Ausgabe 
25.5.1910
 
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schweren 'Schicksal trägt niemtenb die Schuld' als das eigene rastlose Herz und der verfehlte BerusVor dem man die weite Welt hätte anftuen sollen, den sperrte man in die Enge eines Schnllehrcrfeminars." Wie er selbst sagt.

Am Sterbebett der Mutter, in Nieder-Olm, am 28. TeK 1891, ist der erste Brief geschrieben, in dem es treibt und gärt von verhaltenem Ingrimm, Liebe, Unzufriedenheit, nachdem er den Nachmittag vorher mit der Liebsten in Wiesbaden ge­weilt hatte.In all dem Leid und der Trauer ringsum vergesse ich dich, meine teure Marie, nicht einen Augenblick", heißt es,und heute mittag habe ich ein.Gedicht mederge^ schrieben, das mit den Worten anhebt:

! 1Ich grüße dich, wie man den Frühling grüßt, 1 Mit Liedern,

Ich küsse dich', daß meinen Kuß du sollst Erwiedern.

Ich schaue dich, wie man toi Morgen schaut Die Sonne,

Ich bin beglückt, die .Brust mir schwellt In Wonne."

Das wenig eigenartige Gedicht, das kamst den nach- Maligen starken Lyriker verrät, ist an seine Liebste und spatere Fran gerichtet, die er sich nach heißen Kämpfen mit ihren Verlvandten errungen hat und deren Schicksal er geworden ist.

Dann fährt er fort:So freudigen Herzens immer denk ich Deiner, und alles Erdenleid und alle Winterqual können diese selige Freude nicht trüben." Die dunkle Kunde, daß die Liebste vermählt werden sollte, reißt ihn ans allen Himmeln. Ist wirrer Aufregung schreibt er ihr vier engbedeckte Seiten voll, Aufschreie der qualvollsten Eifersucht, des wildesten Döbesschmerzes:Ans allen Himmeln riß mich ein Augen­blick, in meine Himmel kann kein Gott mich mehr führen. Es ist all, aus i ganz aus. Wenn der Mono vor die Sonne tritt, wird das hellstrahlende Gestirn verdunkelt. Die Große grvllt finster durch das Spiel des Kleinen. Es ist jaus, ganz, aus der Mond ist vor die Sonne getreten dunkel. ---Wie konnte ich glauben, daß ich sei und daß

ßch werde, wozu andere nur berechtigt sind! Gut so! Ich weige, (das ist kein Druckfehler!) der tarne Poet, der nichts ist und nichts N'ird, der nichts hat und nichts wollte, als nur Liebe, er weigt dem Reichen, der alles ist und alles hat. Was Großes ich je gefühlt und je gedichtet, ich hab's von Mr! Was Großes ich noch wollte, ich wollts durch dich! Ich hab nichts mehr, ich will nichts mehr, ich bin nichts mehr." So geht es über Seiten fort.Wilhelm, der arme Wilhelm, geht und nimmer kehrt er wieder. Die Abschiedsträne fällt zur Erde und ein Blümlein wächst, ein wildes Röslein, lind der Wind kommt wild und brausend und des Rösleins Blätter fliegen mit dem Winde und das Röslein stjrbt und nur die Dornen bleiben. Stirb Röslein.du, stirb wundes Herz, stirb und zergeh mit dem Winde! Es ist aus, ganz ans! Ich will sterben gehn cs ist.aus, ganz aus." -

Und dann wieder ein Stammeln, ein Erinnern an schönere Zeiten, da seine Liebste, derSeraph, der mich so lang, so treulich geführt durch blühende Anger und Auen", Noch nicht an einen anderen verheiratet werden sollte, und wieder ein Beteuern seiner Liebe und ein heißes Werben. Der Bries ist gezeichnet:Heppenheim, am 1. Febr. 92."

Er erhielt das erflehte Wiedersehen und alles ist, wie es .roter, so gut, so treu, sy lieh. Dann aber kommt der selb- samste Brief, der aus Frankfurt vom 19. April 1892 datiert ist. Er klagt darin über die langweiligen Ostersciertage, erzählt von kurzen Spaziergängen und vom Theater, wo er MascagnisFreund Fritz" undCavalleria rusticana" ge­sehen hat, spricht von seiner Liebe, und dann kommt das Merkwürdige. Er schreibt:

Tante hat am Sonntag mir scherzweise die Karten gelegt und da kam heraus, daß ich im Leben viel Glück habe, sehr reich werde, und daß ich durcheinen hochgestellten Herrn, der eben krank sei und cs sehr gut mit mir meine, zu hohen Ehren käme." Denke nicht, daß, ich dem Scherze irgendwelche Bedeutung beilege; stimmt aber das Resultat Nicht auffallend mit dem, was jene Zigeunerin dir gesagt? Noch etwas:Ein e Fra n ma ch e u n s (d i r u n d m i r) noch großen Durcheinander, aber du würdest, treu bleiben." s Ach, ich lache, daß ich dir den Ulk ge­schrieben, es ist der Mühe gar nicht wert. Nun, du wirst Ite auch darüber lachen, und wteün ich das fertig gebracht.

habe, so hat meine Schreiberei doch den einen Zweck erfüllt Und dich aufgeheitert.".

