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„'n kleines Bier Md dl großen Korn," vtilaugte er, dieser Strapaze •— —, ahh, Derr Kollege," er sah eben feinen Nebenbuhler und försterlichen Konkurrenten sitzen, „na, was tut sich beim sonst?"
„Ohh," machte der, „'n Steinadler ist heut Mitternacht über Mein Revier gestrichen."
. „Tausend," log Werner in seinem Jäger-Griechisch darauf kos, „genau um diese Zeit flatterten die Kraniche des Jbykus über Hansdorf in der Richtung Nord-Nord-Stid. Dieser Jbykus Mutz über ein großartiges Jagdrevier verfügen, — noch 'n Korn imb 'n Glas Bier!"
„Verfügt er auch," trumpfte Starke los, „einige Tausend Quadrat-Kilogramm groß. Er hat da eine Jbykus-Kranichzucht angelegt, — noch ’n Korn und ’n Glas Bier!"
Man trank, man trank noch einmal. Der „Freischütz" schob einen gefüllten Tabakbeutel auf den Tisch und nun ging das Pfeisenstopsen los. Das Kraut wurde angebrannt und bald zog ein bläulich, scharf riechender Duft durch die Gaststube.
Werner-Hansdors paffte und hüllte sich in Schweigen.
Starke-Waldblick saugte scharf an seinem Pfeifchen. Er sagte über auch nichts.
So vergingen zehn Minuten. Dann konnte es Werner mit dem Schweigen nicht aushalten. „Ja, die Kraniche . . . verflixte Geschichte. Ja, was ich sagen wollte . . . Wissen Sie denn schon die Sache mit meinen Rebhühnern? Nee? Na, dann mutz ich Ihnen die Chose erzählen. Was?" er schnauzte ganz furchtbar aus seinen Kollegen ein. „Was, das wollen Sie mir nicht glauben? Ich versichere . . . Noch 'n Korn und 'n Glas Bier." „Hörn Se mal," wendete Starke ein, „wenn Sie nicht bald Mit Ihrer Geschichte 'ranskommen, erzähle ich Ihnen eine ganz andere, — ich lüge nämlich selber . . ."
„Deitz ich, weiß ich, Kollege," beruhigte ihn der Hansdorfer. „Aber deshalb brauchen Sie das doch von mir nicht auch zu glauben. Also die Hühner . . . Sehen Sie, war ich gestern auf der Hühnermirsch: keine Feder rührte sich. Sogar mein Pluto verzog seine Schnauze zu einem hämischen Lächeln. Das ärgerte Mich, ich warf den Schießprügel ans den Rücken und trottete nach Hanse. Wissen Sie, was da passierte?"
Der Waldblicker wollte zuerst gar nicht antworten, er wußte ja, daß eine schauerliche Lüge herauskommen würde. Aber um den unbequemen Konkurrenten los zu werden, um ihn nicht auf die Idee zu bringen, datz ein ganz lügenloser Rehbock auf ihren! Revieren wechselte, meinte er schließlich:
„9? et?!"
„Na, sehen Sie," lachte der Förster von Hansdorf. „Das Mußte ich ja. So was hats auch aus dieser Welt noch nicht gegeben. Also kaum hatte ich den Rücken gewendet, da fiel ein Volk Rebhühner dicht hinter mir ein: so dicht, ja ich sage, Kollege, so dicht, daß mir zehn Stück davon in die Hosen rutschten. Ausgerechnet zwischen Jagdjoppe und Beinkleider. Ich fühlte sie gleich, diese Bestien. Aber wie nun 'rauskriegen? Nichts einfacher wie dies! Ich schüttelte das rechte Bein derart heftig, daß sich in dieser Gegend das gesamte Volk ansammelte. Ruck . . . ruck . . . Huhn Nummer eins flatterte bei einem Schrotschuß niedergestreckt. Dann . . . ruck. . . ruck, das zweite und Mieder Mantz — es war zur Strecke gebracht. Und ko ging es fort bis zum neunten: ruck . . ., plautz. Fehlte noch das zehnte. Ich schüttelte das Bein wie toll, aber daS Huhn kommt nicht 'rauS. Wissen Sie, was das süße Tier in dieser Zeit bei mir da oben «ngefangen hat? Nee? Na, natürlich, das wissen Sie »ich: gebrütet hats!"
