Ausgabe 
23.11.1910
 
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Aus dem Jahre 1848.

EiM wahre Dorfgeschichte von Herrn. Strack, RuppertenroT- (Bei unserem Preisausschreiben lobend- erwähnt.)

Freiheit u.nb Gleichheit!" Dieser Ruf 'des Jahres 1848 drang auch in die abgelegensten Ortschaften und Dörflein des Vogelsbergs obwohl damals noch keine Eisenbahn den Vogelsberg

sich um die subtile Ausführung seiner Zusagen zu tümmern. Mer die Gegenminen der Miquelons waren nur ein Wetter­leuchten gewesen; der Sturm sollte noch kommen. Der Werschwendungssucht der Mutter war glücklich ern 31!0e* angelegt, das ganze Hauswesen vereinfacht worden: erus Zeit vernünftigeren Lebens und größerer Sparscrmreit sollte beginnen. Da ging Fritz mit dem guten Beispiel voran; unter straffer Selbstzucht verlor sich das Interesse für spielerische Unterhaltungen; die kindische Freude an nutzloser Geldverschleuderung schwand; das Pflich.bewußtiern wurde reifer, sein ganzes Dasein nahnl Ordnung und Fefttgtert an. Und dann kam lvie ein Blitzschlag der jähe Sturz des

Es stand nun fest: der Kommerzienrat siechte an jener Unheimlichen Geisteskrankheit dahin, für die es keine Hei­lung gibt. Wie sie entstanden war, ließ sich mct)t sagen; auch der Arzt mußte sich auf Vermutungen beschranken. Daß sie sich lange vorbereitet hatte, war zweifellos Die allmähliche Vernichtung der psychischen Persönlichkeit des armen Mannes hatte wohl schon vor Monaten begonnen. Wäre Fritz ein Pathologe gewesen, so hätte er aus ge­wissen symptomatischen Kennzeichen, die ihm in der letzten Zeit an seinem Vater aufgefallen waren, auf das sich ent­wickelnde Leiden schließen und im Interesse des 0e,chafts Borbeugungsmaßregeln treffen können. Shut aber war nichts mehr zu wollen. Vielleicht ließ sich mit den Prtvat- gläubigern eine Einigung erzieleii, bei der ent paar tau­send Mark zu ersparen waren, zumal der Kommerzienrat auch Wucherern in die Hände gefallen zu sein schien. Aber die Geschäftsakzepte bei den Banken mußten trotz der Namensfälschung bezahlt werden; das erforderte der Rus der Firma. Hie und da: tappte Fritz noch völlig: tin Dun­keln- Da die Korrespondenz des Hanfes durch seine Hand ging, so war es ihm unklar, daß er nicht schon vor Wochen die Sachlage entdeckt hatte. Der Kommerzienrat mutzte mit ganz besonderem Raffinement vorgegangen sein, und auch das war wieder charakteristisch für seine Krankheit, in deren Anfaugsstadien häufig schlaue Berechnung und klug erwogene Kombination mit blödester Gedankenlosig­keit wechseln. Aber alles das mußten die nächsten Tage ergeben; da bekam man auch erst einen Ueberblick über die schwebenden Verbindlichkeiten. Die Tatsache, daß sich ein dem Hause Friedel befreundeter Frankfurter Bankier gleichfalls als Privatgläubiger mit einer erheblichen Summe gemeldet, ließ befürchten, daß der Kommerzietlrat auch jen­seits des Gaus seine Streifzüge ausgedehnt hatte. Und immer noch war es Fritz unklar, wo der Vater das ganze Geld gelassen hatte. Es ließ sich, mit annehmen, daß er der rechtzeitig abgereisten sogenminten Gräfin Orczelska auch viel in baren Summen geschenkt hatte. Wie unsag­bar gleichgültig er mit dem Gelde umgegangen war, be­wies drastisch, daß man in eiltet Tasche seiner Hausjoppe ein paar zusammengeknäulte Dausendmarlscheine gefunden hatte. . v

Es war vier Uhr morgens, als Frttz sich mit bleichem Gesicht von seinem Arbeitstische erhob. Er klappte das Geheimbuch der Firma zu, dem seine letzten Rechenkünste gegolten hatten, öffnete das Fenster und zog die Ja- lonfie auf.

Er hatte sein altes Zimmer im Schlößchen behalten, die große Erkerstube über bem Mittelbalkon, die er ihrer Aussicht halber besonders liebte. In der Frühe dieses Spätsommertages strichen noch feine Nebel üher den Rhein, durch die das smaragdene Wasser leuchtete. Das Ufergolände gegenüber badete sich in einem zarten Dunst, in dem alle Farben des Sonnenaufgangs sich mischten, und darüber spann das Blaßblau des Morgenhimmels sich wolkenlos aus. Ein heiterer Tag erwachte. Unten im Garten stritten die Vögel miteinander; auf der BalkoN- balustrade lärmten ein paar inuntere Buchfinken; dicht am Fenster vorüber flog ein Blaukehlchen, das trug einen Gras­halm im Schnabel.

