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Gesellen, die lustigen Burschen unb rüstigen Männer, die in dieser schönen Sommerzeit den Wanberstab zur Hand nehmen und Deutschlands herrliche Gaue durchschweifen, glauben gewiß, damit einem urgermanischen Brauche zu huldigen; aber die Altvorderen; würden wohl über solch unsinniges und zweckloses Beginnen die Köpfe schütteln, denn bei ihnen drängte stets eine bestimmte Absicht, eine gewisse Notwendigkeit dazu, ihre Holzhütten nebst Frauen und Kinder auf die Wagen zu laden. Nie wird ja noch ein iin Nomadenleben befangener Stamm die Wonnen eines Körper und Geist kräftigenden Sports begreifen und die rechte Wanderfreude kann nur in einem sehr seßhaften Volk entstehen. Jur deutschen Mittelalter waren cs zunächst nur einige Stände Und Berufe, die auf eine stete Bewegung, ein Ziehen von Ort zu Ort angewiesen waren. Bei ihnen finden sich auch die ersten kümmerlichen Ansätze der Wandcrfreudigkeit, aber das llmher- streifen in Gottes freier Natur hat ihnen noch nicht die Bunge gelöst zum Hellen Jubel und Preis des Wanderns. Das geschieht erst sehr spät und die zahlreichen Wanderlieder, die heut aus aller Munde tönen und jetzt wieder vieltausendstimmig Wald und Feld durchhallen, sind erst recht jungen Ursprungs.
Die erste Blüte einer deutschen Wanderpoesie finden wir in den Liedern der Vaganten, die man so ost mit unseren Studenten« Hebern verglichen hat. Ein kräftiger Marschrhythmus, der auch noch Goethe in seinen Gesellschaftsliedern anregte, tönt aus diesen lateinischen gereimten Strophen, in denen die fahrenden Scholaren von Wein, Weib und Welt singen. Aber gerade die Wanderfreudige keit, die ihnen später Poeten des 19. Jahrhunderts, wie Scheffel und Baumbach, abgedichtet haben, fehlt den „Carmina burana" völlig; sie veriveilen ausführlich bei jeder freundlichen Einladung nnb jebem Aufenthalt in Herberge und Schenke, aber über die Zeit des Marschierens, die nur Mühe und Ungemach, höchstens einmal ein Liebesabenteuer bringt, gleiten sie mit Seufzen hinweg. Wanderlieder aus jener Epoche sind die Gesänge der Kreuzfahrer, die Hymnen der Wallfahrer, die Verse der „Reutersknaben" und der Handwerker, kurz aller fahrenden Gesellen. Sie erzählen von Krieg und Glauben, von Beutemachen und Plündern, von Schlemmerei unb Dieberei, nirgeirds von Wanderlust. Am besten drückt den Typus des damaligen Marschliedes etwa der stolze Gesang der Deutschordensritter aus:
„Nach Ostland wollen wir reiten. Nach Ostlaud wollen wir weit All über die grünen Heiden. Frisch über die Heiden, Da ist eine bessere Zeit." 1 i
Die nicht adligen Gesellen aber, mögen es nun Landsknechte oder andere fahrende Burschen fein, müssen sich erst recht an« gelegentlich zur Wanderschaft auffordern:
„Wohl auf, gut Gesell, von hinnen! Meines Bleibens ist hier nit mehr. Der Mai, der tut uns bringen Den Veiel nnb grünen Klee.
Vorm Walb, da hört man singest Der kleinen Vöglein Gesang. Sie singen mit heller Stimme Den ganzen Sommer lang."
