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Sortn, ei" würde sich einfinden, freute sie sich wie auf n Geschenk.
Am Weihnachtsmortzen blickte sie aus den beschneiten Dark hinaus, dessen Einfahrt sie jetzt durch die kahlen Bäume sehen tonnte. Da klang in der frostklaren Luft das Klingeln des Schlittens, und sie sah rechts von Ludwig ein Bären- Ungetüm sitzen, von dem man nichts gewahrte als den Wesenpelz. ° Langsam ging sie die Treppe hinab — sie dachte an Ludwig, der ihr ost eingeschärft, sie dürfe nicht fallen — im Saal ihren Schwiegervater zu erwarten. Da tat sich die Tür auf, und der Wr stjand da, bestäubt mit Schneeflocken, herumtvirbelnd, als er den Kragen zurückschlug. Der Haushofmeister White runzelte die Stirn, als wollte er sagen: „Wer ist denn dieses Rauhbein?" Doch der alte Droesigl blickte den seinen Manu nicht an, sondern gab seiner Schwiegertochter einen herzhaften Kuß und rief mit seiner dröhnenden Stimme, die immer klang, als sei er böse:
-T- Das war ne gute Idee! Freut mich, dich wieder- zu seh en, freut mich sehr.
Sie stiegen die Treppe hinauf, Agathe auf der einen, Ludlvig mit einer gewissen artigen Zurückhaltung auf der änderen Seite.
Der Geheimrat sah die großen Bilder:
i— Was ist denn das für eine Gesellschaft?
Ludwig antwortete:
y— Grafen und Gräfinnen Kölln.
Der alte Herr zog die Luft pfeifend ein:
— Aha, die Ahnen!
Agathe antwortete sofort:
— Gelviß, Papa, tote sie jeder Mensch hat. Du auch.
Der Alte musterte sie mit einem seiner fürchterlichen aber er begann zu lachen:
- Famoses MSH Lch w, Frau! Wir sind ja dicke Freunde.
Dann geschah ein Wunder. Mit einem Blick auf ihre Gestalt sagte er:
— Dir werden wohl die Stufen schwer? Komm! — und er bot ihr ritterlich den Arm. Freilich ward sie dabei Über und über naß. Sie führte ihn in sein Zimmer, wo im Kamin hell das Feuer lodertet
— Habt ihr keine Zentralheizung? — fragte der alte Herr, indem er den Pelz auf das Bett schlenderte.
Ludlvig sagte:
i— Das kommt vielleicht später einmal.
Der Geheimrat, der für alle technischen Neuerungen war, brummte:
— Großer Fehler! — dann sah er seine Schwieger- Ster an, machte ein Auge zu, blinzelte, griff nach ihren
en Händen, so daß sie im ersten Augenblick nicht wußte, was geschehen sollte, und rief:
— Schenk ich dir zu Weihnachten, liebe Tochter! Ich hatte keine Zeit, dir was mitzubringen. Willst du's haben?
Agathe, mit Geldsachen immer noch in ihrem kleinen Gedankenkreise befangen, begriff nicht sofort den Wert des Geschenkes, und der alte Herr fragte dröhnend:
,— Na, du willsts wohl nicht haben? So'n Kamin ist Blech! Die Hitze hält nicht vor. Unrationell! Kostet viel zu viel.
Ludwig warf ein:
Ja, in so alten Gebäuden . . .
— .Ach was, historischer Blödsinn, romantische Dummheit!
Er sah sich in dem Zinrmer um, schimpfte über das Sofa: nie in seinem Leben habe er sich niedergelegt, riß dis Bettdecke ab, warf ein Federkissen fort und rief:
— Kriegt man ja Kopfschmerzen!
Als er Mgathens ein wenig betroffenen Ausdruck bemerkte, nahm er sie beim Arm:
— Meine liebe Tochter, du kennst den Alten, wir sind ja dicke Freunde, korrespondieren wie so'n Liebespaar! Du hast mir das Zimmer nett gemacht. Werde sehr zufrieden sein und mich gut ausrnheu.
Bei dem Wort ausruhen lief er noch einmal zum Pelz, Heu Ludwig sorgfältig hingehängt hatte, und zog aus der Brustlasche einen Stoß Geschäftsbriefe. Er warf sie auf den Schreibtisch.
Ludwig sagte lachend zu Agathe:
— Das nennt Papa ausruhen.,
Aber der Alte hatte nur Mrgen für seine Schwiegertochter. Er reichte ihr wieder den Arm und führte sie sorgsam den Gang hinunter. Er wollte sehen, wie sie wohnten. Doch er achtete nicht auf die Einrichtung. Kultur
und Schönheit wären diesem Lirck fern geblieben, das allein Pläne brütete, um unter und über der Erde Geld zu er- scharren. Als Agathe ihm etwas zeigen wollte, hatte er nur ein freundlich sein sollendes „sehr schön", blickte aber gar nicht hin. Dann sagte er mit unruhiger Miene:
— Na, Kinder, gibt's denn bei euch nichts zu essen?
