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ton b'eftt eine Mmn'orbWo von Jean Göujon herableuch- lete. Ans dem teppichbelegteii Boden, wo die Zuhörer sitzen soNten, standen nicht wie in einem Konzertsaal die Stühle in Reihen, sondern zwanglos, mit blumenduftenden Tischen dazwischen, als ob sich die Gesellschaft wie in der Halle feines Landsitzes niederlassen wollte, nur um sich zu unterhalten.
Der Hitze wegen brannten die Lüster noch nicht. Nur Ian den Wauden ein paar Bronze-Armleuchter. Aber man sah der vier stolzen Rubens leuchtendes Fleisch in der matt- goldenen Pracht ihrer alten Rahmen. Als Ludwig nochmal alles begutachtete, blieb er stehen und blickte ruhig zu den Mythologien auf, die den Raum wie mit geheimnisvollem Leben erfüllten.
Wie er dastaud, die Hand auf den Flügel gestützt und trotz der Hausherreupflichten ruhig hinausblickte in den Baal, über dem die nackten Leiber der Rubensschen Götter und Göttinnen leuchteten, dachte er an Hofrat von Besserer, der mehrmals betont, man würde sich schon erkenntlich zeigen, sonst könnte man ein solches Geschenk nicht annehmeu. And als säße hier neben ihm ein Klavierstimmer und schlüge immer den gleichen Ton au, hörte er unablässig die Worte:
„Es werden Orden verliehen nur für ein Bahnhofabholen. Warum soll denn nicht der Staat Verdienste belohnen, die der Allgemeinheit zugute kommen? Wenn je- mand unseren Museen für Millionen Arbeiter das Material schenkt, nach dem Zeichnungen gemacht werden können, Former« und Gewebe, so muß der Staat sich dankbar erweisen!"
Und in diesem Augenblick der Stille, in dem von drüben die Musik seines Festes klang und das Gewirr der Stimmen all seiner Gäste, schwebte vor seiner Phantasie ein Bändchen, ein Kreuz, eines jener Dinger an der Mannesbrust, die auch dem blöden Auge zeigen sollten: der hat etwas geleistet.
Er sah an seinem glatten, schwarzen Frack herab, auf das Heine Schneeglöckchen mit seinem zarten grünen Stiel, an hem die niedlichen, weißen Blüten herabhingen, ganz wie die Orden an einem Kettchen. Da kam ihm ein brennendes Bedürfnis, es Agathe zu sagen, beinahe, als teile er ihr schon die Verleihung mit. Das brachte ihn zur Wirklichkeit zurück.
Er rih sich aus seiner Erstarrung. In dem Augenblick ferschien der Chef der Konzert-Agentur, dem er die Zusammenstellung des Programms übertragen. Mit ihm trat Ludwig in die drei nebeneinanderliegendeu Zimmer, die den Künstlern zur Verfügung gestellt worden, und machte seinen künstlerischen Gästen eine lächelnde Verbeugung.
— Das Konzert beginnt! — hieß es. Man fragte, wohin les ginge? Ein paar der Liebstätter Ulanen sagten:
— Nach hinten.
Exzellenz von Herrnwerth meinte:
Nein, es geht zum großen Saal.
Da gab Grab Rögnier den Ausschlag; er erklärte genau Heu Weg, von seinem Sohn und dem Prinzen unterstützt. Bi« alle wußten ja, wo der Saal lag.
Aber der Strom der jungen Leute eilte schon in falscher Richtung davon. Die jungen Herren sagten zu ihren Damen:
— Wir müssen schnell machen, daß wir wenigstens noch feinen guten Stehplatz erwischen, denn die großen Kanonen sitzen vorne.
Damit drängten sie nach hinten und achteten auch nicht aus Mister Whites verzweifelte Versuche, sie auf den richtigen Weg zu bringen. So Famen sie an den Gartensaal. Schon von weitem tönte ihnen Musik entgegen. Die gewaltige Zigeuner-Kapelle, die Ludwig nicht aus Ungarn, sondern mit Hilfe des Fürsten Valeseu aus Rumänien hatte kommen hissen, stimmte die Instrumente, und die drei Cimbal-Spieler rasten über ihre Saiten.
Die Tür tat sich auf, man stand vor dem leeren Saal. Dio ersten wollten zurück, hier schien es doch nicht richtig zu fein, aber schon hatten welche ihren Damen den Arm um die Taille gelegt, und die Zigeuner begannen zu spielen in der Befürchtung, sie hätten den richtigen Augenblick verpaßt.
Eenen Augenblick darauf flammten unter allgemeinem „Ah!" die elektrischen Birnen auf, die statt eines Kronleuchters an Rosenretten von der Decke hingen. Die ganze Lauzfläche hatte sich belebt. Es schien nur Jugend da zu fein. Um so besser.
