Ausgabe 
25.6.1910
 
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tfaß jiiito schon vor 1800 Jahren in China erstmven wird, sich itt Europa aber erst sehr spät Einsang verschafft. Die sich metzr trnd mehr verbreitende Fähigkeit des Lesens uui> Schreibens macht ttber eine Geheimhaltung des Textes noch notivendiger als früher. Man erfindet sich also den mit Siegel uno Stempel verschließbaren! Briefumschlag, den sich mänuiglich mehr als 100 Fahre lang! [wer nut der schere unter beträchtlicher Papiervergeuduiig zurecht- schneidet, bis man endlich nach dem Jahre 1830 in England zn der ueberzcugung kommt, daß es viel ökonomischer ist, die Um!- schlage fabrikmäßig herznstelten, wobei obendrein ein viel elö- ganteres und gleichmäßigeres Produkt zustande kommt.

. o, Nach einem iveiteren Dutzend Jahre ist man endlich auch 1844 so Weik, die Umschläge nicht mehr durch Handarbeit, sondern! Mit Hilfe der weit schnelleren Maschine herznstelten. Das Be­dürfnis nach Geheimhaltung der Nachrichten besteht aber schon längst nicht mehr in dem alten Umfange. Trotz der höhest Nouenportos laufen täglich schon Hunderttausende von Briefen in die weite Welt hinaus, in denen Meyer st. Co. bei der Firmst Müller n. Schirltze zwanzig Sack Kaffee bestellen oder diese ast reue von der Absendung Mitteilung machen. Ob der Postassistentj !mld der Briesträger diese höchst unpersönlichen Mitteilungen lesen, ist sehr gleichgültig, und in den meisten Fällen haben sie gar! sticht einmal die Zeit dazu, den Briefschrcibern aber machen dies

Höflichkeitsfloskeln nur ganz überflüssige Mühe. Mie Welt ist also für eine neue Form der Benachrichtigungen reif ßetwrMn, bei der auf einer Seite eines viereckigen Kartons mifr dw Adresse steht, während auf der anderen der Schreibende dem Adressaten die Mitteilung in so knappen Worten macht, ioie sie dem Telegrammstil zu eigen sind. Die Erfindung der Postkarte schwebt also, um es mit anderen Worten auszudrücken, in der! Lust, und es handelt sich nur um die Frage, wann Sankt Burcau- rratlus, von dessen Gnade schließlich alles abhängt, sich dazu bequemen wird, den wichtigen Schritt $it tun.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß zugestanden werden, daß in diesem Augenblicke auch wirklich einmal in postalischen Mrersen der richtige Mann sich fand, der iinbeirrt durch öde und kleinliche fiskalische Rücksichten dem Gedanken die richtige Forin gab, und ihn den Postverwaltungen, die sich immer schieben zn lassen gewöhnt sind, unterbreitete. Aus der fünften Konferenz des deutschen Postvereins, die im November 1865 in Karlsruhe ab gehalten wurde, verteilte der damalige Oberpostrat Stephan, der nachmalige Staatssekretär des Reichspostamts, der als Be­gründer des Weltpostvereins sich unvergänglichen Ruhm erworben hat, eine auf mechaniichem Wege vervielfältigte Denkschrift über die Einführung des ,-Postblattes", wie er damals die später in den Verkehr gesetztePost-" oderKorrespondenzkarte" nannte. Sein Vorschlag >var nur privat und nicht offiziell, weil die Zentzak- behörde der preußischen Post, die damals gerade die Aufhebung! des Drei-Zommportos plante, über die fiskalischen Bedeiiken nicht hinauskam, obwohl Stephan für sein Postblatt den Preis von! einem Silbergroscheu vorschlug, mit dem die PostverivaltMig ein glanzendes Geschalt gemacht haben würde.

