— 622
stellten. Zeit, bis die polnische Dirne, die der deutsche Bursche freite, ihr Vaterland da fand, wo ihre Liebe war!
Doleschal, den Valentin Bräuers Hochzeit mit so viel Unwillen erfüllt hätte, hörte jetzt Gutes von dem Paar, und er hatte die jungen Leute auch schon einmal zusammen gesehen. Er war am Kruge vorbei gefahren, da hatten sie miteinander auf der Haustreppe geständen; sie futterte Die Hühner, die emsig pickten, mit eifrig lockendem „Put, put," und er hatte ihr gefällig den Futterkorb gehalten. .Sie schienen so recht eickträchtig; die hübsche Frau mit ihrem 'glänzenden Haar, sauber angetan, gab ein freundliches Bud. Und die Fenster des Hauses waren auch blank gewesen und weiße Gardinchen hingen daran; selbst die Straße vornt Krug war sauber, eine derbe Magd war eben dabeh Mit Schaufel und Besen den Schmutz von Rossen und Kühen beiseite zu schaffen. Es hatte Doleschal Mit enter wahren Freude erfüllt, das so zu sehen: hier konnte junge Saat auf geh en, kräftig und verheißungsvoll! Gottlob!
"'Helene fteute sich der heiteren Stimmung ihres Mannes f— Gott sei Dank, er konnte doch noch lachen! Oft hatte sre geglaubt, er habe es ganz verlernt. Aber ihn nach Berlin zu begleiten, hatte sie abgelehnt. Was sollte sie da? Seme Interessen konnte sie nicht unterstützen, und — sagen durfte ie's ihm freilich nicht — sie wollte die auch gar nicht unter» tützen. Wenn er Mit ihr über seine Pläne gesprochen hatte, o würde sie ihm gesagt haben, wie schwer die Befürch- ung einer Enttäuschung für ihn aus ihr lastete. Wie ’oniite er nur denken, hier durchzudringen?! War denn ein Ange so ganz nmschleiert, daß er nicht sah, was so deutlich zu sehen war, so zum' Greifen nah, wie Vota Lysa Gora der schwarze Turm von Poeiecha-Dorf?! Er würde hier nicht siegen!
Doleschal war enttäuscht, daß seine Frau ihn nicht nach Berlin begleiten wollte, aber zuletzt sah er's doch ein, daß sie bleiben mußte, wenn er fern war. Er würde nun seine Berliner Besuche so sehr als möglich zusammendrängen, um zu den Osterfeiertagen wieder bei den Seinen zu fein. Die Knaben quälten ihn um Ostereier — ja, ja, er würde ihnen welche mitbringen, viele! Boller Freudigkeit versprach er's ihnen; er hätte noch ganz andres versprochen, er war wie neu belebt.
Helene brachte ihn zur Eisenbahn. Die Kinder empfahl sie derweilen der Obhut der Gouvernante und der alten Pelasia. Es würde ziemlich spät werden, bis sie zurückkam, bä sie ihren Mann, der mit dem Nachtzug fuhr, noch bis tzum Kupee begleiten wollte.
Doleschal mußte selbst nicht, was ihn plötzlich überfiel gleich einer jähen Traurigkeit, als er, die Hand seiner Frau fn der seinen haltend, der Kreisstadt zufuhr.
Heute war ein ungewohntes Treiben, Kontmen und Wehen auf den sonst so stillen Feldern. Der Märzwind wehte in Röcken von Weibern, lüftete Rockschöße von Männern und ließ viele rote, blaue, grüne und violette Bänder in der Luft flattern.
Sie waren alle im' Sonniagsputz, wie zum Kirchgang gerüstet, im höchsten Staat. Den Rosenkranz trugen sie um hie Hände geschlungen; die Frauen hätten am Arm ein Körbchen, das scharlachene Sacktuch trug der Mann wie ein Bündel. Gleich großen bunten Blumen wehten die Westalten über die schwachbegrünte Ebene, einzeln oder auch |n Trupps gesellt; ans allen Richtungen kamen sie her, alte und junge Männer, alte und junge Weiber, Knaben und Mädchen. Und vom Pociechaer Dorfturm tönte die Wocke in einem' fort.
Wohin strömten die nur alle? Jetzt wär doch nicht sonntägliche Kirchgangszeit?!
„Mariä Verkündigung, gnädiger Herr — Ablaß!" sagte der .Kutscher und drehte sich herum nach den Herrschaften.
„Fahren Sie heute abend auf dem Nachhauseweg so schnell als möglich," befahl ihm Dvleschal, und dann wendete er sich besorgt zu seiner Frau: „Hoffentlich habt ihr feinen Krawall mit Betrunkenen! Fatal!" Seine Stirn zog fich kraus, wie mit einem Schlag war feine ganze gute Laune dahin. Er faßte die Hand feiner Frau noch fester, eine plötzliche Sorge packte ihn: „Es wird dir doch nichts passieren?!"
