Ausgabe 
23.4.1910
 
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darin lag. Ich fühle ja auch nicht viel ioürmer ihr gegen­über. Wie kann ich von ihr mehr fordern, als ich gebe?

Sie weiß ja auch gar nicht, was sie mir nimmt!

Und das Beste kann sie mir doch nicht nehmen, was diese Wochen mir gegeben haben; meinen Freund, meinen guten Kameraden!

18. Dezember.

Tilla ist seit gestern strahlend freundlich. Ist es, weil sie wieder gut machen möchte? Oder freut sie sich, den iunbegriemen Hausgast bald los zu sein? Sie plant em Wiedersehen in München, Georg soll im Frühling Urlaub nehmen. Sie blieb gestern abend sogar etwas länger, war lebhaft und angeregt. Das war ganz, gut, denn aus mir lag es wie ein Druck. Georg sprach auch kaum.

Wir saßen auch nachher nicht mehr lange zusammen. Meine Augen waren noch schwer von der durchwachten Nacht, das Lampenlicht tat ihnen weh. Und wir hatten Uns Leide nichts Rechtes zu sagen. Es war, als ob wir uns vor dem Thema fürchteten, das uns heute doch am Nächsten lag.

Ich stand müde auf.

Lassen Sie uns nur schlafen gehen, Georg. Ich tauge doch heute zu nichts mehr."

Sie haben Ihre Gedanken Wohl schon halb unter­wegs," sagte er plötzlich in bitterem Don.

Das Hatto ich nicht verdient. Aber ich antwortete nichts, ich iah ihn nur an. Er verstand mich! sofort und kam rasch durchs Zimmer zu mir her.

Verzeihen Sie, Agnes. Ich will Sie auch nicht zu- rüökhalten, es ist vielleicht am besten so."

Er sah mich nicht an, während er sprach. Und auf einmal hielt er meine Hand in seiner, ganz fest.

Sie wissen nicht, wie Sie mir fehlen werden, Agnes, Und was Sw mir sind."

Wirklich, wirklich? Bin ich ihm etwas? Ebenso wie Mir? r

25. Dezember 1900.

Es ist doch gut, daß ich gehe.

Sie haben beide nichts davon gemerkt, wie schwer der Dag gestern mir war..

Weihnachtsabend mit allem Zubehör: Glocken und Sterne draußen, und drinnen weiße Tische und der bren­nende Baum. Und der Junge! Dieses lachende, blonde, kleine Geschöpf, das mit Händen und Füßen und Augen jauchzend in all das Licht strebte!

Es liegt so viel wundervolle Symbolik in diesem Fest. Don Anbeginn ist es das Fesh die Apotheose der Mutter mit dem Kind gewesen..

Tilla hatte Baby auf dem Arm, sie war strahlend hübsch in ihrer Freude an ihm. Alles Egoistische, Un­sympathische abgesallen und aufgelöst in ihrer Mütterlich­keit. Sie setzte sich mitsamt dem Jungen lachend auf ihres Mannes Kmee.

Ueber alles Mißverstehen, alle Dissonanzen weg waren sie eins in dem Kind. Ich sah das an wie eine Offen­barung, die ich doch nur halb verstand, weil ich nur von außen hineinschaue. An dem Abend war ich doch Fremde. Auch für ihn!

Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Was ich fühlte, war Neid, bitterer, brennender Neid. Am liebsten wäre ich aus der Tür gelaufen, hinauf in meine dunkle Stube.

Ich suchte nach irgend etwas, mich daran zu halten. Dio früheren Weihnachtsfeste sielen mir ein. Der Saal äu Haus, die hohe, dunkelgrüne Tanne mit den Lichtern, und ein Gesicht, immer nur ein Gesicht. Mein Vater!

Und auf einmal ging mir alles andere unter in der großer: Qual der Sehnsucht, ihr: wieder zu haben. Nicht äußerlich, die Stimme, die Augen es wäre mir genug, wenn ich ihn in meiner Seele wieder hätte. Den Glauben an ihn! Aus ben Knien wollte ich dem danken, der ihn Mir gäbe!

Tu bist sehr Mm, Agnes Weddigen. Der ärmftje Mensch, den ich kenne!

Darmstadt- 3. Januar,1901.

Der letzte Wend. Morgen sehe ich Georg nicht mehr. Weil er sehr früh zum Dienst muß.

Und an diesem letzten Wend habe ich ihm das Letzte!

und Höchste gegeben, was ich Ku geben hatte: mein volles 9$CTfTCrU6Tt.

Es Ivar ein trauriges Geschenk, Geben und Nehmen zugleich. Ich mußte am dem Piedestal seines Heroenbildes rütteln.

Seit der Szene damals hat er den Namen Peter Florenz Weddigen nicht 'wieder genannt. Wer ich weiß ja, wie hoch er ihn stellt, was er ihm bedeutet.

