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1910 — Ur. 199
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Die Hüblerbaude.
®tne Geschichte aus dem Riesengebirge von Jassy Torrund. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Tiru', was hast du getan!" schreit der Toni wütend und packt sie bei den Schultern und schüttelt sie kräftig.
„Was ich mußt'," spricht das Mädel trotzig. „Oder denkst etwa, daß ich hier vor dir her ins Elend rennen will? Mit der geschwärzten War' ins Dorf 'nunter, auf die Grenzwach' und zuletzt ins Gefängnis, he? — Und wer soll derweil die Mutten pflegen und für die Kinder sorgen, die sich doch nimmer allen« helfen können?"
Ter Toni greift nur das eine Wort heraus: „Js denn die Mutter krank, Mosel?"
„Nil freilich, und darum bin ja ich 'gangen," stammelt die Mosel mit den Tränen kämpfend.
„Zum erstenmal bist den Weg gegangen, Mosel? Sprich!" „Zum erstenmal!"
„Und zum letztenmal, Mädel, versprich mir's!" sagt der Toni ganz ernst und mild, als wäre er der alte Pfarrer brumm Stn Tannwalde und sprach zu einem armen Sünder im Beichtstuhl.
Der Ton greift der Mosel wunderbar ans Herz. Stolz und trotzig will sie tun, denn was gehts den Toni an? Was hat der so zu fragen? Und dann spricht sie doch leise und demütig: >,Zum letztenmal. Ich geh' gewiß nimmer wieder!"
Ter Toni möcht sie am liebsten gleich an sich reißen, wie sie da vor ihm steht, mit gesenktem Kopf und die Hände gefaltet. Aber er packt statt dessen nur sein Gewehr, dreht sich um unU sagt barsch: „Tann brauch' ich dich auch nit anzuzeigen. Geh' deiner Wege, Mädel; ich hab' nix gesch'n."
Ob dieser Passus in dem Toni seinem Eid stand, oder ab er sich's allein so zurechtgelegt hat, das weiß ich nicht, genug aber, er hats gesagt und stampft eilig denselben Weg zurück, den er gekommm. Aber die Mosel fliegt hinter ihm her, schlingt beide Arme um seinen Hals und stammelt ihm ins Ohr: „O du grundguter Mensch du, o du Lieber!" Dann dreht sie sich um und läuft, so schnell sie laufen kann, der Hüblerwiese zu. !Und der Toni hinter ihr drein und sängt sie auf und sagt hastig: >,Mosel, hörst? dem Botenlohn, den zahl' ich dir, verstanden? daß du nit zu dein'm Schaden kommst, Mädel. Wieviel ist's denn?"
Der Mosel tnt's aber schon leid, daß sie sich so vergessen hat; halb trotzig, halb verschämt erwidert sie: „Von dir? Ei, das wär' ja noch schöner! Ich brauch' dein Geld nit, Scherbenez-- Toni. Lieber geh' ich betteln!"
Mit dem Paschengehen wars nun natürlich aus. Hüben der Händler und drüben der Kaufmann, die durch die verlorene Ware tzu großem Schaden gekommen waren, hätten der Hüblern ja keinen Gang mehr anvertraut. Sie könnte auch selber nicht mehr; jene Nacht war ihr auf die Glieder gefallen; es ging nicht mehr Mit beut Laufen und mit der schwerbepackten Hocke. Damit also wars aus, und mit den anderen schweren Arbeiten auch. Aber was nun?
... Zu allem Kummer kam noch ein neuer. Das Seppele, der jüngste Hüblerbnb, der immer der Spaßmacher war und all« tznml Lachen brachte, weil er gar so ein possierlicher kleiner Kerl war, kam aus der Schule heim und brachte die hitzige Krankheit Mrtgeschleppt. Neun Tage und neun Nächte lag er mit seinem keuchenden .Husten Wlb feen brennendroten Bäckchen in seinem
Winkel am Ofen Und schrie und stöhnte und kannte keine SeeA mehr — und dann wars auf einmal alle. Ganz still war et geworden, und das schmale Gesichtet so weiß wie Wachs — uns sie trugen ihn hinaus und zum letztenmal den engen WaldpfaA hinunter nach Tannwalde. Und was der strenge Winter etwa noch übriggclassen in der Hüblerbaude, das fraß nun das Begräbnis und die Doktorrechnung vollends auf.