Scheiben unb Meiden, trauriges Sichtrennen von der Stadt und ihrer Lust, spielt daher in allen Wanderliedern die Haupt-, rolle. Es seien nur einige der berühmtesten Abschiedslieder cm wähnt, so „Ich stund an einem Morgen", „Innsbruck, ich muß dich lassen", „Ach Gott wie weh tut scheiden!" oder von neuereat „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus", „Nun leb wohl du kleine Gasse". Wie es aber dem Wandersmann des Mittel« alters auf seiner Fahrt ergehen konnte, davon erzählt das Lied vom armen „Schwartenhals", wohl eins der beliebtesten Wanderlieder der Landsknechtszeit. Aus dem Wirtshaus wird er herausgeworfen, weil er die Zeche nicht zahlen kann, unb muß in Dornen und Disteln übernachten. Zn Fuß schleppt er sich hin, bis ihm Gaul unb Beutel eines reichen Kaufmanns zu einer besseren Reiseform verhelfen. Auch spezifische Handwerkerstände tauchen Son im Wanderlied auf, weil sie die nicht seßhaft betriebenen anbcrgclverbe repräsentieren, so der Waffenschmied, der „jung jung Zimmergesell". Andere Berufe, wie der des Müllers, der lange Zeit als unehrlich galt, behalten den Ruf des Leichtfertig« Uustäten, auch wenn sie bereits seßhaft geworden sind. Daß „das Wandern des Müllers Lust ist", galt zunächst als gar kein Ruhmestitel, sondern als das Zeichen eines wenig Vertrauen erweckenden Charakters, unb ist erst in unserer gerechter denkendem Zeit durch Wilhelm Müllers Lied zu einem Lobspruch gemacht worden.
Alle diese Volkslieder sind während des Marschierens entstanden, atmen zwar keine Wanderlust, aber doch Freilust. Begab sich die Kunstdichtung einmal auf eine Fußreise, dann tat sie es am liebsten — im Traum. So sind die Wanbergedichte ber' Meistersinger entstanden, eines Hans Sachs und Adam Puschmann, in denen ber Dichter behaglich im Bett liegt und sich von seiner Muse über AneN unb Felder ober durch dichte Wälder! führen läßt, um wunderbare Abenteuer zu erleben. „Dies Reisen, das war lustig!" ruft er bann aus, begibt er sich aber wirklich auf Reisen, dann schickt er, wie z. B. Philipp von Winnenberg in seinen „Christlichen Reuterliebern" ein Gebet zum Herrn vorauf, ahm seinen Schutzengel zu feuben „in dieser schweren Not" Und ihn „vor dem liebel zu behüten", Melissus. Schede denkt bei
„Bereitung zu einer Wanderfahrt" nur an Krankheit und Tod, und Zeseu ergeht sich beim Antritt der Reise in den angenehmen Betrachtungen über die Freuden der — Rückkehr. Das klingt nicht nach großer Wanderlust und ein freundlicheres Wort Moscheroschs steht ziemlich vereinzelt. Auch im 18. Jahrhundert hat der gedankenreiche Freiherr von Creuz in seiner „Reise-Ode" keine anderen Gefühle als die von der Vergänglichkeit alles Irdischen, von der Unbeständigkeit des Menschenschicksals und den überall kauernden Gefahren. Gellerts „unzufriedener Reisender" jammert über Sturm, unb Regen. Anbere Töne, die ein neues Empfinden, eine neue Welt jubelnd aufgeschlossener Herrlichkeit verraten, erklingen erst in deut „Sturmlied", bas Goethe „Der Wanberer" auf der Landstraße zwischen Frankfurt und Darmstadt dahineilmd^ voll Wanderwonne vor sich hinsingt:
„Wen du nicht verlässest, Genius Nicht der Regen, nicht der Sturm Haucht ihm Schauer übers Herz . . ."
Goethe, der dem modernen Menschen eine solche Fülle neuer Genußmöglichkeiten entdeckt hat, wird in seiner inbrünstigen Hingabe an die Natur auch zum ersten Propheten und VerWndjerl der Wanderfreude. Zwar hatten schon vor ihm Klopstock und die Sänger des Hains die Bewegung in freier Luft gepriesen, nbert erst der Dichter des „Egmont" rief die Jugend zu jeder Leibesübung auf, hinaus in die Weite: „Frisch hinaus, da wo wir hingehören! Ins Feld, wo aus ber Erde dampfend jede nächste Wohltat der Natur unb durch den HimMel wehend alle Segen ber Gestirne uns umwittern, wo mir, beut erbgeborenen Riesen gleich, von ber Berührung unserer Mutter kräftiger uns in bie Höhe reißen; wo wir bie Menschheit ganz unb menschliche Begier in allen Adern fühlen." Die Gestalt des „Wandrers" beseelt einige feiner schönsten Gedichte unb noch in „Wilhelm Meisters Wanberjahren" hat er fein prächtiges Wanderlied gesungen:
„Bleibe nicht am Boden haften, Frisch gewagt und frisch hinaus! Kopf und Arm mit heitern Kräften, lleberall sind sie zu Haus;
Wo mir uns ber Sonne freuen. Sind wir jebe Sorge los; Daß wir uns in ihr zerstreuen. Darum ist bie Welt so groß."
