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Elt Muße genug, tut Boot zu skizzieren, und manch selbstgezerchnete Annchtskarte wird beschrieben, eine regelrecht^ Strompost eingerichtet, wo der Bote sich von Kajak zu Kajak paddeln muß, um die Unterschriften der Insassen zu sammelm, Oder wir haben einen Admiral ernannt und spielen Marine. Fahren mit Volldampf voraus und überfallen aus weidenver-t dot gen em Hinterhalt den nachkommenden Feind. Glückliche äugend! Sind zwar „alte Herren" unter uns, die auf die tollsten Einfälle eingehen.
Bis uns ein immer stärker werdendes Rauschen voraus ans nahende Stromschnellen aufmerksam macht und zur kaltblütigen Besonnenheit mahnt. Denn es hat auch schon mancher unfreie willig ein kühles Bad genommen.
In Freising riß der wachhabende Floßknecht Mund und Augen auf, als er uns ankommen sah, itnb schien sich erst nach dem Zusammenlegen unserer rasch getrockneten Boote durch ein Trinkgeld für seine Mithilfe von seinem Erstaunen erholt zn haben.
In 2i/a Stunden hatten wir die 33 Kilometer lange Strecke glücklich zurückgelegt, es blieb uns also Zeit genug, das netto Städtchen zu besichtigen und der Brauerschnle Weihenstefan einen Besuch zu machen. — Ohne weitere Belästigung der Mitreisendent brachten wir dann unsere Bootpakete im Coupä unter und zogen mit dem großen Troß der Ausflügler als „tragbare Kajak-Fahrer" fröhlich in München wieder ein.
der ersten ihrer Art h, wässern zweitausend ....... „„„ uuutl uu
für Reparaturen ausgegeben. In der Partnachklamm, auf denk wrlden Lech, auf Inn und Donau, Rhein und Mosel, im Bingen Loch und nn Gewühl des Hamburger Hafens hat es sich bewährt und seinen Mann von Ufer zu Ufer getragen.--
Heida, nun packt uns der Fluß wieder.
Das Ufer ist flacher geworden. Mancherorts ist die Isar druchgebrochen und überschwemmt das Land. Fluß- und Floß- Wachter sehen uns verwundert nach, ein schläfriger Angler schreckt vmdntzt auf, wie er der schweigend gleitenden Boote dicht vor sich ansichtig wird, und badende Dorfschönen bergen sich kichernd im Schilf.
Ob wir SchtoimMhosen bei Uns hätten, wollte er wissen.
Dre Antwort kam vom Flusse aus, wo wir mit wehenden Rlimpent in Kiellinie bereits nordwärts enteilten, beiderseitig begleitet von einer Schar munterer Jungen und im Rücken von der verblüfften Schweigsamkeit der Zuschauermenge auf der Bogen- hausener Brücke.
Der letzte Pionierposten salutiert. München liegt hinter Uns. ... schon schießt das führende Boot pfeilgeschwind in die etge Schnelle hinein. J'ch fahre als letzter, well die vorsorglichen Kameraden meinen Kreuzer mit einem Äettungsgnrtel armiert daben. Sehe die Tete im weißen Gischt verschwinden, auftanchen, Und wieder verschwinden. Dann tänzelnd weiter eilen. Durch!
Und so eines der Bote nach dem andern.
Die Wellen schlagen krachend über Bor- und Hinterdeck zusammen; Schaum spritzt über Bord. Wer sicher hält sich der Kaiak über Wasser. Mlerdings, Geistesgegenwart, Ruhe und Kr?ft müssen zusammenwirken. Das Paddel hoch, wenn die schärfsten Wirbel und Wellen kommen! Nur zu kurzen, aber wohl berechneten Schlägen darf es dann untertauchen. Sonst könnten es seitliche Strömungen und jähe Wirbel leicht als Hebel benützen und das Boot zum Kentern bringen.
