Ausgabe 
24.11.1910
 
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schwarze Hut, dessen Formen, neben den runden weichen Hüten, zum Alltagsrock getragen werden.

Für die Handschuhe ist eine farbige llcbemitftimntung mit der Krawatte in gewissen Fällen zu beobachten. Die Bansch- krawatte zum Gehrock, die nur Grau und Schwarz oder Schwarz als Grundfarbe zuläßt, fordert graue schwedische Handschuhe. Wetße Glaces mit weißen oder schwarzen Rückennühten gehöreir zum Frack, graue zum Smoking. Für den Tagesgebrauch auf der Straße rst tzraues Renntierleder und braune oder chamoisfarbene Hand­schuhe zulässig. Weiße Waschleder-Handschuhe auf der Eisenbahn sind keinesfalls der Ausdruck der Affektion oder Verschwendung. Im Gegenteil. Sie sind gerade hier sehr zu empfehlen!, weil sie den Ruß und Schmutz nach einmaligem Gebrauch anzeigen und zur Steinigung unbedingt zwingen.

Ueber das Schuhwerk ist zu sagen, daß sich gelbe Juchten nur in Verbindung mit Hellen Anzugsstoffen gut vertragen. Selbst­verständlich niemals mit Schwarz und nur in besonderen Fällen mit Straßenkleidern dunklerer Färbung, weshalb inan diese be­sonderen Fälle lieber vermeiden soll, wenn man nicht allzugroße Sicherheit besitzt, und daher besser tut, sich an das Verläßliche zu halten. Zum Frack gehört der Lackschuh mit Knöpfen und mit Oberteilen aus Chevreauleder. Der feine Chevreauschuh als Schnürstiefel ist zum Gehrock gerade noch zulässig, aber nach strenger Etikette oft auch hier schon in Frage gestellt.

Won den unendlichen kleinen Variationen in den Kleiderformen und Schnitten, die von den Schneidern erfunden werden, um einen raschen Wechsel der Tagesmoden herbeizuführen, kann nicht die Rede sein. Der Zweck dieser Darstellung ist mit der Orien­tierung über das Maßgebende erschöpft. Es liegt nicht in dieser Absicht, zum Modegigerl oder Stutzertum zu erziehen. Diese Klasse hat ihren eigenen Kodex und Merkmale, die in dem Moment veraltet sind, wo sie allgemein werden und die Losung von morgen bedeuten, da sie eben vom Schauplatz verschwunden waren. Die Mode hat immer neue Nichtigkeiten und neue Ueber-- raschungen, die beim genauen Zusehen stets schon einmal da- gewefen sind. Es sind Konventionen wie alle Sitten und sie zu beobachten wissen, ist das Merkmal der Erzogenheit. Sie will nicht Anstrengung bedeuten, sondern leichte und selbstverständ­liche Hebung und Gewohnheit ; Regelzwang geübt mit der Freiheit der Natürlichkeit. Auch Natürlichkeit ist eine Pose; nach Oskar Wilde allerdings die schwierigste.

Dermijebtcs.

* Wilhelm Raabe sah dem nahenden Tode mit der Seelenruhe des echten Philosophen entgegen. Es ist nicht lange her, daß seine 76 jährige Schwester starb, und da meinte er, von den drei Geschwistern Raabe sei nun an ihm zunächst die Reihe, ,^>en andern den Weg in den Frieden zu weisen". Trotzdem hielt er frisch und rüstig am Leben fest, und er bekannte, daß er die englische Weisheitnever sah die" sage nie: sterben für ein treffliches Wort halte. Auch sind ihm ja gerade in den letzten Jahrzehnten seines Lebens so viele Freuden zuteil geworden, wie vielleicht zuvor in seinem ganzen Leben nicht. Unter den An­erkennungen nnd Zeichen von Dankbarkeit, die bei ihm eingingen, war eine der merkwürdigsten vielleicht die Wirkung, die seine Bücher auf Insassen der Gefängnisse machten, Wilhelm Speck, der Raabes Bücher den Sträflingen übermittelte, hat ihn über diese Wirkung in Kenntnis gesetzt. Als er ihm mitteilte, wie tiefen Eindruck aus einen Sträfling seinWunnigel" gemacht habe, antwortete Raabe:Das hätte ich mir wahrlich nicht träumen lassen, daß der Regiernngsrat Wunnigel, von dem das übrige deutsche Volk so wenig hat wissen wollen, gerade dort zu seinem! Recht und seiner Würdigung gekommen ist." Ein anderes Mal ließ er bei Gelegenheit einer ähnlichen. Mitteilung in Bezug auf seinenChristoph Pechlin" das geistvolle Wort fallen:Wer das Burleske nicht ehrt, ist das Pathos nicht wert." Auf dis Insassen der Zuchthäuser aber verächtlich oder verurteilend herab- zublicken, das lag einem Wilhelm Raabe ganz fern; schrieb eq doch einmal, an Speck von allen denen,die in dem großen! Zuchthaus Erde Weihnachten feiern". Ohne das zu sein, was man in den modischen literarischen Salons einengeistreichen Mann" nennt, konnte Raabe doch außerordentlich treffende und feine Bemerkungen machen. So ging er einmal mit ein paar Begleitern durch Braunschweigs alte Straßen, und einer klagte über das Verschwinden der merkwürdigen alten Häuser; eben habe wieder einer ein Haus weggerissen, das 1624 gebaut worden sei. Nun," sagte Raabe,wenn Sie schimpfen wollen, da schimpfen Sie doch auf den, der 1624 dort das Haus weggerissen hat, das war ja noch älter". Schon seit Jahren ist Raabe nicht mehr als Dichter an die Oeffentlichkeit getreten.Ich habe au die 70 Bände geschrieben (so erklärte er Wohl), die mag das deutsche Publikum einmal erst lesen!" Wohl aber gab er gelegentlich zu, daß in seiner Lade noch Gedichte lägen. Mit denen aber wolle er lieber warten, bis er sich der Verantwortung, sie in die Meli gelassen zu haben, entziehen gekonnt. Aus solchen Aeußeruugen ist zu schließen, daß wir noch auf einen Nachlaßband Raabescher Gedichte hoffen dürfen.

