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Sitten nnd Gebräuche bei Hochzeiten.
Von Lehrer W. Lehr in Rebgeshain Bei Ulrichstein.
(Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.)
Jung gefreit hat noch niemand gereut.
Trara! Trarira! Trara! klingt's langgezogen durchs enge Tal, an den nahen Bergwänden lebhaftes Echo erweckend. Die Post kommt, das einzige Verkehrsmittel zwischen Bahnstation und dem Bergstädtchen int Vogelsberg. Langsam, langsam geht's bergan, der Postwagen hat Gewicht, bald gilt's den Pferden muntren Zuruf, bald einen Peitschenhieb. Dazwischen aber bläst der junge Postillon ein lustig Stücklein. Im Wagen sitzen nur zwei junge Bursche; denen sieht mau's auf den ersten Blick an, was sie sind und woher sie kommen. Der eine streckt den Kopf M engen Fenster heraus, mit kräftiger Stimme ertönt das alte Lied: Wer treu gedient hat seine Zeit, dem sei ein volles Glas geweiht. Sein Kamerad aber sitzt stillvergnügt in der Ecke. Beide sind vor zwei Jahren mid- einander in die oberhessische Garnison eingerückt. Heute kehren sie heim. Der Sanger ist ein fideler, ausgelassener Bruder, der, geringer Leute Kind, fein Leben als Weidhirt Und Knecht bei den Bauern im Vogelsberg fristete und jetzt wieder dahin zu rückkehren will. Der andre aber stammt aus dem nahen Junkerland, wo ein großer Hof ihn als einzigen Erben erwartet. Bergschusters Hannes ist es, ein stämmiger Kerl mit blondem Haar und blauen Augen, uns erinnernd an die alten Vorfahren.
Endlich hat indes die Post den steilen Berg glücklich erklommen. Trab, trab, geht's durchs Städtchen „auf rauher Höhe vor dem Oberwald". Mit einem Trara, Trarira fährt fi'e rasselnd übers holprige Pflaster des Posthoss. Dort steht schon geraume Zeit ein ältrer Mann von biedrem, etwas kränklichem Aussehen. Mit einem „guten Dach, Vatter," liegt ihm sein Junge im Arm. S'ist dem Hannes feilt Vater, der seinen Reservisten hier abholen will. „Es gout, uoH De do Beftj," sagte der Alte. Im (Gasthaus „Atm Vogelsberg", wo ckusgespannt ist, wird sich etwas gestärkt. Von der langen Postfahrt ljat's Hunger und Durst gegeben. — Dann geht's der Heimat zu — ins Junkeklarrd. Die beiden Braunen sind noch gut im Geschirr. Hannes ährt. „Hu sech. gout gehaale," sagt er zum Vater, der sich reut, daß er seinen Einzigen wieder bei sich hat. Er und eine Lisbeth werden älter, die Arbeit will nicht mehr so von der Schippe gehn. Da haben sie die Tage gezählt, bis ihr Soldat heimrommt, sie und noch jemand — Han- kourts Marsch, dem Hannes sein Schatz. Auch deren Eltern haben ein großes Gut am Ende des Dorfes. Sie weiß, wann ihr Hannes kommt, eine gute Freundin hat's ihr verraten. Heute läuft sie mit geröteten Backen umher, leise singend tut sie ihre Arbeit. Dann setzt sie sich ans Fenster und strickt. Auf dem Feld ist für die Weibsleut' nichts mehr zu tun. Immer und immer sieht sie die Straße hinauf, bis auf einmal, da faust ein Wagen vorbei. — Einer nickt und schwenkt die Peitsche und vorbei ist er — der Hannes, ihr Bursch. Ueber und über errötend senkt sie 's Köpfchen. Ms die Mutter nach dem Fuhrwerk fragt, was vorüber, antwortet sie: „Eich huu's net gekaut."
Die Eltern wollen's nämlich noch nicht haben, daß sie sich veraanert. „Roch lang Zeit," hat der etwas barsche Water, Hankrouts Konrad, ein echter Junkerländer Bauer,' gesagt — und damit basta.
Aber sie hatten sich doch gern, wenn sie auch noch jung waren. Und Hannes sollte baldigst heiraten, weil seine Eltern nicht mehr so aus dem Damm waren. Schon, wie sie noch zur Schule gingen, »raren sie einander Zugetan. Jetzt waren sie Liebesteut. Die Leute im Ort sagten: „Se gih zou enau." Nnd heute, wo Hannes heimkam, gingen sie auch zueinander. Kaum war die Arbeit getan und die Nachtsuppe verzehrt, da waren sie auch schon zusammen. An Hanrourts Gartenzaun hinterm Haus trafen sie sich. Ein Türchen führte Marich hinaus und bald lagen sie sich in den Armen. Ein paar Schritte führte sie zum alten Lindenbaum, wo sie schon so "manchmal, als Kinder und auch später, gesessen. Dort ließen sie sich nieder. Still saßen sie anfangs nebeneinander, innig umschlungen, froh, daß sie sich wieder hatten. „Woas werrn sich Dei Aale freue, daß De wedder do Best," meinte Marich. „Ach jo, ntei Matter Besonnersch: Hannes," sad se, „was sein eich se frouh, daß De wroder Bei es Best. Un Deim Vatter fällt
die Erwet nach gor se schwer. Mach, daß e jung Fraa ins Haus kimmt, Best jo arscht 24 Jahr aalt, aBer so gahts Bei is net lang meh weirer. Du kennst jo nach, des aalt Wort: Jung gefreit hat noch niemand gereut." „Host De schon mal 'aut von Dein Aale gehört?" fragte Hannes seine Liebste. „Ach, ach" sagte Marich, „de Vatter maant, mer feile noch e poor Johr warte, eich wer noch veil fe jung un he kennt weich noch net enbehre. Etz Hot er wedder Bar- warsch geschennt. So junge Denger, kommt mehr vor net niet Heiraterei." „No," meinte Hannes, „so schlemm es Bei Auch doch net, host doch noch Dein Brourer un Dei Schwäster, die die Erwet duu kenn. Guck emo! Bei is, kaa Mensch außer mir un idem Knäächt." — Ja, ja, Wenns auf Marich ankäm, läiwer haut wäi morn, wär se mit ihrm Hannes zum Altar. „S'werd sich scho mache," meinte Hannes Beim Abschied und froh in die Zukunft blickend schieden sie.
