Ausgabe 
23.5.1910
 
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gehörte. Der Körper lag, etwas rrach rechts gewendet und die Beine ziemlich stark gegen den Leib angezogen, in einer künstlich hevgestellten Bodenvertiefung bestattet, mit allerlei Knochen und Werkzeugen als Grabbeigaben. Das einst an letzteren befindliche Fleisch sollte dem zunächst in der Nähe des Leichnams hausend gedachten Geiste als Nahrung dienen. Der Lößmensch, der um den Hals mit einer Kette von durchbohrten Schneckengehäusen geschmückt war, gehört dem kräftigsten Mannesalter an und hat ein tadelloses Gebiß. In Gegensatz zu. dem sogenannten Neander- taler-TvPus weist der Schädel auf das Vorhandensein einer neue n M e n s ch e n r a s s e in Europa hin, die aus Asien ein­gewandert war. 'Diese Rasse, die nach Klaatsch mit den heutigen Australiern in engerer verwandschaftlicher Beziehung gestanden haben soll, weist nicht mehr die niedere, nach unten zu von kräftigen Ueberaugenwülsten begrenzte Stirne des ersten vor­geschichtlichen Menschen auf, sondern hat eine viel besser ge­wölbte schmale Stirne mit nur wenig angedeutete» Ueberaugen- Wülsten. Die Nasenwurzel ist zwar iroch sehr breit, doch, nicht mehr so breit wie bei jenem, auch war die Nase schmäler und moderner gebaut. Der Unterkiefer ist kürzer, der Gelenkfortsatz steiler, das Kinn, wenn auch nicht zurücktretend, so doch noch im rechten Winkel abfallend, statt rvie beini heutigen Europäer einen nach vorne gerichteten Fortsatz zu bilden. Die Prognatm ist nur noch schwach angedeutet, die Augenhöhlen sind als alter­tümliches Merkmal noch recht groß und das Gesicht noch breit, mit kräftig entwickelten. Jochbögen. Im Verhältnis zum Rumpf sind die Extremitäten länger als beim Neandertaler, ins­besondere sind Vorderarm und Unterschenkel gestreckter und er­reichen fast dieselbe Länge wie Oberarm und Oberschenkel, alles neue, fortschrittliche Momente. Dieser eingewanderte Lößmcnsch, der sich nach urch nach Über Europa verbreitete, brachte die Freude am Schmuck mit nach seinem neuen Besiedlungsgebiet; er scheint die Narbentätowiernng ausgeübt zu haben, beding! sich, soweit das nachweisbar ist, zum erstenmal mit Muschel- schinuck und begann die später zu so hoher Vollendung gelangte Höhlenkunst, die er anfangs freilich recht hilflos ausübte. Einige aus dem Aurignacien staminende gravierte Steine wurden unter denr einstige» Felsenschutzdache von Fongal in Vezöretal zu Tage gefördert. Auf einem dieser Steine, der 2,05 Meter tief in einer starken Kohlenschicht lag, ist sehr undeutlich eine Saigaantilopg bargestellt. Die beiden unweit davon gefundenen Steine, die eine Größe von 1,05 und 0,97 Metern und ein Gewicht von 120 und 140 Kg. haben, zeigten einander vielfach durchkreuzende Figuren, die nicht zu enträtseln waren. An ihnen sind vor allem zwei mühsam in den harten Krcidekalkstein gebohrte Durch­lochungen merkwürdig, die vermutlich mit irgend welchen Zauber­künsten zusammenhingen. Jedenfalls sind diese Steine weitaus die ältesten Skulpturen der Menschheit und blicken auf ein Alter von etwa 150 000 Jahren zurück. Die große Be­deutung des neuen Skelettfundes von Combe apelle liegt darin, daß er in einer zeitlich genau fixierbarer!, völlig unberührten Schicht gemacht wurde und daß das ganze Skelett.in ungeivöhnlich schöner Erhaltung geborgen ivurde.

Vernrkschtes.

