Ausgabe 
22.12.1910
 
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Donnerstag den 22. Dezember

Ur. 200

1910

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Die Hüblerbaude.

Nire Geschichte aus dem Riesengebirge von Jassy Torrund. (Schluß.) (Nachdruck verboten.)

Unten am Brunnen trog kauert die Mutter wie gelähmt ititb tote versteinert, sie will aufstehen, doch die Beine versagen ihren Dienst, sie will rufen, aber die vertrockneten Lippen bringen nur ein heiseres Stammeln und Schluchzen hervor. T>a sehen ihre Augen, die wie verzaubert in die Glut starren, auf einmah tote aus der Erde gestampft, einen Mann vor sich stehen, einen Grenzer, der sckstittelt sie bei den Armen und schreit auf sie ein, wo die Mosel sei? Sv wirr und wüst ist ihr im Kopf was toilt bet Mann? Wird nun die Strafe ihr heimgezahlt für alles, was sie Jahr um Jahr gegen die Grenzer gefrevelt hat und gegen Gottes Gebot? Sie kann nicht antworten, stumm reckt sie den Arm aus und zeigt auf das Hans. Und der Mann stürzt fort, geradeswegs auf die Haustür zu. Er muß wieder zurück; aus der Stube schlagen ihm schon die Flammen entgegen, di« Wand zwischen Scheune und Haus ist zusammengestürzt; darüber gähnt ein einziges ungeheures Flammenmeer.

Rosel!" schreit er,Rosel!" und läuft wie ein Rasender jum das Haus herum nach der Hintertür. Da sieht er die Rosel oben am Giebelfenster; sie rührt sich nicht, der- blonde Kopf lehnt gegen das Fensterkreuz, und hinter ihr in der Kammertiefe zuckt schon der rote Feuerschein.

Wart', ich komme!" schreit er hinauf in Todesangst und läuft nach der Hinterseite und reißt die lange Dachleiter herunter., Tie obersten Sprossen sind schon verkohlt von der Glut, aber Gottlob, die untern sind noch fest, und hastig schleppt er dia Leiter zum Giebelfenster und legt sie an und klettert hinauf. In ihrer Todesangst hat sich die Rosel ans Fensterkreuz ge­klammert, mch Mühe kostet's, die steifen Finger zu lösen. Haare Und Bart versengen dem Toni von der Glut in der Dachkammer, aber er achtet's nicht und holt sich die Rosel mitten aus Rauch Und Flammen heraus. Unter der Doppellast brechen ein paar Sprossen. Ter Toni hält mit einem Arm das Mädchen, mit dem Andern und den Füßen läßt er sich an den Stangen hinabgleiten.

Schwer und betäubt liegt ihm die Rosel im Arm; er kennt das liebe Gesichte! fast nicht, so entstellt ist's von Ruß und Brand, das Haar versengt, Hände und Arme blutig. Mühsam schleppt er sich bis an den Brunnentrog und läßt sie zu Füßen der Mutter ins Gras gleiten. Hinter ihnen stürzt mit donnern­dem Krachen das brennende Gebälke ein. Da fährt die Hüblern auf, reckt die Arme gen Himmel und schreit, daß es schauerlich über die Wiese gellt:Unser Herrgott hat mich verlassen!" Und auf den stummen! Jctmmer, in den sie bisher versunken war, folgt ein erschütteriü>er Verzweislungsausbruch des armen Weibes. Alles, was sie in jahrelanger, harter Fronarbeit für sich und die Kinder aufgebaut hat, verschüttet liet's unter raucheriden Trümmern; Haus und Hof zerstört, der reiche Ernte­segen vernichtet, ihr Kind jammervoll entstellt zu ihren Füßen.

Aber nur minutenlang dauert dieses furchtbare Hadern mit dem Herrgott droben, der ihr alles genommen, dann ringt sich aus der Verzweiflung, die sie umkrallen will, die starke Seele des Weibes empor, die Seele, die jahrelang so schwere Lasten, getragen, die so tapfer durch Not und Tod, durch Kummer und Glend hindurchgeschritten isih ohne zu zagen, ohne zu klagen.

