687
so blieb wir an jenem- Abende nichts anderes übrig, als schweigend, vielleicht feuchten Auges, noch einen Blick an' das Denkmal zu werfen und sachte hinwegzugehen.
Nm aber doch deutsche Art irgendwie zu betätigen, ging ich in das Restaurant Felsche und trank Bier. Ta sagte mir ein lustiger Zechgenosse: „Die Helden von den Jahren Siebzig And Einundsiebzig haben soviel getan, daß unserer nationalen Tatenlust kaum etwas anderes mehr übrig bleibt als Bier zu trinke,n!"
. Nach drei oder vier Stunden, es mögen auch fünf ge- wesen feüt — wir hatten übrigens nicht sowohl viel ge-, trunken, als geschwärmt —, schwamm ich an den Tür-« Pfosten vorüber glücklich wieder ins Freie, in die kühle, stille gewordene Vollmondnacht hinans. 1
Es war mein nationales Empfinden 'leidenschaftlich geworden und ein wenig frans. Ich suchte wieder den alten Platz mit dem Denkmal, konnte ihn aber nicht finden. Die Könige von Preußen und Sachsen dort, Bismarck und beson- oers Moltke waren durchaus nicht immer so stille gewesen als sie jetzt find, nachdem sie selbst das Erz geworden, mit dem sie einst so vernehmlich geknallt hatten. Und so fand ich wohl die Pleißenburg, den Westplatz, den Johanuapark, aber nicht den alten Marktplatz mit dem Denkmal: Die elektrische Bahn, die ganz Leipzig nach allen Richtungen durchstreift, lag mit ihren im Monde glänzenden Schienen in starrem Schlummer da. Die Häusermassen standen so still und öde, wie die der verwunschenen Stadt im Märchen. Eines verspäteten Fußgängers Schritte widerhallten laut in den Straßen, bis sie in der Ferne verklangen. Nachdem ich lange traumhaft so dahingetrottet war, weitete sich um Mich ein freier Raum, er war mit Baumgruppen bestanden, deren Schatten wie schwarze Tücher dalagen auf dem mond- lichen Silberreife des Rasens. Plötzlich stand ich vor einer Hoch gegen den Himmel ragenden Masse. Es war kein Baum, kein Gebäude. Da oben auf Felsenriff stand ein ungeheurer Mensch.
Es war das Bismarckdenkmal. Am ehernen Riesen- manne spielte das Mondlicht. Sieben der Gestalt des Germanenherzogs saß, sich auf die Vorderfüße stemmend, der Reichshund. Der einzige Hund, dem die Deutschen ein Denkmal gesetzt. — Als ich länger vor dem seltsamen Monn-, Mente gestanden, traten allmählich alle Einzelheiten desselben hervor; aus dem Felskoloß, der dem ehernen Fürsten als Sockel dient, hob sich eine zweite Menschengestalt ab. Ein massiger Mann mit dem Schurzfell, das, obschon es ebenfalls aus Erz war, gleichsam in den Lüften flatterte. Mit leidenschaftlicher Gebärde springt dieser Mann den Felsen an und streckt, wie hilfesuchend, seine Arme empor nach Bismarck. Was hält er in der geschwungenen Hand? Einen Eichenzweig- Einen Baumast? Wie trotzig das ver-, witterte Angesicht, das schreiende Auge — es' schreit, ja, dieses fast wild dem Helden zugewendete Auge! Die bärtigen Lippen scheinen im Innern Sturme,zu zucken. — Wer ist dieser Mensch, der, aus demselben Erze wie Bismarck gebildet, zu ihm wie aus gefahrdrohendem Abgrunde em- porstrebt? — Es ist der Mann aus dem Voltes es ist das Volk selbst. — Ich blicke mir die Gestalt näher an. Die Erscheinung ist berückend. Diese Gesichtszüge! Die-kommen mir bekannt vor. In meiner Jugend lebte im österreichischen Alpendorfe Fischbach ein Rohschmied-, ein wahrer Recke von Gestalt und Tüchtigkeit. Die Hufeisen zerbrach er mit der Hand. Sein leidenschaftliches Herz war wie ein glühens der Eisenklumpen, aus dem die Schlacken flogen, wenn das Schicksal hämmerte. In Büchern belesen, wurde er zum Laudboteu gewählt. Des wilden Wortes mächtig war er. Und als im sechsundsechziger Jahre der Krieg ausbrach, war es der sturmwetternde Schmied, der sich dagegen aufbäumte. Aber er mußte fort mit deu übrigen — und bei Königgrätz ist er gefallen.
Und nun, am Fuße Bismarcks, stand er da, der Torfschmied, dem 'Grabe entstiegen, so stand ,er auf dem Sprunge nach oben. Ich sah, wie seine gespannten Beine anhuben zu zucken. Seine aufgeregten Hände begannen zu zittern — plötzlich bewegte sich das Haupt und von den Lippen sprang wüst und grell der Schrei: „Bismarck!"
Ich trat ein paar Schritte zurück«und dachte: Nun geht was vor!
Durch die Gestalt des Schmiedes schien ein großes Schauern gefahren zu fein, alle Gebärden wurden lebendig Und aus dem Munde scholl es neuerdings — wie ein Ka-i
nouenschlund klang die Kehle: „Bismarck! Du hast uns getrennt!"
