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nicht KU Ende, die Musik hier draußen deutlich hörbar. Nbeelen wollte in den Zuschauerraum, aber der Schließer bedauerte: während des Spiels sei der Eintritt verboten.
„Sagen Sie ihm, wer Sie sind," flüsterte Fritz, „Und das Mysterium tut sich auf."
„Dazu bin ich zu demokratisch. Das bin ich zuweilen. Ich sitze im Parkett, nicht in der Hofloge. Ich bin heute Bourgeois, mcht Herzog. Der Mann ist in seinem Recht. Wollte ich au meine Krone pochen, so würde ein Zwiespalt in seiner Seele entstehen. Ich will nicht den Dualismus fördern. Uebrigens hat er mich vorhin hereingelassen, obwohl die Oper schon begonnen hatte. Vermutlich ist während der Pause eine strengere Order erfolgt."
Der Schließer mochte die letzten Worte gehört haben. Er zuckte mit den Schultern Und sagte: „Befehl Seiner Exzellenz. Der Hausinspektor hat schon seinen Anschnauzer weg."
„Na also," meinte der Herzog. „Wir stehen hier unter Militärischer Zucht. Da kommt noch einer, dem das Paradies verschlossen ist!"
(Fortsetzung folgt.)
Marsala schmeckt gut!
Humoreske von Major W. P. Drury.
Eine trübe, graugrüne Einöde die See, der Himmel eine umgekehrte, bleierne Bowle. In dieser schaumgesprenkelten Einöde liegt eine der schrecklichsten, verlassenen Inseln. Der Name beginnt mit vier Konsonanten und endigt mit einem Schlucken. Eine russische Zinnhölle oder Strafkolonie, ein großes Seehunbs- stnd Robbenlager in der Behringssee.
Die Topsegel des „Seahorse" mußten aus der offenen See ton ferne kaum sichtbar geworden sein, als die luchsäugigen Inselbewohner — von Eskimos und freigelassenen Sträflingen schienen sie abzustammen — auch schon in ihren ins Wasser gelassenen Booten bereit standen. Einige Stunden später, als sie aneinandergedrängt im offenen Fahrwasser lagen, wurden sie von einem Chorgesang des Kommandanten, des wachhabenden Leutnants und des Quartiermeisters empfangen und eingeladen, an Bord zu kommen.
Hätte man Südsee-Jnsulaner gebeten, diese würden der freundlichen Einladung des Kapitäns und der Offiziere des -„Seahorse" kaum mit größerer Bereitwilligkeit nachgekommen sein. Im Augenblick wimmelte es an der Schiffsseite von Besuchern, die auf das Deck kletterten — eine ungekämmte, rauh- haarige, übelriechende Horde. Doch selbst bei ihrer Neigung, auf das peinlichst sauber gescheuerte Deck zu spucken, waren die Besucher willkommen — vielleicht weniger ihres reizenden, natürlichen Wesens wegen, als der Sachen, die sie mitbrachten. Denn jeder hatte aus seiner Schulter ein Bündel mit Elfenbein und Seehundsfell, daß den Offizieren des „Seahorse" das Wasser im Munde zusammenlief.
Es war ärgerlich und zuerst unbegreiflich, daß die wilden Gemüter durch die mächtigste aller Musik — das Klimpern gemünzten Goldes — nicht zu bewegen waren. Selbst so jungfräuliches Metall wie des Zahlmeisters noch nicht in Umlauf gewesene neue Wundstücke ließ sie kalt, während sein letzter Versuch, das Knistern einer Fünspfundnote, eitel Spott hervorrief., Und dann war die Sache heraus. Was nicht für Geld und gute Worte einzutauschen war, würde bereitwillig ft gegen Getränke, 'alkoholische Getränke, zst haben sein. Doch hieran mangelte es.