Mit diesenr Schlager stand Förster Werner auf, sagte noch ^,Gnten Abend" und trat den Heimweg gn. Im Hausflur traf fcr noch den Wirt Wehnnann, den,,Freischützen".
„Al! Heil, Herr Förster," meinte dieser, „den Bock werden Sie sicher abknipsen."
„Natürlich," stimmte der Förster von Hansdorf zu. „Mles K abgegangen und abgehorcht. Wechselt bei der Ziertanne Forellen-Grund."
Herzliches „Wohl zu ruhen",-Wünschen, dann war der „Freischütz" tiefen Gast für den Abend los. Saß noch der Waldblicker Forstmann Starke drin. Nun, der {eiferte auch noch eine Hand voll Dummheiten zusammen, aber nach einer halben Stunde begann auch er zu verduften. Draußen stieß er noch auf den Wirt.
„Weidmanns-Heil," begrüßte ihn derselbe, „dem Rehbvck wer- ben Sie nicht schlecht daS Lebenslicht ausblasen."
„Natürlich," bestätigte das der Förster vom Waldblick, „den Burschen kenn ich ja schon. Er wechselt da bei der Ziertanne.
„Danke! Gehorsame Ruh! Allerergebenster Diener," >— her „Freischütz" erschöpfte sich in Hoflichkeitsbezengungen.
*
Am nächsten Morgen rappelte sich der Hansdorfer Förster duf noch el)e der Tag graute. Dasselbe tat aber auch der vom Waldblicken. Beide hatten ihre Familien mobil gemacht, damit sich groß nebst klein den Ausmarsch des Oberhauptes ansehen rönne. Und so rückten die Konkurrenten in die Reviere: der Bock Mar unbedingt füllig, die Stunden seines Lebens waren gezählt.
Förster Werner bemerkte, als er tie Tvrfstraße entlang schritt, Itod) einen schwachen Lichtschimmer am Büfett des „Freischütz".
Förster Starke sah, als er denselben Weg nahm, durch baS Fenster etwas Funkelndes, wie das Blitzen eines Gewehrlaufes.
Beide lachten über den alten Esel, der morgens noch in feinem Lokale herum schuftete, um dasselbe sauber zu halten. Dann aber schritten beide wacker aus, der Ziertamie zustrebend. Tas Ausschreiten geschah aber auch mit der größten Vorsicht, den» kein Mensch durste den Standpunkt des Schützen er. Da
hockte beim der Hansdorfer rechts am Waldrand. Von Untx. «am der Waldblicker herangekraxelt.
So lauerten beide, ohne daß der eine von den Nähe bei anderen eine Ahnung hatte, auf den Rehbock. . . eine Stunde, noch ’ne halbe, noch zehn Minuten. — — Schon wollten sie ihr Jagdzeug wieder zusammenpacken, — da plötzlich: Knacken int Unterholz, scharfes Knistern im dürren Laub und aus die Mache zeigen sich tie Konturen eines Rehbockes. Ehe noch die Förster ihre Flmten hochreißen können, ein scharfer Knall von der Zwerg- tanne her, der Bock bricht im Feuer zusammen, ein Mann stürzt ans dem Gebüsch, ein anderer kommt aus dem Hintergründe und im Handumdrehen war der Bock von der Bildfläche verschwunden.
*
Im „Freischütz" trafen sich eine halbe Stunde später die Förster Werner und Starke.
„Hihihi," lachte der erstere, „voch da bei dem stürmschest Wetter?"
„Nuja, nuja," meinte der andere. „So stürmsch is aber gar nicht. Rehpürsche gewesen?"
„Nee, nee," log Werner, „zu stürmsch. Sie etwa?"
„Nee, nee," behauptete Starke, „mir zu wenig stürmsch." --Und während die Grünröcke sich anschickten, sich gegen» fettig zu beschwatzen, verkaufte hinten in der Küche der „Freischütz" einen frisch geschossenen feisten Rehbock an einen Wildbret- Händler ans der nächsten Stadt.