Seine Begründung enthält folgende besonders' bemerkenswerte Stellen:Die Form der Briefe hat wie viele andere menschliche Einrichtungen cm Lause der Zeiten mancher Wandlung unterlegen. Aus den verschiedenen Wandlungen ist die Form aber immer ein­facher hervorgegangen. Dies durfte zum Teil auch von der Form des Inhalts gelten, wie der Schwulst des Briefstils früherer Zeiten, die Hausung der Titulatureir usw. beweist. Die jetzige Form gewahrt für eme erhebliche Anzahl von Mitteilungen nicht die geiiligende Einfachheit. . . . Diese Betrachtungen lassen bei dein Postwesen eine Einrichtung etwa in nachstehender Art viel- leicht als zeitgemäß erscheinen. Bei allen Postanstalten, sowie bei den Briefträgern und Landbriefträgern kann das Publikum Formulare zu ossenen Mitteilungen erhalten. Ein solches For­mularPostblatt" hat die Dimensionen eines gewöhnlichen Brief­kuverts größerer Art und besteht aus steifem Papier, entspricht! Mithin etwa den Dimensionen der in einigen deutschen Postbezirken neuerdings cingeführten Postanweisungen. Die Vorderseite würde oben als Ueberschrift die Benennung des Postbezirks und eine, entsprechende Vignete (Landestvappen usw.) tragen, links einen Markierten Raum zum Abdruck des Postaufgabestempels, rechts die Postfreimarke, gleich in das Formular emgestempelt. Dann ein Raum zur Adresse nut VordruckAn",Bestimmungsort" und LFMnnng des Empfängers", sowie die vorgedruckte NotizDie Rückseite kann zu schriftlichen Mitteilungen jeder Art benutzt

Publikum dürfte die Einrichtung, zumal, wimir die anfängliche Scheu vor offenen Mitteilungen überwunden! ßPj trnr?, >ür viele Gelegenheiten und Verhältnisse ivillkommen nnistnndlich r,t es >z>. B. oft auf Reise«, unterwegs eine briefliche Nachricht von der glücklichen Ankunst, von der Nachseiidung eines vergesseiien Gegenstandes usw. an die Anae- m)ri?L?t mlangen zu lassen; künftig wird ein Postblatt aus dem Portefeuille gezogen, mit Bleistift im Kuptze auf dem Perron usw «eiW1111 Ub in ben nächsten Briefkastenvder Eisenbahnpostwagen toertonlS^ der Versenkung und blieb

Freien Presse" «2 Abendblatt derNeuen

rJ. e t .ut Artikellieber eine neue Art der!

Korrespondenz erschien, ut dem sein Verfasser Dr. Emanuel

Herrmann, Professor der Nationalökonomie an der Militäraka- ^uie zu Wiener-Neustadt, später Dozent an der Universität Graz,, den Gedankeii Stephans fast nut derselben Begründung wie jener 1 k!1 s6rlmihm die Stephaiiscke Denkschrift!

von 1865 damals ichon bekannt geworden war, wie vielfach an­genommen wird, läßt sich mit Sicherheit nicht feststellen, und auf dieser unlösbaren Frage beruht der Streit, ob die Postkarte ttntf einmal (von Stephan) oder, wie Hermann behauptet, noch ein! zweites Mal erftinden worden ist.

Aus reden Fall aber bleibt der österreichische>l Verwaltung, yle. isch obendrein für das billige Porto von zwei Kreuzern ent-i schied, das große Verdienst, im Verein mit dem ungarischen! Handelsministerium als erste Postbehörde zur faktischen Aus­führung geschritten zu sein. Verschiedene vom Geist der Bureau-, kratie beabsichtigte Einschränkungen, wie z. B. die kindische Bor-, schnft, den Text auf 20 Worte zu beschranken, nmrden schon damals chs undurchführbar erkannt. Wie man damals aber noch Bedenken suchte, wo keine Vorlagen, geht aus dem Einwand dös damaligen österreichischen Handelsministers ^gnaz von Plener hervor, daß die Post lvohl sehr häufig m die Lage kommen werde, ehrenkräiikeiide oder unsitf Ilche oder tote immer beleidigende Mitteilungen an beit Adressaten spedieren zu müssen, sobald sie sich des Rechtes bembt derlei Korrespondenzen zii unterdrücken, oder nicht aus­drücklich erklärt, für den Inhalt der Mitteilungen keine Veranh- Wörtlichkeit zu übernehmen.

