Ausgabe 
23.7.1910
 
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zückenden Novelle vomTangenichts" die Schönheit ber Wander- romantik unvergeßlich dargestellt haben, dann in Wilhelm Müllers durch Schubert vertonten ZyklenMüllerlieder" undWinter-- reise". Lieder von Eichendorfs, wieDurch Feld- und Bnchen- hallen, bald singend, bald fröhlich still, recht lustig sei vor allem, wers Reisen lernen will" oderWem Gott will rechte Gunst er­weisen", MüllersDas Wandern ist des Müllers Lust", sind Gemeingut unseres ganzen Volkes geworden. Ebenso ist es mit EichendorffsPrager Studenten", denen sich W. MüllersDer Prager Student" wohl anschließen könnte. Diesen Klassikern des deutschen Wanderliedes gesellen sich Emanuel Geibel mit seinem Der Mai ist gekommen" und dem schönenWer recht in Freuden wandern will, der geh der Sonn' entgegen!" und Victor Scheffel mit seinemWohlauf, die Luft weht frisch und rein!" und denk mehr studentischenNaus, nix als naus!":

Wenn du an Putt und Tische geschafft dich lahm ustd krumm, Zum Teufel ging die Frische samt dem Ingenium, .

Dein Hirn wie zähes Leder, wie Schwarzblech hart dein Kopf; Zerstampfe dann die Feder, rerß aus, du armer Tropf!

Naus aus dem Haus, naus aus' der Stadt, nix als naus!"

.Auch das Volkslied hat in dieser Blütezeit der Wanderpoesiq Noch seine Blüten getrieben, z. B. in dem Liede:

Schön ist die Welt, Drum Brüder laßt uns reisen Wohl in die weite Welt, Wohin es uns gefällt."

Gedenken wir unter der großen Zahl hierher gehörigen Ge­dichte noch einiger nicht so bekannter schöner Lieder, so ftes RückertschenDem Wandersmann gehört die Welt", des Liedes von Franz KuglerFrischer Mut, leichtes Blut ist des rüstigen Wandrers Gut", des Liedes aus Fritz ReutersHanne Nutest: ?>Die Wanderschaft ist schöner doch als sitzen still zu Haus", .des RoquetteschenIhr Wandervögel in der Luft, im Aetherglauz, im Sonnenduft, in blauen Himmelswellen, euch grüß ich als gesellen." In denWanderliedern" Mörickes (Entflohn sind wir er Stadt Gedränge: Wie anders leuchtet hier der Tag!") und Kellers (Glück auf! nun will ich wandern, von früh bis abends spät") ist eine dichterische Höhe gefunden, die auch die form­vollendeten Gedichte Leutholds und C. F. Meyers nicht erreichen. Baumbach und Julius Wolff finb trotz vieler gern gesungener! Lieder doch nur Epigonen und auch moderne Dichter, wie Lilien- cron, Otto Julius Bierbaum u. a. finden nicht die starken Töne, die in der klassischen Zeit des Wanderliedes so. wundervoll er­klangen. ____________

Vermischtes.

* Hochsee-Zeitungen. Die Zeiten, da Man während einer Seereise die tägliche Zeitungskost entbehren mußte, sind, wenigstens für die großen Passagier-Schnelldampfer, endgültig Vorbei. Heute besitzt jeder dieser schwimmenden Ozeanriesen seine eigene Druckerei und seine eigene Schiffszeitung, die dank der drahtlosen Telegraphie bisweilen sogar ihre Leser an Bord ebenso prompt informieren können, wie die Blätter auf dem Lande. Tat­sächlich war z. B. dieLusitania" bei den jüngsten englischen Wahlen inistande, die Wahlresultate ihren Passagieren zur seloen Stunde gedruckt zu bringen, wie die Festlandspresse, ja manchmal kann die Schiffszeitung, weil ihre Herstellung und Auslieferung! nur kurze Zeit erfordert, sogar etwas schon früher mitteilen, als die Landratten es erfahren. Die größte englische Hochsee- Zeitung, dasCunard Daily Bulletin der Cunard-Liuie erscheint in einer Auflage von 20002500 Exemplaren, 32 Seite» stark Und kostet 2i/2 Penny die Nummer. Die Compagnie Generale Transatlantique gibt einJournal de lAtlantique heraus, das sogar illustriert ist. Die deutschen Schiffahrtsgesellschaften geben ihren Fahrgästen ihre Schiffszeitungen unentgeltlich: der Nord­deutsche Lloyd dieOzean-Zeitung" und die Hamburg-Amerika- Linie dasAtlantische Tageblatt", das je 16 Seiten stark und halb in deutscher, halb in englischer Sprache erscheint,

