Ausgabe 
25.6.1910
 
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*) Pferdeknecht.

-**) kurze pluca ein Hühuergcspenft.

©todf mitten unter sie' ein junges Perlhühnchen sank um niw ständ nicht mehr auf. Hatte er nicht schon hundertmal befohlen, das Federvieh sollte sich nicht hier bei Futter« spercher und Tennen herumtreiben?! Me leicht, daß sie ein Loch fanden, um bequem hineinzuschlüpfen und zu fressen und zu fressen! Das verstand Therese nun eben doch nicht, im Kleinen mußte auch gespart werden. Die Ausgaben wurden zu groß, was kosteten die Jungen nicht alles! Es war schrecklich. Sie dachten wohl gar, des Vaters Tasche Wäre unerschöpflich? !

Mit erneue Seufzer bückte sich der Vater und las eine Handvoll der verstreuten Aehren zusammen. Sie wie einen Strauß in der Hand haltend, blickte er, den Kopf nach« denklich loiegend, darauf nieder.

Die Hühner, die sich vom ersten Schrecken erholt hatten, kamen schoil wieder dreist nach denr Futter gerannt; auch die Enten, ein blaugrüner Erpel vorarr, nahten mit,katsch, hatschi Selbst die Tauben, die bis dahin in ihrem Schlag, der sein hölzernes .Häuschen mit dem runden Durchschlupf- türchen ans baumhoher Stange beim Pfuhl erhob, gegurrt hatten, ließen sich jetzt nieder vorm Scheunentor wie eine besonnte weiße Wolke.

Marynka! He, Marynka!"

Laut hallte der Ruf über den weiten Hof und weckte das Echo, das hinterm Kuhstall wohnte. Zum Kuckuck, wo schlief denn die faule Dirne? ! Natürlich, die hatte der Hoppe engagiert wie der Inspektor, so das Gesinde! Hatte denn niemand Ohren? !

Vom verborgenen Plätzchen hinter den Pferdeställen kam jetzt ein Formal*) gestürzt. O weh, der gnädige Herr war böse! Scheu guckte der Knecht. Es war seines Amtes, draußen bei den Gespannen zu fein, aber die noch grünen Winteräpfel und die Mistbeetmelone, die er heut nacht mit dem Stroz zusammen aus dem Herrschaftsgarten geholt, kollerten ihm arg im Leibe. Sich mit beiden Händen rasch die Hose Hochziehens, schnitt er ein vor Schmerz und Ver­legenheit klägliches Gesicht.

Aber der gnädige Herr bemerkte es nicht.Wo ist die Marynka he? !"

Der Pferdeknecht atmete erleichtert auf, tvenn ihm auch aerade wieder ein Schneiden durch den Leib ging wie mit dem Messer.Ah, die Marynka?! Die Marynka, da ist sie, heim Kompost!" Der Schmerz verzog sein grinsendes Ge­sicht, er verschwand eilig.

Auch Kestner verließ geschwind den Hof; durchs Gittertor Mit den Eisenfpitzen schritt er in den Garten. Dort lag hinterm Treibhaus der Kvmposthaufen, an dem Frau Therese hie Champignons züchtete, die sie frisch oder auch in Wichsen eingemacht den Söhnen schickte. ,

^Wollte das.Frauenzimmer, die Hühnermagd, etwa auch Champignons pflücken, jetzt, wo alles draußen auf dem Felde war und sie sich unbeobachtet wähnte?! Das wäre! Ganz sachte schlich der Herr sich heran, den Stock erhoben weiß Gott, dal kniete die Diebin vorm Kvmposthaufen, ganz vertieft in ihre Mauserei!

Daß dich die KNrzepluca**) hole! He, du!"

Schwer ließ der Herr seinen Stock auf die Knieendo Niederfallen.

Mit einem erschrockenen Aufschrei fuhr die kleine Ma- VYnka herum. Ihr Gesicht tvar ganz von Tränen über­ström^ ein sich sträubendes, junges Perlhuhn hatte sie unter den Händen, zwischen den Zähnen hielt sie das zum Schlach­ten bestimmte Messer.

Werd' ich es ja schlachten, gleich, gleich!" schluchzte sie. ,O/ wein liebes Hühnchen, so jung und soll schoil sterben! Sagt die Mamsell, gnädige Pani hat bestimmt dieses, es jnuß gebraten werden und fahren weit, wo ist Deutschland. Hat es gelbe Füßchen und ist so schön schwarz und weiß! Ach, Pauje Keszner" sie drückte das zitternde Hühn an ihr Kindergeficht und sah den gnädigen Herrn unter Tränei, blinzelnd und bittend an:Muß Hühnchen wirk­lich sterben? !"

So hiü also Therese schickte schon wieder einen Freßkober nach Berlin? Als ob man da nicht genug zu essen kriegte! Der Junge ließ sich doch wahrlich nichts ab­gehen ! Kestner zog die Augenbrauen hoch, aber dann sagte er unwirsch:Dalli, dalli, laß die Pani nicht warten!

Schlachte sofort das Huhn! Und hier" er scharrte mit dem Stock TThier gräbst du die Eingeioeide em!" Das gab guten Dung für die Champiguonbrut, die wuchs danK reichlicher!

