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— Na, die sind dann jedenfalls für un8. nicht gerade amüsant!
Ter junge Offizier verschwand, ohne einen Mick auf den Tisch zu werfen. Gräfin Lindenbach sagte zu ihrem alten Freunde:
— Mein Lieber, tasten Sie die Erziehung meines Enkels nicht an. Einer tut das und einer tut jenes. Sie haben selbst gesagt, daß er famos reitet. Na also! Stimmen Sie, setzen Sie mir das auf Rot —
Tabei nahm sie aus ihrer kleinen Börse ein Zehn- Pfennigstück. Graf Kölln schob es selbst auf Rot und verbeugte sich dabei so tief, daß feine weißen Schnurrbartenden den Tisch berührten:
— Hoffentlich bringt es Ihnen ein Vermögen, liebe Gräfitt!
Als sie gewonnen hatte, händigte er ihr zwanzig Pfennige aus. Sie nahm schmunzelnd das Geld entgegen:
— So, ich höre auf für heute.
Alles lachte. Der alte Gras erhob sich ärgerlich:
— I h gebe die Bank ab!
Niemand wollte sie übernehmen, und Gras Kölln sagte zu Herrn Louis Droesigl:
— Damen in allen Ehren, ich habe ihnen genug geopfert, aber an den Spieltisch gehören sie nicht. Sie haben keinen Rechtssinn.
Darunter verstand er, „sie wollen nicht verlieren."
Während die Gesellschaft ein wenig verstimmt das Zimmer verließ, meinte Herr Droesigl, der wie aus dem Ei gepellt neben dem alten Herrn stand:
— Und doch, Herr Gra„ habe ich in Monte Carlo, in Spaa und gar in Ktinstan.inopel Damen ni.t vi l grös erer Spielleidenschaft kennen gelernt, als sie je bei einem Manne vorkommt.
Graf Kölln hielt Herrn Droesigl am Aermel zurück:
— Lassen Sie man, lieber Freund, wenn erst die Kallen zu Bett gegangen sind, machen wir noch ein kleines Iwichen!
Und jetzt hatte er nur noch den einen Wunsch, daß es nicht zu lange dauern möchte, bis Die Damen sich zurückzögen.
Darum näherte er sich ab und zu der Damengruppe, zog die Uhr und machte ein bedenkliches Gesicht.
Gräfin Lindenbach hatte die Manöver des alten Herrn bemerkt. Sie sagte zur Gräfin Sczögony:
— Wir sollen ausgeräuchert werden!
Herr Louis Droesigl sah Prinzessin Hohengart und ihre Schwester Aga.he stumm nebeneinander s tzen Er trat hinzu:
— Es ist doch viel unterhaltender hier, als drüben beim Roulette....
Pririzessin Hohengart drehte die Ringe an den Fingern.
—'.... Obgleich den meisten Damen das Roulette doch auch Spaß macht. . . .
Sie tat nicht, als ob sie angeredet würde. Agathe fühlte die Ungezogenheit und antwortete:
— Mir ist es viel lieber, wir sitzen hier!
Die Prinzessin stand auf und rauschte davon. Herr Droesigl blickte ihr nach. Agache erriet, was er dachte, und deutete auf den leer gewordenen Stuhl:
— Kommen Sie, setzen Sie sich ein bißchen zu mir.
Er nahm Platz, aber er war zerstreut, beobachtend, mit wem die Prinzessin nun spräche. Die junge Gräfin wendete ihm ihr breites Gesicht zu:
. — Sie denken an etwas anderes !
Er kam sofort zu seiner Wohlerzogenheit zurück:
— I h bitte um Verzeihung. Ich dachte nur . . .
— Z h will Ihnen sagen, was Sie dachten. Sie dachten: „Ungezogen!" Bitte, seien Sie meiner Schwester nicht brse. Sie ist manchmal so... .
Herr Droesigl verneigte sich:
Gnädigste Gräfin, und Sie sind sehr gut —
— Es ist doch nichts Besonderes. . .
— Doch, Gräfin, Sie haben etwas Besonderes, das mau nicht immer findet, nämlich Herz. Prinzessin Hohengart war nicht gerade liebenswürdig...
Dann fuhr er ohne Ueberleitung fort:
— Auf meines Vaters Wink hören zehntausend Essen auf zu rauchen, wenn er nämlich keine Kohlen gcwen will. Dem: wir sind „Kvhlenfritze", wie ein Herr hier, auf dessen
Wink nicht eine aufhört Ul rauchen, die Liebenswürdigkeit gehabt hat, es auszudrücken. Kohlensritze, jawohl, und mein Name ist Droesigl. Bon dem weiß keine Prinzessin etwas. Woher auch? Sie ist ja nicht verpflichtet, die größten treibenden Kräfte in Deutschland zu kennen. Allerdings wäre es auch nicht unmöglich, daß von den Kohlenfritzen keiner den Namen Hohengart je gehört hätte. Gnädigste Gräfin, I;r Herr Vater hat vorhin gesagt: „Damen in allen Ehren, aber sie haben reinen Rechtssinn —"
Agathe war auf dem Stuhle befangen hin und hev gerückt, nun wiederholte sie:
— Es liegt meiner Schwester wirklich fern. Sie zu kränken. Das tut man doch in guter Gesellschaft nicht!
