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Ich öffnete leise Vas Fensttt meines kleinert Schlafzimmers Md schaute über den Pfarrgarten noch dem Friedhof und den Kirche. Eine Thuja, deren Aeste mit Schnee bestreut, stand etwa zwanzig Schritte von mir entfernt; sie sah wie verzuckert aus: ein echtes Weihnachtsbild. Grab kreuze und Denkmäler verschiedener Art schauten über die Friedhofsmauer. Deutlich vernahm ich das Ticken und Rasseln der Turmuhr. Die Mondsichel war am Untergeben. Ein einfaches Bild aus der Jugendzeit ist es, aber niemals wird es vergessen.
Ich schloß das Fenster und suchte das Lager. Welch wonntgeS Gefühl, alle Examina hinter mir zu haben, sagte ich und dachte an Manna.
Mitten im Vaterunser fielen mir die Auge» M
II.
„Hast du gehört, daß dein Schulfreund und Schützling Justus, genannt Jost Grimminger, im Sommer hierher kam, daß er heiraten und sich hier niederlassen will?" fragte der Vater am folgenden Morgen beim Frühstück.
„Nein Vater, wie geht es ihm? :Der klein« Mmm ließ seit Jahren nichts mehr hören."
„Jost soll ein braucksbarer Maler geworden sein," fiel di« Mutter ein; „er ist kränklich. Auf der Wanderschaft hat seine Brust gelitten."
„Meine Besuche hier sind schnell gemacht, damr werbe ich Jost aufsuchen. Zum Mittagessen erscheine ich pünktlich, Mütterchen", antwortete ich und ging aus.
Eine Stunde später trat ich bei Grimminger ein: er malte NN einer Turnvereinsfahne.
Mit einem Jauchzer, den er in Steiermark gelernt, warf « deir Pinsel weg und sprang mir an den Hals. Ich hob ihn auf den Arm, wobei er lachte und weinte wie ein Kind.
„Erzähle, wie es dir in den letzten Jahren erging, Jost!" bat ich.
„Darf ich noch ,,dü" Al dem Herrn Assessor sagen?" „Mach keine Umstände Kleiner, teile mit, was du erlebt hast." „Für solch ein Freundeswort dank ich dir, also höre! 'Du weißt, daß ich nach meiner Konfirmation das Kommando über das Neuenheimer Gänsebataillon niederlegte und bei Tüncher- und Malermeister Kalthof in die Lehre trat. Das Pfeifenschneidew Md Verfemachen hatte ein Ende."
„tööre Jost! unter Umständen wärest du ein Dichter geworden. Ich erinnere mich, daß sich der Schulinspektor stark verwunderte, als du bei einer Schulprüfung den Lebenslauf des hebräischen Herkules Simson in eigenen Versen vortrugsst."
1 „Dichter, geworden? Ich? Schwerlich Hans! Schwerlich scheint die Sonn vor Tag! Zeichnen, die Wände beklexen, paßte Mir besser. Dein Vater gab mir die erste Anweisung im Zeichnen, jetzt beklexe ich Hefte mid Bücher. 'Deine Mutter — Gott segn« deine Eltern, Hans! — stillte den Hunger und sorgte für Kleider, sonst wäre es dem Findling oft bitter schlecht gegangen. Wer «reine Eltern sind, weiß ich nicht."
„Laß die alten Geschichten, Jost; deine Mutter soll ein« sehr schöne Person gewesen sein. Erzähle, wie es dir ber Meister Kalthof ging."
„Wie es dem Leporello bei Don Juan, den ich in Mümhen oft hörte, ergangen ist: Keine Ruh bei Tag und Nacht, schrumm! Schmale Kost und gar kein Geld, schramm! Ohne deine Eltern Gott segne sie! — wäre ich aus Hunger in die Binsen gegangen. Ohne dich hätten die Neuenheimer Bauernjungen den Jost täglich vertrommelt--"
„Weil er sich auf allerlei Schabernack und dergleichen Verstand, Jost!"
„Hm! Dummköpfe muß man häufeln. Ohne dich märe ich stn Moosteich vers —"
„Still Jost, nichts davon! Ich kam aufs Gymnasium, du gingst in hie Fremde, davon erzähle mir."
„Nach überstandener Lehrzeit verschaffte mir dein Baier eine Stelle in Frankfurt, wo ich Sonntags die Handwerker- und Fortbildungsschule besuchen durfte. Dort ging mir manches Südjt auf: rch machte im Zeichnen, Malen rmd Modellieren Fortschritte. Deine Eltern — Gott segne sie —"
„Auf die drei letzten Jahre kommt es mir besonders an, Jost!" „O, mein Freund! Die Knabenzeit war auch schön! Wir streiften durch die Wälder, suchten Beeren, Raupen, Schmetterlinge, prügelten freche Bauernjungen — das heißt: du — ich bekam mehr Schmisse, als ich austeilte. Trotzdem war es schön!"
