Ausgabe 
25.6.1910
 
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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Biebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

r Mit weitausholenden Tritten schritt Rittergutsbesitzer Kestner über die Straße auf die Stoppel und weiter über orese auf den neuen Schober z>u. Dieser fing schon an, sich 8U erheben. Die unterste Runde war bereits gelegt; in

Mute stand ein Rothemd und ordnete die Bündel, und dre Magde fingen an, hinaufzuklettern und die Mandeln festzutrampeln. Die Knechte starrten mit lachenden Mäu­lern nach den vom kitzelnden Stroh zerstochenen Waden.

Wlodasch!"*) brüllte der Herr mit aller Kraft. Wlodasch!"

Der Bogt, der dem eben anrumpelndeu nächsten Wagen entgegengegangen war, kam eilig gesprungen.

Wlodasch, daß mir hier ordentlich gerichtet wird! Setzt den Schober nicht auch wieder so schief wie die andern! Wie steht denn das aus? Wo ist denn der Inspektor?"

Der Bogt wußte es nicht.

Natürlich, wo wäre denn je ein Inspektor da, wo er sein sollte! Der Herr ließ die Bliche über die Endlosigkeit seiner Felder schweifen.

. Aha, ganz dahinten, wo die Rübenfelder des Vorwerks einen grünen Strich unter dem Himmel zogen, tauchte jetzt etwas auf: ein krabbelndes Käferchen! So lcntgsam, wie eine Schnecke so langsam! Man sah kaum das Sichbewegen der Pferdebeine. Wahrhaftig, nicht mal mehr reiten konnte der! Nein- nein Kestner schüttelte energisch den Kopf man mußte Hierzuland keinen Deutschen nehmen; der Hoppe chatte sich kolossal früh verbraucht! '

Mit enternpadam do nog" knicksten die Erntearbeiter, äls der «gnädige, Herr musternd seinen Blick über sie hin­gleiten ließ., Die Männer sahen rotbraun aus, kupfern wie die Indianer; das Jpemö stand ihnen auf der Brust offen, die Hosen in den hohen Stiefelschäften waren bei der angestrengten Bewegung gerutscht, kaum hielt sie noch der verschabte Ledergurt, darin der Wetzstahl für die Sense steckte. Auch die Mädchen waren halb aufgelöst. Wie eine Wolke hüllte ein ätzender Schweißgeruch den Schwarm und den Schober ein.

Befriedigt nickte Kestner: die konnten arbeiten! Schaff­ten in einer Stunde mehr als deutsche Leute in dreien!

Wlodasch, laßt den Leuten heut Sie doppelte Ration geben! Auch den Weibern das Mätzchen voll!"

Der Bogt bückte sich.

Ich falle zu Füßen!" Und dann ermunterte er mit einem Blick ringsum:Pan Keszner gibt euch doppelt so viel Schnaps heut dalej, dalej**), arbeitet flink! He,

*) Vogt.

**) voran!

aufgepaßt wir danken!" Er riß den runden Hut bis! zur Erde:Daß der gnädige Herr lebe!"

Schnaps, die doppelte Ration Schnaps heut?! Alls Hüte flogen herunter.Wir danken! Daß der gnädige Herr lebe!"

Alle Arbeitenden stimmten tu den Ruf mit ein: in einem kurzen Aufjauchzen schoß das Lebehoch über den Schober.

Als Kestner in sein Hoftor zurücktrat, prallte die Sonne noch sommerheiß; nur an beit verlornen Mehren, die vor den geschlossenen Türen der Scheunen zertreten lagen, und an denen sich eine Schar von Gänsen und Enten, rot- gelappter Puten und Perlhühner gütlich tat, merkte malt den Herbst.

, Wie ein Ungetüm staitd unterm schindelgedeckten Re­misendach die Lokomobile. Der Monteur aus der Kreis­stadt schaffte um sie, und der Stellmacher vom Dominium leistete ihm Handlangerdienste. Morgen sollte sie' hinaus und den Aufaug machen auf der entferntesten Stoppel und fauchen und fressen, stöhnen und Garben schlucken, ass wären's Halme, und sich so immer weiter durchsressen, immer näher heran, bis zu den setzten Weizenschobern auf der nächsten Stoppel beim Hoftor. Aergerlich genug, daß man schon ausdreschen mußte, aber was sollte man machen?! Die Scheunen waren gestopft voll, man würde viel zu früh verlaufen müssen!

Mit hochgezogeueit Augenbrauen stand der Przhboro- woer vor der mit eisernen Bändern beschlagenen Tür seines Kornspeichers und besah sich das langgestreckte, das etnzigs massive Gebäude des Hofes vom untersten Mauerstein bis zum obersten Dachziegel. Für diesmal war's viel zu klein und doch ein andermal wieder viel zu groß!

Die Mauer entlang, auf dem schmalen Pflasterstreiftn, zwischen dessen spitzen Steinen Stechapfel wuchs und sehr viel Brennessel, saßen Weiber, den Rücken gegen die Speicher- Wand gelehnt, die Beine platt in den Hof hinaus gestreckt. Das waren die Frauen der Komorniks, Mütter und Groß­mütter, die jetzt die Kornsäcke zu flicken hatten, die von den Mäusen zernagt waren, Alle Säcke würde man brauchen.

Dalli, dalli," sagte der Herr wieder. Sein Blick streifte die lange Reihe. Wahrhaftig, da hatte schon jede einen großen Topf bei sich stehen! Da würden sie nun sofort in den Knhstall rennen, sowie nur die Glocke zur Melke ertönte, gierig auf ihr Deputat keine kleine Abgabe, diese zwei Liter fette Milch täglich!

Ksch, lsch wollt ihr gehen?!" Ärgerlich trieb Kestner das Federvieh auseinander, das um verlorene Körner zankte. Wo war denn die Hütemagd?Marhnka, MaryNka! h Unverschämtes Viehzeug, ksch, ksch!"

Schnatternd watschelten Gänse und Enten dem kleinen Pfuhl zu, der, mitten in der grasbeibachsenen Narbe des un- gepflalsterten Hofes, iuie ein rundes, tiefes Loch sich auftat, während die Hühner verängstigt umherrannten.

Ksch, ksch, ksch!" Zornig schleuderte Kestner seine»