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Die alte Dame stieß heftig Mit der Schirmspitze auf das Geröll des Weges. Man war jetzt in die Nußbaumallee Wrückgckehrt. Die Equipage der Fürstin rollte heran; der Diener stand am Schlage, der Kutscher hielt die Hand an den Hnt.
„Nix für ungut," sagte die Meinkirch, und . auf ihre, mit zarter, rosiger Farbschicht überzogenen Lippen trat ein freundliches Lächeln. Sie stützte sich auf den Arm des Dieners und stieg in den Wagen.
Die kleine Gräfin hatte Fritz die Hand gereicht. „Auf .Wiedersehn, Herr Friedel. . . Sie nickte ihm zu. Ihr feines, keckes, brünettes Gesicht war wie in Sonne getaucht.
Der Wagen fuhr davon. Aber die Erinnerung an das reizende Mädchengesicht wirkte in Fritz noch nach, als er langsam die Allee hinabschritt. Es lag so viel Jugendreiz Und eine so köstliche Unberührtheit auf diesen keineswegs regelmäßigen, aber in der Gesamtheit ungemein anziehenden und sympathischen Zügen.
Sie war verlobt — und natürlich mit"'einem Marquis. Tas war so Sitte bei den Champagnernotabeln der Marne; da heirateten die Töchter zumeist in den alten Adel Frankreichs hinein. Der Traubensaft wurde zu Gold, und das Gold frischte auch die verblichensten Marquisats- und Herzogswappen wieder aus.
Bon dem Wagen der Steinkirch war nur noch eine Staubwolke sichtbar, die zwischen den Nußbäumen aufstieg. Fritz schob den Hut in den Nacken; er fühlte den Schweiß auf der Stirn. War es ,so heiß? Gewiß, es war ein, wärmer Tag, aber auch die Fibern brannten und die Nerven zuckten Unruhig. Gibt es einen Zufall? fragte er sich. Oder war das Zusammentreffen mit Maud eine jener Vorherbestimmungen in der Dramaturgie des Lebens, die unfehlbar eintresfen müssen? — „Ich muß Sie Wiedersehen," hatte sie ihm zugeflüstert, „es gilt uns beiden. . . ." lieber die Jahre ihrer Ehe und über die Tragödie auf dem Niederwald hinaus hatte sie ihn also nicht vergessen. Und auch in Fritz regte sich ein eigentümliches Gefühl: es war halb Mitleid, halb auch jenes noch wehere Empfinden, das eine erstorbene Zuneigung in uns zurückläßt.
Sie wollte ihn Wiedersehn. Und warum? .Zu neuen Anknüpfungen? — Ah nein, das war unmöglich! Die Witwe dessen, der von seiner Hand gefallen war, konnte nicht nach den zerrissenen Fäden ,der Vergangenheit suchen. Schon Pls reinen Aeußerlichkeiten war ein Wiedersehen undenkbar. Os führten keine gangbaren Wege von den Friedels zu dem Weinbergschalet der Spannuths; das Duell hatte auch hie letzte Möglichkeit eines Verkehrs zwischen den beiden Häusern ausgeschlossen.
„Ich muß Sie Wiedersehen," hatte sie gesagt. Er hatte nicht antworten können. Es gab auch keine Antwort darauf.
Fritz wischte mit dem Taschentuch über seine Stirn Und Kte den Hut wieder grade. Er wollte praktisch denwn.
d das Zweckmäßigste war: vergessen. Auch Maud mußte sich das sagen. Gegen das Unmögliche ließ sich nicht an- kämpfen. *— ■'
Ein kurzes, schmetterndes, nicht ganz rein klingendes Irompetensignal hemmte seinen Fuß. Er schaute um sich tlnd sah Unten im Gärtchen des Prokuristen Kesselholz Erich von Feßler stehen, wie es schien, auf einer Bank, in der Rechten ein gelbes Posthorn haltend, mit der Linken sein Taschentuch schwenkend. Und dann tauchte Kesselholz neben ihm auf und schwenkte auch etwas in der Hand; es war Wohl ein Blatt Papier. Und schließlich wurde noch Fräulein Dora sichtbar, legte die Hände als Schalltrichter an den Mund und rief; es war nicht recht zu verstehen, was sie rief. .Jedenfalls wollte man ihn sprechen, und da Fritz jowieso nicht in der Stimmung war, sich von seinem Vater ausfragen zu lassen, der sicher bereits ungeduldig auf ihn wartete, so schlug er den Weg rheinwärts ein.
Kesselholz kam ihm in einer Schürze entgegen, einen riesigen Strohhut auf dem Kopse, die Gartenschere am Gürtel hängend. „Bitte um Entschuldigung, Herr Friedel," sagte er mit seiner gewohnten Kurvenverbeugung, „es ist ein allzu gesegnetes Jahr. MeineObstbäume brechen unter der Blütenlast — da muß ich kupieren, sonst bringt mir der Reichtum Schaden."
„Salve,“ rief Feßler hinter ihm. „Haben Sie gehört, wie ich blasen kann?"
