Ausgabe 
24.2.1910
 
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ten und die Straße geradenwegs auf das Schloß geführt, twfrei freilich ein paar alte Baume fallen mußten.

Als nun die Gäste im Viererzuge juin erstenmal in das neugestaltete Tor einbogen, lag die Allee in einer geraden Linie vor ihnen, im Hintergrund das Schloß mit seinen Renaissance-Giebeln und der weit vorgelagerten Terrasse. Men aber auf einem Balkon stand jemand in hellem Kleid, Und wie die Coach unter den Hornstößen des Kutschers kam, winkte die Gestalt ihnen zu.'

Ludwig, der selbst fuhr, drehte sich um;

> Aga!

Nun zogen Gräfin Patsch und Valy, sämtliche Regniers und der Prinz ihre Taschentücher und wehten. Patsch sagte leise zu ihrer Schwester:

r Er hat unfern ganzen Park ruiniert.

Die Prinzessin antwortete nicht. Wenn sie in einem Biererznae saß, verstummte ihre Kritik. Und sie, die nicht ritt, iveif sie als Kind beim Reiten von ihrem Vater immer Grobheiten bekommen, hatte sich nie recht interessiert für das, was in Kölln vor sich ging. Sie wollte tanzen, sie zog Gesellschaften, die Stadt, Bäder vor. Mit einem natürlichen Instinkt für alles, was großzügig war, sah- sie wohl, daß rhr Schwager gewaltige Verbesserungen getroffen. Erstaunt gewahrte sie statt der zerfallenen Wasserkunst!, die Figuren aufgerichtet, die Beckeri neu gefaßt, und überall perlte und tropfte unb rann und rieselte es. Da ihr Schwager ihr außerdem etwas Schmeichelhaftes über ihren Hilt gesagt hatte, so war sie in bester Laune.

Nun sah man seltene Blumenpracht im Schloßhof. Ein ungepflegter Rasenplatz war es gewesen, denn für Garten­antagen hatte der alte Graf schon deshalb' nichts aufge- wendet, weil er auf jeder Rasenfläche ritt. Das Stall- gebände war durch eine hohe Pflanzung beinahe verdeckt. Es schien erstaunlich, was in der kurzen Zeit gemacht wor­den war.

Gräfin Patsch aber, gewohnt, daß man vom Schlosse ans den Stall übersehen konnte, machte ein muffiges Gesicht.

Beim Aussteigen nahm ihr Mann sie beim Arm:

Was hast du denn, Patsch?

Ach, bei uns im Regiment ist es viel hübscher! und sie dachte an die Leutnants, mit denen sie scherzte und spazieren ritt.

Agathe geleitete ihre Gäste auf die Zimmer. Dort war manch zerrissener lleberzug erneuert, den die Sporen der Reiter zerfetzt hatten, wenn sie noch gestiefelt uitd gespornt sich nach der Jagd ein halbes Stündchen aus­geruht hatten.

Ludwig musterte von feinem Zimmer aus mit dem Operngla.se die Straße am Kanal, der, ein blitzender Strei­fen, sich in der Heide verlor. Von dort her mußten die Wersfener und die Tiefenauer kommen. Endlich sah er in der Ferne eine Staubwolke. In dem Augenblick meldete auch schon Oskar mit der flüsternden Stimme, die er sich Ängewöhnt:

Euer Gnaden, ich glaube, es nahen Herrschaften.

Ludlvig ivarf noch einen Blick in den Spiegel, dann ging er hinab. Nur diegnädige Tante" wollte er am Portal erwarten, bei den Nachbarn wäre es eine Spur zu ergeben gewesen. Er küßte Gräfin Lindenbach die Fingerspitzen, half dem Grafen, der ausnahmsweise die lange Fahrt gewagt, aussteigen und schüttelte dem jungen Offizier die Hand. Dabeisagteer:

Graf und Gräfin Regnier haben uns dis Freude gemacht, die junge Gräfin mitzubringen.

Aber er verzog keine Miene.

Mau versammelte sich im großen Saale. Als die Tiefe­nauer erschienen, sagte die Prinzessin zu Frau von Liegen, dis als Nachbarin gleichfalls gebeten worden:

Es ist doch merkwürdig, wie man verbauern kann. Tiefenau war früher der eleganteste Garde du Corps, und sieh mal, Marie, heute ist er wieder nicht rasiert.

Frau von Liegen, ein einfaches, brünettes Frauchen, entschuldigte ihn:

Sie haben sehr tu eit Wahrscheinlich hat er sich gestern Mend schon rasiert ioegen des frühen Aufstehens.

.Aber die Prinzessin reckte ihre schöne Figur:

Ach, ein Herr, der auf sich hält? Nein, nein!

