Ausgabe 
23.5.1910
 
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Tassen.,

Ihres Vaters Tochter.

Roman von Lnlu von Strauß, und Torney.

(Nachdruck verboten.) (8-ortieyuna.)

Ich versuche, durch meine vergangenen Fahre h-ndurch- zusehen wie durch einen buntfarbig schillernden Ne e!. Und ich finde in diesem Kinderleben nichts, das wie Mutlerforge cmssieht. Nicht einmal eine bla se Erinnerung Immer nur das Gesicht meines Vaters Der hat die Antwort auf die ersten grüblerischen Kinderfragen. Um den drehen sich die phantastischen Spiele und Träumereien Er ist fast der liebe Gott meiner kleinen West. Bisweilen nur. wenn ich andere Kinder an der Hand der Mutter sehe, kommt mir die verwunderte Frage: warum habe ich denn keine? Ob es wohl sehr schön ist,' solche zu haben?

Ich vergesse es aber wieder über meinem Vater, diesem Vater, der die weiche, Keine Kinderseele in Best!) nimmt und bildet und formt nach seinem Gefallen, als ob sie Wachs wäre.

Aber dem halbwüchsigen Mädchen kommt doch biswe len eine Ahnung davon, was ihm fehlt. Es hat Stunden ver­einter Sehnsucht nach der Mutter in der halbdunklen Siube am Fenster, wenn draußen die Sterne über dem Hchnee stehen, oder auch an stillen Sommerabenden. Es treibt einen Kultus mit dem kleinen Bild dieser jungen, nie ge­kannten Mutter, als ob sie eine Heilige wäre. Und weil es merkt, daß eine Frage nach ihr des Vaters Gesicht verstimmt macht, scheut es sich, an einem großen Schmerz, zu rühren, und treibt den Kultus heimlich, mit Blumen und wunderlichen kindlichen Gebeten. Und lebt die Lüge seines Lebens gläubig mit.

Bis die Stunde kommt, wo diese Lüge zerbricht. Wo alles, was ihr lieb und heilig war, ihr im Schmutz vor den Füßen liegt; wo sie keinen Halt und keine Stütze mehr hat, nicht einmal sich selbst, denn ihr Ich hat der ihr längst fauch genommen, der ihr alles andere stahl.

Er selbst weiß zwar nichts von diesem Gericht über seine Schuld. Die Wahrheit kommt tote der Gott des Alten Testaments, der die Sünde der Väter heimsucht an den Kindern.!

Man soll Toten nichts Böses nachsagen. Wer kann tch denn anberg als ihn hassen? Ihn und das verdorbene Geschöpf, die beiden, die durch ihre zügellose Leidenschaft mich um mein Bestes betrogen halben?

Wie ich so weit gewesen bin, habe ich das Bild ansehen müssen. Und aatf einmal ist mir, als ob ich Augen und Ohren zuhalten müßte vor dem, was es sagt. Ms ob ich vor den Hellen lachenden Augen siehe wie vor einem Richter.

Du willst verdammen? Du willst dich erheben? Du?

Wenn es gekommen wäre, wie du ivolltest, was hättet ihr dann anderes getan als sie? Dieses Kind hat das

gleiche Recht, wie du es hattest. Du besannest dich keine Sekunde, >es ihm zu nehmen!

Was euch zusammen führte, wäre rein gewesen und keine Sünde?

Es wäre rein gewesen, wmn ihr beide freigestanden! hättet. Es wurde Todsünde, tocit dieses Kind lebte!

Jeden Satz muß ich klar und scharf durchdenken, als ob ihn mir einer deutlich vorsagte.

Es ist noch nicht zu Ende. Es geht noch tiefer.

Die damals fündig:en, waren zwei. Einer stieß und zog den andern in den Schmutz. Jeder trug halbe Schuld.

Wenn eure Sünde nicht zur Tat wurde, es war nicht dein Verlenst. Wenn der Mann, den du lieb hattest, nicht stärker gegen die Versuchung gewesen wäre als du bat haltest b ind gesündigt und dir noch dazu eingeredet, das wäre dein Recht!

Wer war da vorhin so rasch bei der Hand mit Worten wiezügellose, egoistische Leidenschaft", als es sich um andere handelte?

Und als alles vorbei war, sündigten deine Gedanken Weiler. U ber das Kind weg gingen sie rücksichtslos. Waren da nicht sogar Stunden, wo jre fügten: wenn das Kind nicht .wäre, dann ?

Und du willst verdammen? Du?

Neben denen, die du ri htest und verdammst, stehst du selbst. Wenn du sie hassen willst, mußt du dich selbst! Haffen. Du bist das gleiche wie sie.

Nein, sogar weniger. Das Weib, über das du ab­urteilst, kam was der Gasse. Woher sollte das von.Recht und Unrecht wiffen?

Und der Mann? Peter Florenz Weddigen mein Vater?

Ich will mir jetzt keine Wahrheit sparen.

Ein Leben in heimlicher Sünde ist Lüge. Mer tausend­mal verlogener die Sünde, die sich hochmütig als Recht und Wahrheit gebärdet!

11. Mai.

Mein Kopf ist bumpf und brennt vom vielen Denken. Ich bin aufgeftanben, habe Georgs Bild und seine Briefs genommen und sie int Kamin verbrannt.

Ich habe ihn jetzt zum zweitenmal verloren, und nun erst ganz.

Ich habe kein Recht mehr auf ihn. Kein Recht mehr auf meine Liebe.

Die Erinnerung an ihn und der Glaube an mich selbst das war das Letzte, was ich hatte!

12. Mai.

Gerichtet und schuldig gesprochen vor meinem eigenen Gericht!

Ich muß mich in den neuen Zustand gewöhnen wie der Sträfling in die Zuchthausfaste.

Ich bin nicht mehr die Agnes Weddigen, die bett Kopf hoch trug vor den Leuten, soviel sie auch innerlich durchzu»