* Die Parfüms der Königinnen. Ein Pariser Parfümeriehändler, der sich rühmen kann, in der wichtigen Frage der Auswahl des Parfüms das Vertrauen von Königinnen zu besitzen, hat dem Mitarbeiter einer englischen Damenzeitschrift allerlei Einzelheiten verraten von den Parfüms, die die Herr­scherinnen Europas bevorzugen.Die größte Vorliebe für Wohl­gerüche chat die Kaiserin von Rußland, unb es gibt auch wohl kaum eine Frau, die so viel Parfüm verbraucht wie sie. Die Blumen, aus deneir die Essenzen hcrgestellt werden, müssen in be­stimmten Zeiten gepfltickt werden, die die Kaiserin selbst angibt. Aus Grasse kommen alljährlich gewaltige Mengen von Veilchen, aus denen das Waschwasser der Zarin bereitet wird. Diese Veilchen dürfen nur in den Nachmittagsstunde» zwischen 5 und 7 Uhr gepflückt werden, in der Zeit, wo ihr Duft am zartesten und schönsten ist. Während die Zarin des öfteren ihre Parfüms wechselt, alle Neuerscheinungen mit Interesse verfolgt und sich bisweilen selbst in neuen Mischungen versucht, verrät die bisherige Königin von England, die Königin-Mutter Alexandra, in ihrem Geschmack eine streng konservative Gesinnung. Die Königin- Mutter benutzt noch heute ausschließlich das sogenannte- Bonguet", das seit dem Jahre 1829 in der englischen Königs­familie in Gebrauch steht. Das Rezept zur Herstellung dieser Essenz wnd von dem Fabrikanten streng geheim gehalten und geht von Vater auf Sohn über, ohne daß Neugierige je das Rätsel gelöst haben. Sobald die Rede auf dies Parfüm kommt, verliert der Parfümfabrikaut seine gewöhnliche Mitteilsamkeit, er imrd plötzlich zurückhaltend und ergeht sich nur in allgemeinen Andeutungen. Das einzige, was er von dem-Bouquet" verrät, ift die Bemerkung, daß das Parfüm aus einer Mischung von Ambra mit Essenzen von Rosen, Veilchen, Jasmin, Orangen- blüten und Lavendel hergestellt wird. Von der Königin von Ru- nrmrren erzähl! er dabei eine Geschichte, die erkennen läßt, wie

das stete Lebe» inmitten berauschender Wohlgerüche jede Skepsis in ihm betäubt hat; die Welt der zarten Blumendüfte wird ihm; ein romantisches Fabelland, in dem alles möglich ist.Carmenj Sylva," so erzählt der Fabrikant,ist stolz auf ihr weißes Haar nick» auf ihr Antlitz. Trotz ihrer 60 Jahre sieht man nicht die Spur einer Falte in ihrem Gesicht und dies Wunder verdankt sie dem geheimnisvollen Toilettewasser, dessen Zusammensetzung niemand kennt als sie selbst. Das Wasser wird aus Blumen gewonnen, die nur inmitten eines einsamen, abgelegenen Waldes' wachsen; niemand darf diesen Wald betreten als die Blummw sammler der Königin. Rings um den Forst stehen unausgesetzt Reihen von Wachtposten, die den Wald der Königin beschützen."