Der Grund hierfür war ein dreifacher. Erstens war es allgemein bekannt, daß die Einführung von Spirituosen in die Strafkolonien des Zaren strengstens verboten war. Zwestens hatte der „Seahorse" vow Admiral die Weisung erhalten, jedem Konflikt mit den russischen Regierungsbeamten wie den Blattern Lus dem Wege zN gehen. Und drittens — ein zwingenderer Grund als 'die beiden anderen zusammen — war das Weinlager der Offizierskajüte bereits auf einer gefährlichen Ebbe angelangt. Die Aussicht auf eine verlängerte Whiskynot machte, selbst den verschwenderischsten der Seehundsfell- und Elfmbeinsammler nachs- denklich. Der Handel war daher auf einem toten Punkt angelangt. Die durstigen Händler begaben sich mit ihren Waren unwillig wieder in ihre Boote und fuhren murrend und knurrend in die Bucht zurück.
Als die betrübten Offiziere beobachteten, wie jene ihre plumpen Fahrzeuge mit der begehrlichen Fracht wieder ans Land zogen, nahm Plantagenet Pooly, der erste Ingenieur und Verwalter des Weines, sein Fernglas von den. Augen und nannte! sich öffentlich einen Idioten.
»„Warum dachte W vorhin nicht daran!" sägte er ärgerlich, „Woran?" fragten die anderen im Chor.
rMun, an das verdorbene Faß Marsala!"
Man fragte nicht mehr weiter. Das Essen wurde verschoben. Bewaffnete Abgeordnete wurden zu den Unzufriedenen an die Küste geschickt, mrd eine Stunde später waren diese mit «den Fellen Md elsAbeinernen Stoßzähnen wieder an Bord.
Doch auch jetzt kam es noch Nicht zum Geschäft. Es wurde viel verhandelt, um den Gegenwert eines-Felles in Quarten und Pinten festzustellen, und sogar eine Probeflasche' wurde dem kostbaren Faß entnommen. Aber die Eingeborenen, die, wie cs schien, Kenner waren, wollten nichts davon wissen. Es sei ihnen nicht scharf genug, wandten sie ein, und außerdem schäume es nicht, wenn es in Trinkgefäße gegossen würde, wie andere Weine/ die sie so gern tränken. So zogen sie ein zweites Mal mit ihren Schätzen schimpfend wieder ab.
Trauer senkte sich auf die Offiziere. Und wen kann das wundern? Denn jeder wollte doch gern ein Jackett aus Seehundsfell mit nach Hause bringen, und diese Seehundsfelle schrien ja direkt nach dem Kürschner.
Da kam Pooly eine zweite Eingebung des Himmels.
In der kommenden Nacht, als die Mannschaft im Schlummer lag, vollbrachten die Offiziere des „Seahorse" die große Tat, Heimlich — und nach Plantagenets Anordnungen — rollten sie das verwünschte Faß Marsala aus.dem Zwischendeck und hoben es auf den Tisch, und der dickliche Inhalt des Fasses wurde! in ein anderes Gefäß gegossen.
Zunächst grub der listige Weinschenk aus dem dunklen Versteck eines Schrankes eine längst vergessene Flasche schimmligen Chileweins aus. Sodann wurde ein Fläschchen Cayennepfeffer aus der anliegenden Küche geholt. Dann begann die entsetzliche Mi-, scheret.
„Ich glaube," erklärte der Weinschenk, die leere Flasche über Bord werfend uttb aufs neue im Schrank umher stöbernd, „daß es jetzt für diese Bevölkerung der kalten Zone scharf genug fein wird. Was aber den gewünschten Schaum betrifft," schmunzelte er, „so ist Mer ein ganzes Faß davon in fester Form !"
Schreckgelähmt sahen die Offiziere, wie der Zauberer mit einem Stabe unter Verschwörungssormeln in einem Bottich weicher Schmierseife herumrührte und sich eifrig ft an die letzte Mischung machte.