Doch durch! Und nun, da eines jeden Aufmerksamkeit nicht Mehr allem aufs eigene Ich gerichtet, sammeln wir uns in Sprechwerte und lassen uns treiben.
An dichtem Ufergebüsch vorbei, drin von Zeit zu Zeit ein der Umgebung geschickt angepaßter Jägerunterstand zu entdecken ist; vorbei an den Strommarken, die weithin sichtbar unsere Fahrt- Seschwiirdigkeit ermessen lassen.
36, 35, 33 Sekunden pro 100 Meter. Das macht 10 und Mehr Kilometer in der Stunde. Hurra!
Flatternd rauscht ein Zug wilder Enten vor unserem Freuden- Mlf auf, und erschrocken beendet ein Reiher hoch über uns seinen Krersflug und flieht landeinwärts, wo hinter Busch und Baum vom Dorfkirchturm nur der Knauf herüber funkklt und ferne Klrchweihmnsik im Rauschen des Flusses fast verloren geht.
Die Isar! W, wer da mit ihr ziehen könnte! Immer dem Osten zu, m die blaue Donau hinein, an der Kaiserstadt vorbei, durch die abenddunklen Pußten Ungarns. Immer weiter im leichten Kajak, durchs Brüllen des Eisernen Tores, in die Niede- tungen des gärenden Balkan, in das morsche Reich des kranken Mannes am Bosporus--- immer weiter.--
Ein eigentümlich Knistern im Boot läßt mich vornüber gebeut gespannt in die Cockpitöffnung lauschen. Da spricht der Fluß zu mir. Das straff gespannte Segeltuch ist wie ein Tam- bourinfell und gibt das Geräusch des Geschiebes deutlich wieder.. Es hört sich an tote das Mousse im Sektglas; der seine Sand im Flußbett wird von der Strömung zu Tal geschoben, das dabei entstehende Geräusch teilt sich dem Wasser mit, und mein Boot ist das Mikrophon, gerät in leise Schwingungen, bald stark, bald so sacht, daß ich es mehr fühle als höre. Stets ist auf Unseren Flußtouren dies Fibrieren des Bootes eine wesentliche Begleiterscheinung; anfänglich der ^Arund zu erregten Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten und heute, wo wir seinem Geheimnis auf die Spur gekommen, eine Fülle von Abwechselung Und unzertrennbar von den eigenartigen Stimmungen, die die Flußfahrten in uns auslösen.
Wir stehen ruhig im schäumenden Fluß; ein wandelnder! Prospekt, zieht die Landschaft an uns vorüber. In ihrer strahlenden Lichtfülle, wenn die Sonne hoch am Himmel steht; in ihrer grandiosen Mächtigkeit, wenn alte Raubnester von den Felsen grüßen und dunkle Gewitterwolken den Engpaß verdämmert; in ihrer einschmeichelnden Lieblichkeit, wenn der Nachtwind durch, die Uferweiden fährt, das Glucksen des Wassers wie Nixenlachen klingt, und wir schweigsam den trauten Lichtern unseres Zieles »usteuern und unter den dunklen, Btzickenbogen eines Landstädtchens fachte vor Anker gehen.
Eine Rose fange ich Mir ans. Wer mag sie vor kurzem! Noch getragen haben? Ist sie unbeachtet verloren gegangenwarf verschmähte Liebe die Blume ins Wasser oder ist sie gar Ißit einem jungen Menschenleben---?
Rotröslein weint, und die Woge braustt •
Rotröslein muß ruhlos zum Weltmeer zieh'n. Allschirmend schwebt leise die Nacht herab. Und die Welle wühlt rauschend im Ufersand/ Und der Eule ersterbender Schrei fernab — Und Friede sinkt nieder aufs Heideland —.
Doch fern im Gebirg', wo im felsigen Grund' Verträumend schlummert der blaue See, Weint ein Rosenstrauch seine Augen wund, Um Rotröslein in zehrendem Sehnsuchtsweh., ! ! ,
Da! Ich bin festgefahren auf der Sandbank. Weit voraus könt das Lied der Kameraden. Mein zerlegbares Paddel ist schnell in der Mitte auseinander genommen, rechts und links faßt es Grund, ich stütze mich auf die beiden Teile wie auf Krücken, ein Stoß — und der „Delphin" ist wieder flott.
