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Predigers Stephan SchÄWer, -atz. in Ww leer Winden „Balbi harrte" Sonntags Gottesdienst abgehaklen werde, „ohn geachtet daß man nicht trocken und nur auf Blöcken, Steinen und dergleichen sitzen müssen Statt des Geläutes wurde durch die Straßen getrnmmelt. Tie Kanzel wurde ans dem fürstlichen Saale, wo Sonntags dem fürstlichen Hofe und in der Woche benti herein geflüchteten Land^ Volk von ihren. Pfarrern gepredigt tvorden, hereiugetrageu. Altar war ein gemeiner Tisch, mit einem alten schwarzen Damast bs- deckt. Ein Knabe aus der Stadtschule war Vorsänger und trugt den Klingelbeutel." Nach der Rückverlegung der Universität von Marburg nach hier int Jahre 1660 würde in dem ehemaligen Ballhause auch eine Nachmittagspredigt für die „Ministern caudi- datorum" eingerichtet rind eine „liebliche Musik von den Stu- divsis" gemacht.
Landgraf Georg II. überlegte, „wie hoch nölig hiesigen Orts eilte Kirche sei, besonders da die hohe Schule von Marburg wieder hierher verlegt, auch zu Kriegszeiten der fürstliche Hofstaat, eine {titriere Besatzung und das Landvolk, Edle imb Unedle sich hier aufhielten. Tenn man hatte wahrgenommen, daß bei erstmaliger Fuudation der Universität zu Predigtzeiten die Studenten auf dein Stadtkirchenplatz spazieren und bald in, bald aus der Kirche gegangen, zu Kriegszeiten aber die Landpfarrer den hierher Geflüchteten in dem damals zur fürstlicher Wohnung gebrauchten Collegw predigen müssen." Auf fürstlichen Befehl mutzte der fürstliche Baumeister Christ. Helfrich Müller ein „Modell" für die neue Kirche Herstellen. Generalwachtnreister Hans Günther von und zu BreüuHausen sollte aus den J-cstungs>- baumitteln zum Bau bcistcuern. Sv ldrmte der Bau der Kirche beginnen; 1658 war er vollendet. Tie Einweihlmg der neuen Burgkirche vollzog der Professor der Theologie, Superintendent D. Peter Haberlbrn. Dem treuen Golteshause fehlten Turm und Glocken. Mit Rücksicht auf die zur Wache ziehendes Soldaten musste der Vormittags-Gottesdienst in der Burgch kirche schon um 7 Uhr beginnen, daher snoch das 7 Uhrlauten! am Sonntag. Ter Nachmittags-Gottesdienst sand um 1 Uhr statt. Ten Dienst bei der Burggemeinde versah von 1646 bis 1650 der Feld Prediger Stephan SchÄtzler. Ihm folgte der Archi- diastnins Magister Hartnmnnus Mog us. Ter eigentliche erste B u r g p f a r r e r war vorn 1658—1681 E r n st M ü l l e r, gleichzeitig Definitvr, d. h. geistlicher Kvnsistiorial-Assessor.
Wo stand die alte Burgkirche? Von dem ersten Hause der Sonnen ft ratze, dem ehemaligen „Bapst'schetr" Hause, jetzt Herrn Restaurateur Feidel gehörig, führt et« Weg vor der Mauer deS botanischen Gartens und hinter der Somrenstratze nach der alten „Super inten deut« r", zum jetzigen Anwesey des Herrn Spediteurs Adam. An die alte Super intenbeniur, an das zetzige Adamsche Wohnhaus, schließt ein Seitenbau, der als „S akriste i" bezeichnet wird, und der auch;noch, als solche deutlich zu erkennen ist. Von der ehemaligen Superintendentur konnte man in die Sakristei gehen. In der Verlängerung der Sakristei und in der Richtung nach den Gärten hinter den „Neuen Bauen" stand die alte Burgkirche. Vor der „Sakristei" steht jetzt ein Eiskeller des Herril Feidel. Hier war der „Burg- rirchenplatz", der in Kriegszeiten auch als Friedhof diente. Tie Bnrgkirche können wir als Garnisonskirche be- zeichnen; denn zu ihr gehörten meistens Angehörige der Militärgemeinde, aber auch Gießener Bürger.
