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von« Pathos abgestreist intb in verständiger Weile — nach der ihm brintlegenben Färbung des Gefühls — zum Vertrag gö- brockft werden. Es muß, für jenen Gehalt auch der verklärende musikalisckje Ton der Rede gefimben werden, vermöge dessen der diktatische Kern sich wiedernnr in die Sphäre des reinen Gefühls auflöst und somit selbst zum leidenschaftlichen Akzent des Dramatikers wird. Erft durch die Aneignung dreies Akzents, so schließt Richard Wagner seine Betrachtungen, „werden die Gesetze eines rdeUldeutscheii Stils aufzufinden sein."
Und Klara Ziegler ist durch unausgesetztes Studium und harte Hebungen eine der hervorragendsten Vertreterinnen dieses ibedrb=-iit)dKit Stils geworden. Wer jemals die Künstlerin nt der Sonnenhöhe ihrer Kunst als Elisabeth in der „Maria Stuart , wer sie als Gräfin Terzkh und Orsina oder als Marfa m der kraftvollen Heigelschen Tragödie gleichen Namens gesehen, twiM mit Bewunderung zugestehm müssen, daß sie keinen Augenblick m ihrem sprachlichen Schwünge die große Linie der Tragödie bis zur Grenze eines falschen Pathos überschritten hat. Und- wer Gelegenheit hatte, den leichtflüssigen Konversatrmisdcm zu hörst, womit die Künstlerin Rollen wie Donna Diana, den Vicomte von Letzniöres urrd die Katharina in den „Gefangenen der Zarin' bewältigte, oder die schlichte Derbheit, mit der sie die Bäuerin WvuitN im Mvsenthalschen „Somrwendhof" sprachlich wie darstellerisch zum Ausdruck brachte, der wird der Heimgegangenen Künsflerin eine jedes Pathos entkleidete Lebenswahrhe.it ihrer! Gestaltungen nachrühmen müssen.
Niemals hat Klara Ziegler vergesse», daß die Schauspielktinft mrr die dienende Schwester der dramatischen sein soll und daß die Erwerbmig bestimmter, imsern Dichtern .gerechter Stilgesetze ihre künstlerische Lebensaufgabe sein mußte. Uird sie hat dies« Gesetze, bis an das Ende ihrer Laufbahn heilig gehalten.
Tas wechselnde Jahrhundert, wie jedes vorhergegangeue, hat Krisen im Gesvlge gehabt; auch in der dramatischen Literatur.
Ein neues Dichtergeschlecht will auffteigen; noch kämpft es in den Wöben der Geburt: *
Doch sind wir auch Mit diesem nicht gefährdet, In wenig Jahren wird es anders sein:
Wenn sich der Bdoft auch ganz absurd gebärdet, Es gibt zuletzt doch noch ’n Wein.
Und einen guten Wein dürfen wir erhoffen, denn die junge Pvetengeneratwn schickt sich an, in der Diktion wiederum Wahrheit mit Schönheit zu 'verbinden, und ihre Gaben in „idealdeutschem" Stil zu offenbaren.
Und die neue dramatische Muse tvird in den Schauspielern! begabte Dichter finden, wie sie in allen Epochen sie gefimben hat; die darstellende Kunst wird bann die Kraft und Schönheit imserer herrlichen Muttersprache, die sie in dem! letzten Jahrzehnt vielfach Vernachlässigte, auf der Bühne wieder zu Ehren bringen müssen.
Dann wird es für ihre Jünger hohe Zeit sein, das Erbe Klara Zieglers in der rechten Weise „zu erwerben — nm es zu besitzen".
Vermachtes.
