Ausgabe 
23.11.1910
 
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hierher getragen. _ . t .

Man glaubt den beiden Männern. Kem Verdacht fallt ans sie. Wie sollte das auch? Wer einen totschlägt, der bringt den Erschlagenen nicht seinen Angehörigen. Auf diesen Gedanken baut sich auch! das Mer trauen der Täter. Sie kehren gefaßt heim.

Im Dorfe der beiden Männer erregt doch das Erschlagen des Beamten großes Aufsehen, wiewohl man insgeheim die Be­seitigung des ftrengen Aufsehers als eine Befreiungstat begrüßt. Man hört ivohl die Frage: wer mag das getan haben? Niemals aber vernahm man den leisesten Verdacht gegen die zwei Tater aussprechen. ltnt> die Eingeweihten waren still rote das Grad.

Der Totschlag deS Waldaussehers wird sogleich dem Landgericht des Bezirks gemeldet. Das Gericht erscheint, stellt die eingehendste Untersuchung an, nimmt umfassende Verhöre vor, die Tater bleiben verborgen. Dem Gericht entgeht allerdings nicht der Verdacht, ob doch nicht am Ende die beiden Ueberbringer des Wlagene« die Täter fein, könnten. Des Gerichtes Untersuchnng verfolgt diesen Weg. Allein, Zeugen bekunden, die Männer im Dorfe gesehen zu haben, dazu ist der Leumund der Verdächtigen tadettos Die ganze Gemeinde tritt auf in gewohnter Einmütigkeit und. be­kundet, daß die beiden Männer emer solchen Tat nicht >ahtg wären. Kurzum, das Gericht vermag kerne Bewerfe der Schuld für die Verdächtigen aufzubringen, ist aber besten ungeachtet uber- zeuat daß die Täter in der Gemeinde der beiden M .suchen seien. Das Gericht setzt eine hohe Belohnung für dre Kenntlich­machung der Täter aus. Ohne Erfolg. Kein Verräter meldet sich; alles bleibt ruhig. . ,

Da entschließt sich die Regierung zu einer Maßregel, durch bereit Druck sie den Verrat der Täter erhofft. In dre klenre Gemeinde wird eine Abteilung Soldaten unter einem Leutnant ins Quartier gelegt. Man weiß, wie sehr die ärmliche Gemeinde i ihre Last hat, die Gemeindebedürfnisse zu bestreiten, wie Hari ihre Bürger eine Einquartierung drückt. Aber man hatte sich tin bett Annahme geirrt, daß dieser Druck zur Entlarvung der .Tater ^^Die^Soldaten lagen einen ganzen Winter über im Dorfe zum ! Leidwesen nicht nur der Leute, sondern mich des Leutnants.

Der wußte in dem kleinen, abgeschlossenen Dorfe kaum die Zeit herumzubringen und totzuschlagen. Die Bibliothek des Lehrers mußte ihm den Zeitvertreiber spielen. rr.

Der Frühling kam ins Land. Auf dem Dachfirst pfiff der | Star sein Frühlingslied. Im Felde trillerte die Lerche. Baume und Sträucher knospeten. Im Dörflern aber war iwch Nicht eine Haarbreite ©mir gefunden worden, die auf die Fährte der Tater stihrte Da kam der Befehl zum Abrücken der Truppen. Wre eine Erlösung begrüßte man ihren Wegzug. ,

Nun glaubte man, das Verbrechen würde niemals aiifgeklart werden. Doch der Verräter, sagt ein Wort, schlaft nicht Frauen- - znngen sollten auch hier die Träger des Sonnenstrahls werden, der das Dunkel der Tat erhellte.,

Im Frühling liest man alljährlich m den Dorfschaften Ne I Kartoffeln in den Kellern herum, d. h. man scheidet Ne gütens und schlechten Knollen voneinander. ,

