Ausgabe 
25.5.1910
 
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Meine Kunst, soll für sich' selbst sprechen'. Ich lasse heute eine Kiste Weher an Dich abgehen, »teilte ganze Lebensarbeit. Du als schaffender Künstler wirst verstehen, was an schwerem Ringen, Erschöpfung, Ermutigung, an Wolle», .Werden, Reifen und Freude Mischen den Zeilen steht.

Bleibt nur noch mein Kind, von dein ich Dir erzählen könnte. Und von dem spreche ich gern!

Ob sie ihrer Mutter ähnlich sieht?

Sie ist größer, weniger zart. Aber sie hat Annas schweres, aschblondes Haar mit dem matten Glanzt

Innerlich hat sie viel von mir, es ist mir oft, als ob ich mich selbst in einem Spiegel sehe. Temperamentvoll wie ein junges Rassepferd, mit Hellem, wachem Verstand Und einem' bunten, leicht verletzlichen Seelenleben. Mit Vorsicht zu behandeln Ivie alle kostbaren Dinge der Erde.

Nur ein Erbe hat sie von der Mutter, -as mir Sorge Macht.

Mißverstehe mich nicht in dem Folgenden. Ich maße mir nicht an, meiner Frau einen Vorwurf zu machen, daß sie mich verließ. Wer ich habe uiich oft eins gefragt: Anna war fromm, christlich fromm im schönsten Sinn. Ihr Gottmensch aber, au den sie glaubte, hat einmal sehr großer Menschensünde gegenüber nur das Wort gehabt: .gehe hin Und sündige hinfort nicht/ Wenn Anna ihm das hätte nachmachen können wäre es nicht für sie und mich viel­leicht besser gewesen?

Wie gesagt, ich habe darüber nicht zu urteilen. Mer meinem Kinde möchte ich so viel wie möglich ersparen, was die Mutter unglücklich machte. Ich möchte ihr von vornherein eine gewisse Weite und Freiheit des Urteils geben, die ihr über derartige Klippen weghilst.

Aber es ist da ein Widerstand in ihrer Natur, gegen den ich machtlos bin.

Sie ist ja noch jung. Dieser kühl ablehnende Zug um den Mund und der unbarmherzig rasche Urteilsspruch ge­hören wohl zu der Herbheit der Jugend. Aber cs ist auch noch etwas anderes.

Melleicht ist, das am Weib, vor dein wir beten, seine Reinheit, unzertrennlich von einer gelvisseu Enge des Hori- Konts. Wir Männer werden tolerant durch das Leben. Wir verzeihen, weil wir selbst sündigen. Aber auf dem Weg würde das Weib leicht sein Bestes verlieren. Ihr Weg ist schwerer, und vielleicht finden ihn darum nur so wenige. Sie muß verzeihen lernen, nicht weil sie ver­steht, sondern weil sie liebt.

Den Weg versuche ich, Annas uitb mein Kind zu führen. Es wird die Probe darauf sein, ob es mir gelungen ist, wenn ich ihr später ihres Vaters Geschichte erzähle. Wer mir ist nicht bange vor der Probe. Wir wissen, ivas wir an­einander haben, mein liebes Mädel und ich.

Wir ist dieser heilige Glaube des Kindes an mich eine fortwährende Mahnung gewesen, nur den höchsten Maßstab an mich zu legen. Und ich habe ihr mehr gegeben, als je sonst ein Vater seinem Kinde gibt.

Erinnerst Du Dich noch der Jahre, Ivo ich mich anf- rieb in der Not nm geistige Freiheit? Das ist die härteste Zeit, wenn man seine letzten Götzen umgestürzt hat, vor leeren Altären steht und noch nicht das Bild des neuen Gottes hat, vor dein' man knien möchte. Bis man er­kennt, daß die Altäre leer bleiben werden, und daß der Gott, den wir suchen, ein unsichtbarer ist und ewig sein wird!

Alles das habe ich meinem Kinde erspart. Die Wahr­heiten, die ich mir hart erobern mußte, habe ich ihr wie reife Früchte in die Hände- gelegt. Ich habe sie gelehrt, geradeaus zu denken uitb nicht auf Umwegen. Menn mein Zugendleben war wie ein junger Baum, der mühsam zwi­schen harten Steinen die dürftigen Wurzeln einklemmt ihres ist wie eine schöne Blume in fruchtbarer Gartenerde.

Aber da schreibe ich Dir Seiten und Seiten von ihr, und du hast mir von Deiner jungen Frau noch kaum er­zählt! Es muß ein ganz besonderes Geschöpf sein, das Du Dir von allen ausgewählt hast. Sago ibr in Ver­ehrung meinen Gruß!

