Ausgabe 
24.8.1910
 
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ihrer letzten Kraft breljtc sie Has Antlitz nach der Wand' UnZ verschied.

Hatte sie vielleicht in diesem AngeMick noch einmal ihren! Peter geschaut, kehrte die Erinnerung wieder an ein kurzes! Jugendglück, oder wars begründete Weltverachtung, die sie so heiter entschlummern ließ? Wer kanns wissen?

Spät in der Nacht die Mannsleute bei der Leichenwachs hatten bereits den sechsten Schoppen Branntwein getrunken und soweit vergessen, wo und warum sie hier saßen kam der Petero Er bedankte sich vielmals für die dem Hause erwiesene Ehre, aber nun möchten die Männer so gut sein und ihn allein lassen mitj seinem toten Mütterchen. Da zogen die Wackeren ab, und manches unter ihnen mit schwankenden Schritten.

Drei Tage darauf trug man die Amrei auf den Kirchhoft Einen außergewöhnlich langen Leichenzug hatte sie, wie er eineu so armen Person von Rechtswegen gar nicht gebührte. Indessen-, die Arbeit in Haus und Feld drängte um diese Zeit nicht all-, zusehr, und lvas der Pfarrer sagen würde, darauf war man nU=. gemein gespannt, denn dieunverehelichte Seipel" würde doch sichereins abkriegen", dachte man. Aber wer eins abkriegte, das war nicht die Amrei, im Gegenteil, sie wäre mit ihrer Leichen-? predigt hochzufrieden gewesen, falls fies noch hätte hören können sondern alle die, welche kalten Herzens ihr das Geleite gegeben hatten nebst denen, die als Zaungäste im Werktagskleid hinter der Hecke standen. Die Balzersch Woase zeterte nachher, so etwas! könne man von einem unbekehrten Pfarrer nicht anders verlangen-, Der Peter hett emol feen Glück," sagten die Gansbacher, als ihn bald darauf die Oberersatzkommission tauglich zur Garde-, infanterie erklärte, weil seine bis dahin wohlbegründete Rekla­mation! durch das Ableben der Mutter gegenstandslos gewor- den war.

Jajoa, su is et," fügte ein ländlicher Philosoph tiefsinnig hinzu,sei Lebtoag heiter mit dem Amrei sei Last gehott, UN alleweil, wu's ihm hält nütze könne, dp legt sich's hm und! sterbt."

Wie Peter selbst üher den Fall dachte, hat niemand erfahren, denn seine Mutter hatte ihm eine große Kunst vererbt: er ver-, stand zu schweigen. Und schweigsam, jede fremde Hilfe freundlich ablehnend, ordnete er sein Hauswesen, bestellte den kleinen Garten, filtterte die Geiß und die Hühner unb schickte sich an, die erstÄ selbständige Arbeit auf eigene Rechnung in seinem Beruf aus-? zuführen. Er hatte nämlich den Neuverpsttz des alten und toind- schiefen Backhauses von der Gemeinde übernommen. Zum Vor­anschlag und als Alleinbietender,, weil die Taxe den übrigen! Maurern im Dorfe zu niedrig erschien. _

Der Peter hett Glück, das muß mehr soage," streßen sich seine Mitbewerber beim Verlassen des Versteigerungstermins mit! verschmitztem Augenzwinkern an,kaum, hett er sich zum MeesW gemoicht, do kriegt er nach schun Orweit."

Der neugebackene Unternehmer war jedoch nicht der DummS, ftir den ihn die schadenfrohen Handwerksgenossen ansahen, ed wußte recht wohl, daß bei dem. Geschäft nicht viel herausfpringeg würde. Weil er aber vorläufig doch nicht wegreisen konnte, wollte er sich mit dem schmalen Verdienst begnügen, vielleicht sielen späterhin fettere Brocken für ihn ab. Also ging er hierhin! und dorthin, borgte sich Stangen, Breiter, Stricke und Mauereisen, bekam natürlich nicht überall das beste Material, und hatte ust Handumdrehen das Gerüst hoch gebracht. Dann kratzte, schabte und pinselte er so flink an dem verwitterten Fachwerk herum, daß es eine wahre Lust war, ihm zuzuschauen.

