Ausgabe 
23.4.1910
 
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Samstag den 25. April

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Ihres Vaters Tochter.

Roman von Lulu von Strauß und Torney.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Tilla totit* aufgestanden, ihr sonst so passiv schönes Gesicht wetterleuchtete.

Daß ich mir das bieten lassen soll, in meinem eigenen Haus -"

Ich will nicht weiterschreiben. Böse, scharfe, kurze Worte -zwischen den beiden; Worte, die man vergessen soll und in den Wind werfen Worte, die vor keines «Dritten Ohr gehören.

Ich habe den ganz verängstigten Jungen auf den Arm genommen und bin aus der Tür gelaufen. An Babys Gitterstallchen habe ich auf der Erde gehockt und herz­klopfend gehorcht, bis ich das Zukrachen der Tür pnd Georgs heftigen, sporeuklirrenden Schritt auf dem Gang hörte. Da bin ich die Treppen hinaufgelailfen und habe mich oben eingeschlossen, ehe Tilla kam.

Ich habe auch niemand wiedergesehen heute. Mein Mendefsen brachte mir das Mädchen herauf: die gnädige Frau hätte Kopfweh und müßte Ruhe haben.

Sie brauchte nicht zu fürchten, daß ich sie störe. Sie braucht überhaupt nichts mehr von mir zu fürchten, ich werde ihr nicht zur Last fallen.

«Keinen Tag länger hier im Haus', das ist das ein­zige, was ich klar sehe. Der Boden brennt mir unter den Füßen, seit ich weiß, daß sie mich los sein möchte. Ich bin zu hochmütig, um nur geduldet zu sein'.

Fort, lieber heute als morgen!

'Aber wohin? Rach Hauses

Nein, nein, nur das nicht! Ich kann das nicht er­tragen! Wieder allein sein mit der ganzen Qual, Tage und Rächte? Ich würde wieder krank werden, ich weiß «es!

Wochen und Wochen habe ich so gedankenlos hingelebt, mich treiben lassen auf der Oberfläche, wo Sonne war und Frische, und habe vergessen, baft da unten irgendwo in der Tiefe doch noch die alte Last lag und «auf ihren Tag wartete. Jetzt hebt sie sich wieder, steigt, ivill sich mir auf die Seele werfen und mich hinunterziehen.

Wohin soll ich mich retten?

17. Dezember.

Es ist alles entschieden. Ms mein Licht diese Nacht heruntergebrannt war und ich verfroren und übernächtig wein Fenster schloß, ivußte ich, was ich wollte.

Ich bin heute morgen bei Frau von Gelsa gewesen, Lottes toller Einfall wird Wirklichkeit. Die alte Dame war erst überrascht, unschlüssig, aber schließlich versprach >ls imr doch, mir Lotte nach München mitzugeben.

Das ist mein Ausweg, um nicht nach Haus zu müsse«. Auf diese Weise nützt meine zwecklose Existenz doch- wenig« stens noch einem Menschen.

Wie das Kind glückselig war! Sie faßte mich um­halb lachend, halb weinend und walzte mit mir durch die Stube. Sie zündete alle sieben Kerzen ihres jüdisches Sabbatleuchters an, um zu illuminieren, und steckte uns beiden rote Rosen hinters Ohr. Sie merkte in ihrer Freud« meine gedrückte Stimmung gar nicht.

Und heute .nach Disch habe ich es den beiden auch gesagt. Es war erst einen Augenblick still, Georg hob« den "Kopf und sah Mich mit einem erschreckten Blick an, ohne Hu sprechen.

Tilla war dunkeirot geworden.

Ist Frau von Gelsa denn mit dem Plan einver­standen?" fragte sie zögernd.

Draußen klingelte es: die Ordonnanz mit bent Dienst­buch, Georg staub hastig auf:Bitte um Entschuldigung,"

Ms wir allein waren, beugte Tilla sich plötzlich vor unb «nahm meine Hand.

Aga, ich bin gestern heftig gewesen, du weißt, sitz' Hatto Kopfweh. Ich hoffe, bu hast das nicht ernst ge­nommen, was ich sagte. Es täte mir leid, wenn du bösh wärst, und wenn das die Ursache wäre."

Ich sah ihr ruhig ins Gesicht,'

Böse bin ich nicht, Tilla. Aber ich habe doch heraus!» gefühlt, daß du mich entbehren kannst. Und Lotte Gels« erfülle ich einen Lebenswunsch damit. Ich- muß in Heck nächsten Tagen fort Und Vorbereitungen machen."

So schnell schon?"

Das kam ehrlich erschrocken Heraus. Ich« sah es ihrem Gesicht an, ivie leid es ihr tat.

Aga, so ein paar Tage vor dem Fest darfst bu mir bas nicht antun. Was brauchst du benn für Vorbereitungen? Sieh, wenn bu jetzt gleich gehst, -muß ich mir doch Vor­würfe machen, es ist, als ob ich dich aus dem Haus triebe. Bleib doch wenigstens Weihnachten hier, da kannst du doch nicht so.mutterseelenallein sitzen. Versprich mir das."

Ich wollte erst nicht, aber sie war plötzlich« tote um­gewandelt, herzlich und liebenswürdig hartnäckig.

Nach dem Fest ivill ich dich ja auch lticht halten, Aga, so gern ich es täte ja wirklich! So viel wie -eine Großstadt können wir dir ja auch hier nicht bieten.« (Und «einsam bist bu dann ja auch nicht, to«emt du Lottes Gelsa bei dir hast. Mer Weihnachten allein, nein, Kind, das 'erlaube ich einfach nicht. Ich würbe mir das me verzeihen, wenn ich dich jetzt gehen ließe, unb« mein Mann auch nicht!"

Ich habe es ihr also versprochen.

Die Sache bleibt ja an sich bio gleiche. Ich gehe, weil ich fühle, baß iw überflüssig bin. Aber so wird wenigstens jede Bitterkeit und äuchere Dissonanz vermieden. Ich ivill tiicht so kleinlich sein, Tilla etwas nachzutragen, weder ihre unbedachten Worte noch die Gesinnung, die