* Tie Erziehung des belgischen Thronfolgers. In seiner ersten Thronrede sagte der neue König von Belgien: „Tie Königin und ich werden bei unseren Kindern die Liebe zum Vaterland pflegen und stärken, die Liebe zur Familie, die Liebe zur Arbeit, die Liebe zum Guten, die Tugenden, die die starken Nationen ausmachen. "Wie das belgische Königspaar dieses Ziel zu erreichen strebt, davon gibt Gerard Harry in der neuesten Nummer des Figaro de la Jeunesse eine interessante Schilderung. Ter achtjährige Knabe, der berufen sein wird, einst die Krone Belgiens zu tragen, befindet sich unter der Obhut eines Erziehers und eines Religionslehrers. Ein Lehrer, der den kleinen Prinzen in den Schulfächern unterrichtet, und ein Turnlehrer stehen dem Gouverneur zur Seite. Das Königspaar legt den größten Wert darauf, daß der Erziehungsplan ihres ältesten Sohnes mit dem Lehrpensum in den Schulen übereinstimmt. Kronprinz Leopold bekommt seine Schulausgaben wie jeder andere Knabe. In seinen Freistunden, wenn die Arbeiten vollendet sind, beschäftigt sich der Knabe am liebsten mit dem Zeichenstift, und mit einem säst leidenschaftlichen Eifer zeichnet er alle Tinge, die sein Auge erreichen kann oder die ihm seine Phantasie eingibt. Der körperlichen Abhärtung und zugleich der Stärkung des vaterländischen Fühlens dienen die Turnstunden, wo Ball gespielt oder der in Belgien populäre Sport des Bogenschießens gepflegt wird. Hand in Hand mit diesem System der körperlichen Erziehung gehen die großen Spaziergänge, die der Knabe mit seinem Gouverneur, dem Generalstabshauptmann Maton, regelmäßig unternehmen muß, gleichviel, ob es regnet, schneit ober stürmt. Tie größte Einfachheit der Kleidung wahrt das Inkognito des kleinen Thronfolgers. Denn die Eltern tvollen, daß ihr Sohn von vornherein mit dem Volke in Fühlung trete; darum benutzt der Kronprinz bei seinen Ausflügen stets die Straßenbahn, und wenn die Ausflüge ihn aus dem Bannkreis der Stadt führen, so fährt er mit seinem Gouverneur dritter Klasse, nimmt zwischen Arbeitern und Marktfrauen Platz und lernt so zwanglos die kleinen Sorgen und Zwischenfälle kennen, die das Alltagsleben mit sich bringt. Niemals fährt er im Wagen. Bei den Spaziergängen werden Ge
spräche init den Bauern angekirüpst, Bauernhöft besucht und ftt jcd«S Weise gesorgt, daß das Standesgefühl dem Blicke und dem Herze» des Kindes nicht zur Grenze werde. Die Königin aber nimmt ihren ältesten Sohu bisweilen mit bei den Armenbesnchen, führt ihn zu den Festen, die die Fürsorgevereine für arme Kinder veranstalten, und lehrt ihn, das Leid der Armen mitzufühlen und zu lindern. Jedoch die Barmherzigkeit soll nie ein Geben vom Heberfluß werden, sondern ein Opfer, das gern und willig für den Mitmenschen gebracht wird: wenn immer der kleine Prinz von seinem Taschengeld eine milde Gabe spendet, geschieht es mit dem Bewußtsein, dafür am Mittag auf den Nachtisch verzichte» zu müssen, „um die Finanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen". Soweit die Neigungen eines Kindes seine Zukunft bestimmen, läßt sich sagen, daß der Kronprinz neben seiner Vorliebe für Rechnen ein starkes Farbenbeobachtungstaleut zeigt, das. ihn gewiß zur Freilichtmalerei führen würde, wenn seine Geburt ihm nicht anbera Wege 'vorgezeichnet. Tenn sein liebstes ist es, das Spiel de« Sonnenstrahlen auf grünen Blättern zu verfolgen und das Farven- bild entfernt liegender Gegenstände; bei der Beobachtung dep Lichtphänoinene gerät der Knabe in fveitbige Begeisterung.