Bismarck, auf den Stock gestützt, den Schlapphut in der Hand, bewahrte seine eherne Rühe. Hingegen begann zu seinen Füßen der Reichshund lebendig zu werden. Zuerst Huben die Ohrenspitzen an zu zucken, dann hob sich der große eckige Kopf, dann fletfchte er die Zähne und knurrte; gegen den Schmied herab. Er knurrte fort und fort, und sein Knurren ward zur menschlichen Stimme, und der Reichs-! Hund sprach : „Schmied aus dem Osten! Grrr . . ., gestatte, daß ich dir eine kleine Geschichte erzähle aus meiner eigenen Familie. Unser waren viele Mitglieder, große und kleine, gutmütige und bissige, und die Verträglichkeit im Hunde-- kvbel ließ sehr zu wünschen übrig — grrr . . . Unserem! Herrn wollte das nicht gefallen und er beschloß, die Uit«( einigen ganz auseinander zu tun in zwei Kobeln. Und! schau, als das geschehen war, bekamen die Nachbarn Heinm weh zueinander, sie begannen sich zu besuchen, einander einzuladen und zu versichern, daß sie treue Verwandte» wären. Und seither haben sie sich lieb . . ." Die Sprache« des Hundes ging wieder in Knurren über, das wurde schwächer und verstummte.
Zur selben Stunde rüttelte mich jemand! am Rockärmel. Ich wachte auf und war nicht wenig verwundert, mich an deu Stufen des Bismarckdenkmals zu finden. Ich möchte zu meiner Ehrenrettung doch versichern, daß der merk-! würdige Rausch weniger dem Bier entsprang, als der Freude über die Einigung der Deutschen. Ich kehrte heim in mein Oesterreich, um nach geringen Kräften mitzuhelfen, daß die letzten Worte des Neichshundes wahr bleiben.
vogelleben im Herbst und Winter.')
Wenn wir int Hochsommer ober im Herbst zur Abendstunde durch die Straßen einer Stadt gehen, so hören wir gelegentlich aus einem Baume ein hundertstimmiges Vogelgezwitscher. Es sind die jungen, noch nicht geschlechtsreifen Sperlinge, die sich hier zur gemeinsamen Ruhe niedergelassen haben, lind wandern wir draußen im Felde zur selben Zett an einem Schilfbestandei vorüber, so hören wir auch hier ein hundertstimmiges Locken, Zwitschern und Schreien. Wersen wir einen Stein hinein, so fliegt ein dichter Schwarm junger Stare heraus.
Während die Vögel zur Brutzeit im allgemeinen nur paarweise zusammen gehen und eifersüchtig aus ihren Nistreviereinl jeden Eindringling vertreiben, zeigen sie außerhalb der Brutzeit fast durchweg einen großen Hang zur Geselligkeit. Wenn die jungen Vögel, von den Alten abgewiesen, selbständig werden und allein ihre Nahrung zu suchen beginnen, da lockern sich die Familienbande, aber es tritt eine andere Art der Gemeinschaft ein. Die Jungen der verschiedenen Familien einer Art finden sich in großen Gesellschaften zusammen, wie wir das eben von den Sperlingen und Staren sahen.
Freilich ist das nicht bei allen Arten der Fall. Viele gibt es, bei denen sich die Familie ganz zerstreut, bei denen es auch nicht zwei zusaminen leidet, die sich völlig vereinzeln. Suchen wir eine feste Regel zu finden, welche Vögel zusammenbleiben und welche nicht, fo ergibt sich folgende, die freilich nicht olmel Ausnahme ist: Körner- und Früchtefresser — auch Allesfresser! — halten zusammen, Insektenfresser gehen einzeln. Das hat seinen bestimmten Grund. Körner und Früchte gibt es int Sommer und Herbste die Hülle und Fülle, und nie wird ent Mitglied eines auch noch so großen Schwarmes Mangel leiben.. Ist ein Platz, ein Gebüsch, ein Stoppelfeld usw. leergefresfeN, o erhebt sich bie Schar, und nach kurzem Fluge finbet sie an einem anderen Orte wieder vollbesetzten Tisch. Anders ist es dort, wo Insekten, Würmer und anderes kleine Getier die Nahrung bildet. Wohl ist auch hier vielleicht die Gesamtmengei der Nahrung nicht wesentlich geringer für die insektenfressenden! Vögel, aber sie ist mehr verteilt, es finden sich an einzelnem Stellen nicht so große Mengen zusammen wie bei Körnern und Früchten. Beim Durchschlüpfen des Gebüsches nimmt der Vogel hier ein Räupchen, dort eine Fliege auf, immer nach und nach, und wollten mehrere Vögel znsammenfliegen, fo würden sie sich nur stören.
Die Körner- und Früchtefresser brauchten ja natürlich auch nicht scharemveise zusamiuenzuhaiten, sie würden auch einzeln ihre Nahrung finden, aber sie genießen in der Gesellschaft deu- j'elben Vorteil, den wir oben bei den Bnitkolonien manchen Vögel kennen lernten: eine nahende Gefahr, einen Raubvogel, eine anschleichende Katze, die von einem nicht wahrgenommen wird, sieht der andere, ein Warnton, und die ganze Gesellschaft! weiß Bescheid.
Noch einen anderen Modus der Gesellschastsbildung finden
*) Ans dem soeben erschienenen Buche des bekannten Vogel- sorschers Dr. Carl Zimmer, „Anleitung zur Beobachtung der Vogelwelt" (Wissenschaft und Bildung Bd. 86). Verlag von Quelle st. Meyer in Leipzig.