Wie aus dem Ei gepellt stand Ludwig ein paar Schritte Wox ihnen. Frau von Liegen flüsterte;

1 Dein Schwager da, von dem könnte Tiefenau was lernen.

Gräfin Patsch zuckte die Achseln:

Na, das ist auch das einzigste, was ivir an unserem Herrn Schwager haben!

Fran von Liegen verteidigte Ludwig, doch Patsch fuhr es heraus:

Ach was, er ist ein Protz, ein Knallprotz ist er!

Fran von Eysz, deren Reiz in dem Gegensatz ihrer schwarzen Brauen und Augen zum hellblonden Haar lag, hielt den Fächer vor, als teile sie ein Geheimnis mit:

Na, na, Protzen haben wir unter uns auch!

Patsch war in Kampfstimmung:

Wer denn?

Die schwarzen Augen leuchteten, und das helle Licht spielte über dem wie ein Heiligenschein den Kbps umrahmen­den Haar:

Ach, man braucht sie nicht zu nennen.

Ein paar andere Damen waren hinzugetreten. Eine sagte:

Es ist doch aber sehr hübsch hier. Er hat ja kaum! etwas geändert, nur aufgefrischt. Und das Ivar wirklich nötig.

Freifrau von Mengen geborene Honig warf ein:

Der Mensch möchte am liebsten alles vergolden.

Die blonde Frau von Eysz antwortete sehr entschiedeul

Gnädige Frau, dann würde ich mich doch nicht ein­laden lassen.

Ich bin hier bei Aga.

Sie sind hier bei dem Ehepaar, denn die gehören doch zusammen. Und ich glaube, niemand von uns denkt, daß die gute, arme Aga das Essen bezahlt. Das bezahlt Herv Droesigl. Sie hatte doch nichts.

Erschrocken drehte sie sich um', denn sie dachte an die Schwestern der Hausfrau.

Aber die Prinzessin unterhielt sich, und Patsch war längst umstanden von Herren, denen sie irgend eine Keckheit sagte, wobei sie sich ausschütten wollte vor Lachen.

(Fortsetzung folgt.)

Sitten rmd Gebräuche bei Hochzeiten.

Von Lehrer W. L e h r in Rebgeshain bei Ulrichstein.

(Schluß.)

Am Standesamt waren die Brauttcut' nüchtern zu Ehe­leuten proklamiert worden. Von da zings direkt zur nahen Kirche. Während die Glocken läuteten, zogen Hannes und Marich, hinter ihnen die Eltern und der lange Zug der Gäste die Leute zählten beinahe 100 ins Gotteshaus. Bei ihrem Eintritt ertönte die Orgel, bis sie' am Altar an- gelangt waren. Dann trat der Geistliche aus der Sakristei und hielt eine ergreifende Traurede. Den zweiten Vers aus dem 100. Psalm:Dienet dem Herrn mit Freuden" hatte er auf Wunsch zum Text gewählt. Haukourts Konrad war einst mit demselben und an demselben Altar getraut wor­den. Nachdem der Pfarrer den Bund der jungen Eheleuts gesegnet, gingen diese um den Altar, um ein Opfer darauf zu legen, ihrem Beispiel folgte der Schwarm der Gäste. Dann brachten dieselben den Neuvermählten ihre Glück­wünsche dar und stellten sich in langen Reihen, die Männer hüben, die Frauen drüben, dem Schiff der Kirche entlang und bildeten so ein Spalier, durch welches das Brautpaar nach beendeter GratulationScour hindurch mußte. In: Zug ging es hierauf ins Bräuthaus. Aber noch waren sie nicht dort. Mehrmals wurden sie unterwegs gehemmt, hier von Kin­dern, dort von armen Leuten mit einem Seil, welches quer über die Straße gespannt war. Und überall mußte Hannes, der junge Ehemann, den Geldbeutel ziehen. Die Kinder bekamen Kleingeld, worüber sie dann herfielen und um dessen Besitz sie einen Kampf aufführten. Zu einem Knäuel geformt, lagen sie am Boden. Als der sich nach einigen Minuten gelöst, sah man's den Gesichtern an, wer was er­wischt und wer nicht. Die Größeren trugen natürlich den Sieg davon, wie überall. Unter ihnen herrschte das Faust» recht. Das Geld fürs Hemmen gab man gern, denn das Hemmen bedeutete Glück. Wer sich ins Gotteshaus fahren ließ, und das geschah besonders von den Filialdörfern^ die zum großen Dorf des Jnnkerlands gehörten, dem wurden bei seiner Rückkunft im Hof dreimal die Pferde angehalten gehemmt . ohne das gings nicht das brachte Glück