J'n neuer' alter Freundschaft

Dein

i Peter Florenz! Wch-ig'en,!

. A N s Agnes W e d d i g e n 'S' g r ü n c n H e f t c it.'''

! 16. Mai'. '

Ist es' möglich? Bin ich das noch selbst? Oder bist ich jetzt erst wieder ich selbst?

Wenn einer im Ertrinken ist, hat keinen Boden unter den Füßen, greift hilflos ins Leere, sieht es dunkel vor den Augen und ringt erstickend nach Luft und dann faßt ihn auf einmal eilt starker, fester Arm, und es wird Tag, und er atmet dem muß zumute sein, wie mir!

Ich fasse es ja noch nicht ganz. Es fängt erst an', mir zu dämmern. Ich habe so oft umdenken müssen, daß ich jetzt noch unsicher bin und argwöhnisch.

Aber es ist doch da, schwärz auf weiß! Ich sehe es. mit eigenen Augen!

Am liebsten hätte ich dein Professor gleich geschrieben aus vollem Herzen heraus, dem guten, klugen Freund, dem ich das alles danke. Wer ich hab's doch noch gelassen'.! Mir war fast, als ob ich es dadurch noch zerstören könntch iueiut ich darüber redete!

Ich bin Tage und Tage scheu um die Briefe herum- gegangen wie um eine Gefahr. Es klemmte mir wunderlich den Atem, wenn ich die bekannte, ach so genau bekannte!' Schrift nur ansah.

Er habe nur gewollt, daß sie zuerst in meines Vaters Handschrift zu mir sprechen möchten, schreibt der Professor^ Aber er könne sich nicht lange von den Briefen trennens Wolle ich sie selbst besitzen, so möge ich mir Abschrift behalten.

Ich hätte es'versprochen, also mußte ich sie wohl lesens Gestern spät, als Seppl zu Bett war und ich allein beim Uhrticktack in meiner Stube saß, habe ich sie vorgenom.mem Und hab sie einmal gelesen und noch einmal und wieder.. Und bin vom Stuhl auf und in der Stube hin und hey gegangen. Und als mir's da zu eng war, bin ich in den! lauen, dunkelblauen Maienabend hinausgelaufen, unter dis weißen Kirschbäume, die vom Garten her schienen, und! habe mir Satze aus den Briefen laut vorgesagt, immer von neuem'. Und habe mich jetzt in aller Frühe hingesetzt und die ersten zwei Briefe äbgeschriebeu, Wort für Wort.

Und während ich schreibe, wird ein sonderbares' Ge- fühl in mir lebendig und stark. Etwas Heiliges, das sich nicht mit Worten ausdrücken läßt. Es ist mir, als ob! ich nicht allein bin. Und ich muß auf einmal die Feder hinlegen und sage ganz laut in den hellen Taumorgen hinein! zweimal: .Vater! Vater!' andächtig und doch halb mit Angst!

Wer ich will mich besinnen. Ich mnß mir Rechen­schaft geben. Nicht jetzt gleich, in geschriebenen Worten auf dem Papier. Draußen, irgendwo zwischen den Wiesen, sind schmale, getretene Pfade, wo einem so früh kein Menschs begegnet!

lFortsetznng folgt.)

Mus Briefen holzamers.

Bon Karl Neurath.

Der Zufall spielt mir ein paar Briefe Holzamers in dis Hände, tolle, verliebte, verzweifelte Briefe aus dein Anfang seiner Lehrerzeit. Unendliche Liebessehusucht spricht aus ihnen, in manchen stehen ein paar hurtige Verse, ein über­raschender Ausspruch, ein seltsam irres Flimmern, ein weher Schrei. IN einem teilt er eine merkwürdige Wahrsagung mit, in einem anderen klagt er um Badenstedt, dann wieder spricht er über Kunst und Theater, manchmal knapp, treffend schlagend, manchmal tastend, zögernd. In München steht er mit staunenden Augen: so ein Leben sah er noch nie. Das packt ihn, reißt ihn mit, erhebt und erfüllt ihn. Er weitet sich und ist glücklich, weil ihn eine Schauspielerin vLieber Holzainer!" nennt, eine Schwäche, der er später bei einer anderen Angelegenheit erlegen ist. Ist dieser Münchener Brief für den Künstler bezeichnend, so sind es! dis übrigen, von denen einer undatiert ist, für beit Meu­chen. Sein ganzes stolzes, zerfahrenes, zerrissenes Hcrzj iegt in ihnen, mit all seinen reichen Hoffnungen, mit al« einem Unfrieden, feinem rastlosen Streben, das ihn durch ein ganzes, tragisches Leben Hindurch, begleitet hat. Und lvia mast ahch dieses Leben betrachten mag, an seinem