Sie sah ihn dankbar an: „Mein guter Mann, wie du immer sorgst!"
„Ich mag dich gär nicht allein lassen. M möchte Mber bej dir bleiben," murmelte er.
.Sie nickte lächelnd, aber Tränen waren ihr jäh in die Augen geschossen. „Es wäre mir auch lieber, du bliebest hier! Ach ja!"
Das Scheiden von ihm wurde ihr auf emmal so UN-, ägbar schwer. Wie töricht, es handelte sich ja nur UM änm eine Woche! Aber ihr war, als sollte die zur Ewig->. ?eit werden. Dichter zu ihm rückend, legte sie ihre zweite Hand auch noch in die seine.
„Bleibe," flüsterte sie innig; „bleibe bei mir!" „Aber ich kann ja nicht, ich muß doch fort!" „Ja, du müßt fort!" Traurig nickte sie. Und dann zog sie ihre Hände aus der seinen, faltete sie im Schoß und ah still darauf nieder. Sie wagte jetzt nicht mehr to prechen, denn dann hätte sie weinen müssen, und sie wollte nicht Weinen — nein, nicht wehleidig jein! Und sie bist die Zähne aufeinander. . m,.„
Äuch er schwieg. Ohne zu sehen, glitten ferne Blicke über die weiten Felder nnb die geputzten Menschen, die alle zum Ablaß eilten. Er wandte den Kopf noch einmal zurück in der Richtung nach Deutschäu. — da schwand eben ber sLysa Gora.
Es war heut wenig Hoffnungsfreudigkeit in der grauen Luft^am Tag von Mariä Verkündigung.--sh — ti
Auch die Bräuers hätten sich auf den Weg WM Ablaß gemacht: der Mann, die Frau, das Settchen, der Sohn und die Schwiegertochter. So waren sie ein ganzer Trupp, Valentin hatte erst nicht mitgewollt, aber die Mutter hatte ihm zugeredet: warum wollte er sich ausschließen? Weiß Gott, er kam auf viel bessere Gedanken, wenn er mitgina! Uiid ein forschender Blick hatte sein nachdenkliches Gesicht! gestreift: fühlte er sich nicht wohl, warum war er jetzt oft so still? Aber er hatte sie beruhigt: nein, er war ganz! gesund, sie brauchte sich nicht zu sorgen. Er war eben nur nicht mehr der ledige Bursche, er war nun ein Ehemann, der was zu bedenken hatte. War es nicht zum Beispiel unrecht, daß er jetzt fortging und den Krug allein ließ?!
Darüber war Stasia nun ganz ruhig. Sie lachtet allein —?! Der Vater war ja da und führte die Aufsicht!
Valentin erwiderte nichts hierauf, aber fein Gesicht zeigte, daß ihn das durchaus nicht beruhigte.
Stasia sah es, und ihr Ton lvurde gereizt: dann hätte! er doch zu Hause bleiben sollen, hatte sie ihn etwa daW gedrängt, mitzugehen, he?
Das war es ja gerade. Daß sie ihm so wenig jzuä geredet hatte, das hatte Valentin nun doch bestimmt, mit- zugehen. Er wollte nicht immer derjenige sein, der beiseite stand, wenn sie mit Pan Szule schwatzte. Und daß dieser sich einfinden würde, des war er gewiß. Ein dumpfe« Groll gegen den Inspektor erfüllte ihii. Der hatte ihm zwar nie etwas zuleide getan, war stets höflich, aber wenn der nur die Wirtsstube betrat, wurde ihm schon heiß und kält. Er mochte es nicht, ioenn der so vertraut mit Stasip sprach, wenn der mit Stasia lachte und er nicht mitlachen konnte. Ha, wie er ihn haßte, den — den Polacken!
Vormals hatte er sich oft über den Vater verwundert — wär's nicht gleich, ob polnisch ob deutsch?! Mer jetzt ach!
Er seufzte, als er Stasia vor sich hergehen sah, mit der ganzen Zierlichkeit, die ihr eigen war. Wie er dieses Weib liebte, so von ganzer Seele, so über alle Maßen, -s aber liebte sie ihn?
Die heißen Blicke seiner weit gewordenen Augen hingen sich an sie. Ach, wenn sie doch von Glas wäre, daß er siä durch und durch gucken könnte! Mochte sie ihn wirklich' leiden?! Oder war er doch immer noch der Niemiec, der Fremde?!
Er wollte ihr ja alles zuliebe tun. So viel polnisch hatte er schon gelernt, aber immer noch nicht genug, immer noch nicht genug — sie war noch immer nicht sein!
Gehörte sie nicht jemand andrem viel, viel mehr? Aber wer war dieser andre? Wenn er das nur wüßte! All« Menschen, mit denen sie sprach liest er bei sich vorüber passieren: ihre Eltern, den Vikar, Pan Szule älle H er haßte sie alle. *
(Fortsetzung folgt.)