Ich habe ihm alles erzählt. Ich beobachtete sein Ge­sicht, während ich sprach, aber ich konnte nichts darin lesen. Er sah vor sich, hin mit zusammengezogenen Brauen.

Es hatte mich furchtbar erregt, davon zu reden. Meine Hände waren eiskalt, als ich. sie an den schmerzenden Kops legte.

Uns war beiden nicht nach vielen Worten zumute. Er dankte mir für mein Vertrauen.

Wenn mir die Sache nah geht, ist es nm Ihretwillen, Agnes. Ich sehe sie von anderm Standpunkt aus. Aber zu dem kann ich Sie nicht hinführen. Sie müssen ihn ans sich selbst herausfinden."

Er fühlte wohl, daß er für eine verlorene Sache,redete. Zwischen mir und der Vergangenheit kann mir niemand die Brücke bauen, weder ich noch ein anderer.

Aber es ist mir doch freier zu Sinn als seit lange. Es tat mir gut, ihm alles zu sagen. > Es ist nun kein Tor in meiner Seele mehr, das meinem Freund nicht offen

Wir wollen uns schreiben. Er sagte es. mir, als wir uns vor meiner Tür die Hand gaben.

Wir konnten beide das letzte Wort nicht finden, standen! und sahen uns an. Bis er sich plötzlich hastig beugte, und meine Hand küßte, zwei-, dreimal.

So sind wir denn ohne letztes Wort auseinander-» gegangen.

Auf Wiedersehen! Wann? Wo?

(Fortsetzung folgt.)

Das Ghmgebiet in vor- und frühgeschichtlkcher Zeit.

Auf Grund der Ergebnisse der modernen Naturforschung ist es möglich, daß wir uns ein ziemlich zutreffendes Bild früherer Entwickelungsstufen unserer Erde machen können. Zwar ist jene märchenhafte Welt versunken, glücklicherweise aber nicht, ohne Spuren zurückgelassen zu haben. Da finden sich in versteinerten Ueberresten die mächtigen Pflanzenformen einer entschwundenen Zeit, aufgespeichert in den ungeheuren Kohlenlagern der Erde; riesenhafte Tiere werden als steingewordene Formen ausgegraben, und das vom Forscher zusammengestellte Bild von Gestalt und Größe dieser Pflanzen und Tiere gibt dann wohl auch der Maler mit kunstgeübter Hand wieder. Auch aus den von Menschenhand gefertigten Werkzeugen und Geräten ehemaliger Geschlechter, welche Jahrtausende dem forschenden Blick entzogen waren, hat man auf Lebensweise, Beschäftigung, Sitten und Gebräuche dieser Menschen Schlüsse gezogen. Trotzdem ist noch manches dunkel, so auch die erste Existenz des Menschen. In Europa führte man bisher nach den ältesten Funden das Dasein des Menschen bis in die Alpliozänzeit zurück. Nach den neuesten Funden in Belgien ist man geneigt, seine Existenz in eine noch frühere Zeit zu verlegen, als der Mensch noch kein Werkzeug anzufertigen tm- stande war. Selbst die Art der Bestattung läßt die mannigfachsten Folgerungen zu. Der Brückerwald bei Amöneburg umschließt zahlreiche Hünengräber. Eine heidnische Grabstätte ist auch die alte Schanze bei Bürgeln. Keine Art der Beerdigung! hat wohl so lebhaft die FMchung beschäftigt tote die Hocker- bestntiung im vorgeschichtlichen Europa und auch in den übrigen Erdteilen. Man vermutet, die Stellung des Toten mit aufgezogenen Knieen in den Hockergräbern, welche auch in Hessen sich finden, sei aus Raummangel geschehen, während andere die Nachahmung der Lage des Embryos im Mutterleibe als Grund für diese Art der Bestattung anführen, und daß der hockende Tote so bte Auferstehung erwarte. Neuerdings nun ist die Forschung zu dem Ergebnis gelangt, daß die Leiche in dieser Lage möglichst stark gefesselt werde, um die schädliche Wiederkehr des Toten aus dem Grabe zu verhindern. Nach dem Volksglauben der alten Germanen kann bekanntlich die Seele den Körper verlassen und als zweites Ich fortleben. Als persönliches Wesen bedarf sie Speise und Trank und erhält überall Opfer. Damit der Tote aber die not­wendigsten Bedürfnisse bestreiten könne, gab man ihm mancherlei mit in die Gruft, Dinge, die ihm im irdischen Leben besonders! teuer und unentbehrlich schienen: Trinkhörner, Messer, Waffen, Schmucksachen, Tabakspfeifen und bergt, alles Gegenstänbe, welche besonders die vielfachen Funde in Hügelgräbern zutage gefördert haben. .Viele Urnen bat man oberhalb von Schröck, auf dem sog. Hemmerich, am Abhang des Lahnberges, gefunden. Selbst Kieselsteine gab man den Verstorbenen als Schutzmittel gegen Geister mit, welche bis Grabesruhe zu stören vermochten, Man