Wenigstens holte Hannjakobs Aennchen, seitdem er dort Pbest hantierte, an einem einzigen Tage am Backhausbrunnen so viel Wasser tote sonst die ganze Woche nicht. Immer, wenn sie unten! vorbeiging, rief sie ihm eines der landesüblichen Scherzworte zrM Peter, sei nit ze fleißig," oderPeter mach Feierowend, fonfl gib sie noch haute en reicher Mann!"

Dann färbten sich des jungen Meisters gebräunte Wänäest jedesmal um eine Schattierung dunkler. Aus Freude über des hübschen Mädchens Aufmerksamkeit unb gleich darauf vor Scham, daß er sich überhaupt gefreut hatte, wo die Mutter doch erst einige Wochen int Grabe ruhte. Aber, während bereits zwei Wände in blendender Weiße erstrahlten, hätte er bei der dritten! die widerstreitenden Gefühle in seiner Brust auf gute Art zu! vereinigen gewußt. Ja, das Aennchen, das wär was passendes! für ihn. Er besaß so viel wie nichts, sie hatte nicht mehr zu! erwarten, dagegen standen ihnen beiden kräftige, arbeitswillige! Arme zur Verfügung. Ei, warum sollte denn daraus nichts! werden? Und bei der letzten Wand das Aennchen hatte sich mittlerweile beinahe lahm geschleppt war sein Zukunftsplast fix und fertig bis auf die Einzelheiten. Alles klappte vorzüglich und war in bester Ordnung.

Nur nicht die morsche Unterlage, die das Brett trug, auf! deut sich der Peter soeben emporreckte, um eine schadhafte Stells unter dem Dache ausznbessern. Plötzlich hörte man einen ge­waltigen Krach, und der junge Meister stürzte, sich mehrmals überschlagend, in die Tiese samt Speiskübel und Kelle. Düst Speiskübel hat's nicht viel geschadet, nur der Henkel war ver­bogen, aber desto mehr dem Peter. Auf einer Wagenleiter trügest sie den Ohnmächtigen den Geißeküppel hinauf.

Und wiederum stand, seiner Beute harrend, der grinsende! SenfeiMästst äm Köpfende, des Bettes, darin kurz zuvor die

Peter Seipels Glück

Most G. Zitz er, Nieder-Eisenhäusen,

Peter Seipel wär schon ein fleißiger und strebsamer Mensch tzelvesen, als er noch in die Gansbacher Halbtagsschule ging. Wo's ptwas zu verdienen gab, da konnte man ihn immer treffen. Den Leuten Anmachholz spalten, Botengänge tun, den Kegel­jungen und Hafentreiber spielen, Beeren eittsammeln, otts- stnbekannten Kollektanten die besseren Bauernhäuser zeigen und was dergleichen Gelegenheiten mehr sind zu lohnendem Neben­erwerb für findige Torfbuben. Und wenn er dann auf dem Heimweg mit den ergatterten Groschen in der Tasche beim Krämer- ludwig vorbei mußte, der die bunten Zuckerwaren hinter der Proßen Ladenscheibe so recht fängisch ausgestellt hatte, guckte er jedesmal in eine andere Ecke oder fetzte sich ist gelinden Trab, bis er den Versuchen entronnen war.

Denn seiner Mutter, derunverehelichten Seipel", tat das bischen Geld bitter not. Sie hatte sich den Peter von einem Guts­hofe aus der Wetterau mitgebracht, wo sie in ihren jungen Jahren Sommermagd gewesen war. Ein sogenanntesWetterauer Christ­kind", wie's so manches in der Gegend gab. Die lieben Gans­bacher würden auch von der Geschichte weiter nicht viel Aufhebens gemacht haben, aber die Seipels Amrei war doch eineDwerschte", !eine verwachsene, schielende, unscheinbare Person, hie dazu noch Mit dem linken Fuß nachhinkte.

S'ist die Möglichkeit," sagten sie,häi ze Land hätt sich hoch feener on su'nem Däier vergriffe!"