Die Chronik von Raabes Leben.
Eiii kurzer Abriß des äußerlich so füllen, innerlich aber sd reichen Lebens Wilhelm Raabes liegt uns in einem autobiographischen Beitrag des Dichters zu einem niedersächsischen Kalender, timt von Hans Müller-Brauel herausgegebenen „Heidjer" (Jahr- gang 1907) vor. Diese das Wesen des großen Humoristen so traulich spiegelnde Chronik des Raabe-LebenS lautet wie folgt:
Mein lieber Herr Müller-Brauel I
Jhneir zum 10. August für den „Heidjer" eine „eingehendÄ Selbstbiographie" zu liefern, ist doch wohl etwas viel verlangt; lassen wir es also für Ihren trefflichen Lüneburger Heidekalendev wieder beim großen und kleinen Meyer und beim Kürschner bewenden!
Ich bin am 8. September 1831 zu Eschershausen im Herzogtum Braunschweig geboren worden. Mein Vater war der damalige „Aktuar" am dortigen Amtsgericht, Gustav Karl Maximilian Raabe, und meine Mutter Auguste Johanne Friederike Jeep, die Tochter des weiland Stadtkämmerers Jeep zu Holzminden. Meine Muller ist es gewesen, die mir das Lesen aus dem „Robinson Crusoe" unseres alten Landsmanns aus Deensen, Joachim Heinrich Campe, beigebracht hat. Was ich nachher aus Volks- und Bürgerschulen, Gyntnasien und auf der Universität an Wissenschaften zuerworben habe, heftet sich alles an den lieben feinen Finger, der mir ums Jahr 1836 herum den Punkt über timt i wies.
Im Jahre 1845 starb mein Vater als Justizatntmann zu Stadtoldendorf und zog feine Witwe mit ihren drei Stubern nach Wolfeubüttel, wo ich das Gymnasium bis 1849 besuchte. Wie mich danach unseres Herrgotts Kanzlei, die brave Stadt Magdeburg, davor bewahrte, ein mittelmäßiger Jurist, Schulmeister, Arzt ober gar Pastor zu werden, halte ich für eine Fügung, für welche ich nicht dankbar genug fein kamt.
Ostern 1854 ging ich nach einem Jahr ernstlicher Vorbereitung nach Berlin, um mir auch „auf Universitäten" noch etwas mehr Ordnung in der Welt Dinge und Angelegenheiten, so weit sie so ein junger Mensch übersehen kann, zu bringen. Im November desselben Jahres begann ich dort in der Spreegasse die „Chronik der Sperlingsgasse" zu schreiben und vollendete sie im folgenbettl Frühling. Ende September 1856 erblickte das Buch durch bert Truck das Tageslicht uttb hilft mir heute noch neben dem „Hnnger- Siftar" im Erdenhaushalt am meisten mit zum Leben. Denn nur r die Schristeit meiner ersten Schaffensperiode, die bis zum letzterwähnten Buche reicht, habe ich Leser gefunden, für den Rest nur Liebhaber, aber mit denen, wie ich meine, freilich das allervornehmste Publikum, was das deutsche Volk gegenwärtig aufzu- to eifern hat.
Anno 1862 sah auch ich ein, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein bliebe, heiratete Fräulein Berta Emilie Wilhelmine Leiste und zog mit ihr nach Stuttgart, wo uns zwei Mädchen geboren wurden und ich „Tie Leute aus dem Walde", „Den Hungerpastor", „Abu Telfan" und „Der Schüdderump" schrieb. Mit Freude, aber auch mit Wehmut gedenken zwei Greise heute noch an jene junge, gute sonnige Zeit unter den Reben und den Freunden und Freundinnen des Neckartals! Achtzehithundert- siebenzig ging sie zu Ende, nicht durch den Krieg, sondern nach beim Wort im Buch Hiob: Vorüber geht es, ehe man es gewahr wird, und es verwandelt sich, ehe man es merkt.
Seit dem 21. Juli 1870 wohne ich nun in Braunschweig, wo mir noch zwei Töchter geboren würden, bereu jüngste, ein liebes