Sie gingen ins Speisezimmer. Er aß ohne ein Wort zu sprechen, dann setzten sie sich in Ludwigs Zimmer an den Kamin, und da es Bei leichtem Schneetreiben schon anfing, dunkel zu werden, wurden die Vorhänge zugezogen, Lampen und Lichter angesteckt.
Der Geheimrat erwähnte sofort tadelnd den Mangel an elektrischem Licht. Aber das schenkte er nicht. Vielleicht wollte er es für ein anderes Mal aufheben.
Agathens Herz hatte trotz aller Bewunderung ein wenig unruhig geklopft. Aber der alte Herr zeigte an diesem Wend, von den Sorgen des Geschäftes losgelöst, einen feinen, beweglichen Geist. Er redete von Menschen, die er in feinem langen Leben kennen gelernt, gab kornische Geschichten zum besten aus seinem Parlaments- und Judu- strieleben, endlich kam Ernstes aus seinen schweren Anfängen:
— Ich habe gehungert, mein Töchterchen! Ludwig ist vorsichtiger in der Wahl seines Vaters gewesen. Uebrigens war mein Vater ein Ehrenmann, wenn auch ein dunkler, wie's int Faust heißt; den habe ich gelesen! Das war meine Erholung als Arbeiter. Sonntags. Den und die Bibel. Denn ich bin nicht einer von denen gewesen, die in die Wirtshäuser laufen und nicht in die Kirche. ZumI Wirtshaus hatte ich kein Geld, und von unserem Pastor habe ich anständig Lesen und Schreiben gelernt und mancherlei dazu. Denn Wissen ist Geld und damit Macht. Manieren hab ich ja auch jetzt noch nicht, nicht wahr, mein
Mey wenn man hunderlmidsünfzig Menschen an einem Tag empfangen uüv ch-hu Sitzungen präsidieren soll, kann man nicht Süßholz raspeln. Das !)u: nackte Mutter nicht einsehen wollen, Louis. Du weißt es! Darüber sind wir auseinander gekommen. Sie hat mir das Leben zur Hölle gemacht, pfui, ich rede nicht über das! Sei immer gut gegen Louis, und du, hörst du, Louis, gegen sie. Wenn du's nicht bist, so hol dich der Teufel. Damit hab ich's ausgesprochen. — Bier her, Bier her oder ich fall um!
Ludwig klingelte. Agathe betrachtete ihren Schwiegervater, der mächtig qualmend gemütlich in feinem Stuhl lehnte. Und, seltsamer Zusammenhang, ihr kam der Gedanke an ihren Vater, der genau so von seinem Leben und seiner Welt des Genusses erzählt, wie dieser hier von Arbeit und Arbeit allerwege. Allmählich, nachdem des Geheimrats Rcdeschleusen lauge genug geöffnet gewesen, zeigte sich, daß er auch Interesse für anderes besaß. Er fragte Agathe nach ihren Verwandten, nicht nach ihren Schwestern, die ihm nicht gefallen zu haben schienen, aber nach der alten Gräfin und dem Fürsten Fohengart. Er erinnerte sich mit Vergnügen des Grafen Lindenbach, und mit einem Lächeln des Keinen Prinzen. In all dem war kein Versuch, Blut und Stamm seiner Schwiegertochter nicht zu achten, sondern das Bestreben, sich hineinzudenken in dieser anders gearteten Leute Wesen und Dasein.
Es gelang ihm freilich nicht. Er blieb immer der« der er war, sagte sogar mancherlei, das die junge Frack gekränkt haben würde, hätte sie seine Art nicht gekannt^ Aber so wußte sie: das alles kam aus einem ungeschliffenen, doch treuen Herzen. Als an diesem Abend die drei sich trennten, meinte Agathe Beim Gutenacht-Küß an ihres Mannes Hals:
— Ich habe nicht einmal gewußt, daß er so ist, und hatte ihn doch schon lieb.
Ludwig, der in Gegenwart seines Vaters immer etwas wie in die'zweite Reihe Gestelltes hatte, sagte schmunzelnd zu seiner Frau:
— Du machst mich ja ganz eifersüchtig,
<— Kannst du das fein?
i— Bei dir nicht.
— Warum nicht?
Er suchte einen Augenblick, bis es nicht ganz natürlich heraus kam:
r— Weil du, weil du viel zu gut bist.
Dann gab er der soviel kleineren Frau einen Küß auf die Stirn, und in dem Kuß lag Dank, Genugtuung und Freude. (Fortsetzung folgt.)


