Ausgabe 
21.9.1910
 
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Friedel halb-süß.

Roman von Fedorvon Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

1.

Gerade in dem Augenblick, da der Intendant mit dem Stab seiner Würde dreimal auf den Boden klopfte, um idem Publikum das Nahen des kaiserlichen Paares zu ver­künden, trat Kommerzienrat Friedel in seine Loge. Das Klappen der eilfertig zugeworfenen Türe wurde von dem großen Geräusch des sich erhebenden Publikums übertönt. Das gesamte Parkett wandte sich um und der Hofloge gu; auf den Seitenbalkonen reckte man die Hälse, oben beugte man sich neugierig über die Brüstungen der Ga­lerien herab.

Entschuldige, liebes Kind," flüsterte der Kominer- zienrat seiner Gattin zu,ich hatte mich im Klub verspätet. Uebrigens schönsten Gruß vom Grafen Eldringen er ist seit vorgestern wieder hier und hofft, dir in der Pause die. Hand küssen zu dürfen. . ."

Frau Margot Friedel machte eine unmutige Bewegung mit den entblößten Schultern. Sie ärgerte sich über die Taktlosigkeit ihres Gatten. Immer verspätete er sich; wenn er im Klub saß, vergaß er die Stunde. Auch den Gruß des Grafen Eldringen empfand sie wie eine versteckte Bos­heit. Der Mann war ihr längst gleichgültig geworden. Aber der Kommerzienrat liebte es, ihr gelegentlich einen kleinen Stich zu versetzen, zumal wenn es sich darum handelte, einer Strafpredigt ihrerseits zuvorzukommen.

Karl August Friedel nickte freundlich zu seinem Sohne hinüber, dessen silberverschnürte Attila im Hintergründe der Loge lichte Farbentupfen bildete, und wandte sich dann gleichfalls mit Aufmerksamkeit dem eintretenden Kaiser­paare zu.

In diesem Jahre hatte auch die Kaiserin ihren Gemahl zu den Festspielen nach Wiesbaden begleitet. Während sie sich niederließ, grüßte der Kaiser nach allen Seiten; die Köpfe im Theater neigten sich tief von der Höhe der Galerie aus, aus der Erich von Feßler noch einen Platz gefunden hatte, sah das fast komisch aus. Dann verklangen die Fanfaren; ein Klopfzeichen des Kapellmeisters, unb die Ouvertüre zu denLustigen Weibern" hnb an.

Sie interessierte Feßler nicht sonderlich; so lange es noch hell im Zuschauerraum war, machte ihm die Be- ?obachtung des glänzenden Bildes mehr Spaß, zu dem die reizenden Weisen Nicolais allerdings eine treffliche musi­kalische Illustration gaben.

In der großen Hoftoge saß voran das kaiserliche Paar: die Kaiserin' in perlgrauem Damast, dessen Dessin Feßler durch seinen Stecher eifrig studierte, weil es ihn an eine Zeichnung erinnerte, die er vor zwei Jahren für das Haus Bröbant Bardoux et Fils entworfen, hatte, Neben seiner

Gemahlin der Kaiser im blauen Koller der Gardeküras- fiere, den er bei den Wiesbadener Festspielen gewöhnlich, zu tragen pflegte.

Aber schon glitt sein Ange weiter, nach den Logen rechts und links.

Kommerzienrat Friedel beugte sich ein wenig vor, Nick seiner Frau zuzuflüstern:Margot, sieh da ist ja auch die alte Steinkirch! Donnerwetter als käme sie direkt vom Wiener Kongreß!" r.

In diesem Augenblick hatte auch Feßler das Bild der alten Dame in das Rund seines Glases gebannt. Fabel­haft interessant!

Feßler fand in dem alten zerknitterten Gesicht dek Fürstin noch immer Spuren ehemaligen Reizes. _ Schön war sie ja nie gewesen, aber ungemein pikant mußte dies stumpfnasige Sonbrettenoval mit b»n großen, kecken Augen dereinst wohl in die Welt geschaut haben. Eine ganze Lebensgeschichte stand in den welkgewordenen Zügen; inan konnte sie da ablesen wie von einem vergilbten Pergament: die Wildfangjugend an der Seite des Vaters, des berühm­ten Grafen Lajos, des tollsten Reiters innerhalb der schwarza- gelben Grenzpfähle die Jahre in Paris als Liebling der schönen Kaiserin, tvo sie ihre Zeit zwischen Tnilerieck und Montmartre teilte und man sie auch gelegentlich in Märmertracht in den Closeries des Lilas gesehen haben wollte und endlich das Alter unter dem Aerger des Kon­kurses, der schon einmal vor hundert Jahren gedroht hatte, als der Name des berühmten Diplomaten in aller Münde lebte. Damals war die alte Benediktinerabtei, die als Schloß Jgelsberg späterhin 'das gesuchteste Rheinweinetikett bildete, dem Fürsten Ottokar als kaiserliches Lehn ver­macht worden und war nun die Zufluchtsstätte der greifen Clementine Steinkirch.

In der Loge, dem Platz der Fürstin gegenüber, saßen die Friedels, in deren Dienst Erich von Feßler stand. Es war ein leichter Dienst aber, Teufel, immerhin eine Abhängigkeit! Welche der Musen läßt sich gern in das Joch spannen!? Als Feßler sein erstes Schaumwein- Plakat für K. A. Friedel gezeichnet hatte, war er in arger Klemme gewesen. Damals hatte die Reklamewut die SchaunNveinfabrikänten des Rheingaus ergriffen. Die Kleinkunst bekam Arbeit. Kupka Söhne hatten eine neue reservierte Füllung" eingeführt und ließen dafür von einem Münchener Karikaturisten ein ganz famoses illu­striertes Inserat entwerfen; aus lallen Zeitungen grinste dem Leser der sekttrinkende Teufel entgegen, der seiner Groß­mutter triumphierend die Flasche zeigte, auf deren Etikett Kupka Söhne Reservierte Füllung" deutlich zu lesen stand. Miller und Kompagnie folgten. Dann kam Spannuth mit seinemSchwarz-Etikett" und kletterte durch die Jnseraten- spalten von hundert Zeitungen. Wahrhaftig kletterte! Denn in allen seinen Reklamen kehrte die hängende Wein- ranke wieder, die von Gnomen oder Bacchantinnen, von Klowns. oder nackten Putten, von kurzgeschürzten Mädeln