Und sie schüttelten die Köpfe und wärest sittlich entrüstet, Mm meisten die Balzersch Woase, die eigentlich hätte vor ihrer eigenen Türe kehren sollen, aber ihr Fall lag gar so weit zurück und ihr Mann, der Balzersch Vetter, saß im Kirchenvorstand,

Ja, wenn man wenigstens noch gewußt hätte, wer der Vater War, allein über diesen Punkt schwieg sich die Amrei hartnäckig äus, so große Mühe sich die guten Nachbarinnen auch geben mochten. Selbst dem Herrn Pfarrer toollte sie's nicht gestehen, nicht einmal dem Bürgermeister, der sie von Amts wegen ins Verhör nahm, weil er befürchtete, die kränkliche Mutter, eine! Waise ohne jeglichen Anhang, könnte einmal samt ihrem Kinde dem Gemeindesäckel zur Last fallen. Ein russischer Polack sei der Missetäter gewesen, meinten einige, der Gutsherr selber, sagten andere.

Die Amrei ließ die Leute schwatzen und Vermutungen ast- stellen, so lange sie Lust hatten, tat im übrigen unverdrossen ihre Arbeit und schlug sich redlich durch. Und Peter wuchs zu einem kräftigen, gesunden Jungen heran, trotzdem er mehr trockene Brotstücke zu schwarzem Kaffee als Butterschnitte mit Milch und Fleisch zu sehen bekam. ,

So brauchte er nicht, wie's bei den armen Bübchen im r,Lappen gründ" Sitte ist, nach der Konfirmation zunächst mal ein Jahr lang sich im Wittgensteinifchen als Hütejunge heraus­zufuttern, sondern durfte schon nm Sonntag nach Pfingsten mit den Maurern nach dem Siegerland abreifen. Zwar konnte ihm die Mutter nur einen kleinen Zehrpfennig mitgeben, dafür aber tausend fromme Segenswünsche, die schwerer wogen tote ebenso- viele harte Taler.

Und der Jüngling hielt, toas der Knabe gelobt. Allgemach »pg ein bescheidener Wohlstand in Amreis Stübchen ein, sie elbst trug zum Kirchgang nun eiste Saminetmütze mit drei- ächem Litzenbesatz um die Aermel. Nur die reichen Bauers- rauest kleideten sich so, aber der Peter toollte es nicht anders haben. Doch sollte sie sich ihres Glückes nicht lange mehr er­freuen, die Gesundheit des ohnehin nicht starken Weibleins nahm zusehends Mb. Die Lungensucht, die Armeleutekrankheit, setzte ihr bös zu und warf sie schließlich aufs Krankenlager, von dem sie nicht mehr aufstand. An einem Samstag Abend im März ist es gewesen, als sie den letzten Atemzug tat, ohne daß Peter, der erst in der nächsten Woche zur Rekrutenäushebung heimkehrest sollte, ihr die Äugen zudrücken konnte. Statt seiner stand ein Dutzend Weibsleute am Sterbebett, Mehr ats der Amrei lieb waren. Im Leben hatte man ihr wenig Gutes erwiesen, nun gedachten sie ihr in der Todesstunde eine billige Wohltat zu erzeigen. Vorneweg die Balzersch Woase, die zu denBekehrten" e und ein Gebet über das andere sprach. In dem Tonfall

?r Landers, des Sektenpredigers und Evangelisten, der fröm­mer wär und erleuchteter als allePärrner" der Umgegend zu­sammen. Doch die Amrei kehrte sich nicht darum, sie deutete nur immer stumm nach der verräucherten Bibel auf dem Ofenbrett, darin alle die Briefe und Karten lägest, die ihr der Peter aus der Ferne gesandt. ,

Und die Balzersche leierte fort und fort, ohne Unterbrechung, bis sie endlich alle ihre Konkurrentinnen aus der Stube hinaus­gebetet hatte. Dann aber, die günstige Gelegenheit benutzend, beugte sie sich hastig über die schon halb Bewußtlose, um schnell stoch die Frage zu tun, die ihr so lange schon auf den Lippen brannte.

Amrei, diou Amrei, diou mußt bei Herz erleichtern, nomm's nit mit eniwer ist die Ewigkeit! Amrei wer ts der .Vatter! vom Peter?" _

Da glitt eist seltsames Lächelst, einem flüchtigen Sonnen- ftrahl gleich, über die. eingefallenen Züge bet Sterbenden. Wit