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Friedel halb-süß.
Kontern von Fedor von Zobelti tz.
lFortsetzung.) (Nachdruck derboten.)
Bei Beendigung der Verhatrdlung sah Frrtz zu fernem Erstaunen, daß sein Vater aus der Zeugenbank emgeschlafen wär. Der Kommerzienrat saß wie in sich zusammengesunren da, hatte den Kopf tief auf die Brust geneigt und atmete schwer. Als Fritz mit der Hand an seine Schulter rührte, fuhr er jäh auf, schaute mit wirrem Blicke umher und fragte: „Verdonnert? Ist die Bande verdonnert?"
„Die Verhandlung ist verschoben, Papa," entgegnete Fritz; „laß uns gehen."
„Warum denn verschoben?" rief der Kommerzienrat zornig. „Wenn der Landgvcichtsrat, der alte Kaffer
„Um Gottes willen, Vater," fiel Fritz erschreckt ein, r„fei vorsichtig mit deinen Aeußerungeu!"
Karl August nickte nnd lächelte verschmitzt. „Hast recht,' wisperte er. „Weißt du, was wir machen? Wir setzen bei tausend Flaschen Excelsior Schwefelsäure zu und verschicken sie unter dem Etikett Miquelon."
Fritz sah den Vater an. Die alberne Bemerkung entsprach nicht dem Wesen des Kommerzienrats. Auch sonst war Fritz befremdet. Was war dem Vater? Es toten, als habe sein Gesicht sich schief gezogen und als fei btc rechte Wange krampfhaft aufgeblasen.
„Fehlt dir etwas, Papa?" . , f
''Wem — mir? Gottbewahre! Komm — wer fahren zu titeinet Staut!"
Eine ungewisse Angst legte sich quälend auf Fritzens Herz Er wollte noch mit seinem Anwalt verhandeln, aber erst mußte er den Vater daheim haben „^ch bm morgen jin der Sprechstunde bei Ihnen, 'hebet Freund Rittland. Dann rief er Kesselholz. „Sie müssen mit uns fahren, Kesselholz," flüsterte er ihm hastig zu; „mein Vater kommt mir so sonderbar vor. ..."
Mau nahm eine Droschke zum Bahnhofe. Kesselholz setzte sich auf ben Rücksitz. Der Kommerzienrat war schwerfällig eingestiegen. „Halten Sie am Nassauer Hof. rief Cr d,Mcht"dmch Papa," sagte Fritz begütigend. „Mch dem Bahnhof, Kutscher! — Wit kommen noch mit dem Vi.er.iiyi-
$ 9 „Pappcrlappapp — erst geht's zu meiner Braut. Sie beißt Äodoiska, Fritzeken, aber ich nenne sie immer Low Sie wird dir gefallen. So ein wunder chones Rothaar hast du überhaupt noch nicht gesehen. Natürliches, nicht etwa gefärbt. Ich gebe Mr mein Ehrenwort: keine Spur von Falschheit. Nach dem Nassauer Hof, Kutscher! -
Fritz war kalkweiß geworden. „Um Gottes willen, ^at.r — von wem sprichst du denn?!" rief et.
„Von meiner Braut. Der Gräfin Orezelska. Von Wenk ^"^,/Das ist ein magrer Scherz, Papa. Ist denn dis Dirne noch immer in Wiesbaden?" .
Der Kommerzierlrat ruckte ein Hein wenig auf seinem Sitze. Und plötzlich griffen seine Hände an die Gurgel seines Sohnes. „Verfluchter Kerl!" schrie er. „Dirne sagst du!? Nimm das zurück, du HundN ,
Kesselholz war ihm bereits in die Arme gefallen. Die Droschke hielt. Im Nu bildete sich em Menschens» auflauf. Die Friedels waren bekannte Leute tn Wiesbaden. Vater und Sohn hatten sich in einer offenen Droschke gevrügelt! Jetzt prügelte sich der Prokurist des
011 D^er^Kommerzieitrat wehrte sich wie ein ^^weifelter. Heulende Laute kamen von seinen Lippen. Aus den Mund- winkeln tropfte der Speichel.
Einen Arzt!" rief Fritz in die Menge. Da entdeckte er Nidderkopp. „Lieber Herr Nidderkopp, lfolen Sie bitte den nächsten Arzt! Meiu-Vater hat einen Tobsuchts- ""^Nmi staubte die Menge auseinander. Schutzleute eilten herbei. Vier Männer packten den Rasenden, dem die Wut ungeheure Kräfte verlieh. Man zog ihn aus der Droschke und da brach er plötzlich zusammen, als habe ein Schlag ihn ^"Nidderkopp stürmte schon mit einem Arzte herbei. Wohl ■ ein Dutzend Bekannte hatten sich eingefunden: der Agent ; Ringer, der Weinhändler Kothe nnd der lange Rickert waren darunter. Die Menge wuchs auf der Straße. . Hinter ben Spiegelscheiben des Cafes tauchten neugierige Gesichter auf; Verkäufer und Verkäuferinnen traten wor die Ladentüren. Die Schutzleute beeilten sich, den Auflauf g t zerstreuen.
Mau trug den Kommerzienrat in die Wohnung des Sanitätsrats Heierle, der sofort die nötigen Gegeuiuaß- rcgeln vornahm, den Kranken von allen beengeitben Kleidungsstücken befreien und auf ein Sofa betten ließ und ihm dann eine Eisblase auf ben Kopf legte. Merkwurdiger- weise schien er jetzt ruhig zu schlummern, em Stadium, bas dem Arzte indessen gar nicht gefiel, bas er rm Gegenteil für einen „komatiösen Zustand" hielt, wie er nach schwer en Gehirnerschütterungen oder Gehirnblutungen zuw: cleu em- lutreten pflegt. Fritz mußte seine Beobachtungen an bent Llm geuau schildeim. Er suchte seine Erinnacunaen zi^ sammeu und kam dabei von selbst zu dem Resultat, daß die geistige Persönlichkeit des Vaters sich m den letzten Moiia.en aufAend zum Schlimmen verändert hatte. Der Sanitats- rai saß dem Sprechenden gegenüber, horte aufmerksam zu und nickte ziiweilen; alle diese Symptome, die auf einen langsamen Verfall des psychischen Lebens hinnüesen, waren ihm bekannt und gaben em so typisches Krankheitsbild, daß er schon jetzt ziemlich klar zu sehen vermemta Trotzdem zögerte er noch, Fritz feine Vermutungen auszuspiechen,