„Es wär ein verunglücktes Feuersignal,"
„Nein, es war der Ansaüg der „Post im Walde". In vierzehn Tagen kann ich das ganze Lied. Fräulein Dora! hat behauptet, ich sei gänzlich Unmusikalisch — nun will ich ihr das Gegenteil beweisen. Anfangs dachte ich daran, mich der Pauke zu widmen, dann wollte ich mich an das Triangel gewöhnen, aber ich bin auf das Posthorn gekommen. Es ist das Poetischste. Es erinnert an die Romantiker."
„Es ist ein Spektakel ohnegleichen," sagte Fräulein Dora! und knixte höflich. „Kein Ton ist richtig. Aber der heftige Lärm vertreibt die Spatzen; so lasse ich ihn mir denn zeit-! weise gefallen. Herr Friedel, wir sind grade beim Kaffee. Darf ich Sie laden?"
„Ich blase dazu!" rief Feßler. „Ich kann auch noch die Tonleiter."
„Er nimmt uns die Ruhe," klagte Dora. „Dieser Mensch ist selbst wie eine Trompete."
„Herr von Feßler, pch bitte Sie, müßigen Sie Ihre Talente," bat Kesselholz. „Hier ist kein Konzertgarten. Ver-. ehrter Herr Friedel, darf ich geneigtest bitten: in die klassische Fliederlaube. Der Flieder blüht zwar noch nicht, aber er setzt doch schon Knospen an. Das' ist einx köstliche Zeit. Erst die Obstbäume, dann der Flieder, dann Rotdorn und Schneeballen, dann die beiden Akazien und zuletzt meine große Linde. Wir kommen aus dem Blühen nicht heraus."
In der Laube stand der Disch gedeckt und Fritz mußte Platz nehmen. „Der Kaffee lockt," sagte er, „aber war es die einzige Lockung? Mich dünkt, Sie hätten mir mit einem Papier gewinkt, Kesselholz. War es eine Berlobuugsi- anzeige?"
Dora errötete leicht. „Ah — auch noch! Wie käme die her?! Milch, Herr Friedel? Diesen Kuchen empfehle ich. Das ist Selbstlob, ich weiß es. Aber das Rezept stammt noch von meiner Mutter; ihr kommt der Ruhm zu."
Kesselholz reichte Fritz den berühmten Kuchen. „Nehmen Sie beruhigt, Herr Friedel. Ich kenne ihn; er hat es mehr in sich als an sich. Heut ist mein Hochzeitstag, daher die feierliche Handlung. Diesen Kuchen gibt es' nur an bestimmten. Tagen. Und wenn Sie sich gestärkt haben, erzähle ich Ihnen auch das Geheimnis des geschwenkten Papiers."
„I ch brachte es mit," sagte Feßler. „Kothe hat es mir gegeben. Es ist nichts als eine geschäftliche Anzeige, aber immerhin eine merkwürdige."
„Eine erfreuliche?" fragte Fritz.
„Das kann ich nicht behaupten. In Zusammenhang gebracht mit anderen Geschehnissen dieser Tage, möchte ich sogar sagen: Nein — nichts Erfreuliches."
„Unter Umständen etwas Gleichgültiges," bemerkte Kesselholz. „Also, Herr Friedel, um Sie nicht länger auf dem Torquierbrett zu lassen: Miquelon et sils zeigen ihren Kunden das Engagement eines neuen Agenten an."
Fritz setzte seine Tasse hin. „Derlei kommt öfters vor. Oder ist der Agent von besonderem Interesse für uns?"
„Doch nur für Sie. Weil Sie den Mann kennen und', wie ich glaube, nicht sonderlich schätzen: Miquelon filsi geigen ergebenst an, daß sie die Vertretung ihres Hauses für die Rheinlande dem Herrn Theo Grafen von Eldringm übertragen haben."
(Fortsetzung folgt.)
Ein Spaziergang durch $es.
In großer, von zahlreichen Bächen durchströmter Ebene liegt zu beide» Seiten, des glitzernden Perlenflusses Fes, die Stadt der Alauji und vielen Heiligen, das Zentrum geistiger fi'ufe tur in den Mlasländern, als letztes Bollwerk im Westen ein fester Hort des starrsten Islam. Ist die südlichste Hügelwelle des Dschebbel Serhun überschritten, so zeigt sich die Hauptstadt des Scherifenreiches mit den 100 000 Einwohnern als lange weiße Linie, glänzend im grellen Sonnenlicht, überragt von einem Wald aus Zinnen, Palmwipf'eln und Gebettürmen, umgeben von zahlreichen Dörfern und Zeltlagern. Durch die weite' Ebene schlängelt sich gleich einem Silberfaden der Fluß, zu bei-, den Seiten üppige Gartenflora und mächtige Fruchtfelder. Dazwischen dunkles Grün von Mqulbeer- und Feigenbäumen iut$ lauge Reihen abgrenzender Alven. Geräumige Moscheen, eins Gelehrtenschule, an Rang der großen Ashar in Kairo gleich, eine weithin berühmte Bibliothek, den gewaltigen Sultanspalast-
*) Wir entnehmen diesen Aufsatz mit Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung Streü'er & Schröder in Stuttgart dem. in diesen Tagen erscheinenden Buch: „Artb auer. Kreuz und q u ei; durch Marokko, Kultur- und Sittenbilder ans dem Sultanat .des Westens."