"Was die Bildung einer Dollar Prinzessin kostet. Mit neugierigem Ecker verfolgt die amerikanifche Gesell­schaft das Schicksal der Forderung, die Airs. Emily Ladenburg, eine der besten Reiterinnen Amerikas, gegen ihren Vater erhoben hat. Sie verlangt von ihm auf vier Jahre einen Zuschuß von jährlich 68 000 Mk., um ihrer Tochter Eugenia Warta die standes- mäßige Vollendung ihrer Bildung zu ermöglichen. Denn die I6jährige junge Amerikanerin muß natürlich nach Europa, um dort den letzten Schliff zu erhalten und das kostet jährlich an die 100 000 Mk., wenn nicht mehr. Tie btldtmgsbedürslige Tostar- vriuzessin wird sich auf mindestens ein Jahr in Paris einrichten, dann in London eine Zeit lang wohnen, sie muß Musik studieren. Malerei üben, ihre Tanzkunst vollenden und um aste diele Talente anSzubilden, sind die teuersten und renommiertesten Lehrer gerade gut genug. Die junge Amerikanerin muß Französisch, Italienisch und Deutsch lernen, muß sich im Reiten und Kutschieren üben, muß Schwimmunterricht haben und noch tausend andere Dtuge absolvieren, ehe sie ;as wirklichgebildet" gelten kann. Selbst­verständlich umschließen diese Lehr- und Wanderjahre auch eine grand tour", eilte Rundreise durch aste gröberen Städte Eurovas, itisbesondere aber durch die faslnonablett Badeorte. Wenn dann in Parts der Schatz von neuen Toiletten zusammengestestt ist, daun kann die junge Dame in der amerikanischen Gesellschaft endlich debütieren. Die Forderung der Airs. Ladenburg ist also sehr be­scheiden und wird auch in Amerika als allzu bescheiden angesehen. Airs. Astor gibt für dieBildung" ihrer Tochter jährlich über 160 000 Alk. aus und die gleiche Summe verbrauchen auch jede der beiden kleinen Töchter von Frank Gould. Em junges Atäuleiit, das erst krzlich in der Gesellschaft bebntiert hat, halt sich sogar einen eigenen Stall nut eigenen Pferden, und in den Wohnhäusern ihrer Eltern hat sie eine ganze für sich abgeschlossene Zimmerflucht als bescheideties Mädchenheim inne.

* Teure Andenken. Die Sammlerleidenschaft für Gegen­stände aus dem Besitz oder Gebrauch berühmter Persönlichkeiten ist nicht erst eine Errungeuschast unserer Zeit: auch frühere Gene­rationen waren bereits mit diesem Spleen gesegnet. Wenn man betsvielsweise hört, daß im Jahre 1816 ein Zahn Newtons von Lord Schunterbury um 750 Pfund Sterling gekauft imirbe, oder daß die Rüstung, die Karl XII. in der Schlacht bei Pnltawa trug, 1826 zu Edinbourg 5501 00 Franken erzielte, erscheinen die Preise, die helitzutage für die abgelegten Kleider vott Berühmtheiten gezahlt werden, verhältnismäßig gering. Die hübsche Summe von 100 000 Franken bot auch ein Engländer für einen Zahn Heloiseus zu der Zeit, da die sterblichen Siefte des berühmten Liebespaares zu den Angitstinern überführt wurden. Eine Perücke, die der englische Dichter Sterne zu Lebzeiten getragen hatte, wurde in London 1822 um 200 Pfund Sterling verkauft, und Mr. Burnett, der Schwiegersohn Walter Scotts, verkaiifte zwei Federn, deren sich der berühmte Schriftsteller bedient hatte, um zivölf- taujend Franken. Für 1920 Franken erwarb ein Herr de la Croix im Jahre 1835 den Hut, den Naooleon in der Schlacht von Eyiau getragen hatte. Reliquien von Philosovöeu dagegen scheinen be­deutend niedriger im Preise zu stehen als die von Dichtern oder Feldherren: die Hirnschale Descartes', die 1820 bei einer Bibliotheks. auslösung öffentlich versteigert wurde, erreichte nur 100 Franken- Armer Borst 1

Schachaufgabe.

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Weiß.

Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auslösung in nächster Nummer:

Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nuinnterr Das Tor, der Tor.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scben Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.