Er ging am Bienenstand und an den Spargelbeeten^ die jetzt in hohen grünen Bäumchen mit roten Beeren standen, vorbei und durch das Blumenrondell zur Veranda auf der Rückseite des Wohnhauses.^

Die kleine Marynka, das Messer zwischen den Zähnen, sah ihm traurig nach. Ach, armes Hühnchen! Wenn sie put, put" gemacht, war es immer Werst gekommene

Unwillkürlich lockerten sich ihre Hände mit einem Auflrähen entwrschte ihr das Huhn, fort war es, saß ans dem Gittertor und drehte äugelnd das Köpfchen, war jetzt schon drüben auf denk Hof und stob mit gespreizten Flügeln davon.

Sie war ihm nachgelaufen, die Hände ausstreckend, um es zu greifens Ueber den Hof bis zur ersten Scheune hin! ging die Jägds Es ließ sich nicht fangen.

Put, put put, put!" Da hielt es zutraulich an, plusterte sich auf und pickte ein Körnchen.

Heilige Maria, nein, sie koimte es nicht schlachten! Vater, Mutter waren im Himmel, Hühnchen purste nicht auch dahin gehen!

Sich niederkauernd beim pickenden Liebling, weinte die Keine Marynka aufs neue bitterlich. Hilfesuchend irrte ihr Blick über den öden Hof. Da sah sie recht? Wie Sonnen­schein blitzte es .plötzlich durch den -Schlerer ihrer Dränen, schnell war sie auf den Füßen, schnell zugesprungen da lag wäs am Boden zwischen Unkraut und Spreu, mit gelben Füßchen und schön schwarz und weiß, und das war schon tot!

Heilige Mutter, heilige Schutzpatronin, du hast ge­sehen armes Waisenkind!" Entzückt stammelte die kleine Marynka; das Messer entglitt ihren Zähnen, flugs nahm sie es zur Hand: rasch das tote Hühnchen noch abg e sch lach- tat! Perlhuhn ist Perlhuhn toter wird es merken?!

(Fortsetzung folgt.)

Die Postkarte.

!8u ihrem vierzigjährigen Jubiläum (25. Juni), Von Dr. Hermann Wiegand (Berlin).

Wer sich heute den Spatz machen will, für 10 Pfennig eins Nachricht um den ganzen Erdball herumzujagen, versieht eine Weltpostkarte (Carte postale internationale), auf der er srch mit Name und Wohnung genau als Absender bezeichnet hat, mit der Adresse einer beliebigen, fingierten Person in San Franzisko« setzt den Vermerk hinzu:Wenn Adressat abgereist, nachschicken nach Peking, deutsche Post" und kann, da feinen Angaben genau! gefolgt wird, damit rechnen, daß die Postkarte, nachdem sie in China die gesetzliche Zeit gelagert hat, nach einigen Monaten über! Sibirien wieder an ihn zurückgelangt. Die eben geschilderte) von Sammlern nicht selten geübte Methode ist im allgemeine!»! Verkehrsinteresse gctvitz zur Nachahmung nicht zu empsehlen« illustriert aber wie keine andere den ungeheuren BerkehrssortschritÜ der einen seiner größten Sprünge machte, als vor nunmeW 40 Jahren die Institution der Postkarte ins Leben trat, die wir uns heute kaum mehr aus dem Nachrichtendienst entfernt denken! können.

Vor 2000 und mehr Jahren war es anders. Der Krieg! aller gegen alle oder zum mindestens eines jeden Volkes gegeü feine Nachbarn stand noch so in Blüte, daß die unbedingte Ge­heimhaltung fast aller Nachrichten das erste Gebot des Bricfverkehrs war. Bei den nordgermanischen Stämmen schlachtete man, sobald eine blutige Fehde in sicherer Aussicht stand, ein Rind und ver­sandte die einzelnen Stücke an die befreundeten Sippen als Zeichen, datz man ihres Beistandes bedürfe. Me Nordamerikas Nischen Indianer yaben ihren Boten aus Seemuscheln angefertigU Wampnngürtel mit, die, wenn sie weiß ivüren, Freundschaft be­deuteten, während schwarze Gürtel Krieg ankündigten und rote! Gürtel samt einer Rolle Tabak ein dringender Notschrei nach Hilfe waren. Recht umständlich machten sich persische Könige und Satrapen die Beförderung geheimer Botschaften. Sie schrieben! die Nachricht einem Sklaven auf den glattrasierten Schädel und entsandten ihn, sobald das wachsende Haar die Schrift verdeck* hatte, worauf der Adressat den lebenden Brief seinem Hofbarbieir! überlieferte, der die Schrift durch neuerliches Abscheren wieder lesbar machte.

Langsam vervollkommnet sich das Schreibmaterial. Der baby­lonische Ziegelstein, auf dem auch der Kellner Schar imSchwarzen! Walfisch" zu Askalon dem Gast die Rechnung darbringr, weicht dem Pergament, den mit Wachs überzogenen Bein- Md Holz­täfelchen und den Papyruspollen und endlich erscheint das Papier,