Ausgabe 
23.7.1910
 
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Jahr, war's da nicht ein Ritter geworden, zu Pferd wie der heilige Georg, der den Drachen niedersticht? Stasia hatte den Ritter auf den deutschen Baron gedeutet.

Ach! Frau Jadwiga konnte jetzt nur seufzen und beten. Der Vikar war ihre einzige Zuflucht. Es war zur Gewohnheit geworden, daß er, wenn der Unterricht von Boleslaw erledigt war, bei ihr eintrat. Dann sprachen sie von Musik und Literatur uud von den ewigen Zielen. Gorka hatte eine angenehme Art, über alles Mögliche zu plaudern; er war belesen und verschloß sich nicht engherzig. Jadwiga, die zwei Jahre ihrer Mädchenzeit in einem Genfer Pensionat verbracht und oft mit ihrem Vater, dem reichen Bankier, Paris und die Modebäder besucht hatte, bevorzugte die französische Literatur. Wenn sie um ein Dichtwerk herumtändelte und mit einer gewissen Naivetät und ange­borenen Vorliebe bei heiklen Themen verweilte, kam oft ein unruhiges Blicken in seine Augen und eine feine Röte in seine Stirn. Aber er wußte bald ohne daß sie es merkte, wie er Seite nach Seite umblätterte in ihrer Seele sie fortzuführeu von dem Weg, den zu gehen, gerade mit ihm, dem Geistlichen, ihr einen heimlich aufregenden Reiz gewährte. Wo sie auch geweilt hatten, unterm Kreuz langten sie doch zum Schluffe au. Sie war oft in tiefer Zer­knirschung, wenn er sie verließ ach ja, ein Leben der Heiligen zu führen, ohne irdische Wünsche, welche Seligkeit!

Frau von Garczyuska fuhr jetzt alle Woche' nach Poeiecha- Dorf zur Beichte. So stieß sie nach dem Fest der Heiligen drei Könige auf Stasia; diese trat aus der Kirche heraus, gerade als die Gnädige hineintrat. Eine fast eifersüchtige Regung durchschoß das Herz der Dame untern: kostbaren Zobelpelz gehörte das Ohr im Beichtstuhl ihr nicht allein?! Wenigstens das wollte sie doch voraushaben vor diesem Mädchen, das sich so ausleben konnte ganz nach Gefallen! Diese Unverschämte! Nicht einmal zertüirscht hatte sie die Augen niedergeschlagen, nein, zierlich geknickst hatte sie uud mit einem raschen Blick die Toilette der Herrin gemustert.

Jadwiga glaubte den Beichtstuhl noch warm zu finden; eine quälende Neugier erfaßte sie: was mochte das Mäd­chen alles hier durch das uni dunklen Gardinchen ver­hangene Gitter geflüstert haben? Was Gorka sich wohl dabei gedacht haben mochte? Ob in seine Augen da auch das unruhige Flimmern gekommen war und in seine Stirn die Röte?!

Sie war erst beruhigt, als statt der schönen Stimme des Vikars das bäurische Organ des alten Propstes au ihr Ohr drang.

Gorka wär zu Schäfer Dudeks Hütte gegangen. Tort ivar nun wirklich der Tod in der Stube. Gestern abend noch war die alte Nepomueenazu Hofe" gegangen, aber heute früh war der Schäfer aufgewacht von einem harten Klopfen. Es klopfte, als schlüge einer mit einem Stein aufs Hüttendach. Da wußte Kuba Dudek: das war der Tod, der saß oben und meldete sich an. Und als er nach seiner Ehefrau guckte, saß die Ivie immer aufrecht in den Kissen platt liegen konnte sie schon seit einem Jahr nicht mehr und rang nach Atem; aber die Augen waren glasiger, die Nase spitzer. Er weckte die Filomena, daß sie auf die Mutter Passe, und machte sich selber auf nach Poejecha-Dorf. Der Lehrer sollte ihm nach Poznan*) cm die Michalina schreiben, daß sie schnell heimkomme, auf daß ihre Großmutter sie noch segne.

Der Lehrer hatte geschrieben einen Groschen für die Bemühung, einen Groschen fürs Papier, einen Groschen für die Postmarke beruhigt hatte sich der Alte wieder heim­begeben wollen, da war er angerufen worden aus der Ciotka Tür. .

Wollte er nicht einmal nach ihr sehen? Der Doktor ivar für nichts gut, nicht einmal Pferde und Schweine ver­stand de. zu kurieren! Die Ciotka hatte wahrlich lauge genug gedoktert. Da hätte sie nun ein bißchen zum Tänze auf­gespielt am Heiligen-drei--nigstag, hatte beim Nachhause- geheu da sie' ein ganz klein wenig betrunken war nut ein Stündchen vielleicht aus beit Steinen gelegen, und nun war sie schon wieder so krank! Kält war's freilich ge­wesen; den Leuten, die morgeirs Bernstein uitb Kreide zur Kirche getragen hatten, um diese weihen zu lassen zum Schutz gegen böse Geister, waren die Finger erfroren. Oder ob sie vielleichtverrufen" war?! MM hatte schon die

*) Posen,

Probe darauf gemacht und brennende Kohle ins Wässer geworfen.

