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kämpfen, hatte. Die tonnte ich heute beneiden, so wunder­lich das klingt. Die war ja reich. Dio hatte ja noch Selbstachtung!

Würden die Menschen wohl ebenso richten, wenn sie alles wüßten?

Ich versuche, mir dies und jenes Gesicht unter den guten Bekannten vorgustellen und ihm in Gedanken die Geschichte erzählen.

Ich höre, was sie sagen:Torheit! Uebersp-annte Ideen! Wer wird das denn so tragisch auffassen? Es ist ja gottlob nichts geschehen. Ja, wenn ein Skandal daraus geworden wäre, dann allerdings"

Wie deutlich ich sie reden höre! Wie gern ich das glaubte!

Aber der Richter in mir lacht darüber. Er ist un­bestechlich.

Nichts geschehen, nein. Aber was ist denn die Tat? Eine Folge, etwas Aeußerliches. Die innere treibende Ur­sache ist der Wille. Der Wille tut die Sünde, nicht die Hand.

Wenn der Wille zur Sünde hier nicht Tat wurde, so war das nur, weil die Hand fehlte, die half. Weil er nicht allein in Taten sündigen konnte!

Es hilft nichts. Beuge dich. Du bist schuldig.

14. Mai.

Wie kann man existieren, wenn man sich selbst nicht wehr achtet?

Ich weiß es nicht. Aber ich habe es fertig gebracht, diese paar elenden Tage durch. Bielleicht bin ich abge­stumpft, weil ich Ku stark leide. Ich grüble nur in dumpfer Verwunderung darüber, wie es möglich war, daß ich mich selbst so verlor.

Aber tvas soll das Grübeln und Rätseln? Ich mag nicht zurückdenken und nicht vorwärts. Auch nicht mehr über das dunkle Tor hinaus, das mir vorher wie Rettung und Erlösung schien. Ich habe keine Energie und kein Wollen mehr, nur die verächtliche müde Mut­losigkeit.

Auch den kleinsten Alltäglichkeiten gegenüber bin ich so. Es ist vorgestern ein Paket vom Professor gekommen. Es liebt noch uneröffnet in meiner Stube. Es iverden die Briefe meines Vaters sein, von denen er sprach. Was hat es für Zweck, daß ich sie lese?

Aber ich werde das Paket doch wohl öffnen müssen, es könnte etwas für Seppl darin sein.

15. Mai.

Ich lasse Seppl den kleinen, frohherzigen Brief selbst lesen, den der Professor seinem Buben schreibt, und helfe nur ein wenig nach, wenn der Finger stockt, der beim Buchstabieren unter den Zeilen herfährt. Wie er fertig ist, holt er tief Atem und sieht ganz, verklärt aus.

Du, Aga, ich glaub net, daß es einen gibt, der guter ist als der Vater."

Nein, gewiß nicht, mein Junge!"

Du, aber ich weiß doch noch einen, der ist grab so Mt! Weißt, wer? Du!"

Mein Gesicht ist aus einmal brennend heiß, ich reiße weine Hand aus seiner. .

Das sollst du nicht sagen, Seppl, hörst du?" Er schüttelt verwundert und ein bißchen altklug den Kopf.

Sagen schon net, wenn du's net wagst. Wer wahr ist's. Schaugst, ich hab mir immer gedacht, so wie der Vater kann ich doch net werden, der ist so stark und qroü und ich bin doch krank. Aber so wie du will ich werden. So gut, daß mich alle Lent arg lieb haben müssen!"

So tote du. Kind! Du weißt ja nicht, was du sagst!

Einen Augenblick ist mir's, als kann ich es nicht er­tragen, als muß ich aufspringen und weglaufen.

. Aber ich nehme mich Kusammen. Was hab ich deine Besseres verdient? Das ist eben mein Gericht!

Er würde mich gar nicht verstehen, wenn ich ihm jetzt sagen wollte:du darfst mich nicht lieb haben. Das hab ich getan! So bin ich!"

. Und selbst, wenn er es fassen könnte, habe ich denn das Recht, ihm sein Kindervertrauen auf Menschengüte zu zerstören ? Wäre das nicht neue Schuld?

StilllMten! Sich beugen unter unverdiente Liebe und Verehrung! Tausendmal härtere Strafe als offene Ver­achtung tragen!

Ich stehe auf und schiebe detn Jungen die Kissen iw Rücken zurecht, nur um ihm nicht immer in die 'Augen sehen zu müssen.

Blau sagt, Kinder haben Instinkt. Er zuckt zusammen,- wie ich ihm Wfällig die toarnte Haut am Hals mit den Fingern streife.

*

Peter Florenz Weddigen an Professor Bernhardt.

