Donnerstag den 25. August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebig.
^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Mit einer trostlosen Frage irrte Valentins Wick über das weite Land — was trennte ihn denn noch von ihr?
Ach nichts, gar nichts, es war ja nur seine eigne Dummheit, dre ihn quälte! Konnte man wohl eine bessere, eine schönere Frau finden?
Und war's nicht auch schön hier in Polen? Auch in Polen ließ sich's leben, so gut wie am' Rhein. „Valentin, Valentin Bräuer," sagte er zu sich selber und gab sich mit der flachen Hand einen Schlag vor die Stirn, „sei doch nit eso dumm!" Und mit einem plötzlichen Entschluß nahte er seinem jungen Weibe leise von hinten und drückte ihr einen Kuß auf die Schulter.
-Sie schrie auf. „Psia krew, was für ein Frecher!" Aber dann lachte sie unbändig: ach, der Walek war's! Der küßte ja die Schulter, wie einer von hierzuland! „Da — da — auch den Kleiderärmel!" Sie hielt ihm ihren Ellbogen hin. Und: „Da — da auch: „padam do nog"!" „Laßt doch die Dummheiten," sagt Vater Bräuer. Es ärgerte ihn, daß der Junge sich so zum Narren halten ließ. -„Gebt dat doch auf," brummte er.
Aber die Schwiegertochter lachte: „Wenn er doch will!" Und Valentin an der Hand fassend, zog sie ihn mit fW ein wenig abseits von den andern und fiel ihm da, gedeckt von einem strauchartigen Holzbirnbaum, der am Grabenrand stand, um deu Hals. „Walek, mein Lieber, o du meine Seele, komm, küsse mich!"
So liebeheiß war sie lange nicht gewesen. Es durchrieselte den jungen Mann Ivie ein Feuer. Ach, wenn er nur erst Vater wäre, wenn sie nur erst einen kleinen Jungen kriegten oder ein kleines Mädchen, gleichviel, nur ein Kind, dann würden sie sich doch ganz anders verstehen! Eilt Licht ging ihm plötzlich auf am grauen Horizont, eine Hoffnung, leuchtend wie die Sonne: ein Kind, ein Kind mußten sie nur erst haben! Wenn das in der Wiege lag, dann war alles, alles gut!
Zärtlich seine Fran an der Hand behaltend, ging er Mit ihr auf die Kapelle zu. —'
Dort war der Ablaß, in vollem Gang. Vikar Gorka, Unterstützt von dem Geistlichen eines Nachbardorfes, versah den Dienst. Er sah blaß und erschöpft aus; die Anstrengung war sehr groß.
Die Bräuers zogen auch um den kleinen Altar, von dem die schwarze Muttergottes herunter sah, in der Reihe imit den anderen, feierlichen Schrittes. Nun hatten sie auch gebetet und geopfert und dann den Ablaß bekommen tvie die andern. jNun wollten sie auch noch aus der als wundertätig geltenden Quelle schöpfen; es waren ihrer viele da, die daran glaubten. Müde und vom Staub des Ackers
entzündete Lider hatten sie alle, und ein paar Greise bückten und bückten sich immer wieder und bespülten mit der hohlen Hand lange und unablässig ihre erloschenen Augensterne.
Stasia, die drinnen in der Kapelle ein Gesicht gemacht hatte, fromm wie das Madonnenbild selber, war hier außen übermütig lustig. Auf den sprossenden Rasen hatte sie sich niedergesetzt. |D, sie hatte es nicht nötig, sich die Augen zu waschen! Sie schöpfte nur zum Trinken und spritzte dann ihrem Manu vom Wasser ins Gesicht: „Auf daß du sehest!"
Er naschte sich lachend mit dem Rockärmel die Tropfen ab, die ihm vom reichlichen Guß über Stirn und Lider rannen. Als er wieder schauen konnte, sah er plötzlich Pan Szulc stehen, — zum Donnerwetter, hatte der sich doch eingefunden?! ,
Wer Inspektor schloß sich den Bräuers an; auf deM Nachhauseweg ging er mit Stasia. Vergebens suchte Valentin bei ihnen zu bleiben — bald waren sie weit vor, bald allein zurück —, er wußte sich's nicht zu erklären, tote es zugehen konnte, daß sie ihm immer toieder entschlüpften.
Zuletzt gab er's auf und ging allein., Er ließ deck Kops auf die Brust hängen und brütete vor sich hin.
Vor ihm her gingen Vater und Mutter und führten das Settchen in der Mitte; andächtig gingen sie alle drei und sprachen wenig. Frau Kettchen betete jetzt nicht mehr den Rosenkranz tote auf dem Hinweg, aber es war gewtß, daß sie noch in ihrem Innern betete; ihr Blick war fromm.
Warum war Stasia nicht auch so? Der junge Bräu erhörte das Kichern seiner Frau hinter sich. Warum war die nicht auch so? Ach, daß sie doch der andern da mehr gliche! Valentin hatte seine Stiefmutter immer herzlich geru gehabt, aber heute, jetzt auf einmal hatte er noch ein andres Gefühl für sie. Es trieb ihn, die Vorangehenden mit ein paar hastigen Tritten einzuholen und dann neben Frau K'ettcheu ein Weilchen herzuschreiten. Als kleiner Junge hatte er sich gern der Stiefmutter an den Rock gehangen, nun drängte es ihn wieder, ihr Kleid zu berühreu. Wie in Ehrfurcht streifte seine Hand darüber hin. „Mutter," sagte er leise, „gute Mütter!"
Und daun ging er wieder ganz allein chinten nach, bis sie nach Pociecha-Dorf kamen. Hier zupfte ihn Stasra! am Rockschoß. Droben beim Ablaß hätte sie eine der sauren Gurken haben Müssen, die das schmutzige Weib an der Kapellentür feilbot, und von dem Krüppel auf der andern Sette, der Heringe anshökerte, hatte sie auch gekauft und den Fisch verzehrt, aus der Salzlake heraus, wie alle taten; jetzt wollte sie auch tanzen in Pociecha-Dorf.
Heute, heilte wollte sie tanzen, in der Fastenzeit?! War sie toll?! Valentin faßte nach ihrem Kleid.
Sie machte sich los. Taten das denn nicht alle, und. war sie's nicht gewohnt so, immer, an jedem Ablaßtag? So. war es Mariä Verkündigung, so Mariä Kräutertoech, so Mariä Geburt. Wer hieß denn diesmal den Ablaß f» unglücklich gerade in die großen Fasten fallen?