Fast sämtliche Weiber des Dorfes waren um die Ciotka versammelt, die in brennender Fieberhitze lag. Sie beteten und klagten: die Ciotka würde wohl sterben, wenn nicht die heilige Mutter Gnade gab, uud Dudek, der Alte, sie heilte!

Dudek war ein wenig gekränkt: warum' hatte mau ihn denn nicht schon längst geholt, gleich damals nach der Ciotka Unfall? Da hätte die in acht Tagen wieder getanzt!

Die Weiber entschuldigten sich: man hatte doch nicht gekonnt, denn der gnädige Herr aus Niemczyce hatte ja den Doktor geschickt, und er wußte doch: Doktor und Schäfer kurieren nicht zusammen!

Der alte Schäfer lächelte geringschätzig: so ein jünger Mensch, wenn der auch in Büchern lesen gelernt hatte, was wußte der von den geheimnisvollen Kräften, die da lvirkteü zwischen Erde, Wässer uud Luft?!

Er hieß die Weiber die Kranke auf den Bauch legen! und hieß sie daun alle rundum niederknien. Er selber machte das Zeichen des Kreuzes dreimal über die entzüudeten Wunden, wendete sich gegen Osten und sprach leise, dreimal:

Rose, ich sage dir:

Geh hinaus, geh hinein.

Geh in Gottes Haus hinein.

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!"

Und er pustete dreimal: nun war das liebel weggeblasen! gen Sonnenaufgang. Nun ging es, woher es gekommen: zurück zu Gott, dem Allmächtigen, der es gesandt hatte. Hier hatte der Tod noch nicht auf dem Dache geklopft.

Aber daheim, bei der Nepomueena, gabS keine Besserung! mehr; man soll auch nicht 'wehren, wo der Tod geklopft hat. Dudek fand sein Weib bedeutend schwächer, als er es verlassen hatte. Er sah's an der Rase, um die hatte der Tod bereits mit dem Finger gewischt.

Die Filomena saß beim Bett und verlas Erbsen; ihr zu Füßen hockte der kleine Jäsio, der Michalina Kind, und sah mit verwunderten Augen der sterbenden Urgroßmutter zu. Diese war ganz teilnahmlos, sah nicht Mann noch Tochter noch Enkelkind. Schade, daß der Brief au die Michalina schon fort war, sie hätte ruhig fern bleiben können, einen Segen kriegte sie nun doch nicht mehr.

Der alte Schäfer zupfte ein Flöckchen aus seinem Schaf­pelz und hielt das seiner Frau an die Lippen 'ei, die atmete noch! Aber ihre Hände, ihre Füße wären schon eiskalt.

Eine grimmige Kälte ging draußen über die Flur und schnob durch alle Fugen der Hütte. Durch den großen Riß der Lehmwand hinter dem Bett.blies sie und blies dem älten Weibe ins Gesicht. Aber da- fühlte den Zugwind nicht mehr.

Der Vikar kam. Da er auf die Fragen der Beichte keine Antwort mehr erwarten konnte die müden Augen schlossen sich schon gab er der Sterbenden rasch die letzte Oelung. Die Wachskerze, zn Lichtmeß geweiht, brannte, der kleine Meßner hinter dem Geistlichen reckte sich auf den Zehen, um ja was von: Sterben zu sehen zu kriegen, die Filomena betete laut, uud draußen vor der Tür antwortete das Gemurmel der versammelten Nachbarinnen.

Es war um die Stunde, in der die Nepomueena sonst zu Hofe zu gehen pflegte, daß sie sich noch einmal belebte; Sie streckte die Arme aus, damit man ihr helfe. Wie, wollte die sich erheben, aus dem Bette steigen und wandeln?! Fast schien cs so. Und sie lallte:Dalej" und in einem Röcheln dann noch etwas, daS man nicht mehr verstand. Unruhig glitten ihre Blicke zur Tür einen Fuß noch streckte sie aus dem Bett, dann war's zu Ende.

Run konnte sie platt liegen. Man deckte ihr ihre Plachta übers Gesicht.

(Fortsetzung folgt.!

Das Wandern im deutschen Lied.

Von Dr. Paul Landau.

Der Wandertrieb ist dem Germanen tief eingewurzelt; solche Wanderzüge, wie sie ihre gewaltigste Entfaltung in der Völkers Wanderung fanden, sind seit Anbeginn der deutschen Geschichtie häufige Erscheinungen und eine gewisse Ruhelosigkeit ist unsermi Volke noch durch das ganze Mittelalter hin geblieben, wie die zahlreichen Kreuzzuge, Jtalienfahrteu ,nnb daun dieKriegs- reifen" nach dem Osten erkennen lassen. Bei dieser allgemeines Wanderlust des Volkes hat sich aber die Freude des Einzelnen am Wandern und Reise:: erst spät ausaebiltzek All d.ü fröhliches!