Ausgabe 
22.12.1910
 
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helfen, die ( mußte er eine Fahr'

kosten nichts." ,,

Und wirklich, im Sommer pflückten sre häufig welche, her Onkel Professor und die junge Frau und die Kinder. Fast jeden Sonntag fuhren sie weit hinaus in den Wald und kehrten beladen mit Grün und Blüten heim.

Ms wieder Weihnachten war, da trug Frau Doktor Witting schon seit einem Vierteljahr den Namen des Pro­fessors, und er verlebte einen noch viel, viel herrlicheren Christabend als im Jahre vorher.

)ost ©rimntlngers schönster Weihnachtsabend.

Von G. S.

I.

Zwei Tas« vor dem Heiligabend kam ich mit einem guten Zeugnis über das bestandene Assessoreneramen aus der Residenz zurück. Darüber herrschte Freude im alten P fair hause, ui dem die Eltern nahezu dreißig Jahre lebten unb wirkten.

Am folgenden Morgen traf ein Schreiben des Justizrats Deinhard ein, der des Vaters Leibbursche war

Schicke mir," schrieb der hochangesehene Rechtsanwalt, .mach Neniahr Deinen Jungen, ich werde ihn anständig besolden. Rück­tritt in den Staatsdienst soll ihm jederzeit freistehen, toenn es Deine Familie wünscht." . , m .

Es geht über Bitten und Verstehen," sprach der Vater. Die Mutter wischte an den Augen; die lungeren Geschwister! freuten sich doppelt auf den heiligen Christ, ich! nickst am innigsten.

Auf Silvester, wenn die Anstrengungen etwas überwundene sind, die die Christfesttage mit sich bringen, feiern >mr deine Verlobung. Wir wollen Hanna und ihre Eltern für einige Lage zu uns bitten," fuhr der Vater fort.

Länger als sonst saßen wir an jenem1 Abend -usEmen. Kurz nach zehn Uhr pflegte., wir das Lager »u suchen. Diesmal war «s säst Mitternacht, als wir uns trennten,

brennenden Baum, und zum erstenmal im Leben hörte er jubelnde Kinderstimmen bei einer Weihnachtsbescherunst- Er und Kathrine hatten um die Wette eingekauft, was ihnen passend erschienen war. Unb immer sah er das feine Ge­sicht der jungen Frau vor sich, und eine tiefe Befriedigung gewährte ihm die Erinnerung an das glückliche Lächeln, mit dem sie Abschied von ihm genommen hatte.

Was der Professor heute alles lernte, ist nicht zu sagen! Er schob den Puppenwagen und band die Schleifen am Steckkissen der Wickelpuppe fest, die das Christkindchen seiner kleinen Namensschwester gebracht hatte. Er mußte ihr die Milchflasche an das Celluloidmäulchen halten unb sogar nachsehen, ob das Bettcheu auch noch trocken war, ehe Puppenmutter Christa Baby zur Ruhe brachte! Und mit Bernd mußte er ein großes stolzes Schloß bauen und ihm '" ' Eisenbahnwagen aneinanderkoppeln, und dann

.. ne Fahrkarte verlangen, bisbeinah nach Rnß--

land zu Großvater und Großmutter". Unb aus dem großen Kausladen, der noch aus seiner Kinderzeit stammte, und den die Kathrine aus der Mansarde geholt, gereinigt und mit Süßigkeiten gefüllt hatte, mußte er Rosinen und Mandeln kaufen für wirkliches Geld.

Als die Lichter niedergebrannt waren, als die leuchten­den Augen der Kinder kleiner wurden, überkam ihn förm­liche Wehmut. Solch ein Weihnachtsabend würde ihm wohl nie wieder zuteil werden, ihm, dem Einsamen.

Das Besinden der jungen Frau hob sich von Tag zu Tag. Der Professor durfte täglich ein paar Minuten 6ei ihr sein und ihr Bericht erstatten. Am vorletzten Dezember durfte er zum erstenmal die Kinder mitnehmen, die ver­sprochen hatten,ganz, ganz artig" zu sein. Das war ein herrliches Kiertelstündchen! Die Augen der jungen Fran strahlten, als die Kinder erzählten, daß der Onkel Professor schon zweimal mit ihnen spazierengesahren sei, und daß er gestern morgen im Hof einen großen Schneemann gebaut habe.Unb jeden Abend erzählt er mir Geschichten, Mütter­chen", berichtete Christa eifrig.

Bis Mitte Januar behielt der Professor seine Pfleg­linge, bann kehrte bie Mutter in ihre Häuslichkeit zurück. Sie brauchte aber noch viel Ruhe und Schonung; und es war sehr natürlich, daß Bernd und Christa täglich mehrere Stunden oben beimOnkel Professor" verbrachten. Und ebenso natürlich war's, daß der Onkel sich jeden Mittag, wenn er aus dem Gymnasium kam, im Vorübergehen nach dem Befinden der Rekonvaleszentin erkundigte. Und daß er nie ohne ein paar frische Blumen kam, das verstand sich doch von selbst. Klein-Christa hatte ihm betraten, daß Mütterchen Blumen so gern hätte.Aber sie kosten viel Geld," hatte Bernd verständig hinzugesetzt,wir kaufen keine, und im Sommer pflücken wir selbst welche, die

Set Bände aus der Wiese im Walde und nennen sie ein Paradies auf Erden, ein Waldidyll, ein Bergmärchen. . .....

