Mittwoch bett
A.
W Muft Cx.
Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebllg.
^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„'Die Polen sind gut/' sagte der Inspektor rasch. „Gut", damit meine ich das Volk, die Männer und die Weiber, die den Acker bestellen im Schweiß ihres Angesichts. Die kennen Sie ja gar nicht, wie ich sie kenne — kindgut sind sie, sag' ich, fleißig, anhänglich, dankbar, treu wie ein Hund seinem Herrn!"
„Och, hören Sie auf!" Bräuer machte eine ungläubig- äbwehrende Bewegung. „Spitzbuben sind se, stehlen wie die Raben! Un boshaft sind die Kanaillen! Denken Se an," 1— der Zorn überkam ihn, er sprang auf und schüttelte an- klagend die Faust —■ „haben se ntt letzthin in einer Nacht all meinen Obstbäumcher de Kronen abgebrochen?! Vierzig Obstbänmcher, all eingeknickt, all kaput! Uu ich dacht' schon, dies Jähr wat zu ernten!"
Die Erinnerung überwältigte ihn noch; Mit einem Laut des Schmerzes und der Wut ließ der schwere Mann sich auf einen Stuhl fallen und stierte, die geballten Wüste an die Stirn gedrückt, finster auf den Tisch.
Der Inspektor nickte.
„Ja, ja, so was kommt hier schon vor! Und doch sage ich noch einmal: der Boden ist gut, und das Volk ist auch laut. Man hat nur zu viel an ihm gesündigt. Das einige Gebete macht's nicht, das auf den Knien Rutschen, zur Messe Kaufen und in die Beichte Gehen. Und — hören! Sie, Herr Ansiedler, wenn dazu noch einer, der großartig auf seinem Herrenhof sitzt, wenn dazu nun so einer sagt: „Wozu Schulen, wozu Bildung, dumm müssen sie bleiben, je weniger sie wissen, desto bessere Arbeiter sind sie!" r- Herr Gott, wenn ein großer Herr so was sagt, was kann mau da vom armen Wolk verlangen?!"
„Hm, ja, — no ja!" Bräuer strich sich das Mnn. -,D'onnerwetter, Sie sind ja ’ne Sozialdemokrat!"
„Bin ich das?" Der alte Mann lächelte verlegen und strich sich ganz verwirrt über das stopplige Gesicht. „Das weiß ich nicht, das weiß ich wahrhaftig nicht!"
„No un ob!" Der Rheinländer lachte dröhnendi „Aber ?5ie brauchen sich deswegen ntt zu genieren. Weiß Gott, wer kann hier derzu kommen! Stasia" — er drehte sich nach seiner Schwiegertochter uw — „bring' noch en Flasch Bier und zwei Gläser, babrauf müssen wir ens anstoßen!"
Stasia brachte bas Gewünschte. Mit einew „Na zdro- Wie" stellte sie es vor ihren Schwiegervater hin. Lächelnb [ging sie bann hinaus, sie hatte genug1 gehört. Ei, Was Würbe ber Herr Vikar sagen, wenn sie ihm bas erzählte?!
Die b eiben Männer hatten bann auch halb ben Krug verlassen. Sie gingen miteinander fort bis, hinüber zu Bräuers Haus. Dort trennten sie sich mit ein ent Händedruck. „Ein schnurriger alter Kerl", dachte der Ansiedler,
„dumm, daß er so wenig auf seinen eigenen Profit Bedach. genommen hat; hätte er das getan, hätte er's wohl puc, weiter gebracht im Leben als so, — no, ganz bieder ist e jedenfalls, ntan kann sich von ihm schon hie und dä mal beraten lassen!"
Hoppe hatte, als er über die jungen Saatfelder ist der Richtung des Lysa Gora hinwanderte, ein seit länger Zeit nicht empfundenes, wahrhaft befriedigtes Gefühl: bst hatte er endlich einmal einem Menschen seines Herzens Meinung lagen können. Ach, wie tat das gut! Man wav doch sonst gar zu vereinsamt. Der Prinzipal war immer höflich, auch gerecht, — aber gemütlich, nein, gemütlich war's nie mit dem. Ein Ehrenmann war er, sicherlich, aber hochmütig, und aus lauter Hochmut verschlossen, so Vers schlossen, daß es beleidigend war für den, der täglich mit ihm zu arbeiten hatte. Warum sprach er sich denn nie aus? Seine Worte dünkten ihm wohl zu kostbar?! Damals, als bas Plakat gehangen hatte am Dore ber Katarynka —» man hatte es ihm angesehen, wie ihn bas wurmte — aber bewahre, kein Wort hatte er gehabt auf ben ehrlichen Aus- brück ber Entrüstung, nur ein kühl ablehnendes: „Ich danke". Er war eben trotz aller guten Eigenschaften eist hochmütiger Aristokrat!
Und der alte Inspektor vergaß ganz, als er, den Kopf schüttelnd, über die schmalen Fußpfädchen quer durch biß Saatfelder stapfte, was er diesem Hochmüllgen eigentlich zu danken hatte.
*
Doleschal hatte sich zu einer Reise nach Berlin entschlossen — sein Freund, der Landrat, hatte ihm auch dazu geraten — hatte er doch noch viele Berbindungen dort von früher her. von jener Zeit, als er, ein schneidigen; Kürassier, auf ben Hofbällen getankt unb bei allen Festlichkeiten ber vornehmen Welt, bet Basaren unb Wohltätigkeitsfesten eine gute unb beliebte Figur abgegeben hatte. Man würde ihn dort wohl noch nicht ganz vergessen haben. Er würde herumfahren und feine Karte hineinschicken unb die Gelegenheit finden, bei maßgebenden Persönlichkeiten sich und seine Kandidatur zu empfehlen.
Er war voll der besten Hoffnungen. Den ganzen Winter hätte er sich in trüben Tagen trübe gequält, pust kam ihm mit der grünenden Saat eine frohere Stimmung. Boni Lysa Gora herunter sah er lauf lauter hoffendes Land. Und er tadelte sich: hatte er nicht unrecht gehabt. Mitunter so zu verzagen? Schlimme Elemente gab es überall, aber wenn man sie erkannte, war es nicht schwer, ihnen zu begegnen. Das Deutschtum besaß doch eine so große, so überzeugende Kraft, feine Segnungen lagen so auf der Hand, daß es mit der Zeit selbst die verstockteste Gegnerschaft überwinden mußte. Nur Zeit, Zeit, eine Masse Zeit mußte man haben. Man mußte die Zeit haben, zu wartest, bis in allen Schulen nur deutsch gelehrt wurde. MS deutsch« Kinder, von deutschen Ettern hier geboren, den Acker v«