Als Herr Droesigl antwortete, war in seiner Stimme nicht mehr der natürliche Stolz, sondern ein wenig das Bedürfnis, sich in das rechte Licht zu rücken:
— I h habe derartige Anschauungen dort, wo ich verkehre, auch nie getroffen., und Lora Bitzvenor, dereinstiger Herzog von Hattenrow, würdigt mich seiner Freundschaft, und beim Fürsten Fraisheim-Fraibheim b.n ich jeden Herbst aus Wochen zur Guusjagd.
Die junge Grästn unterbrach ihn lächelnd:
— Das sollen Sie mir gar nicht sagen. Ich glaube es I neu aufs Wort. . .
Herr Droesigl biß die Lippen aufeinander und sprach von der I rgd, biei er hier seit acht Tagen täglich mitritt1 Agathe ließ sich erzählen, denn sie war die einzige der drei Schwestern, die nicht ritt. Sie hatte mit dem I lspektor zu tun, mit dem Rendanten, sie sorgte für die ..uche. Sie teilte das Geld ein, wenn sie solches von ihrem Baier bekam, denn oa der Bogen seit I i ren überspannt wurde, p,legte es nicht regelmäßig einzulaufen. Nachzu- se en, ob die Achter alle braun.en, überließ sie gern ihrer ältesten Schwester, auch wenn diese erst eine Sturme vorher angekommen war.
fFortsctzuug iolgt.)
Die ehemaUqe vnrglrche in Gießen.')
Zu Anfang des 17. Iah Hunderts gab es in Gi e tze n nur eine Klvcd, di aus der Vorrest,.matorifchen Zeit stammende Pan» kra tius kirche, die. aus dem Platze dec heutigen Stadtkirchv stand. Seit der Gründung.der Universität IdOZ genügte eine K rohe nicht mehr den re'f giösen Bedürfnissen. Tie Errichtung einer ztue iten Kirclze in dem Burggarten bei dem heutigen U tonn’: »m Garten, in dm Stadtviertel hinter den Häusern der S. imenstraße, wurde in Erwägung gezogen. Die Zünfte der Scadt erklärten sich bereit, einen namhaften Zuschuß zum Ban zu leisten. Aber andere Piäne störten den beabsichtigten Kircheir- n nbau. Zu gleicher Zeit legte nämlich der Kommandant und X int;namt von Gießen, Herr ton Schautenbach, dem Stadt- b.iuginm ein Pvoieü vor über den Bau einer Wasserleitung von Rödgen nach Gi.stm und die Errichtung eines Springbrunnens auf d m Marktplatz. Wasserleitung und Springbrunnen wurden „zu Wasser", «tatt deren wurde von den für den Kirchenbanl i: ° cnmu.'.'t.m Geldern im „Burggarten" nach den Plänen des italienischen Ballmeisters Tmtticr ein „Ballhaus" errichtet, n dm sich die Stildenten mit dem Federballspiel vergnügen: svl t it. Vergebens hatte Prv.fessvr Tr. W i n k e lmann auf der Kanz»l gegen die Errichtung des BalllMt,es protestiert, wenn er zn mgen pflegte: „M an gibt bei uns nie! a n und führt wenig aus. Wo bleibt unsere Kirche? Wo unser S p r inHbru n n e n? I ch glaube, wi e die gemeinen: Leute schon im Sprichwort sagen: Die Kirche ist t n 8 W ass er gefalle n." Trotzdem wurde das Ballhaus erriefst t Obgleich sich unter den daimiligen Studenten viele gut situierte Herren, Edel eute und reicher Leute Söhne befanden, tonnte sich der Bat.meister hier nicht halten, ebensowenig ein anderer, von Marburg herübergeitommener Ball- und Tanzmeister. Bald stand das Ballhaus wieder leer.
Die Zeit des 30jährigen Krieges brachte mehr Kriegs- Volk und Leute vom Lande in die Stadt, die sich in der Festung Gießen vor den Kriegswirren sicherer fühlten. Landgraf Georg II. von Hessen wohnte selbst von 1631 — 1646 in dem „festen" Gießen und nahm seine Wohnung in dem durch die 1626 erfolgte Verlegung der Universität nach Marburg frei gewordenen: Ko'llcgieugebäude. Hier wurde in der „Aula" am Sonntag vor dem Hofstaat und an den Wochentagen vor dem „Landvolke" gepredigt. Mit der Zeit genügten aber dieser Raum, wie auch die Paukratiuskirche nicht mehr, die zahlreick-en Kirchenbesucher zu: fassen. Deshalb bewilligte Landgraf Georg 1645 auf Ansuchen des Oberkommandanten Albrecht von Eberstein, und des Feld-
*) Die Pfarrchronik und die Register der Burggemeinde tonnten mit gütiger Erlaubnis des Herrn Kirchenrats D, Schlosser benutzt werden.


