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Der Gatte erhob- sich leise. Seine Frau auf die Schulter küssend, machte er keine weiteren Unterhaltungsversuche wehr. Wer er trmßte, nun konnte er getrost die Einladungskarten verschicken.
„Schlafe wohl, mein Herz! Stasia —" die Zofe fuhr Mf — „rufe die Nepomueena!"
Herr von Garczynski. ging wieder ins Bureau zurück, w!o der todmüde Schreiber noch immer saß und jetzt krampfhaft die verschlafenen Augen ausriß. Die Einladungen wurden noch diese Nacht postfertig gemacht. —
Oben, ins Zimmer der gnädigen Frau trat derweilen die alte Mpomncena eilt; ihr schneeweißes Haar war mit Fett unter die Haube gestrählt, und sie hatte sich-gewaschen. Zu den Füßen der Herrin, die regungslos saß, das Gesicht in den Händen verborgen, kauerte sie nieder und begann die Pantöffelchen und Strümpfe abzuziehen. Sacht strich sie dabei über den hohen Spann und dann Wer die Waden, immer hinauf, herunter — und wieder: herunter, hinauf.
Seit fünfzehn Jahren, seit der Geburt dxs jungen Pa- nitsch schonte die Nepomueena ihre Nägel und nahm sie in acht, daß sie nicht immer wieder abstumpften bei der-Arbeit; die Pani liebte das Kratzen mit stumpfen Nägeln nicht.
Garczhnski hatte seiner Frau schon mehrmals einen hölzernen Kratzer mit langem Stiel aus Posen mitgebracht, auch ein Händchen aus Elfenbein mit spitzen Krällchen, auch ein Bürstensystem; aber das Streichen und Kratzen der alten Hand, deren Haut von der schweren Arbeit ihres Lebens so rauh geworden wie ein Reibeisen, war nicht zu ersetzen.
Nun schnitt die Filomena, die Tochter der Nepomueena und die Mutter der Michalina, schon ihre Nägel spitz, denn Großmutter Nepomueena fürchtete, daß bald der Tod kommen würde, sie zu holen — uty> wer sollte dann die Herrin kratzen?!
Auf den schwachen Knien liegend, bückte die alte Nepo- Müeena ihren alten Rücken geduldig. Wie früher hinterm raschen Schnitter im Korn, so hielt sie ihn in einem fort gebeugt; sie richtete ihn gar nicht auf.
Die Uhr schlug Mitternacht, da ließ sich die Herrin ins Bett helfen. Das Gesicht nach der Wand gekehrt, auf der Seite liegend, ließ sie sich nun auch den Rücken kbatzen. Immer auf, ab —> ab, auf.
Stasia schlief in einem Winkel. Der hübsche Kopf war ihr hintenüber gesunken — so pflegte sie immer am Abend zu sitzen, ein Fettfleck an der rissigen Tapete bezeichnete die Stelle — sie hielt den Mund halb geöffnet und lächelte wie ein Kind im Traum.
Auch Frau Jüdwiga fielen endlich die Augen zu, aber sie riß sie immer noch einmal auf und dehnte und reckte sich im überrieselnden Wohlgefühl.
Die alte Nepomueena kratzte und kratzte — die Waden, den .schlanken Mcken herauf — den Rücken, die Waden herunter — auf, ab ab, auf — hin, her — her, hin.
Mit seltsamer Kraft strömte etwas aus von diesen ver- m-beiteten Fingern, Von dieser Hand, die noch diente an der Schwelle des Grabes.
4.
Wie eine Offenbarung kam es über Herrn Kestner auf Byb-orowo, als er, unter seinem Hoftor stehend, von Mia- ^ko h er zwei Wagen in der Richtung nach Chwaliborezyce :en sah. Sie nahmen nicht die Straße über Przhborowo- Memczhce, sondern den viel schlechteren, aber direkteren Landweg quer durch die Felder.
Ma, also es war wirklich so, die Kommission, die heute vormittag die Parzellierungen beim Städtchen in Augenschein genommen hatte, fuhr jetzt zu Garezynski?! Ja, der Pole tvar ein Schlauer, der wußte es geschickt anzu- faugen! Und hier waren sie nicht einmal vorgekommen! Sie hatten Przyborowv links liegen lassen, als wäre das gar nicht vorhanden!
Der Przyborowoer zog die Stirn kraus: man lyuß eben Pole sein, um SZide zu spinnen! Diese Bevorzugungen von feiten der Regierung gingen doch wirklich zu weit: das war ja schon das reine Kokettieren!