Unb die Hüblern ist wieder aufgelebt wie eine ZwanzigiahrigÄ ttnb schafft und wirtschaftet, daß es eine Freude ist. Aber auch Wre alten Kunden, die Holzknechte, sind ihr treu geblieben, und Manchmal noch muß sie wie ein Donnerwetter unter die groben Gesellen fahren. Und nach allem ist's halt wohl kein Wunder, daß die Hüblern was Rauhes und Unfreundliches an sich hat.

Aber 's ist Nur die harte Schale um einen guten Kern, s ist nur, weil das Leben mit feinem eisernen Schicksalshammer Unablässig aus ihr gehämmert hat und gesprochen: Witfrau, werde hart! werde hart! Da ist sie halt geworden tote ein harter Fels­stein und hat stillgestanden in dem brausenden Wasser der Trübsal rings um sie her und hat nicht gewankt und nicht gezittert.

Aber 's gibt auch noch einen Sonnenschein für sie, das sind die Tage, wenn Rosel die jüngere mit ihrem braunen Wachtmeister Toni und dem ganz kleinen rosigen Tondl in die Hüblerbaudo heraufkommt. Dann ist nichts mehr zu sehen von dein harten, schweigsamen Weibe, der Sonnenschein warmer Mutterliebe berttart das braune hagere Gesicht, und das kleine Tondl denkt in seiner Einfalt: Eilt besseres Großmuttel gibt's auf der weiten Welt »licht als seins.

Professor Oltens weihnachtsferien.

Erzählung von Betty Rjttweger, (Schluß.)

So, nun konnte er endlich an seine Arbeit gehen. Mer­lei Geisterchen trieben ihr Wesen in der stillen Gelehrten­stube. Erinnerungen an Kindheit unb Elternhaus weckten sie in ihrem Bewohner auf, an buftenbe Wachskerzen unb Weihttachtsb ackwerk, an milde Vater- und strahlende Mutter­augen. Dann wieder führten sie ihn an ein Krankenbett, und er sah das zarte Antlitz der jungen Witwe auf weißen Kissen vor sich. Ein wohliges Gefühl kam über ihn, wenn er daran dachte, daß sie beim Erwachen hören würde, ihre Kinder seien in guter Obhut. Und er schämte sich ein bißchen, denn ohne die Kathrine würde er ja nimmermehr daran gedacht haben, sich der verlassenen Geschöpfchen an­zunehmen.

Herr Professor," unterbrach die Stimme der Getreuen dieses Geisterspielkommen Sie man unb reichen Sie mir das Baumzeug zu."

Da war's mit dem Nachdenken vorbei, und als nach einer Stunde der Christbaum in vollem Schmuck prangte, sank der Professor todmüde auf sein Lager und schlief traum­los bis zum Morgen.

Sobald es anging, wanderte er am folgenden Tage wieder zum Krankenhaus. Der Arzt empfing chn mit der Nachricht, daß das Bewußtsein der Patientin wiedergekehrt fei; der Zustand, wenn auch nicht gerade bedenklich, er­fordere doch längere Bettruhe und sorgsame Pflege.Frau Dr. Witting möchte Sie gerne sprechen, Herr Professor. Ich wollte es ihr nicht abschlagen, um sie nicht zu erregen. Aber der .Besuch darf nur Minuten währen."

Der Professor stand dann am Krankenbett unb sah in Wirklichkeit, was am Abend vorher nur Vision gewesen: ein schmales, feines Antlitz auf weißen Kissen. Ganz nahe mußte er ans Bett treten, um die leise Stimme zu verstehen, die nun sprach:Ich möchte Ihnen danken, Herr Professor, daß Sie sich meiner Kinder angenommen haben. Sie glau­ben nicht, welche Beruhigung das für mich ist. Ich will mir auch Mühe geben, ganz schnell wieder gesund zu werden. Bitte, grüßen Sie meine Lieblinge und sagen Sie ihnen, Christkindchen käme etws später."

O, Frau Doktor, meine alte Kathrine möchte so gern den Kindern eine kleine Bescherung ich hab' schon den Christbaum und wenn Sie nicht dagegen sind"

Dagegen? Aber nein nur, es ist zu viel Güte. Eine solche Störung für Sie

Aber ich bitte Sie, Frau Doktor, es sind ja Ferien!"

Die junge Frau sah ihn unter Tränen lächelnd an: ^Tausend Dank, Herr Professor! Ich hoffe, Bernd unb Christa werden artig fein und Ihnen nicht zu viel Mühe Machen. Und nun hab' ich noch eine Bitte: Wollen Sie meinen Eltern ein paar Zeilen schreiben und schonend von meinem Unfall berichten? Und ihnen mitteilen, daß für die Kinder gesorgt ist?"

Der Professor notierte sich gleich bie Adresse. Dann Mahnte der Arzt zum Gehen. Die Kranke reichte dem Pro­fessor mit matter Bewegung die heiße Hand und schloß ermüdet die Augen. Aber um ihren Mund spielte ein glückliches Lächeln.

Zum erstenmal seit zehn Jähren, seit seiner Mutter Tod, stand Gerhard Olten am Christabend wieder unter einem