Seit Goethe ist erst ber „Wandrer" in unserer Dichtung heimisch; feit Goethe sprudelt unablässig der helle Born frischer Lieder, die all unser Wandern begleiten unb mit Schönheit ver'e Hären. Die Romantik nimmt den von Goethe angeschlagenen Ton sogleich auf. Tiecks „Sternbald" ist erfüllt von einem unablässigen Schweifen, einem sehnsüchtigen Wandern, das in dem Lied« Florestans Ausdruck findet:
„Wohlauf, c8 ruft der Sonnenschein Hinaus in Gottes freie Welt;
Geht munter in das Land hinein Und wandelt über Berg und Feld!"
Dieser mehrstrophige Gesang Florestans ist das Vorbild für eins unserer bekanntesten Wanderlieder, bas „Wohlauf! noch getrunken ben funkelnden Wein!", das Justinus Kerner auf einer Wanderung in Gundelsheim am 1. Mai 1809 sang. Die unbestimmt-vielgestaltigen Gefühle der Sehnsucht und Hoffnung bei Tieck sind hier zu einem einzigen wundervollen Akkord der Wanderfreude zusamMengefaßt unb in echter Volkstümlichkeit gestaltet.. Es bauert einige Beit, bevor aus ben duinpfgärenden Sehnsuchts- Wünschen der Romantik, die in eine nebelhafte Ferne unb gestaltlose Weite drängt, sich der frische heimatssrohe Wandergeist entwickelt, der in Uhlands, Eichen dar fss unb Wilhelm Müllers Siebern lebt. In Tiecks nnb Lenaus Gedichten regt sich etwas Ungesundes, Unruhiges, Gehetztes, das schließlich Ahasver zum Symbol des „einigen Wandrers" werden läßt. Den rechten Wandermut brachte die Zeit der Befreiungskriege; die Freude am Turnen unb andere! Leibesübungen gewann auch dem Wandersport zahlreiche Anhänger. Die wichtigsten, noch heute gültigen Wcmderregeln hat Friedrich Ludwig Jahn aufgestellt. „Wandern, Zusammenwandern", so predigt er in feinen „Runenblättern", „erweckt schlummernde Tugenden, Mitgefühl, Teilnahme, Gemeingeist und Menschenliebe. Steigende Vervollkommnung, Trieb nach Verbesserung gehen daraus hervor und bie edle Betriebsamkeit, das auswärtsgeseheuö Gut in bie Heimat zu verpflanzen. Wanbern ist ein Gehen aus der Heimat in bie Fremde, aber immer in ben Marken bes Vaterlandes, um zu lernen, nach den Lehrjahren noch nachzuleruen. Die Wanderschaft ist die Bieiienfahrt nach dein Honigtaue des Erden- lcbens." So lockt z. B. auch verführerisch Platens Reiselieb:!
„O wonnigliche Reiselust,
An bich gedenk ich früh und spat, Der Sommer naht, der Sommer naht, Mai, Juni, Juli unb August. Da quillt empor- Da quillt empor. Das Herz in jeber Brust"
Aber während hier nur bie Präludien ber Wanderlust ertönen, entfaltet sie ihre ganze Pracht und Fülle in Uhlands „Wander« Hebern", bie von Scheiben und Meiden, von Heimat und Ferne) vom „Wirte, wundermild" erzählen, in Eichendorffs Gedichten) die im „Wanderleben" einen reichen Kranz noch heute überall gelungener Lieder vereinen und in bem Liederstrauß ber ent-