„ Mit raschem Schlag Hol ich die Kameraden ein, die einen passenden Ankerplatz gefunden haben, wo wir uns eine Stunde Rast gönnen, im Perfektkocher ein Mittagsmahl bereiten und derwetl ein Bad nehmen. ■— Die Boote liegen am Lande. Wie sie da ihre weiße Hank fonnen, traut man ihnen die Leistungs-
fahtgkett gar ntcht zu. Aus wenigen Holzstäben und etwas Segeltuch zusammengesetzt, letcht, so daß jeder das seine auf der Schulter tragen kann oder zusammengelegt in zwei Paketen mit ws Eisenbahnabteil mmmt, ertragen sie Erstaunliches. Auf einem!
sten ihrer Art hat der Erlinder auf allen möglichen Ge- .ilometer zurückgelegt und dabei 50 Pfg.
’s muß im Holz stecke?)
Skizze von Hermine Villinger,
n So vierzig Jahre mögen's her fein, da stand auf den öden Höhen des Feldbergs ein kleines, gottverlassenes Rasthaus. Un- ■ wirtlich war der Weg im Sommer. Im Winter gab's überhaupt keinen, so daß man die Leiche der jungen Fran, die einem kleinen Sohn da oben das Leben gegeben und dabei das ihrig* eigebüßt, im Schnee hatte vergraben müssen. Erst zur Schneeschmelze konnte die Verblichene ihrer letzten Ruhestätte unterhalb! des Feldbergs zugeführt werden.
An ihrer Statt waltete alsbald die Schwester des jungen! Witwers — 's Fanny, wie die Leute sie nannten.
Sie hatte kluge Augen, einen ernsten Mund und eine kräftige Nase. Und Klugheit, Ernst und Kraft, das alles war auch in| ihr. Als sie jedoch das Knrdlein an ihr Herz nahm , kam noch die Güte dazu, die Milde und die Heiterkeit^
Wie oft, war sie wieder einmal allein mit dem Kinde,im Hans. Ter Bruder war mit dem Knecht und der Magd zum Schnees schaufeln gegangen.
's Fanny ging von der Stube in die Küche, sah nach dem! Essen, kehrte wieder, scherzte mit dem Kindlein, legte Wäsche! zusammen und war keinen Augenblick müßig.
Plötzlich ein Stoß gegen die Tür. Zwei verwilderte Kerle! traten über die Schwelle — Holzfäller, die auf dem unbewachtenj • Feldberg taten, als wären sie die Herren der Welt. Sie nahmen Platz, nickten Fanny mit unverschämter Vertraulichkeit zu und begehrten Schnaps.
Ihr war nicht wohl bei der Sache, aber sie brachte Masche! Und Gläser herbei und schenkte ein.
„Nur's Fläschle dagelasse, Jüngferle", meinte der eine und wollte sie in die Wange kneifen. Fanny riß mit der Rechten die Flasche an sich, mit der Linken gab sie dem Matm einen derben! Schlag auf die Hand.
„He, he, Jüngferle," lachte er auf, „schau doher, Kratz! hat's. Wo sind die andre?"
„Nit weit."
„So rufet den Wirt." 1
,,Käm' ihm recht, er schafft im Stall," r,Wieviel seid ihr Lent da obe?"
-„Da müßt' ich erst zähle —" >
„Noch einen Schnaps, Jüngferle, und ein Schtnützle dazu." Sie legte schon wieder Wäsche zusammen, ruhig, ohne mit deU Wimper zu zucken. Aber ihre Knie zitterten,
*) Wir entnefi'men diese Schwarzwaldskizze der „Frauen!- Nummer" der Leipziger Illustrierten Zeitung, die kürzlich voll Uns besprochen wurde.