* Das neueste Mvdespiel, Manche Leute interessieret» sich für schwere Probleme der Wissenschaft, manche für leichtü Possen, je nachdem ihre intellektuellen Fähigkeiten entwickelt stud. Wenn die Ladies in den Salons der amerikanischem Nabobs und, der englischen Aristokratie zurzeit leidenschaftlich für Puzzle sprich „Pößl" — eingenommen sind, so gebietet die Galantene, ihnen diese rührende Sckpvürmerei zu vergeben. Puzzle ist mul einmal Mode geworden, und der Mode pflegen auch Damen Vock Geist Tribut zu zollen. Zwar ist Puzzle fern Gegenstand der Toilette, also nichts von dem, was Damen zur siegreichen Ver- schönening ihrer an und für sich sckwn allzu niedlichen Erscheinung für absolut notwendig halten, sondern lediglich ein simples ob tri. Aber auch Spiele unterliegen der Mode. Der berühmte Jawmnev- kus-, bei dem es darauf antam, Rücken an Rücken mit verschränkteck Armen und in knisender Stellung sich zu küssen, ist schon vor ernem Jahrhundert aus dem Spielkodex der Gesellschaft gestrichen. Tie zur Zeit Ludwigs XIV. beliebten Kartenspiele Au pawllou. Hoc rmd Brelan oder das von König Friedrich Wilhelm I. vous Preußen gern getriebene Brett- und Würfelspiel Toccatille und die mit acht bis zehn Bällen häufig gespielte Billardpartte ü la guerrc sind kaum noch gekannt. L'hornbre, ehemals von L-pauteNj aus über ganz Europa verbreitet, ist von seiner stolzen J.W herab gestürzt. Vorüber sind die Zeiten, in denen dieses <spwl, weil es vom allerchriftlichsten König und der Mamtenou allabendlich in Versailles bevorzugt wurde, den Augen der übrigatl Menschheit im Nimbus königlicher Vornehmheit strahlte Ber uns zu Hause ist L'hombre ebenso wie Landsknecht und Prguet längst dem Skat und Whist gewichen. Aber mehr noch: es gab ht Deutschland Ballhäuser mit deutschen Ballspielen und eS gab ein beiitfdjeS Billard, aber vor dem englischen Teams und dem französischen Billard haben sie die Segel streichm müffelt. Auch die lustigen Pfänderspiele, bei denen die Gesellschaft des Mrgeck Goethe lachte und scherzte, sind zerflattert und zerflogen. „Tenn alles soll anders fein intb geschmackvoll!," Wie der biedere vlW theker in „Hermann und Dorothea" klagt, und vor allem zeitgemäß Zeitgemäße Spiele! Nun, viele der angeblich zeitgemäßen sind nicht neu, sondern na^ch Gangem Bergessensein einfach wieder in Kurs gesetzt worden. So geschah es vor wenigen Fahren mit Diabolo, und so ist es im Lauft dieses Jahres mit Puzzle geschehen. Der Ruhm, Puzzle zu ftischein Leben galvanisiert zu haben, gebührt Amerika. Jin Laude der unbegrenzten Möglichkeiten tft es gelungen, für das vermehrte und verbesserte Spiel nicht allem das Interesse kleiner, sondern recht großer Kinder zu wevceit. Sogar an den Hof Eduards VII. ist es lanciert worden. Alle männlichen und weiblichen Gesttrne im Hofstaat sollen von der geistreichen Unterhaltung entzückt sein. Also Puzzle hat Hvffähigkert eriangt. .Seine Durchführung erfordert ja nur den Zeitüvew fluß eines eleganten Dandy, die Geduld eines Schafes, das Phlegma eines Dickhäuters und in homöopathischer Dosis die Klugheit der Schlange. Denke man sich, em mit dünner Holzplatte unterlegtes Bild, zerschnitten in zwei--, drei- oder gab zwöffhmrdert Teile, und denke hinzu Hoskapalftre und Hofdamen, die es als ihre Aufgabe betrachten, die chaotisch durcheinander- liegenden Holzstückchen ohne jede Vorlage wieder zum geschlossenen Bilde zusammenzufttzen, so hat man Puzzle. Tie Deutschen der Biedermeierzeit nannten es schlauftveg Puzzelspiel. Benvirreft heißt im Englischen „puzzle". Wer nicht schon verwirrt ist, kamt äflerdings bei Puzzle recht hochgradig verwirrt werden. Ti« Besitzer gewisser Sanatorien dürsten denn auch ber Ausbreitung der Puzzle-Verwirrung mit freudiger Spannung entgegenfetat,.
Logogriph.
Gern erwartet man mich mit einem F an der Spitze;
Furchtsam flieht man vor mir, trag ich ein P in dem Haupt- Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Kapsel-Rätsels in voriger Nummert Wer zu spät kommt, hat das Nacbsehen.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch" und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