Die Sonne blendete. Der Gutsherr trat unter die Akazie beim Hostor, die wenigstens einigen Schatten gab, und blickte, die Hand über die Augen gelegt, hinaus auf sein -Reich
Ueberall Schober. Räder knarrten. Weich über die Str,atze weg, drüben auf der ersten Stoppel standen drei
große Weizenschober, und vier, fünf hochbepackte Erntewagen schwankten eben von weiterher noch heran, um auch hier ab-zuladen. Die Schober standen wie im Feuer; gleich hinter der Stoppel, die mit scharfem Rand gegen den Himmel abschnitt, stand das Riesenrund der Sonne. Ms tauchten die Wagen aus der Sonne empor, so erschien es; feinem! Gespinst gleich hoben sich die Speichen der Räder gegen die goldrote Scheibe^ und die Rothemden, die hoch oben auf dem! Korü thronten, flammten. Sie stakten die Bunde auf und schwangen sie, mit starkem Arm die Gabel hochhaltend, Don1 obest niederwärts. Jedes Garten'bündel schwebte für Augenblicke, wie ein dunklerer Fleck, Wer von einer Gloriole umstrahlt, mitten im Rund der großen Sonne, als teile die selber gütige Gaben unendlicher Fülle aus.
Der Przyborowoer rechnete: was kostete das nun wieder für Arbeitslöhne! War die Ernte geringer, brachte sie nichts ein — war sie gut, brachte sie erst recht nichts ein. Man wußte wahrhaftig nicht, um was man heutzutage bitten sollte!
Bor sich hin grämelnd stand' er.
Gelächter schallte von der Stoppel herüber und dazwischen Kommandorufe des Vogtes. Beim neuen Schober tummelten sich die Arbeiter. Ein paar Abstakerinneu, die kattunenen Kopftücher tief über die Mützchen gezogen, kamen jetzt in flatternden Röcken gegen das Hostor geweht mit dem staubigen Wind. Ihre geleerten Wasserkrüge brachten sie.
Aber mit strengem „dalli, dalli" und - in die Hände klatschend, wie man die Gänse scheucht, jagte der Herr sie zurück an die Arbeit: hier wurde nicht beim Brunnen gelungert! Kestner schüttelte den Kopf: ja, Therese hatte ganz recht, der Hoppe war gar nicht mehr auf derst Posten, seine Ohren und Augen waren nicht mehr scharf genug, die Leute tanzten ihm ja auf der Nase! Wenn der Inspektor schneidig wäre, würden auch die Vögte schneidiger sein — wie dürften die Dirnen sich sonst unterstehen, mitten aus der Arbeit fortzulaufen?! Ja, wenn man den Szulc aus Chwaliborczyce kriegen könnte! Der verstand die Bande zu nehmen!
(Fortsetzung folgt.)
Sommersonnenwende.
Fest der Sommersonnenwende, Fest der Blüten ohne Ende. Fest voll Hoffnung licht und klar! Was in Blüten eingeschlossen, Möcht' zu reifen Saaten sprossen, Herzerhebend, wunderbar!
Wo das Auge hin sich wendet. Wird es tausendfach geblendet Von der Sonne Licht und Glanz. Auf den Feldern reiches Schimmern,- In den Lüften weiches Flimmern, Alles schwimmt in Wonne ganz.
Nur im Menschengeist verborgen, Ringen unter Qual und Sorgen Die Gedanken groß und frei. Was im Geiste wir gesehen, Mög' im gold'nen Licht erstehen Daß das Reich begründet sei!
Es ist hoch am Tage; es ist Mittag!
In lichter Bläue wölbt sich droben das Firmament. Die Sonne, die herrliche, lichtspendende Königin des Himmels, leuchtet in wunderbarer Pracht und sendet ihre glühenden Strahlen zur Erde, ihrem Töchterlein, und umarmt es in seligem Verlangen., Sie möchte es hinaufziehen mit ihren Strahlenarmen an das- glühende, gleißende, heiße Sonnenherz. Und sie, die Erde, dis lichtgeborene Tochter — sehet nur, wie sie in neckischem Spiele! bald näher, bald ferner die Fülle ihres Lichtes trinkt und ihr in seligem Erbeben ihre Seele offenbart. Ihre Seele? Ja, ihre! Seele! Sie hat eine Seele, die Erde! Errietet Ihr schon diese Seele? Errietet Ihr, meine Brüder, schon ihre Gedanken, diese! farbensprühenden, lichtschimmernden, grünen Erdgedanken, diese weichen, sehnsüchtigen, überquellenden, jubilierenden und schmerzlichen Erdgedanken, die sie in berauschenden, berückenden Synw phonien hinaussendet zu ihr? Sie möchte die Schwere überwinden und hinaufwachsen zu dem Urquell allen Lichtes. Sie möchte selbst eine Sonne werden mit glühendem, heißem, schenkendem Sonnenherzen. O, meine Brüder, verstehet doch das Gleichnis!
Es ist Mittag; die Zeit ist hoch und trägt blühende, lachende Rosen im Haar!
Die Zeit, diese nimmermüde Tänzerin, diese Erstgeborene der Ewigkeit, begreift Ihr sie? Seht Ihr, wie sie bald andante, in zierlichem Menuettschritt, daherschreitet und bald con fnoco, im'