Unter diesem doch eigentlich selbstverständlichen Vorbehalt- der ut einer besonderen Anmerkung aus der Rückseite zum! Aus-, druck kam, wurden die Karten vmu 1. Oktober 1869 im inneren! österreichisch-ungarischen Verkehr in Umlauf aesetzl. In den ersten Monaten wurden sie wegen des Reizes der Neuheit viel gekauft, dann sank der Absatz und hob sich später nur langsam, so daß im ersten Jahre nur knapp 10 Millionen Stück abgesetzti werden konnten. Eine weitgehende Popularisiermig erfuhr die! Postkarte erst, als Stephan, der inzwischen Generalpvftdirektsri des Norddeutschen Bundes geworden war, am 2 5. Juni 1870 un norddeutschen Postgebiet die Postkarte zur Einführung brachte- die gleich am ersten Tage in der Höhe von 45 000 Stück ge­kauft wurde, obwohl sie einen Silbergroschen, also fast dreimal soviel kostete wie in Oesterreich-Ungarn. Gleichzeitig hatten auch dw süddeutschen Staaten mit selbständiger Post die Karte zur Einsührung gebracht, für die im Ortsverkehr in Bayern und Württemberg der billige Preis von nur einem Kreuzer festgesetzt! wurde. Wenige Wochen darauf brach der deutsch-französische Kries aus, der der deutschen Postkarte eine ungeheure Verbreitung ver­schaffte, weil die Verwaltungen Portosreiheit für zwei verschie­dene Arten von Feldpostkarten, für Sendungen an die mobile Armee und von Kombattanten nach Hause bewilligten, die inj vielen Millionen Stück im Laufe des Krieges benutzt wurden.

Schon am 1. Oktober 1870 folgte England mit seiner Post- dem österreichischen und deutschen Vorgänge, in schneller! Reihenfolge schlossen sich die anderen Länder an, nur zögernd Italien, und als letztes der größeren Kulttirstaateu 1879 auch Frankrelw, das zur Zeit der Belagerung von Paris sogar eins Luftschlffkarte mit der Aufschrift,,par ballon moiftö" besessen, sie nach der Einnahme der Hauptstadt aber wieder abgeschafft hatte, ohne der auf gut Glück durch unbemannte Ballons hinausspediertenj Karte die eigentlich selbstverständliche Nachfolgerin zu geben- Frankreich ist auch dasjenige Land, das am längsten au einem hohen Postkartenporto festgehalten hat, und' noch heute entbehrt die Postkarte dort der großen Beliebtheit, die sie ander-wp Wie mi Fluge errungen hatte.

Die postalisch-technischen Schönheitsfehler, die der Posttarte' bei ihrer Geburt anhafteten, sind im Laufe der Jahre so ziemlich durchwegs geschwunden. Die Einführiulg der Weltpostkarte, der Postkarten mit Rückantwort, der Bücherbestellkarten mit Druck­sachenporto smd nur einzelne Etappen aus dem 40 jährigen Wegei bis zur Gegenwart. Im Jahre 1907 belief sich der Postkarten- verkehr m Oesterreich auf 480 Millionen Stück, von denen 70 Prozent auf den inneren Verkehr entfielen. In Deutschland ist die Gesamtleistung der Post an beförderten Karten selbstverständlich noch viel höher. Sie belief sich im Jahre 1908 auf 1623 Mikl. Stuck, darunter 55 Mill. Sttick, die aus den deutschen Schutz- ^?ud 56 Mill., die dorthin gingen, während 351/2 Mill, un Durchgangsverkehr behandelt wurden.

.. Dank der menschlichen Inkorrektheit und Vergeßlichkeit ist die Postkarte btejemge Art von Briefsendimgen, bei der ohnei Schuld der Verwaltung am hüilfigstei! der Fall der Unbestellbar-, kett eintritt. Bald ist die Adresse falsch oder unleserlich geschrieben, wobei die Karte günstigenfalls an den Absender zurückgelangt- bald kann die unbestellbare Karte auch an den Wseuder nicht mehr zurückgeleitet werden, weil er feinen Namen und Wohnorts nicht angegeben hat. Endlich kommt, namentlich bei den An-, sichtskarten, der häufige Fall vor, daß der Schreibende über-z Haupt vergißt, die Adresse und seine genaue Bezeichnung darauf zu schreiben. Aus diesen und ähnlichen Gründen fallen in Deutsch­land alljährlich mehr als I1/2 Mill. Postkarten der Vernichtung anheim, ein Los, das aber immerhin nur jede tausendste Post­karte ereilt.