Ausgabe 
25.4.1910
 
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Scheu vor den vielen fremden Straßen und Gesichtern. Kaum drei Worte rede ich den Dag über.

Nur abends kommt Leben in meine vier Wände. Lotte bringt Brot und andere gute Dinge mit wir essen nur mittags im gemeinsamen Speisezimmer ich hänge den orangeroten Seidenschirm über meine Lampe und zünde die Flamme unter der Teemaschine an. Und wenn das Wasser summt und Lotte Gelsa mir die Erlebnisse ihres Tags wie eilte große Schachtel buntes Kinderspielzeug in den Schoß schüttet, dann lehne ich mich im Stuhl zurück und ja, und hab Heimweh, lieber Freund, heimliches, bren­nendes Heimweh nach dem Kaminfeuer im grünen Kabinett und nach einem Menschen, der mich bis in die Tiefen hinein versteht!

Wie schnell man sich an etwas so Gutes gewohnt, wie es unser geistiger Austausch war! , 1

Leben Sie wohl! Denken Sie an mich! Haben SiK Mitleid mitPeter in der Fremde" mit

Ihrer Agnes Weddigen.-

München, 17. Januar 1901.

Lieber Georg!

Krankhaft nennen Sie meine Angst, aus meinem Schneckenhaus zu kriechen? Ich soll meine Stimmungen bezwingen? Soll Mut zum Leben haben?

,0 Sie weiser Mann! Ich habe Sie ja hineinschauen lassen in mein Leben, tiefer als je irgend einen Menschen^ Und zu diesem Leben soll ich Mut haben? Das vesch langen Sie von mir?

Mein, ich habe Ihnen Ihren sehr ernsthaften Brief nicht übelgenommen. Denn hinter den Worten sah ich Ihre Freundschaft wie einen goldenen Grund für die Schrift. Es war mir zumute wie damals, als ich nach meinest Krankheit zum -erstenmal in Luft und Sonne sollte und im Schwindel hingeschlagen wäre, iueitit Sie mich- nicht fest und stark gehalten und geführt hätten Sie -guter Freund und Kamerad!

Sie haben recht mit Ihrer Strafpredigt, und ich nehme sie mir zu Herzen. Ich, habe meine Klausur .aufgegeben.

Gestern bin ich die breiten Stufen der Basilika-hinauf- gestiegen. Zwischen den Säulen der Borhalle kamen mir schwatzende Frauen entgegen, die den Duft des Weihrauchs noch in den Kleidern trugen, der mir gleich darauf in dest offenen Tür ins Gesicht schlug. Eine -alte Straßenkehreri,» kam -zugleich mit mir herein, ein zerfurchtes Gesichts voN derber Häßlichkeit unter dem verwetterten grünen Spitz­hut. Sie hatte den Besen vor der Tür stehen lassen und knixte nun in einfältiger Andacht vor einem Seiteualtar. Gin paar Schulkinder, den Ranzen auf dem Rücken, trippel­ten mit eiligen Hackeuschrittchen über die Steinfliesen und tippten im Borübergehen die Fjngerchen in das steinerne Weihwasserbocken.

Ich blieb am Eingang stehn und sah die Halle entlang

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Ihres Vaters Tochter.

Roman von Lulu von Strauß und Torney.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Agnes Weddigens Briefe.

München, 11. Januar 1901. Lieber Freund!

-Schon eilte Woche hier und noch kein Lebenszeichen als die paar flüchtigen Zeilen an Dilla! Seien Sie nicht böse, ich hatte nicht den Mut -zum Schreiben. Sv eine große fremde Stadt hat etwas Feindliches, das mich lähmt. Und fremd ist mir München bis in die Seele herein, wenn ich es auch einmal einen Tag lang auf der Durchreise 'gesehen habe. ;

Ich habe nicht Lotte Geisas lachende Keckheit, die überall nur köstliche Abenteuer sieht, wo ich verängstigt in mein Schneckenhaus krieche. Das Entchen schwimmt trotz aller Hennenmamas der Welt! Am ersten Abend war sie schon lieb Kind bei denr ganzen fremden Kolk in der Pension und vor allem bei den Pensionsdamen selbst) zwei mittel­alterlichen Fräuleins mit zerknitterten Gesichtern und un­begreiflich geschwindem Zungenschlag. Eine von denen hat Ire sich auch sofort am andern Tag mitg-euoinmen, als sie auf die Lehrersuche ging. Mich wollte sie nicht, sie fiel mir lachend njm den Hals:Nicht böse sein,-Prinzeß! Aber Sie fassen mir das Leben und die Leute mit zu feinen, spitzen Fingern an. Ich will aber zupackert, ganz fest!"

Sie hat auch zugepackt. Vorerst jeden Morgen Akt- klasse. Und von nächster Woche an noch jeden Nachmittag Privatmalklasse bei einem Professor. Der Mann soll kri­tisch fein und nur in Ausnahmefällen Schülerinnen' nehmen. Sie hatte den halben Dag Herzklopfen, als sie mit ihrer Studienmappe hinging, aber sie kam strahlend wieder: sie ist ein Ausnahmefall!

Nun fühlt sie sich schon ganz als Künstlerin, hat ihre schmale Stube bis an die Decke mit Oelstudien tapeziert und riecht auf zwanzig Schritt nach Terpentin.

Und ich?!

Auf meinem Tisch steht eine flache, grüne Tonschale mit Veilchen, und daneben liegen die paar guten Freunde, die Bücher, die wir noch zusammen lasen. Bon meinem Fenster aus sehe ich in einen engen Hof. Eine Schmicde- werkstatt ist dort, das Klingklang der HämMerist gerade gedämpft genug, um als unaufdringlich rhythmische Musik ins Ohr zu fallen. Ein Marienbilo ist über der Tür der Werkstatt, darunter wird abends ein rotes Lämpchen an- gezündet, das wunderlich dämmerige Lichtstreifen in die schwarzen Schatten des . Hofes wirft.

Ob ich Ihnen nichts weiter zu erzählen habe? Ich .-erlebe rind sehe ja werter nichts. Ich habe eine nervöse