Neben der besinnungslosen Tochter kniet die Mutter hin, toäscht feftg arme .entstellte, verbrannte GesiÄt io sanft, wie

Nur Mutterhände es vermögen, und' ruft sie mit all den zärtltchertz Namen, die sie in ihrer Härte nie den Kindern gegben hatten Dem Toni, der daneben stand, kamen fast die Tränen in bul Augen. War das die Hüblern, die harte Frau, die Mannes-« arbeit vollbracht und nie mit ihren Kindern schöngetan hat?

Für ihn selber hatte sie noch kein Wort gehabt; es to*at, als ob sie ganz vergessen hätte, daß er überhaupt da war. EH stand und schaute vor Ängst und heißem Erbarmen auf die Roser nieder, und endlich hielts ihn nicht mehr. Seiner eigenen Brand­munden nicht achtend, kniete er nieder und nahm ihren Kops zwischen seine großen Häiche, ganz sanft und zart.

O du arm's Dingerle," murmelte er, indes ihm die Tränen über das geschwärzte Gesicht liefen,o mei' arm's Roserle, wach' doch auf, ich bitt' dich drum! Komm doch zu dir, mei' Herzei!"

Ein paar Augenblicke lang ließ ihn die Hüblern gewähren, dann legte sie die Hand auf seinen Arm und sagte hastig:Grenzer- Toni, ich sag' dir Dank, daß du mein Maidla gerettet hast! Das vergeb ich dir nie, so lang' ich lebe. Mehr aber darf nit feint Grenzerleut' und Pascherleut', die gehör'n einmal nit zusammen. Und die Rosel da, das is dem Richter-Ignaz feine; auf Micheli is die Hochzeit, und ich leid's nimmer, daß du so zu ihr red'st! Willst mir aber um Gott's willen noch was liebes tun, so lauft zum Förster um a bissel Arnika und Ringelrosenbutter, daß ich die Rosel doch verbinden kann. Und bitt' die Nachbarsleut' zM ein Nachtquartier und Hilf' I"

Der Toni haschte nach ihrer Hand und schaute sie mit seines treuherzigen Augen an und bat, so dringend er nur konnte; Schickt mich nit so fort, Hüblermutter! Von der Rosel kann! ich nimmer lassen, jetzt schon gar nicht, wo ich sie mir aus dem! brennenden Haus geholt hab'!"

Und jetzt gerade, als ob des Toni bittende Stimme fie geweckt, rührte sich die Rosel und griff wimmernd mit beiden Händen ans Gesicht. ,

,jGeh jetzt!" drängte die Mutter ungeduldig,ich leid' nicht, daß du bei ihr bist, wenn sie wach wird. Sie is dir nimm es gewogen seit jener Nacht." . . .

Ter Toni empörte sich gegen die harten Worte der FraU; er mochte auch fühlen, daß sie nicht die Wahrheit sprach, abey er wollte nicht mit ihr streiten, jetzt nicht! Sie war ohnehin! elend genug, und Hilfe tat ihr not. So stand er auf und ging, mit einem letzten, langen Blick auf das Mädchen, das sich, voÄ Schmerzen wimmernd, auf dem Grase umherwarf.

Tie Hüblern richtete sich ein, so gut sie konnte. Man hatte die Rosel, die in hohem Fieber lag und den ganzen Kopf ver­bunden hatte, in die Försterei geschafft. Ein altes Weiblein war. bei ihr und hütete die Schwerkranke. Die andern Hausleut!«! waren mit der Hüblern auf der wüsten Brandstätte und halfen, wie es ging; die Hüblern allen voran. Aufbauen wollte sie, wieder von vorn anfangen, die Nachbarn hatten gleich, ihre Htlfe zugesagt, und für das übrige würde der Lammwirt fchoir förgeiH,: der zukünftige Schwiegersohn. , ,

Sie hatten alle geretteten Habseligkeiten in einem abseits stehenden, kleinen Schuppen, den das Feuer verschont hatte, zu­sammengetragen. Dort hauste die Hüblern nun mit ihren drei jüngsten Kindern. Ein Glück, daß es Sommerszeit war, so konnte wenigstens das Vieh draußen bleiben!

Ter Lammwirt kam und tat ganz verstört über das große Unglück. Er versprach, die Baufuhren zu stellen, denn noch vor Herbst sollte wieder aufgebaut werden. Alle wollten helfen, einen jeden jammerte das Weib, das so drm und felsS dashand tott