Donnerstag den 22. September
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Friedel halb-süß.
Roman von Fedor von Zobeltitz. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Der ganze Rheingau ist da", gab er zurück.
Die Antwort weckte das Interesse des Husaren. Trotz Attila, Bärenmütze und klirrendem Krummschwert: er stammte aus einer alten Weinhändlerfamilie, und was im Rheingau lebte, pflanzte rind.Kellerwirtschaft trieb, das kannte er auch. Seine Augen waren jung und sahen gut, selbst im verdunkelten Raume. Wirklich — der ganze Rheingau war da, von Biebrich bis Caub: alles, was Namen hatte. Vorn im ersten Rang die Besitzer berühmter Marken: der alte Graf Ingelfingen, der Freiherr von Langern-i Rosensteiu, der Graf Wolsrad-sAreifeneck, der Geheimrat Ebrard, der Major Keil, der Konsul Heßling. Dann wieder Herr Helldorf,, der Mann mit den breiten Schultern und dem braunroten Gesicht, neben sich seine Frau, deren blasse Engelslarve noch vor zwei Jahren die Lebewelt Berlins in Aufregung versetzt hatte, und unweit von ihm der joviale Oekonomierat Dreher, der Pfleger der Königlichen Domänen im Weingelände des Rheins. Fritz Friedel eti- kettierte in Gedanken die Plätze der Herren: Hochheimer Kirchenstück und Johannisberger Teich, Eltvitler Mondberg und Geisenheimer Dachsstein, Schloß Volkhammer Ka- binet und Rauenthaler BeerenstAuslese — und thronend über allen Schloß Jgelsberg, jene Marke, die die greise Fürstin Steinkirch-sKükula repräsentierte. Dann kam der Schaumwein, der sich seit fünfzig Jahren mit unermüdlicher Zähigkeit den Rheingau erobert hatte: Kommerzienrat Kubka, ein dicker Küfer — Jacques Spannuth der jüngere, mit dem Typus eines Legationssekretärs — die Gebrüder! Miller, der lange Rickert, der gewandte kleine Aridoliw Beuermann (in Firma Schneider und Kompagnie), der seinem heftig schäumenden „Kronprinzensekt" durch unermüdliche Reklame ein gesichertes Absatzgebiet geschaffen hatte. Und da war ja auch der „Bauer" Nidderkopp mit einem viereckigen Schädel und den listig blitzenden Augen über dick hängenden Tränensäcken — der Bauer Nidder-, kopp, wie er selbst sich mit großem Stolze zu nennen Pflegte, weil .fein Geschlecht bis auf die freien Rheingaubauerst des dreizehnten Jahrhunderts zurückreichte.
Sie waren alle da, wahrhaftig der „ganze Rheingau"! An diesem ersten Festspiela'bend duftete gewissermaßen dis feine Blume des Rheinweins in dem reich geschmückten Hause;mran schlürfte sie bei Nikolais'prickelnden Weisen durch die Luft. Manche der reichen Besitzer hatten ihre Billen in Wiesbaden, wie der Graf Wolsrad-Greiseneck, der sich auf die Pflege seiner Schloß Vvlkhannner-Trau'be wie der beste Winzer verstand und auch, ein .trefflicher Kaufmann wär, 'oder wie der Geheimrat Ebrard, der bei den großen Aul- tioitett vor innerer Aufregung wie Espenlaub zu zittern pflegte, oder wie Herr Helldorf, der stämmige Sportsman',
der es fertig bekommen hatte, sich noch als Vierziger vott einem niedlichen Dirnchen einfangen zu lassen, das seinen Reichtum langsam aufknabberte und ihn Schritt um Schritt dem Ruin näherbrachte. Wiesbaden selbst in seiner würdet vollen Vertretung gehörte zu dieser Weingemeinde; lag nicht der Neroberg vor seinen Toren, auf dessen .Hängen ein zarter und doch gehaltvoller Trunk zur Reife gedieh, den man int Ratskeller am besten proben konnte? — Der Bauer Nidderkopp nahm sich etwas vierschrötig aus in dieser eleganten Gesellschaft, aber alle Wetter, nannte er sich auch Bauer und fehlte seinen Kellereien der große Stil in der Architektur, den die vornehmen Herren nach dem Vorbilde Eberbachs! bevorzugten, so war er doch längst aus dem Bäuerlichen! herausgewachsen und der Schwiegervater eines Freiherrtt von Mauritius, der in Deutz bei den Kürassieren stand ! Und wie der Dickkopf sein Geschäft zu leiten wußte, davon konnte am besten der kleine bewegliche Mann erzählen, der ihm vom zweiten Rang aus verschiedenfach freundlich zugenickt hatte: Herr Ringer, der begehrteste, umsichtigste und verq ständnisvollste WeinkomMissar im Gau.
Fritz Friedel lächelte wieder. Drollig! Es war wahr- hastig eilt Parterre von Königen, wenn auch nur von Herrschern in den Gemarkungen des Vinnm Rhenense. Und es war eigentlich nicht recht, daß das genealogische Gesamtbild durch einige andere Abkömmlinge derer von Rießling gestört wurde. Was drängte sich denn die Pfalz zwischen die edlen Herren, was Hessenland und das Saargebiet!?! Auch von der Mosel war man gekommen: einer aus Trarbach, einer aus Brauneberg — sieh, auch der Graf ausj Piesport und der Bürgermeister von Bernkästel! Fritz kannte sie alle: das waren die gefährlichsten Nebenbuhler des Rhein- gaus! Noch immer trank ntan ant grünen Rheine die kleinen! gezuckerten und durch Zusatz von Kohlensäure spritzig gemachten Weine der Mosel lieber denn die Traube des eigenen! Baus, als liefere der in seinen geringeren Lagen nicht auch ein wundervoll leichtes und bekömmliches Tischgetränk. Es' war der alte, sich stets erneuernde GrimM der Händler im Gau, daß gegen die Vorurteile des Publikums nicht anzu- kämpfeu war . . .
Der Akt ging zu Ende, als sich durch die vorsichtig! geöffnete Parkettür noch ein verspäteter Gast einschlich. Fritz machte große Augen. Herrje, war das nicht der Herzog von Abeelen, noch vor zwei Jahren sein Eskadronschef beim Regiment, ehe der durchlauchtigste Prachtkerl sein deutsch-j belgisches Erbe angetreten hatte!? — Aber natürlich — natürlich war er es: Prinz „Ludwig der Flieger", der Patron der Luftschiffer und selbst ein großer Pilot int Reichs der Wolken, als Mensch von bezaubernder Liebenswürdigkeit, als Offizier der Schrecken seiner Vorgesetzten, als achter Herzog von Abeelen, vierzehnter Herzog zu Moranville und Limpurg, dritter Fürst von Veste-Kerkehooven und soundsovielter Graf und Herr van Rhemen, Brie, Verheyden und verschiedener weiterer Herrschaften, der glückliche Besitzer eines Vermögens, das ihn nicht in die Notwendigkeit ver-