* A b d u l A s i s i n E u r 0 p a. Der Exsultan von Marokko hat sein Heimatland verlassen; ursprünglich war es sein Plan, eine Wallfahrt nach Mekka zu unternehmen, aber die Reiseroute ist unsicher, die räuberischen Araber hegen Aufstandsgedanken, und so kam eS, daß Abdul Asis sich entschloß, seinen Plan zu ändern. Er reiste »ach Europa, dessen Zivilisation er in seiner Weise durch Anschaffung von photographischen Apparaten und mechanischen Klavieren schon früher seinen Tribut gezollt hatte, und landete in Marseille. Es ist das erste Mal, daß er europäischen Boden betritt; die neuen imb fremdartigen Eindrücke haben den orientalischen Gleichmut gebrochen und der braune Sultan ohne Krone schwankt in rascher Folge zwischen höchstem Staunen, kindlichem Entzücken und bangem Entsetzen hin und her. Als man ihn einlud, den Fahrstuhl zu besteigen, der zu dem Heiligtum von Notre Dame de la Garde emporführt, wich er mit entsetzten Schreien zurück und war durch nichts zu bewegen, sein kostbares Leben dem Lift anzu­vertrauen. DaS Rauschen und Knarren hatte sein Geinüt mit Furcht imb Schrecken erfüllt; er zog es vor, in ber glühenben Sonnenhitze zu Fuß den steilen Hügel hinauf zu klettern. Dasselbe Entsetzen ergriff ihn, als er die Fähre betreten hatte, die die beiden

Hafeuseiten miteinander verbindet. Kaum war die Brücke in Be­wegung, als der Sultan mit angsterstickter Stimme flehte, man möge bock das geheimnisvolle Gefährt sofort zum Stillstand bringen. Aber den größten Schreck bekam er inmitten des höchsten Vergnügens. Den Abend war er ins VarivtS gegangen, er amüsierte sich köstlich über die komischen Bewegungen und Einfülle des Clowns, Tränen der Heiterkeit standen ihm in den Augen, und nicht geringeres Vergnügen bereiteten ihm die kleinen engli­schen Sängerinnen, die scharenweise mit militärischer Genauigkeit dieselben Bewegungen ausführten. Man wußte, daß der Sultan das VariStö besuchen würde und hatte insgeheim als zarte Hebet- raschung eine Blumenschlacht improvisiert. Alsbald wurde der ehemalige Herrscher von Marokko der Zielpunkt aller Kämpfer, Blumen, Buketts und zahllose duftige Projektile flogen von alle» Seiten auf den illustren Gast zci. Abdul Asis war außer sich vor Angst, er zweifelte keinen Augenblick, daß fein letztes Stündlein geschlagen habe. Hals über Kopf ergriff er die Flucht, stürzte durch die Korridore ins Freie und sprang atemlos in die erste beste Droschke, mit dem befreiten Bewußtsein, durch Geistesgegenwart einer furchtbaren Lebensgefahr entgangen zu [ein.