Sie erkannten den Irrtum, aber die meisten blieben. Rur ein paar junge Mädchen, die sich auf die Schauspielerinnen und Sängerinnen gefreut, wurden nervös; sie tvvllten
zum Konzert. Wo hatten ihre Herren sie denn hingeschleppt? Doch da kam die Nachricht: im Saal drüben ist kein Platz mehr zu haben, und so blieben sie denn beim Tanz.
Im Rubenssaale brannten die großen Lüster, die von der alten, herrlichen, vlämifchen Decke niederschwebten, und in ihrem Licht leuchteten der Pfau der Juno, der Panzer des Mars, die blühenden Fleischtöne des großen Meisters, die sich unten fortzufetzen schienen auf den bloßen Schultern der Damen, den blitzenden Uniformen, den Orden der Herren.
Etwas seitwärts, nicht ganz vorn, faß Agathe. Der Minister hatte sie zur Dame. Ludwig aber Fürstin Hohen- gart.
Es schien ein Glück, daß die Jugend drüben tanzte. Wb hätte sie bleiben sollen: der Rubenssaal war voll. „ Das Gerücht davon, daß die Leutnants und die jungen Mädchen sich -auf andere Weise unterhielten, drang zu den älteren Herrschaften, und mein sagte Ludwig, dem Mister White das Unglück zugeflüstfert, Artigkeiten, wie geschickt er es eingerichtet hätte, die Gäste zu teilen, so daß jeder nach Alter! und Neigung einen Genuß haben konnte.
Es wurden keine Programms ausgegeben, gleichsam eine Schmeichelei für die Eingeladenen, denen man Unkenntnis dieser Namen von europäischem Klang nicht zumutete.
Um eine Steigerung zu erzielen, kam zuerst das gesprochene Wort.
Eine Dame in scheinbar ganz moderner und doch zeitloser Robe erschien. Graf Regnier, der längst seinen Platz verlassen und im Künstlerzimmer sich vorgestellt, führte sie herein. Alles neigte sich vor, bewegte sich zur ©eite, um' zu sehen. Dann klang ein Rauschen, und man flüsterte einander zu:
— Sarah Bernhardt!
Während die große Tragödin ein Gedicht von Viktor Hugo begann, zeigten sich plöplich hier und da Operngläser, und die Damen legten Lorgnetten an die Augen.
Die Stimme klang zuerst' verhalten, aber sie ward runder, schwoll zu Jubel, immer höher, durch Kunst gebändigter Leidenschast und endigte mit einem brünstigen Schrei. Einzelne dachten, es sei zu Ende, doch die Künst-- lerin blieb stehen. Sie sagte noch ein paar Verse mit dem süßesten Ton ihrer Stimme, mit der wunderbaren Sprechgewalt ihres Französisch.
Schweigen. Sie verbeugte sich leicht. Man begann zu klatschen. Erst ein wenig zag, dann immer stärker, bis es zu einem Sturm wuchs. Doch trotz des nicht enden wollenden Beifalls, der eine Zugabe heischte, blieb! es bei dem einen Gedicht.
Dann kant eine Frau in einfachem, langfließendem Gewände, das Haupt etwas nach hinten geneigt, die Augen ein wenig müde, ein schmales Gesicht, in dem alles Leid der Erde, gleichsam wie der schwere Ernst des Daseins, zu liegen schien. , z m „
Nun wo einmal geklatscht worden, durch langen Beifall empfangen, verneigte sie sich.
Dann klang eine Ode von Card u ec i. nichts Gewaltsames, nichts Feuriges, ettvas wie der klassischreine Marmor seines Landes. Mau senkte die Köpfe. Rur hier und da blieb jemand mit den Blicken an diesem Dulderhaupt hängen, das, als es geendet und der warme Beifall der Ergriffenheit tönte, sich nur leise verneigte.
Die Düse schritt langsam zu den Seitenreihen. Wo Gäste Und Künstler in eines überzugehen schienen, erhob sich eine Marchesa und machte ihrer großen Landsmännin neben sich Platz. . t
Coguelin sagte nur ein paar Proverbes. Er ging dazu mitten in das Publikum hinein, von dem Teppich in beit Saal niedersteigend. Dann setzte er sich in höchster Einfachheit, als wolle er den Beifall selbst auslöschen, an einen Tisch. ,
Während man noch lachte, war leise der Fliigel geöffnet worden. Mit großen Feuerougen unter dem schwarzen Haar sang Gemma Bellincioni eine Szene aus der neuen Oper von Puccini, in scheinbaren Dissonanzen, aber voll Stürmen der Leidenschaft. Man vergaß die Operngläser, man sah nur diese, ihren Gesang durchlebende Frau. Mu einem plötzlichen Steigen der Stimme, in Stakkato-Terzen, tote ein letzter Schrei der Leidenschaft, war es jäh zu Ende.
Auch das Klavier hatte kein Nachspiel. Die Zuhörer, zur höchsten Leidenschaft mitgerisfen, bedurften einiger Augenblicke, bis ihr« Hände sich zum jubelnden Beifall regten.