Eisenach, 6. Oktober 1893. Lieber alter Freund !

Als wir einander zuw letzten Male schrieben, hast mir diesen Namen ausdrücklich abgesprochen und das Tuch zwischen uns zerschnitten. Wenn ich nun heute doch toieder die alte vertraute Anrede brauche, so ist es teils, weil wir seit den bösen Tagen damals grau geworden sinh und wohl viel Feuer verraucht ist teils, weil sie mir ganz unwillkürlich in die Feder komüit.

Vielleicht söhnt es Dich ein wenig damit aus, wenn ich Dir gleich anfangs rückhaltlos und ehrlich zu gestehe: Du hattest recht mit Deinem Zorn.

Was ich, neben allem andern, an Deiner warmherzigen Freundschaft und Deinem naiven Idealismus verbrochen habe, stand mir diese ganzen Jahre wie eine ungelöste Schultz in der Rechnung meines Lebens.

Du hättest diesen Idealismus ja auch sonst kaum un­verletzt durch Jahrzehnte gebracht, aber jedenfalls war ich der Letzte, der berufen gewesen wäre, ihn zu zerstören.

Als mir neulich 'Dollar Mullstoff, ohne von unfern früheren Beziehungen zu wissen, von Dir erzählte, wurde mir mit einem Schlag unsere gemeinsame Jugend wieder lebendig, diese ganzen wilden, guten, vorwärtsdrängenden Jahre vor unserm Zerwürfnis. Mer Freund, was auch später geschehen ist, wir sind doch miteinander jung ge­wesen! Mit grauem Kops hat Man nur noch wenig Fäden, die in die Jugend zurückreichen, und möchte diese wenigen festhalten. Und man möchte, was matt früher darin in Leichtsinn und Leidenschaft verwirrte, jetzt, am Ende des Wegs, gern so viel tote möglich entwirren und schlichten.

Ich weiß, daß ich nicht Ungeschehen machen kann, was ich Dir damals getan habe. Aber vielleicht denkst Du doch ein wenig anders und versöhnter an mich, wenn ich Rechen­schaft über mich ablege. Du bist der einzige Mensch, bei dem ich das BÄürsnis habe, das zu tun.

Den Gang der Ereignisse damals kanntest Du, hast ihn wahrscheinlich auch später verfolgt und weißt, daß sie mit dem Kind von mir ging. Aber ich gebe ihr voll und ganz recht darin, tat es auch damals schon, so schwer ich' da­runter litt.

Ich habe sie nicht wiedergesehen. An ihrein Begräbnis^ tag holte ich mir das Kind ins Haus, das mir niemantz mehr streitig machte.

(Fortsetzung folgt.)

Die Brüsseler weltaursteümrg.

Die deutsche Abteilung.

Die deutsche Ausstellung hat den Vorzug der Ucbersichtkich- leit und der Eigenart, da sozusagen unter eine m Dach all das! untergebracht ist, was Deutschland in Brüssel ansstellt. Wir sind sicher, daß dieses bei Weltausstellungen z u m e r st e n m a l angewandte System- Nacheiferer finbeu wird, denn es hat fast alles für sich, besonders aber dann, wenn sich die bauliche Glie­derung der Hallen so übereinstimmend an das Ausgestellte anreiht, wie es hier geschehen ist. Hier hat Emanuel von Seidl wirklich sein Meisterwerk vollbracht, und wenn er es vielleicht noch ver­standen Hütte, in den ersten der Raumkunst und den: Kleingewerbe! gewidmeten Hallen etwas mehr Ausdehnung nach oben hin zu schaffen, dann würde wohl kaum ein berechtigter Wunsch unbefrie-i digt geblieben sein. Es macht da noch manches den Eindruck des Gedrückten. Man hat da eher.zu viel an das seitlich gelegen« deutsche Haus abgegeben. DiesesHeim" enthält im Erdgeschoß Empfangs- und Geschäftsräume für die Ausstellungsleitung; im ersten Stock aber einen großen Festsaal mit vorgelagerter oval gehaltener Terrasse. Dieser Festsaal ist wohl das Eigenartigste, was je auf diesem Gebiet geschaffen wurde. Um einen rundest Kuppelbau mit Galerien lagern sich drei Nischen. Man hat fast den Eindruck, als ob dwser Raum nach oben an offen wäre, der­maßen heben sich die Höhenverhältnisse des mittleren Stockes, von beit übrigen Teilen ab. Durch einen grau gehaltenen, ganz wundervoll abgetönten Anstrich hat man dem Saal eine harmo- msche Ruhe gegeben. Hübsche antike Gobelins, die Prinzregent Luitpold von .Bayern, zur Verfügung gestellt hat, wechseln mit