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er wollte beit Kommerzienrat erst ein paar Tage beobachten. Htub schlug deshalb vor, ihn in sein Sanatorium am Neroberg aufzunehmen.
Ms Fritz nach Schrattstein zurückkehrte, erwartete ihn schon der erste Kellermeister in großer Erregung. Eine verbrecherische Hand mußte dem Likörzusatz für die Dosage in aller Heimlichkeit eine abscheulich schmeckende Ingredienz zugefügt haben. Das war um so merkwürdiger, als das Lilörfäßchen und die dazu gehörige Maschinerie stets unter sicherem Verschluß gehalten wurden und der Doseur ein absolut zuverlässiger Mann war. Der befremdende Geruch des Likörs hatte glücklicherweise frühzeitig die Entdeckung herbeigeführt.
Es war naturgemäß, daß Fritz dabei sofort die anscheinend humoristisch sein sollende Bemerkung seines Vaters einfiel, man solle einigen tausend Flaschen Schaumwein einen Zusatz von Schwefelsäure geben und sie darin Unter Miquelonschem Etikett in die Welt schicken. Der Witz war ihm schal und albern erschienen; nun aber, unter der eigentümlichen Verschiebung der Geschehnisse, wirkte er wie die Grimasse eines Verrückten.
Fritz ordnete eine chemische Untersuchung des Likörs an; Fäßchen und Maschinerie bedurften einer gründlichen Säuberung, sofern sie überhaupt noch benützbar waren; auch an die Herstellung eines neuen Zusatzes für die in Füllung befindliche Marke mußte gedacht werden. Eine geschäftliche Stockung trat ein.
Wer sie war im Augenblick für Fritz das wenigste. Er sah mrt Erschrecken das Bild seines Vaters vor sich: das eines wahnsinnigen Mannes, an dem er schon seit Monaten allerlei Wunderlichkeiten hatte beobachten können, ohne sich darüber klar zu sein, daß ihre Ursache in einem Mählichen Erlöschen der geistigen Funktionen zu suchen sei.
Gegen Kesselholz war Doktor Heierle offener gewesen; es war kaum daran zu zweifeln, daß der Kommerzienrat an Progressiver Paralyse litt. Alles wies darauf hin: die Veränderung im Wesen des armen Mannes, in Sprache und Schrift, die Vernachlässigung seiner geschäftlichen Pflichten, seine Vergeßlichkeit und seine unrichtigen Anordnungen, die wieder aus irrigen Kombinationen hervorgingen, die Abnahme seiner psychischen Leistungsfähigkeit, schließlich der plötzliche Tobsuchtsanfall mit seinen Folgen. Kesselholz hielt es für seine Pflicht, Fritz die traurige Wahrheit nicht vorzuenthaiten: der Kommerzienrat mußte entmündigt, vor allen Dingen aber mußte untersucht werden, ob er in seinem Irrwahn nicht bereits Dinge vorgenommen und Anordnungen getroffen hatte, die das Geschäft fchädigen konnten.
Fritz war froh, daß er Kesselholz schon vor längerer Zeit den Auftrag gegeben hatte, die Orders seines Vaters in geschäftlicher Beziehung nachzuprüfen. So war immerhin dem gefährlichsten Wirrwarr vorgebeugt worden. Erst nach und nach stellte sich heraus, daß er auch auf dem Wege privater Korrespondenz unbegreifliche Befehle erteilt hatte. So hatte er vor etwa vier Wochen dem Agenten der Firma in Belgrad den Auftrag gegeben, tausend Flaschen Friedel halb-süß im Königlichen Konak abzuliefern: als Dank für das Kommandeurkreuz des Takowo-Ordens. das er aber nie erhalten hatte. Viel Böseres ergaben die Nachforschungen bei den Banken. Der Kommerzienrat hatte nicht nur seinen Vrivatkredit auf das höchste angespannt, sondern, soweit sich oas ermöglichen ließ, für seinen eigenen Geldbedarf auch das Geschäft herangezogen und war dabei, um nicht entdeckt zu werden, mit rafjinterter Schlauheit zu Werke gegangen. Bei den Papieren der Firma, die die Handzeichnungen beider Chefs zu tragen hatten, hatte er die Unterschrift Fritzens einfach gefälscht. Den Bemühungen von Kesselholz gelang es, im Lause weniger Tage eine Aufstellung zu erzielen, aus der hervorging, daß der Kommerzienrat binnen drei Monaten eine Summe von gegen zweimalhunderttausend Mark aufgenommeu hatte.
Wo war das Geld geblieben? — Kesselholz brauchte nur den gleichen Spuren zu folgen, die er schon öfters gewandelt war, wenn er das Budget der Frau Margot in Ordnung zu bringen hatte. Bei den Juwelieren und in den Modemagazinen war der Kommerzienrat ein guter Kunde geworden. Hinter dieser Kundschaft stand natürlich die Gräfin Orezelska. Die Gräfin Orczelska hatte Wiesbaden plötzlich verlassen; sie war angeblich nach dem Engadin gereift. Man hätte ihr die Geschenke des freigebigen Liebhabers auch nicket fortnehmen können. Es ließ sich aber Puch nicht begreifen, daß der Kommerzienrat innerhalb
eines Vierteljahrs die Rieseusumtne von zweimalhundert- tausend Mark an sie verschwendet haben sollte. Indessen,- was läßt sich begreifen bei einem armseligen Menschen, dessen Denkvermögen nicht mehr normal zu arbeiten vermag!? —
Dieser letzte unerwartete Schicksalsschlag hatte Fritz, gewaltig niedergeschmettert. Er begann sich wehrlos zu fühlen einer trostlosen Härte gegenüber, die ihn mit Zweifeln an dem Ganzen seiner Arbeit erfüllte. Ein tief zu Boden drückendes Empfinden von Kleinheit und Schwäche überkam ihn, und als er in seinem Zimmer allein war, begann er im Uebermaße nervöser Spannung wie ein Kind zu weinen.
Es klopfte mit starker Hand an der Stubentür. Der Opa trat ein. Er wußte durch Kesselholz alles; aber er kam nicht, seinen Enkel zu trösten, sondern in ihm das Verlangen nach Rettung aus der Gefahr zu wecken: das Mensche- liche stürmisch werden zu lassen.
„Du hast den Vater verloren, ich den Sohn," sagte er. „Nein, du hast mehr verloren: die Eltern — alle beide. Und ich — ich stehe an der Wende. Dann bist du allein. Aber auch das Alleinsein gibt Stärke, Fritz: das Bewußtsein^ ohne Rücksicht den Kampf aufnehmen zu können, bis zum! Siege ober zum Unterliegen. Ich sehe deine Augen gerötet, und ich verstehe, du hast deinem Vater eine Träne nachgeweint. Nun laß es gut sein: keine Träne mehr und keine matte Gesinnung. Jetzt erst ist die Zeit für dich da, aus dem Halbsüßen herauszukommen. So lange ich noch atmen kann, mein Junge, will ich dein Mitarbeiter sein. Komm — gehen wir zu Kesselholz! Rittland ist auch da; ich habe ihm telephoniert. Komm — an die Arbeit!" —
„Travaillons sans raisonner,“ rät Voltaire im „Candid e", „— c’est le seul moyen de rendre la vie suppor- table.“ In diesem Falle traf es zu. Die Arbeit sollte der! Jnnenflucht der Gedanken einen Damm des Widerstands entgegenstellen. Hier galt es keinen kühnen Problemen und keinem geistigen Jn-die-Tiefe-steigen; es galt praktischen Werten, mit denen man zu rechnen hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Rehbock.
Von Ern st Konrad.
Es Unterlag gar keinem Zweifel: zwischen der Gemarkung Hansdorf und dem Revier Waldblick wechselte ein starker Rehbock. Tas hatte zuerst der Förster Werner, der in Hansdorf nistete, feftgestellt. Wenige Tage spater halt der Förster Starke auf Waldblick dieselbe Feststellung gemacht. Die Fährten waren in ihren, in dem feuchten Boden eingedruckten Konturen so deutlich, daß selbst ein Nicht-Weidmann bei deren Anblick gewettet haben würde, daß da ein Reh und keine Ziege spazieren gegangen sei.
Der Rehbock war also vorhanden und es handelte sich nur darum, wer ihn abschießen würde. Da hatten denn die beidest försterlichen Grünröcke eine gewaltige Angst voreinander. Der Hansdorfer betrachtete seine Rehbock-Fährten als sein ureigenstes Geheimnis und der Waldblicker hätte sich aufspießen lassen, wenni jemand behauptet hätte, es habe noch ein Förster im Erdenrund Kenntnis von diesem Hansdorf-Waldblicker Rehbock.
Und das allerschlimmste: 'Die beiden Jäger waren auf den! Besuch einer Kneipe angewiesen. Die lag auf Hansdorfer Revier, denn im Waldblick hätte ein Gastwirt sein Bier allein timtet müssen. Also blieb nur „Ter Freischütz" in Hansdorf, dessen Besitzer ein früherer Mühlenbesitzer war. Man nrunkelte, daß Andreas Wehrmann mit dem Schießprügel besser umzu gehen wisse wie mit Mühlsteinen, aber das schienen faule Redensarten zu sein, denn niemand hatte den „Freischützen" je mit einer Jagdflinte in der Hand angetroffen.
Ter Freischütz — nur unter diesem Namen war Wehrmamt in der ganzen Umgebung bekannt, — faii hinter dem Schanktisch, nulpte an seiner Pfeife und liebäugelte mit einem Gläschen „grüner Pomeranze", das er sich eben eingeschenkt hatte.
Da stolperte der Hansdorfer Förster Werner in die Gaststube. Öroßes Bier und ’n kleinen Korn," bestellte er. „Maß was iges genießen nach der Strapaze... ."
'Der Freischütz lieferte das Bestellte ab. „Strapazen gehabt?" fragte er. „Was Absonderliches im Revier?"
„Unsinn," brummelte der Förster, „bei uns laufen keine Elefanten 'rnm. Aber ’n Rehbock ist da, den knalle ich nächster Tage ab. Daß Sie mir davon meinem Freunde aus dem Wald- blick nichts erzählen."
„%$, nee," beteuerte der Freischütz, ,cher kommt so selten
In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und Förster Statte erschien auf der Schwelle.