Eine der ersten Täuflinge „bei der Burgkirche" war im! Jahre 1616 nach dem Taufregister: Maria Chri st laue v. Buseck, Töchterlein des Joh. Friedrich Burghard v. Buseck. Pate war Oberst v. Buseck. — Während der Blockade der Stadt Giesen durch die „alliierte" Armee vom 11.—28. Dezember, 1759 konnten die Toten nicht aus den Friedhof an der Sicher Straps gebracht werden uird muß,tcu deshalb in der Stadt „hinter der Burgkirche in einem engen Raum, der nicht wohl dazu. gelegen", bestattet werden, was der damalige Burgpfarrer Joh. Christian Diez „in memoriam posteritatis" aufzeichuete. Ain 31.. Januar 1760 heißt es bei der Bestattung eines Kindes: „Dieses Kind ist das erste von den Toten, welches wieder auf den Fricdheif hinaus ist begraben worden." Demnach war bei .der Burgkirche kein ständiger Friedhof. Adelige Personen, hohe Militärs, auch Studenten, wurden zuweilen in der Burg kirchc begraben. Im Sterberegister der Burgkirche heißt es: „November 1707 der Hochwohlgeborene Joh. Henrich Lebbrecht v. Türck- heim, Hochs. Hess, dannst. Generalmajor und Kommandant all- hiesiger Stadt und Bestung seines Alters im 72. Jahr wurde abends in der Burgkirche begraben und dabei den Leichen- Sernwn gehalten von Psarr. Schtlling." 1710: „Die wohlgeh. Frau Fr. Louise Magdalena Philippi ne v. Nordeck zu Rabenau, des wohlgeb. Herrn Georg Rudolph von Nordeck M Rabenau, Erbherren zu Schmidten und Odenhausen hinterlassene Witine, geb. v. Bvbenhaufen, ihres Alters 57 Jahre weniger 3 Mon., ist Abends auf Adel. Manier in der Burgkirche beigesetzt." 1711: „Casp. Friedr. Ludwig Cruse, I. U. (iuris utrinsque) candid., seines Alters 20 Jahre, starb bei H>r. D. Grvllmann, wurde mittags solemnitatibus wnsuetis (mit dem herkömmlichen Feierlichkeiten) in der Burgkirche begraben. 1735: „Tie Reichs-Frau, HochwvWg. Frau Magd. Sybille Persius von Lonsdorf, geb. Freiin v. Stofen aus Stuttgart, des hochw. Freih. Leopold Frtedr. v. Perfiüs von Lons-
dvrf, Hochs, Hess, barmst. Ho-sru.„ers und auch Oberambtmannsi Mhier nachgelassene Witwe, . . . ihre Leiche wurde in die Burgkirche neben ihren Weheren Belegt."
Im Jahre 1771 starben bei der Burgkirche infolge „der Auszehrung", die damals in Gießen grassierte: Friedrich August Christian v. Schmalbach, Erb- und Gerichts- Herr zu Münchholzhausen, Burgmann von Gießen, Generalmajor, Wpkmandaüt des" Landes Badaillou. Mit ihnr ist der letzte» der alten Familie v. Schmalbach ausgestorben; ferner: Henr. Friedrich Schenk zu Schweins berg, Hermannsteiner Linie, gewesener Assessor bei fürstl. Regierung und Burgmann." Beide sind wohl gleichfalls in der Bnrgkirche beigesetzt worden. 1796: „Frau Sibilla, des verstorbenen Professors der Oekvuomie, Herrn Br e i den stein, seel. Witwe,.....
da die Franzosen auf ihrem Rückzug aus Franken die ganze Stadt umringt hatten, so getraute sich niemand, die Leiche auf der Kirchhof vor die Stadt zu bringen, sondern dieselbe wurde auf Verfügung des fürstl. Konsistoriums mit 11. September in der Burgki r che begraben."
Während des Umbaues und der Erweiterung der alten PankMtmÄkirche auf dem Kirchxnplätz in den Jahren 1808 bis 1821 war die Bnrgkirche das einzige Gotteshaus, das den religiösen Bedürfnissen, auch den katholischen! Bewohnern der Stadt, genügen mußte. Unter den kirchlichen! Nachrichten im „Giefer Anzeigungs-Blättchen" von 1808—1821 ward nur Gvttesdien.st in der Burgkirche angekündigt. Nach Fertigstellung des Neubaues der Stadtkirche im Jahre 1821 wurde die Bnrgkirche von den Evangelischen,reicht mehr benutzt. Nur einig« Jahre mußte sie der katholischen Gemeinde, die noch eines eigenen Gotteshaus is entbehrte, toenn auch! notgedrungen, da die Burg- kirche baufällig geworden, als' Versammlungsort dienen. Ten Aw- kans der Burgk'.rche znM Zwecke der Errichtung eines eigenen Eotteshausts lehnte die katholisch? Gemeinde ab. Tie Burgu kirche zerfiel und wurde 1824 abgerissen: nur die Sakristei blieb stehen. Beinahe 200 Jahre hat hei ihr eine Kirchengemeiudd bestanden. 1837 Würben Bur g- und Stadtkirche vereinigt, und di« getrennte KlrchMmckKhrung aufgehoben, -a-
Aebee die Aunst des Schauspielers.