Fritz fuhr unwillkürlich zurück. Fast hätte die Flügel- spitze des Tierchens sein Gesicht gestreift. Dann lächelte, er. Diese Berührung war wie ein Gruß aus einer an­deren Stimmungswelt, aus freudiger Natur. Und einige Minuten hielt diese Wandlung an. Es war ein reges Leben im Garten. Ein Fliegenschnapperpärchen haschte sich; das Männchen suchte in raschem Fluge das schäkernd flie­hende Weibchen zu erreichen. Spatzen huschten mit hef­tigem Gezänk über den weißen Sand der Wege; um die

letzten Rosen vollführte ein weißer Schmetterling 1 einen heiligen Taumeltanz zu Ehren der Sonne.

Aber das Lächeln auf dem Gesicht des jungen Mannes erlosch wieder. Der Tag wurde strahlend-Aus taufeuch­tem glitzerndem Blättergrün tauchten Häuserfirste auf. Ganz unten eine rote Dachecke: da wohnte der Opa. Weiter links blauschwarzer Schiefer, unter dem Kesselholz und seine Dora schliefen. Und dann jenseits der Nutz­baumallee, aufstarrend zwischen den dunkeln Zuckerhuten! hoher Lebensbäume, die Zinnen, Türmchen und Kupfer- Hauben der Helldorfschen Billa: halb! englisches Kastell) halb Abtei. o, r ,

Die drei Häuser waren es, deren Anblick das Lächeln auf dem Gesicht Fritzens löschte. Alle Stimmung heiterer Morgenlust verflog. Aus einem Augenblick sonnigen Träumens Rückkehr in scknvarze Wirklichkeit; die Ge­danken, die wie der weiße Schmetterling in holdem Taumel getanzt, suchten unwillkürlich nach dem Kausalzusammen­hang, zu dem der Blick auf die drei Häuser aufforderte.

'Die Zähne des jungen Menschen küirschten. Es war ein Elend. Ein blödes Ungefähr, eine Erkrankung, riß alle Stützen um. Und da brach der Bau, und die Feinde jenseits des Rheins konnten lachend ihren Triumph vollenden. ...,

Es war eigentümlich: der Gedanke fttt die Möglich­keit eines triumphierenden Sieges der Miquelons scyob alle näher liegenden Sorgen in Fritz zurück. Dieser Ge­danke verletzte seinen Stolz umsomehr, als er sich mora­lisch im Recht fühlte. Und trotz seines inneren Rechts würde er dem Gegner auf der Stelle die Hand zu friedlichem Ausgleich gereicht haben, wenn der fie geboten hätte. Der Zusammenbruch seines Hauses war erschütternde Tragik. Vor ihr neigte auch neidische Konkurrenz respektvoll das Haupt, denn die gleichen Gewalten, die aus dem Unbe­kannten kamen und ehrlich kämpfende Mannheit im Sturme vernichteten, konnten jedem Kaufmann gefährlich werden: keine Rechnung stellt das Unvorhergesehene als Faktor nt ihre Zahlenreihen ein. Aber der Sieg der Miquelons, imb Menu auch nur der formalrechtliche, würde den grimmigsten Hohn entfesseln, ein schallendes Lachen, ein Au, heulen gif­tiger Freude. . . und unwillkürlich ballte sich ^ritzens Hand und wieder knirschten die Zähne. . . .

Die beiden kleinen Kupferhauben der Villa Helldors deckte die höher rückende Sonne mit Gold ein. Unwill­kürlich dachte Fritz, während sein zwinkerndes Auge über die goldenen Lasuren schweifte, an den letzten Besuch Heudorss zurück. Damals war es noch an der Zeit gewesen, dem Streite ein Ende zu bereiten, ohne daß eine der Parteien sich gedemütigt hätte. Und vielleicht empfing man ihn da unten auch heute noch mit geöffneten Armen. Denn noch hatte er ja Geltung im Meise der Gesellschaft, und! die blonde Dirne wartete nur auf das Sesam, das ihr die verschlosseiien Tore öffnen sollte. Und immer noch ging Eldriiigen als guter Vertrauter bei ihr ein und aus es war gar nicht unmöglich, daß er von den Miquelons bereits Auftrag hatte, zu horchen und zu lauschen, wie man über eine Einigung dachte. Ein kurzer Weg, ein paar Schritte nur und vielleicht, ehe es wieder Morgen gcr worden, war eine Sorge verscheucht.

Aber nein nein! Es gibb Widerstände, die nicht zu brechen sind. Auch ein Haß kann so ehrlich sein, daß an ihm sich nicht rütteln läßt; ein Wscheu so tief, .daß seine Ueberwindung einem Aufgeben alles Persönlichen gleichkommt. Noch fühlte Fritz, daß bei allen Sorgen die Selbständigkeit seines Innern nicht bedroht war; fühlte aber auch, daß die leiseste Abhängigkeit von jener Frau sie restlos vernichtet hätte. Denn Diane stand für ihn in der tiefsten Schichte der sozialen Gemeinschaft, und das war ein Empfinden, das nicht aus landläufigen Moral- begriffen hervorging, sondern aus einem starken Wider­willen gegen den Schmutz.

Er nickte zum Fenster hinaus. Unten staub der Gärtner und grüßte ihn.

(Fortsetzung folgt.)