Ueber die „Blume" i des Weines gab der Offizier fein Gutachten ab, dem durch die Würfel die angenehme Aufgabe zusiek, das Gebräu zu probieren.' Sein Urteil enthielt manche neue kräftige Perl« seemännischer Flüche. Sein Gesichtsausdruck allein wurde als genügender Dank dem veredelten Weine gegenüber angesehen, Das herrliche Getränk wurde sodann auf Flaschen gezogen, uni am' Morgen darauf aufs neue den Handelsleuten angeboten zu! werden.
Diesmal allerdings mit bestem Erfolg! Es genügte nur etnl Likörglas zur Probe, um den Handel abzuschließen. Die Verkäufer segelten alsbald mit ihren Flaschen wieder ab, während! die jubilierenden Käufer ihre Schätze mit Naphtalin und Kampfer! verpackten.
Doch die Vorboten der Nemesis zeigten sich schon am Horizont; der Schicksalsbote, in Gestalt eines barfüßigen Signalisten, patschte schon auf dem Wege nach der Kajüte des Kapitäns mtir der völlig unerwarteten und beunruhigenden Nachricht, daß das Flaggschiff in Sicht sei. Der Admiral hatte eine außerordentlich ungelegene Zeit gewählt, unt dem weitesten Außen posten seines Geschwaders einen unerwarteten Besuch abzustatten, und morgen, so verkündete der Zeichentelegraph an der Mastspitze, wollte er den „Seahorse" besichtigen. „ ,
Selbst Admirale, obgleich sie gewissermaßen Gottheiten des Ozeans sind, sind nicht gegen das Schicksal gefeit. Am anderen! Tage stand der Wmiral, wie der Zeichentelegraph besagte, auf der Krankenliste, aber die Offiziere des „Seahorse" sollten sich zu sechs Uhr vormittags an Bord des Flaggschiffes begeben. Ein befremdendes Signal und eine noch befremdendere Krankheitk, Krank — und doch fähig, am! vorhergehenden Nachmittage einest zweistündigen Besuch bei dem russischen Gouverneur zu machen! Krank, und doch imstande, zu empfangen?
„Es wird irgend eine Krankheit zwischen Zahnen und Altersschwachheit sein," erklärte der Arzt des „Seahorse" brummig, als sie nach bent Flaggschiff hinübergerndert würben. „Aber es ist sicher nicht bie Schlafkrankheit."
Es war ein etwas blasser, aber beunruhigend lebhafter Admiral, der sie in der Kajüte empfing. Er lag auf einem Sofa ausgestreckt. Der Admiral bat bie Offiziere, sich zu setzen, und unterhielt sich mit ihnen über bie Aussichten bes Wetters, be- bauerte mit ihnen ben Mangel an Vergnügungen in bcn arktischen Breiten, erwähnte flüchtig das Nordlicht der letzten Nacht. Unbl erzählte mit einer befremdenden Sanftheit von feinem offiziellen Besuch bei dem Gouverneur am vergangenen Nachmittag.
„Ein Mann von ungeheurem Missen," erklärte er, „und zugleich ein seltener Weinkenner." ,
„Weinkenner!" Der Ausruf des ersten Ingenieurs war ebenso unfreiwillig als der Krampf im Gesicht des Steuermannes.
„Er gab mir das denkwürdigste Glas Wern, fuhr der Admiral fort, „das ich je, — das. — ich meine, Glück hatte, zu! kosten. Es war ein Wein, der jebe Vorstellung übertrifft. Sw dürfen feilte Zeit verlieren, meine Herren, Seme Exzellenz selbst zu ltng he„te in See, Herr Admiral," siel der
^^°r,Wircklich,^baswatte ich vergessen. Wer obgleich! bie Pflichtest des Dienstes Sie zwingen, bie Bekanntschaft mit einem außer- ordentlichen Manne aufzuschieben, können Sie doch seine Ge-