. Ich gebe diese Stelle ohne jede Erläuterung wieder, und erinnere mir daran, daß Holzamer im Jahre 1901 eine Schauspielerin vom Hoftheater in Dessau kennen lernte und im Herbst des Jahres 1902 mit ihr nach Paris ging, derweil feine Fran mit ihren fieben Kindern in Heppenheim blieb«, und zwar in den dürftigsten Verhältnissen. Ich bin nun weit davon entfernt, dieseWeissagungen" irgendwie ernst zu nehmen, aber es ist doch interessant, daß sie manchmal eintreffen.

Kurz darnach, am 22. April, schreibt er:Ach, und wenn ich wieder in H. (Heppenheim) bin, dann fallen Die Schatten der mißliebigen Verhältnisse in den hellen Sonnenschein unseres Liebesglückes. Mir ist, als sei ich ein alter, alter Mann, der gerne sterben ginge, her sterben möchte und nicht Fann. Ich habe dich so innig, innig; lieb, und wäre das nicht, ich glaube, ich wäre schon tot. Schatten, tiefe Schatten lagern aus meiner Seele, und der Geist rast, rqstssind findet nirgends und nimmer Ruhe, tobt wie im Wahnsinne und möchte die Fesseln des Erdenlebens sprengen und sich flüchten in die Einsamkeit, dort zu leben mit dir, nur mit dir! Heute hat es mich wieder. Es ist zum wahnsinnig werden; ich könnte weinen Und lache, und ich lache, um nicht zu weinen."

.Es ist zum Sterben, zum Sterben!

Bodenstedt ist auch tot, der einzige, der mich wollte und der mich erkannte. So sterben sie alle, so sterben wir allo. Es ist doch ein herrlich Ting, so ein Grab in der frühlings- jungen Erde! Geht doch hin und grabt mein Grab, ach, ich bin des Wanderns müde! JUrmer weiter, nur zu, gequält bis zur Unendlichkeit, weiter, weiter bis ins tiefste Dunkel der Leibesnacht, vielleicht daß es Tag wird der Seele, der ruhelosen, kranken Seele."

Dann folgen wieder rein persönliche Dinge und, wie in allen Briesen, die Versicherung ewiger Liebe und Treue.

Am 26. April kommt er dann noch einmal auf den Tod Badenstedts zurück. Er hatte den greifen Dichter in Wies­baden persönlich kennen gelernt und war durch ihn auch mit P. Wittko bekannt geworden. Durch Wittko wurde er, wie ich in meiner .Lebeiisgeschichte Holzamers. ausführlich dargelegt habe, mit Bebels BuchDie Frau" bekannt, das ihn aufs tiefste fesselte und auch auf feine späteren Frauen­romane von 'Einfluß war. Vorerst schwärmte Holzamer aber noch für himmelblaue Lyrik. Deshalb' schreibt er auch:

Bodenstedt ist bot. Wir haben viel verloren, sehr viel. Ach, daß er meine Gedichte nicht mehr zu lesen bekam! Wäre nur früher gesorgt worden, daß ich die Druckbogen bekommen hätte, wären sie vielleicht fertig gewesen. Ich reife morgen zu feiner Beerdigung."

Es handelt sich hier um sein erstes Gedichtbändchen, Meine Lieder, das im Sommer 1892 erschien. Diese: Sammlung verleugnete er später hartnäckig. Im Jahre 1902 schrieb er mir, da ) das Büchlein zufällig zurückgesetzt gekauft hätte, daß ich es' ins Feuer werfen solle.Es ist ja so entsetzlich, schlecht, daß ich mich schämen müßte, wäre damals, als diese Gedichte entstanden find, ich schon ich gewesen, d. h. Hütte ich nur eine Ahnung von mir ge­habt."

(Schluß folgt.)

Die Jubelfeier der Reifeprüfung.

Nur wenige Monate trennen uns noch von der Jahrhundert-, feier der Berliner Universität. Dasselbe Jahr 1810, in dem sie entstand, war für den höheren Unterricht in Preußen auch durch eine andere Nenschöpfung von iveittragender Bedeutung; in ihm wurde eine besondere Prüfung für das Lehramt eiligem führt, der höhere Lehrerstand gewissermaßen erst geschaffen. Und naeh zwei Jahren wurde die Einrichtung in Preußen allgemein; eingesührt, die dem 'Betrieb' unserer höheren Schulen den Ab­schluß gab, den sie noch heute haben: die Reifeprüfung. Gerade ein Vierteljahrhundert war vergangen von der ersten Anregung zu dieser Prüfung bis' zu ihrer vollen Durchführung. Die ein­zelnen Stadien dieser Entwicklung schildert Prof. Paul Schwartz in dem soeben erschienenen neuen Band der Monnmenta Ger- maniae pacdagogica. Ein ganzer Abschnitt ist der Einführung des Abiturientenexamens gewidmet, der ersten Leistung des 1787 begründeten Oberschulkollegiums. Heutzutage ist uns die An­schauung in Fleisch und Blut übergegangen, daß die Schule zu bestimmen Habe, ab ein Schüler reif fei, die Universität zu hv-