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Mittwoch den 25. November
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(Nachdruck verboten.)
Friedel halb-süß.
Noman von Fedorvon Zobel11tz.
Rechtsanwalt Rittland war ein alter Freund des Hauses, dem man vertrauen konnte. Er sollte zunächst die Entmündigung des Kommerzienrats in die Wege leiten; dann hieß es, den Verbindlichkeiten Karl Augusts nachzuspüren 'und eine Einigung mit den Gläubigern zu erzielen, soweit sich dies ohne .gerichtliche Beihilfe ermöglichen ließ. Es hieß endlich, der Firma wieder eine wirkungsvollere Basis zu schaffen uitb sie aus den ewigen Geldverlegenheiten herausznretfien. Dazu mutzten die gesamten Geschäftsbücher durchgear'veitet werden, und dann kam vielleicht neuerdings die Frage der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft tu Erwägung.
Auch die Prozeßangelegenheit mit den Miquelons wurde nochmals besprochen. Rittland erzählte, in, der OÖffentlichkeit sei die Meinung verbreitet, die beiden Parteien wünschten sich zu einigen. Er war der Ansicht, daß dies da Vernünftigste sein toi'uue, schon um den ins Ungeheure anwachsenden Inserat- und Prozeßkosten zu entgehen. Aber auch sonst lagen für die Firma Friedel gewichtige Gründe vor, einer Einigung nicht auszuweichen. Allerdings: früher oder später mußte das Zeugnis des Herzogs von Weelen ja einmal eintreffen, und es war nicht zu bezweifeln, daß er das verabredete Abkommen bestätigen würde. Fraglich wäre aber auch dann noch geblieben, ob er für den Abschluß eines solchen Abkommens', das sich zudem nur auf Beredring und eine qelegentlichiHKorrespondeuz begründete, die Kom- petenz besessen hätte. Und schließlich: immer konnte Lesson, dem vom Hause Friedel kein schriftlicher Vertrag vorgelegen hatte, die Ausrede eines Mißverständnisses gebrauchen. R.tt- land hielt einen moralischen Sieg der Friedels für nicht unmöglich, aber an einen rechtlichen wagte er nicht zu glauben. ■ o ,
Da wurde noch einmal tu dem alten Opa das Kaus- mannsblut rebellisch. Er begann zu schimpfen. Woran lag es, daß dieser ganze lärmende Reklamefeldzug so kläglich enden mußte? Doch nur daran, daß man mit dem Herzog kavaliermäßig, aber nicht kaufmännisch verhandelt hatte. Schöne Worte hin und her, Komplimente und Lre- beitswürdigkeiteu, doch kein fester Vertrag. Wenn Fritz mit Weelen einen Kontrakt geschlossen hätte tote Eldrtngeu mit Lesson, dann toürden die Miquelons vermntltch den Mund nicht so gewaltig aufgerissen haben!
Das war richtig, nur kam das Domtertvetter de» Alten leider zu spät. Fritz gab auch keine Antwort darauf. Er hatte der Zusage des Herzogs ohne weiteres vertraut, und das letzte Telegramm, das er von ihm aus Uttenhooven erhalten, war der Beweis daftir, daß Abeelen selbst bts zum letzten Augenblick geglaubt hatte, sein Versprechen er
füllt zu haben. Es handelte sich also in der Tat,nur um die Kompetenzfrage. Wer war Direktor Lesson in dieser Beziehung auch wirklich im Recht (und das schien er nach den vom Grafen Eldringen dem Gericht vorgelegten Kopten seiner Verträge mit der Gesellschaft zu sein), so hätte eß doch die Kulanz und der Respekt vor dem Präsidenten der Vereinigung erfordert, den Wünschen des Herzogs Rechmmg zu tragen. An ein Mißverständnis glaubte Fritz nicht, wohl aber an eine Bestechung seitens des Hanfes Miquelon, doch eine Beweisführung darüber hatte das Gericht ab- gelehnt. Run hatte allerdings Rittland gegen diesen Beschluß begründete Beschwerde erhoben; aber selbst wenn das Gericht noch nachgab, war es zweifelhaft, ob der Beweis gelingen würde, da Lesson als Ausländer sich jederzett der zeugeneidlichen Verpflichtung entziehen konnte.
In seiner Medergeschlagenheit und Müdigkeit hätte Fritz sich nunmehr auch am liebsten einen ehrlichen Friedensschluß mit den Miquelons gewünscht, schon deshalb, um unbehindert durch den Streitfall sich der Ordnung der neuen geschäftlichen Schwierigkeiten widmen zu können. Aber wie sollte dieser Frieden herbeigeführt werden? Daß die Miquelons nicht zuerst die Hand bieten würden, war vorauszusehcn; es ließ sich auch schwer eine Basis für die Einigung finden. —
Fritz hatte sich die gesamten Geschäftsbücher von Kestel- holz in seine Wohnung bringen lassest. Er benützte die Nacht, um sie nochmals durchzuarbeiten. Eilte tiefe Bitterkeit erfüllte ihn. Im Grunde genommenwar es ganz zwecklos gewesen, daß er den Beruf gewechselt hatte. Er hatte dem alten Geschäft seine junge Kraft zusühreti wollen. Er war mit Feuereifer an die Arbeit gegangen, dem auch ein gewisser moralischer Impuls nicht fehlte. Tatkräftige Leistung sollte einer großen nationalen Industrie zu neuen Siegen' verhelfen und sie dem bisher übermächtig gewesenen Ausland gebührend zur Seite stellen. Und eS. hatte sich so gefügt, daß auf einen Sieg zu rechnen war. Nach beut Urteile der Kenner übertraf die neue Schaumweinmarke alles, was bisher in Deutschland auf dem Wege der Flaschengärung produziert lvorden war; und nicht nur das: sie hielt auch den Vergleich mit dem besseren französi- scheu Champagner aus. Eine ungemein geschickte Reklame, die sich air ein epochales Ereignis anknüpfte, begünstigte die Einführung der neuen Marke und führte sofort einen lebhaften Absatz herbei. So war die beste Aussicht für eine neue Blütezeit des Haiises Friedel vorhaudeil.
Und plötzlich kam der Rückschlag. Die Klage der Miquelons war der erste starke Stoß. Selbstverschuldetes sprach dabei mit. Fritzens persönliche Anwesenheit tu Uttenhooven wäre eine Notwendigkeit gewesen. Er hätte auch versuchen sollen, die Versprechungen des Herzogs in bindende Form zu bringen: wenn nicht sofort nach den ersten Verhandlungen, so doch nachträglich, als ihm klar geworden war, daß Weelen die Last der Geschäfte auf anderer Schultern bürdete und sichtlich gar feine Zeit faM