So saßen eines Tages auch zwei Frauen des Dorfes in einem Keller, lasen die Kartoffeln und plauderten, und schwatzten von diesem und jenem. Die eine der beiden war eme Elngewnhte über Ne Täter. Sie mochte wohl denken, da das Gericht nichts herausgebracht, Ne Soldaten vergeblich den Winter lang da- I gewesen, sei nun für die Täter alles gewonnen, ^m Flüstertöne; erzählt sie ihrer Freundin die Geheimnisse der i,at in all ihren Einzelheiten, ja unterdrückt dabei nicht das Gefühl der tmtna dassie" - sie meint die Obrigkeit - doch nfchts herausgebracht, ein.Gefühl, das auch dre andere Frau \ ^^^bcr die beiden Frauen waren doch nicht vorsichtig genug I gewesen - sie hatten vergessen, daß die Wände Ohren haben und die Kellerwände ganz große in den Kellerlöchern, insbefondere, wenn sie offen stehen, ivM eS ;m Frühjahr der Fall ist

Mn Einwohner des Dorfes, einer, der einen Beweis> fux die I M^hrlreit des Wortes abgab, daß oft der Verräter schlechter rst I als der Täter, einer, der an Gottes Erdboden kein Terl hatte, | auch wenn er nicht aus einem Baume saß, einer, ber nichts zu | verlieren, aber alles zu gewinnen hatte, ging am Hause vorüber

Die Sonne war längst hinabgesunken hinter dem Walde, . der die niedrige Hügelkette krönt, Ne westlich eures Vogelsberger Dörflrins hiirzieht. Die Abenddämmerung sentte sich herab. Die Abendglocken von den nahen Dorfüirmen waren schon geraume Beit verklungen. Da treten aus erner Waldbloße zwn rraftige Männergestalten heraus, jeder eine mächtige Last äusserlesenen Werkholzes auf der Schulter tragend Borstchttg lugen sie umher, blicken hinab nach 'der unweiten Straße, sehen hinüber zum ziahen,Hrimatsdo^f ^^^u Nachbariveiler ist seit einiger Zeit ein Waldaufseher gekommen, der scharf auspaßt, der schon manchen | angezeigt, und der keine Rüasicht kennt. ,

Die Gegend scheint sicher; die beiden Maniierschreitenlang- sanr weiter. Da ertönt cm kurzer, scharfer Pfiff. Blitzschnell stoßen die Männer ihre Lasten auf der, Boden. Sie kennen den Pfiff; er kommt von einer alten Frau, die es meisterlich verstano, auf dem krumm gebogenen Zeigefinger, zst pfeifen, so wie es der Schäfer macht, wenn er im Dorfe Ne Schafe zur Herde und zimi^lusziehen bisher unbescholtene Bauersleute,

Ne durch den Freiheitsdrang des Jahres 1848 zu Freibeutern des Waldes geworden, wissen, was der Psifs bedeutet, nämlich daß der Aufseher ihnen aufpaßt und daß man sie warnen will.

Kaurn haben die Männer überlegt, was sie ton wollen, da schallt auch schon der Ruf:Halt! - Hältst' Ihnen entgegen tritt der Aufseher, der unter emer Hecke verborgen gestanden. Die Männer roerfen blitzschnell Me Holzlasten zu Boden, und der eine der beiden wendet sich zur Flucht- Da kracht auch schon ein Schub des Aufsehers. Mit dem Rufe:Ich lxm getroffen! stürzte der Fliehende im Kreise herum. .

Wutentbrannt greift der andere zur Axt und dringt auf den Aufseher ein. Ehe derselbe aufs neue ferne Flinte zu laden vermochte man hatte damals nock) Vorderlader , saust Ne hoch erhob ene Axt aus ihn meder. Er sinkt zu Bodden. Nun eilt auch der vom Schuß Getroffene herzu; der schrotschuß des Aufsehers batte ihm nur leichte Streiswunden zugefugt. Unter ben wuchtigen Axthieben der beiden Wütenden haucht der Auf- seher^seiNchre^liche £Qt geschahen. SBaß nuit? fragen sich die Heiden. Jetzt gilt es die Spuren des Verbrechens zu berwrschen und jedes Zeichen eines Verdachtes fern zu halten.

Beide w-isien, daß sie im Dorfe kernen Verrat zu furchten haben, da ja der 'Holzfrevel eine allgemeine Gewohnheit der den meisten Dorfbewohnern war und da man rnt Dorfs zufammen- hielt wieGrind". Auch wissen sie, daß man den Ta strengen, unbeliebten Aufsehers als eine Befreiung auf ab, eine S8cfte.iu.ttcL jüic fte jd i>ci£? ^ctI)T 1848 veifftubet.