Die Hüblern war wie von Sinnen. Sie konnte sich zu keines Arbeit aufraffen, alles mußte die Mosel allein schaffen; dis Mutter saß nur immer auf der Ofenbank, wo das Seppele gelegen und murmelte vor sich hin: „Der Herrgott straft unfert Sünden! — O mei lieb's Jungerle du!"
An der Schwelle der Hüblerbaude stand die Not und grinst^ mit bleichem Antlitz herein.
„Was nun?" fragte endlich die Mutter, die mageren Händs um die Knie gefaltet, und schaute die Tochter ratlos und trostlos an«
Aber es war, als hätte die junge Mosel die Kurasch, die des Mutter verloren gegangen, irgendwo aufgelesen, daß nun sie di« starke war.
„Ich geh jetzt in die Dorotheenhütte, Mutter," sprach si« kurz cittschlossm. „Andere Mädel gehn halt doch auch und lernen das Vergolden und Bemalen, und was die könnm, kann ich schon laug."
Die Mutter widersprach nicht inehr, und die Mosel ging NUN Tag für Tag auf Arbeit in die Dorotheenhütte, und es dauertei nicht lange, so hatte sie mit ihren flinken Fingern und dem ge- scheiden Köpft den anderen alles abgelernt und machte ihre Sache besser als sie alle zusammen. Der Schleifmeister gab ihr auch Gläser und kunstvolle Vasen mit heim, und Mosel lehtte die Geschwister, die seinen Goldsttiche zu ziehen und die winzigen Glassplitter und Glimmerstückchen zu kleinen bunten Bildern zusammen- zusetzen. Wie freuten sie sich bann, wenn auf den schlanken Kelchgläsern zuletzt das Bild einer bekannten Baude stand oder bie Koppenkapelle oder gar der Zackenfall, das schwerste von allem!
War der Verdienst auch gering, so blieb der Hüblern immec noch der andere Trost: ihre Mosel war gut versorgt. Die Lamm- toirtin hatte zwar ein schief Gesickst gemacht, als die Grenzgänge der Hüblern aufhören mußten. Gern hätte sie nun auch das Heiratsversprechen für ihren Sohn zurückgezogen. Aber der Ignaz war der Mosel nun einmal gut auf seine Art, und die HüUeuH hatte die Lammwirtin scharf am Bändel; die mußte ihr zu Willen fein, sonst tarne gar manches an den Tag, was der stolzen Lammwirtin nicht eben lieb sein dürfte.
Nur leider, daß die Mosel ihren harten Kopf hatte, lunij daß ihr ein ganz anderer im Sinn steckte als der Richter-Ignaz — der Toni. Seit jener Nacht wars wie verhext, immerzu muffte sie an den Toni denken, ob sie wollte oder nicht. Und doch, als er bald nadjbem einmal vorsprach auf der Hüblerbaude dm- schweigend und ernsthaft drei harte Taler vor die Rosel hingelegl hakte als Botenlohn und Schmerzensgeld, hätte sie ihn baül zum Tempel hinausgeworfen in ihrem wmtderlichen Trotz.,
„Dein Spürhundgeld brauchen wir nit; behalt's allein!" sagte sie hart, uird dabei bliebs. Und der Toni, der's so gid gemeint, mußte mitsamt seinen drei Talern wieder abziehern und alles, was er der Mosel sonst, noch hatte sagen wollen, bl«- ungesprochen. '
Tie Mosel aber schlich sich dann heimlich in den Stall yg ihrer Freundin, der braunen Schecke, und kraute sie und feufrtl dabei, wer weiß wie sehr. Die brave Schecke brummte vor Behagen und glotzte das Mädcheit mit ihren guten, dummen AngeA