Am andren Tag spracht Hannes mit seiner Mutter davon. Als die's dem Vater am Wend im Bett erzählte, sagte dieser: „No, do muß Eich emol zou dem Aale recke, mer fein doch aale Kollege!" Und den nächsten Sonntag Unnern finden wir ihn auch richtig Bei Marichs Vater.
Zuerst schimpfte der Alte, als Bergschusters Friedrich, Häunesens Vater, vom Heiraten anfing, was das Zeug hielt. Mer endlich 'als er sich ausgetobt hatte, meinte er: „No, wanNs net annersch es, maantweje meje se mache, wos se wonn." „Doas hot aiver emol hart gehaale," denkt Bergschusters Friedrich. Aber er ist froh, daß er den Mten soweit gepackt. Nu'ns soweit war, gings auch weiter.
Den Sonntag draus machte sich Hannes zurecht und langte sich bei feinem zukünftigen Schwiegervater den Ja; auch über fein Haupt ergoß sich wohl noch ein Knurren, wie der Donrrer eines Gewitters, aber schon mehr wie eines, das aus dem Abzug begriffen. So schlimm war's auch gar nicht. Hannes war doch eine vorteilhafte Partie und brauchte sich nicht wegzuwerfen. „No," sagte der Mte endlich zum Schwiegersohn, „wann wonn mer do is Werk emol mache?" „Ei, wie 'd Ehr maant," erwidert der Angeredete. Und so wurde denn ein Tag bestimmt, an dem der Verspruch oder die erscht' Bräut' oder, wie der Städter sagt, die Verlobung fein sollte. Der Bürgermeister wurde bestellt. Hannes kam mit feinen Eltern in Marichs Elternhaus. Die erscht Bräut war sehr nüchtern. „No wäi solls gih," begann Hankourts Konrad. Das war die Einleitung. Der alte Bergschusters erwiderte: „Woas mei Sach wert is, weht Ehr jo, ntei Hannes kräit de gauf Kitt. Wos kräit die Moarich?" Nun war wieder die Reihe an Konrad. „No, Eich Wells Auch' grod eraus saan, mei Gout soll gaus bleiwe fer mein Fritz, die Marecher toerrn ausbezohlt. Eich gew'r ihr Ausstaffie- ring un acht häufig gleich met, speerer kräit fe velleicht noch entöl fe väil." „Sei's zesriere," erwiderte Bergschusters Friedrich. „Do mogs de Borgemeester so notieren, doß's speerer kaan Krönt get." Und so geschah's. Die Alten unter- schriebeii. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben. — Nun ließ Konrad auffahren, was die Wurstkämmer noch lieferte, selbstgemachte Käse kamen herbei. Und Marich, die während der Anfertigung des Ehevertrags mit ihrem Hannes auf der Ofenbank gesessen, mußte einen Krug voll Schnaps holen. Dann wurde gegessen, dazu kreiste ein Kännchesglas mit Branntwein. So wurde erscht Bräut gefeiert
Als der Nachtwächter 12 Uhr hörnte, war schon alles vorüber.
Den zweiten Osterfeiertag des nächsten Jahres sollte die Hochzeit oder zweite Bräut fein, damit Zeit war, alles herzurichten. Und die war ja jetzt da. In voller Arbeit ging der Winter hin. Marich schneiderte mit ihrer Mutter Wäsche und Kleider, ihr Vater ließ Möbel unfertigen, damit fei Maadche auch einen schönen Rumpelwagen bekam. Aehu- lich gings bei Bergschusters. Oft, wie es im Vogelsberg Mode, >var Marich bei ihren Schwiegersleuten, so z. B. Beim Schlachten, ebenso Hannes bei den Eltern seiner Zukünftigen. So ging die Zeit wie im Flug hin und bald wars Ostern.
Alles war in der Reihe. Die Hochzeit sollte bei Hannesens Eltern sein, da Marich dorthin kam und Bergschusters Haus auch geräumiger war. Die Gäste waren geladen, eine stattliche Zahl. Zwei Schweine und ein Rind waren geschlachtet, ein größeres Faß Wein, ein ebensolches mit Branntwein lagen im Keller, mehrere Fäßchen Bier waren bestellt. Die beiderseitigen Eltern, von denen jedes die .Hälfte der Kosten zu tragen hatte, ließen's an nichts fehlen. „Soll aach orndtlich fei," konnte Konrad meinen