Sorgfältig verwischen sie alle Spuren des Verbrechens am Tatort, bringen den Erschlagenen nicht wett vorn, Straßenrand, Kile.ii zurück yi! ihren Holzlasten und tragen diese heim. Im. -»-oise

durchzog, Noch keine Telegraphen- und Telephonleitongen, tote heute, die Dörfer mit den großen Verkehrsadern verband-.

Mit der Abgeschlossenheit vom Verkehr verknüpfte sich natur­gemäß eine Abneigung bei den Dorfbewohnern gegen Neues, Ungewohntes, Unbekanntes. Man hielt zähe an den alten Ge­wohnheiten, Sitten und Gebräuchen fest. Der neue Frethettsrus fand deshalb nicht gleich überall offene Ohren, willige Herzen. Erst als Freiheitsmänner und Freiheitsredner Versammlungen in den Dörfern abhielten und das Feuer der Begeisterung für Ne Befreiung von Gewalt und Bedrückung, von Knechtung und , Willkür entflammten, da wallten auch die Gemüter , der Dorf- | bewohner auf, da zündete das Freiheitsfeuer auch b er den sonst Stillen und Kalten. Dessenungeachtet hatte man, bet den Dorf- hewohnern für die idealen Richtungen der Freiheit wenig übrig, wenig Erkenntnis. Man wollte vielmehr handgreiflichen Nutzen, wirkliche reale Vorteile genießen. Deshalb faßte man m ben Dorfschasten den Drang nach Freiheit uild den BegrisiFreiheit' meist auf als ein freies Tun und Treiben, Schalten und Walten.

Zur Verwirklichung dieser Freiheitsgelüste bot der seither streng gehütete Wald-, die streng verschlossene Jagd das beste Gebiet. Viele Dorfbewohner, insbesondere Ne kecken, , rauhen Naturen, die sich noch spater nach dem Freiheitsjahr mit Stolz 48 er nannten und so auch noch später wohlgefällig nennen lietzen, zogen in den Wald, hieben Ne ersten, besten Bäume ab, Ne ihnen gefielen und fuhren sie am lichten, Hellen Tage heim.

Andere, denen das Herz fürs edle Weidwerk schlug, Nngen Ne Flinte um ünd zogen zur Jagd, um zu erbeuten, toa^ da fleucht Ulli> Förster und Waldaufseher wagten sich nicht heraus, getrauten sich nicht, in den Wald zu gehen, weilsie wußten, daß bei dem elementaren Freiheitsdrang ein dienstliches Einschreiten mit wirklicher Lebensgefahr verbunden gewesen wäre .

Lange dauerte jedoch der Freiheitstaumel nicht, nur einen Sommer lang. Dann kam der Mckschlag die Rückivirkung, Ne für Wald und Feld in einer verschärften Aussicht bestand. Allein, gar manchem Dorsbewohner war die Wild- und WalNreibeuterei zur zweiten Nattir geworden. Ja, fonft durchaus unbescholtene, biedere Bauersmänner 'frönten noch lange selbstredend ge­heim diesem besonderen persönlichen Freiheitsdrang.

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zeigen sich die beiden Männer verschiedenen Leuten, um später beweisen zu können, daß sie am Abend im Dorfe anwesend waren. Dann eilen sie zu bem Erschlagenen. Um ihre Schuld ganz zu verwischen, tragen sie den Leichnam zu seiner Familie nach dem nur einen Büchsenschuß entfernten Weiler.

Mit banger Ahnung eilt ihnen die schreckensbleiche Fräst des- Erschlagenen, als sie sich dem Hause derselben nähern, ent­gegen. Ein Blick auf die traurige Last, und sie sinkt mit erneut verzweifelten Aufschrei zu Boden. Der Aufschrei der Mutter' bringt die Kinder herzu, die weinend und flagend Ne Leiche des Vaters umstehen. , ,,

Wie hämmerte das Herz der beiden Manner bei dieser Szene! Sie haben ja selbst Frau und Kinder daheim und sind hier Zeuge des unsagbaren Schmerzes, des tiefften Leids, das f i e ver­schuldet. Einzelne Tränen laufen ihnen über die Wangeil, aber sie fassen sich und erzählen ruhig, wie sie spät aus dem Felde gekommen, wo sie am Wege den Erschlagenen gefunden und ihn