* Der Tod im Unterseeboot. Die kurze» Meldung«! von dem Untergang eines japanischen Unterseebootes und dem Heldentod der Besatzung erfahren jetzt einige Ergänzung durch das Bekanntwerden des erschütternden Dokuments, das der Kom- mandant des gescheiterten Bootes angesichts des Todes verfaßte. Dieser letzte Bericht, den ein französisches Blatt veröffentlicht, beginnt mit den Worten:Wenngleich wir keine Entschuldigung dafür haben, ei» Boot Seiner Majestät zum Untergang gebracht zu haben, ist die gefaulte Besatzung des Bootes bis zu»! ^Augenblick des Todes ruhig und hat ihre Pflicht getan. Die einzige Furcht, die mir haben, entspringt der Sorge, daß man die Ursache des Unfalles nnßdeuten und damit der Zukunftsentwicklung des Unter­seebootes Schwierigkeiten bereiten könnte. Meine Herren, mir hoffen, daß Sie Ihre Beharrlichkeit nicht verliere» werden und daß Sie Ihre ganze Kraft daransetzeil werden, um die Fort-- entlvickelung unserer Unterseeboote vorwärts zu treiben. Wenn das eintritt, so haben wir keine Sorge mehr." Der Bericht schildert dann die Ursache der Katastrophe;Während mir mit Gasolin operierten, tauchten wir zu tief in das Wasser unter und als wir dann die Klappe schließen wollten, riß die Kette. Wir versuchten die Klappe mit den Händen zuzuhalten, aber es war zu spät. Die anliegende Abteilung war bereits mit Wasser ge­füllt und das Boot senkte sich in einem Winkel von 35 Gmid/^ Unter der UeberschriftDie Lage »ach dem Unfall" fährt der Bericht bann fort:1. Das Boot zeigt eine Senkung von etwa 15 Grad am hinteren Ende. 2. Der Umschalter steht unter Wasser, das elektrische Licht ist erloschen. Die giftigen! Gase breiten sich aus, die Atmung wird schwierig. Gegeir 10 Uh« vormittags blieb das Boot auf dem Grunde stecken. Wir ver- versuchten in der bedrückenden Atmosphäre, das Wasser mit einer Handpumpe auszutreiben. Zu gleicher Zeit ließen wir das Waffer aus dem Hauptbehälter heraus. Da das Licht versagt, kann man die Hohe nicht uachprüfen, aber wir wissen, daß das Waffer aus dem Hauptbehälter heraus ist. Die elektrisierte Flüssigkeit nimmt überhand, aber das Chlorwasserstosfgas entwickelt fich nicht. Wir hoffen jetzt nur noch auf eine Handpumpe. Das Vorstehende ivurde um 11 Uhr 45 Min. bei dem Lichte des Turmaufbaus geschrieben. Wir stehen jetzt tief im Wasser, das immer höher steigt. Unsere Kleider sind durchnäßt. Wir frieren. Ich pflegte stets meine Matrosen zu lehren, daß es ihre erste Pflicht märe, Unter allen Umständen ruhig und mutig zu sein; sonst könnten wir nie auf gute Leistungen rechnen, jeder Ueberfluß an Empfindsamkeit gefährde unsere Arbeit. Die Wafserhöhe im Turmaufbau ist 52, trotz der Bemühungen, das Wasser heraus­zutreiben, bleibt die Pumpe stecken; nachmittags ivird nicht mehr gearbeitet. Die Offiziere und Matrosen der Unterfeeboote müssen als die Besten unter den besten Mannschaften ausgeivählt iverden. Ich freue mich, daß die ganze Besatzung dieses Bootes ihre Pflicht gut erfüllt hat und ich bin zufried«». Ich habe immer mit dem Tod gerechnet, wenn ich mein Haus verließ und mein Testament liegt bereit. Ich erlaube mir nun, ehrfurchtsvoll zu Eurer Majestät selbst zu sprechen und bitte ehrfurchtsvoll barum, daß keine Familie der Unigekommenen Not imd Ent­behrung ausgesetzt bleibe. Dies ist die einzige Sorge, die ich jetzt habe." Der Kommandant übermittelt dann einer Reihe von Kameraden seine Grüße, führt die Freunde persönlich an. Das tragische Dokument schließt mit den Eintragungen:12 Uhr 30 Min. Atmung sehr schwierig. Mir scheint es, als ob wir Gasolin atmen. Ich ersticke durch Gasolin. Grüße auch an den Kapitän Nakano. Es ist 12 Uhr 40 Minuten."

Zitaten-Nütsel.

Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß ich ein neues Zitat ergibt:

1. Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande.

2. Halb zog sie ihn, halb sank er hin.....

3. Bon Zeit zu Zeit seh' ich den Alteit gern.

4. Kardinal, ich habe das Meinige getan; tun Sie das Ihrige»

5. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

6. Ein edler Meirsch zieht edle Menschen an.

7. Die ich rieh die Geister, werd' ich nun nicht los.

8, Dies ist die Art mit Hexen muzugehen.

Auslösung in nächster Nummer.'?

Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer»

F u n k e, U n k e.

Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversttäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießern