickt, bis es ihr paßt. Die verblichenen Tapeten und die alten Möbelstücke sehen mich an Ivie mit läugst- bekannten Gesichtern.

Dann der Garten. Ich habe nie gewußt, daß ein Ge­müsegarten schön fein kann, wirklich schön mit den schnur­geraden Beeten, wo jedes Kraut und jeder Salatkopf sich so gesund und grün breitmacht, und wo die Bohnen mit ihren weißen Blütenschmetterlingen eine so unerhörte Grazie int Klettern und Ringeln entwickeln! Auch das Rasenrondell ist noch da, und der Sitzplatz unter denk großen Nußbaum, durch dessen Blätter die Sonne scheint wie durch grünes Kirchenfensterglas, warm und stark und doch weich.

Auch den großen Wirtschaftshof liebe ich, die Ställe, den Hudekamp mit den rotbunten Kühen, den Buchenberg, an dessen Rand die feierlichen violettroten Fingerhutkerzen stehen und die Felder.

Gestern hat mich Onkel Franz gleich durch feine Felder geführt. Er ivar ganz Landwirt und lachte mich aus mit meinem Entzücken.

,/Schon soll das sein, Deern? Der Roggen steht ja gut, das ist wahr. Aber schön? Einfach langweilig, weiter nichts!"

Ich höre sonst sein gesundes, kräftiges Lachen gern; aber da störte es mich doch,. Ich bin gegen Abend noch einmal allein aus dem Hoftor gelaufen.

Diese Kornfelder! Vater, sie sind das schönste an Weddigenhof! Diese endlose, baumlose Fläche, in der nur hie und da ein Dorf wie eine Insel liegt! Nichts als Werden und Wachsen und Stille und Reife. Der Roggen Mit mannshohen Halmen schon fahlgelb, der starre, dunkel­grüne Weizen mit den strammen, festen Aehrenköpfen, und die Hellen Gerstenfelder, über die es wie der Schein grüner Seide läuft, wenn der Wind darüber fährt. ,,Nufer täglich Brot!" Die uralte nahe Verbindung mit der großen/ geliebten Mutter Erde, der der Mensch mit aller Kultur,