Von Ernst von P o s s a r t.
Gelegentlich eines Nachrufes für die unlängst verstorbene Klara Ziegler spricht Ernst von P o s s a r t, in der neuesten Nummer der Deutschen Bühne, dem amtlichen Blatte des deutschen Bühnenvereins, das in seinem zweiten Jahrgang im Verlage von O e st e r h c l d u. Co. in Berlin erscheint, über die Kunst des Schauspielers. Wir entnehmen diesen interessanten Ausführungen mit Erlaubnis des Verlages folgende bedeutungsvolle Stellen:
Am Sarge Klara Zieglers erscheint es geboten, das Kulissen- geschwatz vom „falschen Pathos" und der „alten Schule", deren hervorragendste Repräsentantin die dahingeschiedene Künstlerin gewesen sein soll, mit ihr ins Grab zu senken.
Es gibt keine „alte Schule" — es hat nie eine gegeben, Wie cs auch keine neue gibt; man müßte denn das Schub—lose bet modernen schauspielerischen Richtung, in bezug aus deutliche Aus- ,prache und Tonbildung, „Schule" neunen. Menschendarsteller wollten sie sein und waren es alle, die glänzenden Vertreter deck Schauspielkunst zu Zeiten der romantischen Tichtungsperiode. — Meuschmdarsteller in des Wortes edelster Bedeutung, nur trugen sie dem Stil des Tichtertverkcs Rcchmmg: sie matzten sich nicht daS Recht an, den Schsmmg Goethifc>«er, Schillerscher und Kleisv- sckjer Jamben über der nüchternen Wahrheit des Ausdruckes ver- uachiläfsigen zu dürsen und die herrlichsten Verse unserer gotd- begnadeten Sänger völlig ihres Mthnchchm Reizes zu eitttieiben. Und zu den Darstellerinnen, denen cs hei dem heißen Bestreben, natürlich zu bleiben, doch gegen das künstlerische Empfinden ging, die hohen Tragödien unserer Klassiker, bei denen es sich doch uml „Welksckstckiale und Weltideale" bandelt, auf den Platten Ton! des modernen Hiirtertreppendramas herabzustimmen und die reckenhaften Gestalten ihrer Muse mit nachuissiger Sprechweise und salopper äußerer Haltung zu agieren, — zu diesen erhabenen, Künstlerinnen gehörte auch Klara Ziegler.
Wenn bei ihr von „Schule" gesprochen werden soll, jo war es Uwe Selbsterziehung zu jenen technischen Errungenschaften in Sprache, Ton und Gebärde, die sie befähigten, Lebenswahrhert mit poetischem Schrmmg zu vereinigen und so den Anforderungen an eine stilvollendete Wiedergabe dichterischer Gestalten gerecht zu tverden. , ,
Klara Ziegler hat Jahrzehnle hmdurch nut epernem Flciße daran gearbeitet, die den Klassikern gebührende und- ihrem Gerstk, entsprechende rickstige Tarst^lnngssorm zu finden, deren Wesem darin gipfelt: das rein Menschliche in der Wtedergabe der bia;- terischen Gestalten mit der Großzügigkeit ihrer Charaktenstu zu verbinden, und bei der angestrevtm Wahrheit des sprachllchen Ausdrucks niemals den Schmmg und die Schönheit der Tiktion! zu verletzen. , ... ,, ri , . ...
Unablässig hat die Küustlerm, von herltgem Ernst beseelt, den Weg verfolgt, den der gross Reformator deutscher Bühnenkunst, Richard Wagner, dem Schauspieler als den einzig richtigen, „zum unfehlbaren stilistischen ErMrbms", bezeichnet. „Es^nmtz, so tauten des Bayreuther Meisters Worte, „der Gepalt der Leu lenz