„Du warst immer ein lustiger Fant!"
„Bins noch heute. Bei der Musterung richtete der Major eine väterliche Mahnung an mich: Geh heim, mein Sohn; heirate, ziehe Kinder, du bist militärfrei, schon wegen deiner Größe," sprach her Spottvogel.
„Ich finde, daß dir noch gewachsen bist, Jost!"
„Ich auch, Hans, ich besitze eine Größe, tote eine Überzwerge Bohne Geheiratet wird aber doch. Draußen wollte mich keine. Hier fand uitd „krog" ich einen liebevollen Schatz. Du weist: Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen, pflegte der alte Gänsemichel, mein ehemaliger Lehrmeister, zu sagen und — „krog" ist ein Kernwort."
-„Sehr schön, Jost, wir Wetter." _
„Von Frankfurt fuhr ich stracks «ach München, Nächdetst ich die Groschen erspart und ordentlich gelernt hatte. In München! fand ich einen gemütlichen Meister, der sich und seinen Neben- men'schen etwas gönnte. Ich lernte dort auch Karikaturen imh witzige Dinge zeichnen, wodurch Geld zu verdienen ist. An Sonn? und Feiertagen — meiner Treu, die Feiertage sind eine lobenswerte Einrichtung — rutschten wir ins Gebtrg und an di« Seen. Ich lernte etwas in der Oelrnalerei. Meister Finkel- huber behauptete: ich verstünde die Gesichtszüge der Menschen auch in den Karikaturen gut zu treffen."
„Zeige mir einige Proben, Jost! Wemt du Zeil hast, mußt
diu Hanna mein Bräutchen malen!"
„Hurra!" schrie der Künstler und schlug ein Rad im Zimmech
„Hast du auch Gauklerkünste auf deinen Kunst- und Studienreisen gelernt?"
„Alles wurde getrieben, ich bin sogar ein Viertelsmeister auf der Maultrommel, weuns meine Leibspeise: Leberknödel und Sauerkohl gibt."
„Soll probiert werden, bitte toeiter."
„Also, es wurde Geld verdient, ich kann aber mit diesem unentbehrlichen Zeug nicht umgehen, es rutscht mir durch bi« Finger tote Quecksilber: wie gewonnen, so zeronnen!"
Das steckt im Künstlerblut, Jost. Es mich eine Frau tns Haus, die mit den Groschen umgehen kann. Mer ist sie, Jost?" „Trinchen Kapesser, die fleißige Näherin." „Gut, recht gut! Ihr gebt ein passendes Pärchen." „Solch ein Wort tut wohl, Hans. Drum höre weiter! Vor anderthalb Jahren erhielt Meister Finkeihuber vom Freiherrns v. Fürstenstein in Steiermark den Auftrag, dessen Schloß aus- zumalen. Ich durste mit, es gab ein Herrenleben. Der Freiherr unterhielt sich sehr gerne mit mir, besonders gefielen ihM meine Anekdoten und Schnurrpfeifereien, auch wenn sie etwas
kräftig ausfielen."
„Du bist ein lieber Kerl, Jost, man kamt dir nichts übel nehmen.
„Schade, daß es nicht wahr ist, Hans! Ich zeichnete beit Freiherrn zehn- oder zwanzigmal; ich verschaffte mir eine Photographie und machte darnach eine Kreidezeichnung — hier ist fiel
(Schluß folgt.)
Büchertisch.
<s- Drowitzschs Verb ess er ter Kalender für 1911« Der Kalender, der nun schon im 211. Jahrgang erscheint, weist einen reichen Inhalt auf. Da ist der Jubiläumsartikel „Was in! zwei Jahrhunderten geschehen kann" von Oskar Klaußmann, di« Erzählung „Wie Frau Brigitte nach Augsburg reifte". Gg. Persich führt uns in „Kapitän Blinks Abenteuer" nach einer der unruhevollen Republiken Südamerikas, und Käthe van Beeker erzählt voll Humor die Geschichte von „Huberwirts Schlittengespann". Dazu! noch vieles andere: Witze, Rätsel, Gedichte, Sprüche, angenehm! unterbrochen von den zahlreich eingestreuten Illustrationen. Dey reichhaltige praktische Nachschlageteil enthält alles Wissenswert^
Weihnachts-Rösselsprung.
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Die Silben, richtig anemanbergefügt, ergeben den Ansang einet Weihnachtsgedichtes von Hoffmann von Fallersleben.
Auslösung in nächster Nummer,
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Gehorsam ist des WeibeS Pflicht aus Erden.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sleindruckereh R. Lange. Gieße»