* Eine Wanderung durch die Sahara. In London ist der Captain A. H. W. Haywood nach einer kühnen Reise, diq ihn von Westafrika quer durch die Sahara bis zum NordMide des dunklen Weltteils geführt hat, soeben eingetroffen. For- schungsdrang und Freude an der Abenteuerlichkeit seines Vor- habens waren es gewesen, die den jungen Hauptmann am 6. Ja­nuar von Free Town in Sierra Leone aufbrochen ließen. Grs folgte dem Lause des Nigers und von Timbuktu aus wollte eh in gerader Richtung nach Norden durch Afrika vordringen.Aber die Hitze versperrte mir den Weg, ich konnte keinen Führer finden, der sich mir anschließen wollte, und man riet mir, den Weg über Goa zu wählen." Nach mühsamer Wanderung war endlich am 18. April Goa erreicht; hier mietete der kühne Reisende eist Reitkamel und vier Lastkamele. Mit einem schwarzen Boy und einem Koch, von sechs Senegalschützen begleitet, brach er in der Richtung nach Kidal auf.Es war meine erste Bekanntschafk mit der Wüste, und bald sollte ich die Unannehmlichkeiten und Ent­behrungen einer solchen Wanderung kennen lernen. Die ersten drei Tage passierten wir noch des öfteren Wasserlöcher, und diel Vegetation war verhältnismäßig üppig. Aber dann tvurden die Büsche und Sträucher immer seltener, die Hitze wuchs, stürmische Nordostwinde bliesen uns unausgesetzt Sandmengen ins Gesicht, und die Reisefreude nahm ab. In Kidal endlich verabschiedetfel ich meine Eskorte, und nur von einem arabischen Führer begleitet, trat ich den langwierigsten und schlimmsten Teil meiner Reisej an, die Wanderung nach In Salah." 800 englische Meilen Sahara waren zu durchqueren. Nördlich von Adrar kam man in eilte Wüstengegend, wo alle Spuren von Wasser aufhörten, nirgends! Holz für ein Lagerfeuer, nirgends Blätter oder Sträucher, biet den Kamelen als Nahrung gedient hätten. Der Wind nahm nicht ab, er war glühend heiß, und ohne Unterlaß schleuderte er den! Reisenden die scharfen Sandkörner entgegen. 'Der Sand drang! in Mund und Nase, die Schleimhäute bluteten, es war unmöglich, ein Zelt aufzuschlagen oder Lebensmittel zu kochen.Die letztest zwei Tage aßen wir überhaupt nur Datteln. Das Wasser ist unseren Schläuchen begann zu faulen, es war kaum noch zu trinken, und dabei immer ber Gebanke an die Möglichkeit, den rechtest Pfad verfehlt zu haben. Von 24 Stunden waren wir 19 ohne Pause unterwegs; kaum daß wir uns täglich fünf Stunden Rast gönnten. In recht trauriger Verfassung erreichten wir endlich die Gegend von' Tanez." Das Schlimmste war damit überstanden, am 12. Juni war In Salah erreicht. Dann ging es über Uraglst nach Tugurt, und am 5. Juli, nun endlich in einem Wagen, bis nach Biskra, wo der Schienenweg den Anschluß mit betj Kulturwelt wieder herstellte. Insgesamt hat der verwegen« Wüstenwanderer 3750 englische Meilen zurückgelegt, von denen 1600 auf die nackte, wasserlose Wüste entsallen.

§!at-Aufgabe.

Mittelhand und Hinterhand passen. Vorhand tourniert deshalb in der Hoffnung, wenigstens einen Wenzel zu finden, um alsdann Grand zu spielen, mit folgenden Karten:

4 4

4,4

4

Vorhand wendet jedoch Treff-Sieben und findet noch Carreau» Acht. Mittelhand hat in ihren Karten 12 Augen weniger als Hinterhand. Kann das Spiel gewonnen werden?

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Esel, Else.

wedaktiou: I. V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»